Kategorie: Briefe aus Berlin

„Brief aus Berlin“ (33): Adelbert von Chamisso, 30.1.1781 – 21.8.1838

Von Georg Bartsch

Chamissos Eltern stammten aus Frankreichs konservativem Adel, mussten wegen der Revolution das Schloss in der Champagne verlassen und nach Deutschland fliehen. So kam der 15 jährige Adelbert – er hatte bald einen deutschen Vornamen angenommen – als Page an den Hof der Königin Friederike Luise, der Gattin Friedrich-Wilhelms II., ins Schloss Monbijou. Hier begann Chamisso, Gedichte zu schreiben. Vom Schloss Monbijou ist heute nichts mehr zu sehen, doch am Rande des Parks steht eine Büste Chamissos.

Büste im Monbijoupark
Foto: Georg Bartsch

Fontane sollte ebenfalls mit 15 Jahren mit dem Dichten beginnen. In einem Brief an Theodor Storm schreibt er: „In meinem fünfzehnten Jahre schrieb ich mein erstes Gedicht, angeregt durch Chamissos ‘Salas y Gomez’. Natürlich waren es auch Terzinen.“ Zu den bekanntesten Gedichten Chamissos zählt Die alte Waschfrau.

Im Roman Irrungen, Wirrungen heißt es im 4. Kapitel in einem Gespräch zwischen Botho und Frau Dörr:

„‘Jeder Stand hat seine Ehre. Waschfrau auch. Wissen Sie denn, Mutterchen, daß es hier in Berlin einen berühmten Dichter gegeben hat, der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat?’ ‘Is es möglich?’ ‘Freilich ist es möglich. Es ist sogar gewiß. Und wissen Sie, was er zum Schluß gesagt hat? Da hat er gesagt, er möchte so leben und sterben wie die alte Waschfrau. Ja, das hat er gesagt.’ ‘Is es möglich?’ simperte die Alte noch einmal vor sich hin.“

In einem Brief an Emilie schreibt Fontane: „Geliebte. In dem Gedicht ‘Szekler Landtag’, einem ziemlich berühmten Gedicht von Chamisso, ist der Refrain: ‘Es regnet, es regnet immer noch’. Darin hat er, große Situationen nach Dichter- und Prophetenart ein für allemal kennzeichnend, auch die meine getroffen. Es regnet, es regnet immer noch.“

In den Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Oderland erzählt Fontane am Ende des Kapitels über Kunersdorf:

„Das Jahr 1813 brachte noch einen andern Gast nach Schloß Cunersdorf, und mit seinem Besuche schließen wir wie mit einem Idyll. Dieser Gast war Chamisso. Chamisso, bekanntlich infolge der Französischen Revolution aus Frankreich emigriert, hatte als preußischer Offizier die unglückliche Campagne von 1806 und speziell die Kapitulation von Hameln mit durchgemacht. Seitdem lebte er ausschließlich den Wissenschaften, besonders dem Studium der Botanik. Im Frühjahr 1813 waren seine Mittel erschöpft, und Professor Lichtenstein, dem Itzenplitzschen Hause befreundet, empfahl den jungen Botaniker nach Cunersdorf hin, wo er, nach bald erfolgtem Eintreffen, die Anlegung einer großen Pflanzensammlung unternahm, eines Herbariums, das einerseits die Flora des Oderbruchs, andererseits alle Garten- und Treibhauspflanzen des Schlosses selbst enthalten sollte. […] Die Mußestunden gehörten aber der Dichtkunst, und im Cunersdorfer Bibliothekzimmer war es, wo unser Chamisso, am offenen Fenster und den Blick auf den schönen Park gerichtet, den ‘Peter Schlemihl’, seine bedeutendste und originellste Arbeit, niederschrieb.“

Fontane beschreibt, wie Chamisso vergeblich auf Post seines Freundes Hitzig wartet: „Dieses zur Erinnerung, daß Du einen Freund in Cunersdorf hast, dem Du eben nicht sehr oft schreibst. Es ist eine ganz fatale Empfindung, wenn alle Tage der Postbote einläuft und die Austeilung der Briefe im Salon geschieht und für einen Jeden etwas da ist und für den Herrn von Chamisso – nischt niche!“

Herrlich, wie Fontane Chamisso mit seinen französischen Wurzeln berlinern lässt.

Medaillon im Botanischen
Garten; Foto: G. Bartsch

Das Schloss Kunersdorf ist im Krieg zerstört worden. Heute finden wir im Schlosspark einen Gedenkstein für Chamisso und die Entstehung des Schlemihl. Chamisso nahm von 1815 bis 1818 auf dem Schiff „Rurik“ an einer Weltumseglung unter der Leitung von Otto von Kotzebue, Sohn des Dichters August von Kotzebue, teil. Danach wurde Chamisso in Berlin sesshaft, heiratete mit 36 Jahren und bekam 7 Kinder. (Korrekt müsste es heißen 8 Kinder – siehe weiter unten.) Er erhielt eine Stelle als Kustos im Botanischen Garten, der sich damals noch dort befand, wo sich heute der Kleistpark befindet. Den Weg dorthin legte er täglich von seinem Haus am südlichen Ende der Friedrichstraße zurück; er bewohnte hier ein Gartenhaus. Damals war „Gartenhaus“ noch wörtlich zu nehmen – heute ist es ein Euphemismus für ein Hinterhaus. Etwa da, wo das Gartenhaus stand, ist heute – wie passend – ein Kindergarten.

Zur Friedrichstraße hin erinnerte bald ein Bild Chamissos an diesen. Im Krieg wurde das Haus zerstört, das Medaillon aus den Trümmern gerettet.

Friedrichstraße 235
Foto: G. Bartsch

Es hängt heute im Botanischen Garten in Dahlem im Eingangsbereich des Museums. In der Friedrichstraße 235 erinnert eine Gedenktafel an Chamisso mit den Worten: „Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken, Jakobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger … Nirgends gehöre ich hin, überall bin ich der Fremde.“ Von Hans-Jürgen Schmelzer erfahren wir: „Paul Heyse vermittelt dem Dichter [Fontane] schließlich die Bekanntschaft mit dem Verleger, der in den nächsten Jahrzehnten zum wichtigsten Herausgeber seines Werkes überhaupt wird: Wilhelm Hertz. – ‘Stachlig und giftig’kommt ihm der kleine Kerl auf Anhieb vor, der trotz seines jüdischen Namens gar kein Jude ist. Niemand weiß, daß es sich um den natürlichen Sohn des Dichters Adelbert von Chamisso handelt. Erst drei knappe Menschenalter später wird eine Nachkommin diese Abstammung amtlich nachweisen, um sich vor rassischer Verfolgung einer barbarischen Diktatur zu schützen.“ Chamisso hatte im ersten Jahr seiner Ehe ein Verhältnis mit Marianne Hertz.

Neben Spuren Chamissos in der Stadt finden wir sein Grab auf den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor. Chamisso zeigt uns, wie geflüchtete Menschen zur Bereicherung von Stadt und Land beitragen. Die Robert Bosch Stiftung ehrt mit einem nach Chamisso benannten Preis deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache.

„Brief aus Berlin“ (32): Die (Staats-) Oper unter den Linden

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Von Georg Bartsch

Die älteste der Berliner Opern ist zugleich die jüngste. Nach sieben Jahren der Sanierung und einem ursprünglich für 2013 geplanten Wiedereinzug, wird die Lindenoper in diesem Herbst neu eröffnet.

Ursprünglich entworfen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff gehört sie neben anderen Gebäuden wie der Hedwigskirche (St.-Hedwigs-Kathedrale), dem Prinz Heinrich Palais (der heutigen Humboldt-Universität) und der Bibliothek (von den Berlinern liebevoll „Kommode“ genannt und heute die juristische Fakultät der Universität) zum Forum Fridericianum, einem Gebäudeensemble rund um den Opernplatz (den heutigen Bebelplatz). Friedrich II., genannt der Große, hatte in Distanz

zum Schloss – wir erinnern an das angespannte Verhältnis zu seinem Vater, König Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig – hier sein eigenes Zentrum errichten lassen.


Die Staatsoper Unter den Linden, Foto: G. Bartsch

König Friedrich II. ließ das erste nicht als Teil einer Schlossanlage geplante, sondern freistehende und damals größte Operngebäude in Europa, errichten. Er hatte seinen eigenen Eingang zur Königsloge über den vorgelagerten Apollosaal und konnte so vom Kronprinzenpalais her, seinem Berliner Wohnsitz, eintreten. (Die Schlussszene der Verfilmung von Effi Briest durch Hermine Huntgeburth im Jahre 2009 wurde hier gedreht.) Im August 1843 brannte das Haus bis auf die Grundmauern nieder. König Friedrich Wilhelm IV. ließ es nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans, dem Sohn von Carl Gotthard Langhans, nach dessen Entwurf das Brandenburger Tor entstand, wieder aufbauen.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Richard Strauss Hofkapellmeister des Hauses. Nach Zerstörung durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg 1941 wurde von höchster Stelle der Wiederaufbau befohlen. Im Dezember 1942 fand die Neueröffnung mit Die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler statt. Nach erneut schweren Zerstörungen im Februar 1945 wurde das Haus nach Entwürfen von Richard Paulick wieder aufgebaut und 1955 erneut mit Wagners Die Meistersinger von Nürnberg eröffnet. Wie viel alte königliche Oper noch in dem Bau steckt, ist nach diesen häufigen Zerstörungen fraglich. Dennoch weht ein Hauch der großen Namen von Künstlern und Gästen über diesem Ort. Hier lernte Rahel Varnhagen den Grafen Karl von Finckenstein kennen. Hier hatte der Tenor Albert Niemann ab 1866 als Kammersänger besonders in Wagner-Aufführungen große Erfolge. Hier besuchte Emilie Fontane mit Tochter Martha im Dezember 1882 eine Aufführung von Wagners Tristan und Isolde. Und am 8. April 1884 schreibt Fontane in einem Brief an Martha: „George, der Dich herzlich grüßt, ist seit vorgestern bei uns; gestern wohnte er der ersten Aufführung der Walküre im K. Opernhaus bei und kam entzückt nach Hause. Er kennt die Oper in jedem Ton und Takt auswendig und hat denn auch im Detail eine Menge Fehler und Auslassungen entdeckt.“

Fontane selbst ist wohl nie in der Oper gewesen, mit Ausnahme seines Besuches im Festspielhaus in Bayreuth im Juli 1889. An Karl Zöllner schreibt er über seinen Besuch im Festspielhaus:

„Sonntag Parsifal, Anfang 4 Uhr. Zwischen 3 und 4 natürlich Wolkenbruch; für zwei Mark, trotzdem ich ganz nahe wohnte, hinausgefahren. Mit aufgekrempten Hosen hinein, alles naß, klamm, kalt; Geruch von aufgehängter Wäsche. 1500 Menschen drin, jeder Platz besetzt. Mir wird so sonderbar. Alle Thüren geschlossen. In diesem Augenblicke wird es stockduster, nur noch durch die Gardine fällt ein schwacher Lichtschimmer, genau wie in Macbeth, wenn König Duncan ermordet wird. Und dann geht ein Tubablasen los, als wären es die Posaunen des letzten Gerichts. Mir wird immer sonderbarer und als die Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich, ‘noch 3 Minuten und Du fällst ohnmächtig oder todt vom Sitz!’Also wieder ’raus. Ich war der Letzte gewesen, der sich an 40 Personen vorbei bis auf seinen Platz, natürlich neben der ‘ Strippe’, durchgedrängt hatte und das war jetzt kaum 10 Minuten. Und nun wieder ebenso zurück. Ich war halb ohnmächtig, aber ich that so, als ob ich’ s ganz wäre, denn die Sache genirte mich aufs äußerste. Gott sei Dank, wurde mir auf mein Pochen die Thüre geöffnet und als ich draußen war, erfüllte mich Preis und Dank.“

So schreibt der Fontane, der 20 Jahre im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt im meist vollen Theatersaal saß. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln und muss Emilie widersprechen, die meint:

„Was Du über Bayreuth schreibst, ist mir sehr interessant, ich meine aber Du gehörst mehr hin wie Engländer u. Amerikaner, denn es kommt doch auf das Verständnis an, u. das, selbst das Musikalische, stell ich bei Dir höher.“


Festspielhaus Bayreuth, Foto: G. Bartsch

Fontane hat sich intensiv mit den Texten von Wagners Der Ring des Nibelungen auseinandergesetzt, die jedoch nur im Klang der Musik verständlich sind. Das Zusammenwirken von Tanz, Oper und Schauspiel beachtet Fontane nicht, wenn er die Opern Wagners auf den Text reduziert. Dabei waren nicht nur Wagner, sondern auch Fontane, die Die Serapionsbrüder von E. T. A. Hoffmann bekannt, wo es heißt: „Ist denn nicht vollkommene Einheit des Textes aus der Musik nur denkbar wenn Dichter und Komponist eine und dieselbe Person ist?“

Fontanes musikalisches Verständnis jedoch war wenig ausgeprägt. Wie anders ist zu erklären, dass er nach der Ouvertüre das Festspielhaus verlässt, noch bevor die eigentliche Handlung beginnt und überhaupt ein Wort gesungen ist. Dies und eine persönliche Verachtung des Künstlers Wagner hören wir mit, wenn wir lesen:

„… überall zappeln die niedrigsten Triebe, die commissesten Gemeinheiten, wie sie nur ‘Götter’ leisten können, um mich herum, allerniedrigste Triebe, die dadurch so widerwärtig wirken, dass man Richard Wagner immer persönlich mitzappeln sieht. Der Sanspareil in dieser Genossenschaft ist immer er, und so wird das objektiv schon Häßliche durch das subjektiv Mitengagirtsein des Dichters noch viel viel häßlicher. Und nun das große Ziel, das Welten-Räthsel und das erlösende Wort, worauf läuft es hinaus? auf Richard Lucae’s so gern citirtes Wort: ‘Vater, koof mir ’nen Appel.’ Ja, leider noch nicht mal auf diesen Satz, der wenigstens an schöner Klarheit nichts zu wünschen übrig läßt. Bei Wagner liegt es aber so, daß man nicht recht weiß, ob er nicht statt des ‘Appels’ doch eigentlich einen sauren Hering meint. Es ist, aller glänzenden Recapitulationen unerachtet, doch in einer totalen Confusion stecken geblieben, deshalb stecken geblieben, weil er sich eine Aufgabe stellte, die entweder überhaupt nicht zu lösen war, oder für die wenigstens seine Kräfte, so respektabel sie an und für sich waren, nicht ausreichen.“

Fontane hat sich in seinem Werk immer wieder mit dem Phänomen Wagner auseinandergesetzt, dem Wagner, der schon zu Lebzeiten internationale Erfolge feierte und selbst von Kaiser Wilhelm I. und der britischen Königin Victoria empfangen wurde, internationale Anerkennung also, obwohl Wagner nach Fontanes Meinung mit seiner Aufgabe gescheitert sei, eine Anerkennung von höchster Seite, die sich Fontane gewünscht, aber so nicht erhalten hat, wie wir dem Gedicht nach seinem 75. Geburtstag entnehmen:

„Hundert Briefe sind angekommen,
Ich war vor Freude wie benommen,
Nur etwas verwundert über die Namen
Und über die Plätze, woher sie kamen.“

Wir aber freuen uns darauf, FRIDERICUS REX APOLLINI ET MUSIS ohne Bauzaun zu sehen, und die Wiedereröffnung der Oper, so denn der Zeitplan eingehalten wird, was ja in Berlin immer mit einem Fragezeichen verbunden ist. Und freuen uns darauf, dass langsam absehbar wird, wie der Prachtboulevard Unter den Linden ein Stück mehr in neuem Glanz erstrahlt und in wenigen Jahren das Humboldt-Forum und die U-Bahn Linie fertig gestellt sein werden.

„Brief aus Berlin“ (31): Der Theodor-Wolff-Park

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Von Georg Bartsch

Wir spazieren heute mit Theodor Fontane an das südliche Ende der Friedrichstraße. Dort hat der Krieg eine Häuserlücke hinterlassen, die als Park angelegt ist, den Theodor-Wolff-Park. Wolff, der an den Folgen seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen starb und auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt wurde, war zu Fontanes Zeiten Mitarbeiter des „Berliner Tageblatts“, in dem er eine Rezension zu Stine schrieb.

„Man kann es nicht genug wiederholen, man muss es immer wieder und wieder predigen, dass der echte und rechte Dichter von Natur nicht ein Realist, sondern ein Romantiker ist. Der Realist ist der Beobachter, der Schilderer, meinetwegen der Chronist seiner Zeit, aber der Romantiker ist der Poet. Und so lebt in Fontane ein romantisches Begehren.“

Fontane bedankte sich für die „überaus freundliche Besprechung: Was Sie schreiben, ist alles nur zu richtig“ und griff den Vergleich von Lene (Irrungen, Wirrungen) und Stine auf: „Lene ist berlinischer, gesünder, sympathischer und schließlich auch die besser gezeichnete Figur. Auf die Frage Lene oder Stine hin angesehen, kann Stine nicht bestehen, darüber habe ich mir selbst keine Illusionen gemacht, das Beiwerk aber – mir die Hauptsache – hat in Stine vielleicht noch mehr Kolorit. Mir sind die Pittelkow und der alte Graf die Hauptpersonen, und ihre Porträtierung war mir wichtiger als die Geschichte“.

Nun, wie hat Fontane diesen Teil der Friedrichstraße erlebt? Hier stand das Haus, in dem sein Freund Franz Kugler wohnte.

„Dies Haus, das, wenn ich nicht irre, dem alten Kammergerichtsrat Hitzig, dem Freunde von E. T. A. Hoffmann gehört hatte, lag am Südende der Friedrichstraße, nahe dem Belle-Alliance-Platz [heute Mehringplatz], und umschloß, klein wie es war, nur drei Familien. Im Erdgeschosse wohnten zwei Fräulein Piaste, wahrscheinlich Muhmen aus alten Tagen her, im ersten Stock General Baeyer, im zweiten – Mansarde – Franz Kugler, der sich 1833 oder 1834 mit der jüngsten Hitzig’schen Tochter, einer vielumworbenen und besungenen Schönheit, verheiratet hatte. Mehr als eins der Geibel’schen Lieder ist an sie gerichtet. Ihrer Schönheit entsprach ihre Liebenswürdigkeit und ihrer Liebenswürdigkeit der feine Sinn und Geschmack, mit dem sie Räume von äußerster Einfachheit in etwas durchaus Eigenartiges umzugestalten gewußt hatte. Da, wo die weit vorspringenden Mansardenfenster ohnehin schon kleine lauschige Winkel schufen, waren Efeuwände aufgestellt, die, sich rechtwinklig bis mitten in die Stube schiebend, das große Zimmer in drei, vier Teile gliederten, was einen ungemein anheimelnden Eindruck machte. Man konnte sich, wäh rend man im Zusammenhang mit dem Ganzen blieb, immer zurückziehen und jedem was ins Ohr flüstern. An gesellschaftlichen Hochverrat dachte dabei keiner.

So sah es in dem ’Kugler’schen Salon’ aus, an den ich, wenn ich wegen meiner eigenen mehr als einfachen Wohnräume gelegentlich bespöttelt werde, zurückzudenken häufig Gelegenheit habe. ‘Was wollt Ihr?’ frage ich dann wohl. ‘Ihr müßt mir diesen Zuschnitt schon lassen. Seht, da war mein väterlicher Freund Franz Kugler, der war ein Geheimrat und eine Kunstgröße und wohnte womöglich noch primitiver als ich. Und doch, ich habe da die schönsten Stunden verbracht, schöner als in manchem Schloß. Und nun gar erst als in mancher modernen Stuckbude. Laßt mich also ruhig. Es kommt wirklich auf was anderes an.’“

Franz Kugler hat die große Biographie zu Friedrich II. geschrieben mit den schönen Illustrationen von Adolph Menzel. Kugler, obwohl gerade einmal 12 Jahre älter, war ein väterlicher Freund Fontanes. „Warum wir ihn […] den ‘alten Kugler’ nannten, weiß ich nicht recht, denn stattlich, grad aufrecht, von blühender Gesichtsfarbe, war der Eindruck, den er machte, eher jugendlich“.

Jedes Jahr sprach Fontane einen Toast auf Kugler zu dessen Geburtstag: „Ich bin ein toastender Fridolin“ heißt es 1856 und zwei Jahre später:

Das rechte Wort, was kann es sein
An diesem Ehrentag, –
Ein zweites Funfzig (schenket ein!)
Ein Gott dir schenken mag.

Und scheinen funfzig dir zuviel,
so fünfundzwanzig doch,
Die aber sein dir Kinderspiel –
Der Kugler lebe hoch!

Es war Kuglers Todesjahr. Er starb mit nur 50 Jahren. Sein Grab, ein Ehrengrab des Landes Berlin, finden wir auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in der Großgörschenstraße.

„Brief aus Berlin“ (30)

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Von Georg Bartsch

Ende des 13. Jahrhunderts siedelten sich auf der Neuköllner Seite der Spree Dominikaner an und errichteten dort ein Kloster. Die Brüderstraße erinnert noch heute daran. Als Kurfürst Friedrich II. 1451 das neuerbaute Schloss auf der Spreeinsel bezog, wurde die Dominikanerkirche, die sich in unmittelbarer Nähe befand, mehr und mehr zur Hofkirche. Unter Kurfürst Joachim II. wurde das Dominikanerkonvent aufgelöst, die Kirche zur Domkirche erweitert und dem Apostel Paulus geweiht. Friedrich II. ließ die Kirche wegen Baufälligkeit abreißen und neben dem Lustgarten einen Dom bauen. Die Gruft der Kirche diente den Herrschern als Begräbnisstätte, wobei einige Särge bei der Umbettung von der ehemaligen Schlosskirche verloren gingen.

Architekten des Doms waren Johann Boumann der Ältere und Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Anfang des 19. Jahrhunderts gestaltete Karl Friedrich Schinkel diesen in dem für ihn so typischen Stil des modernen Klassizismus. Doch selbst dieser Bau hatte keinen Bestand. Keine hundert Jahre später wurde nach den Plänen von Julius Raschdorff der Dom im Stil der italienischen Hochrenaissance und des Barocks neu errichtet.

Zur freien Religionsausübung erhielten die Katholiken zunächst eine Kapelle in der Krausenstraße und dann unter Friedrich II. die Hedwigskirche hinter der Königlichen Oper. Oper und Hedwigskirche entstanden nach Entwürfen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Es dauerte nochmals mehr als hundert Jahre, bis sich erneut Dominikaner in Berlin ansiedeln konnten und zwar im von Arbeitern geprägten Bezirk Moabit. Hier wurde am 4. August 1869, dem Namenstag des heiligen Dominikus, eine Kapelle zu Ehren des Apostel Paulus eingeweiht. Dies stieß im protestantischen Berlin auf entschiedene Kritik und Unmut. Am 16. August wurde die Kirche bei Unruhen, dem „Moabiter Klostersturm“, beschädigt. Der Polizeipräsident legte den Dominikanern nahe, die Stadt zu verlassen. Doch diese ließen sich nicht einschüchtern.

Kurze Zeit später, im Deutsch-Französischen Krieg, wurden Verwundete von den Dominikanern betreut. Unter den Patres war der Prior Rouard, wie uns der Name verrät ein Franzose. Er musste deshalb in diesen Kriegszeiten Deutschland verlassen. Und hier lassen wir Theodor Fontane zu Wort kommen, der sich 1870 in französischer Kriegsgefangenschaft befand. Im Gefängnis in Guéret besucht ihn ein Geistlicher. Er kam vorwiegend, um mir mitzuteilen, dass er seit drei Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge: den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht von Konfessions wegen bereits Erlebtes von Nationalitäts wegen noch einmal zu erleben. Wie gerne hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten wiegt nicht das, was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf dem Weg nach Poitiers.

Seine Ausbildung hatte Rouard in Paris erhalten. Während seines Theologiestudiums wurde er als einer der Besten seines Jahrgangs durch seine Oberen auserwählt, regelmäßig in der Pfarrei Saint-Sulpice Katechismusunterricht zu erteilen. Im Januar 1856 legte er sein Ordensgelübde ab und nahm aus Verehrung für Papst Pius IX. die Ordensnamen „Pius Maria“ an. Rouard wurde im Juni 1869 zum Generalvikar der deutschen Dominikaner ernannt und besuchte die Niederlassung in Berlin, wo er im August den „Moabiter Klostersturm“ miterlebte. Wie bereits erwähnt, musste Rouard Berlin 1870 verlassen. Im August 1877 starb er in Belgien am Vorabend des Dominikusfestes an einem Herzschlag.

A
Pater R. Rouard

Zurück nach Berlin, wo die Dominikaner im Jahr 1889 das Gebäude Reinhardtstr. 14 (damals Karlstr.) erhielten und dort das St. Maria-Viktoria-Krankenhaus eröffneten, in dem zeitweise mehr als 60 Dominikaner die Kranken versorgten. In den 1930er Jahren musste der Orden das Gebäude aufgeben. Nach dem 2. Weltkrieg zog der Bauernverlag ein, seit 1994 ist es die Bundesgeschäftsstelle der FDP. 1891 erhielten die Dominikaner die Erlaubnis zum Bau einer Kirche, die sowohl dem Kloster als auch der Moabiter Gemeinde als Gotteshaus diente, geweiht dem heiligen Paulus. Der Architekt Engelbert Seibertz entwarf einen Bau in Anlehnung an Formen der märkischen Backsteingotik. Etwas später kam die Randbebauung des Klosters zur Oldenburger Straße dazu.

2Kirche St. Paulus

3Klosterhof

Heute leben 8 Patres im Kloster und sind seelsorgerisch in Berlin tätig. Abends um 18 Uhr gibt es eine Vesper in der Kirche. Betritt man diese, verlässt man den Lärm der Großstadt.

Bedanken möchte ich mich bei Pater Michael, der mich durch das Kloster führte und mir das Bild von Rouard zur Verfügung stellte.

„Brief aus Berlin“ (29): Begegnung mit August Kopisch

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Von Georg Bartsch

Die Friedrichstraße hat im Laufe der letzten 300 Jahre ihr Gesicht mehrfach grundlegend verändert. König Friedrich I. benannte sie nach sich, die parallel verlaufende Charlottenstraße nach seiner Frau Charlotte und die Wilhelmstraße nach seinem Sohn, dem späteren König Friedrich Wilhelm I. Wir bleiben heute am Haus Nr. 218 stehen. Eine Gedenktafel erzählt uns, dass hier das Apollo-Theater stand, in dem am 1. Mai 1899 Paul Linckes Operette Frau Luna uraufgeführt wurde. Jedes Jahr im Juni, zum Ende der Saison, lassen die Berliner Philharmoniker die Waldbühne vibrieren und es schallt durch die Nacht: „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“, ein Gassenhauer, mit dem sich der Berliner gerne selbst feiert. Nichts erinnert in der heutigen Geschäftsstrasse an die damalige Vergnügungsmeile mit Theatern, Varietés und ‚Damen mit zweifelhaftem Ruf‘. Im Roman fragt der alte Treibel: Wird die Panke zugeschüttet, oder, was so ziemlich dasselbe sagen will, wird die Friedrichstraße sittlich gereinigt? Und wenn wir schon unsere Fantasie anstrengen müssen, schweifen wir weiter zurück in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da stand an dieser Stelle das Wohnhaus von August Kopisch. Denken wir an ihn, denken wir zurück an eigene Kindheitstage: „Wie war zu Köln es doch vordem / Mit Heinzelmännchen so bequem!“

Fontane schreibt in Von Zwanzig bis Dreißig: Ich las … vor allem die Gedichte jener sieben oder acht jungen Herren, die damals […] eine Berliner Dichterschule bildeten. Unter ihnen waren Eduard Ferrand, Franz von Gaudy, Julius Minding und August Kopisch die weitaus besten Talente, die sich denn auch, trotz allem Wandel der Zeiten, bis diese Stunde behauptet haben. Kopisch bricht 25jährig zu einer dreijährigen Reise nach Italien auf. Im Sommer 1826 fährt er auf die Insel Capri. Dieter Richter schreibt in seinem Büchlein über Kopisch: „Er wohnt im Haus eines gewissen Giuseppe Pagano […] Die äußeren Verhältnisse sind bescheiden und daher nicht nur kostengünstig, sondern auch auf eine Weise ‚volkstümlich‘, dass das Herz eines romantisch inspirierten jungen Mannes höher schlagen musste: Die Hausfrau kocht, der Gast isst mit am Familientisch […] der Hausherr ist Kenner der Sagen und Legenden der Insel.“ Kopisch schreibt am 17. August 1826 in das Gästebuch der Familie: „Freunde wunderbarer Naturschönheiten mache ich auf eine von mir nach den Angaben unseres Wirtes Giuseppe Pagano mit ihm und Herrn Fries entdeckte Grotte aufmerksam, welche furchtsamer Aberglaube Jahrhunderte lang nicht zu besuchen wagte. […] Wir nannten diese Grotte die blaue (la grotta azzurra), weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet.“ In Zeiten der blauen Blume der Romantik, des Symbols für Sehnsucht und Liebe, gibt es nun die blaue Grotte, den Sehnsuchtsort für Reisende. Damit gilt Kopisch als Entdecker der Blauen Grotte und Begründer des modernen Tourismus. Denn von nun an und bis heute wird Capri zum beliebten Reiseziel, so auch für Theodor Fontane, der 1874 in sein Tagebuch schreibt: Freitag 6. November: Mit den beiden Hr. Hauk’s u. S. per Dampfboot nach der blauen Grotte. Ziemlich unruhige See, […] in ein Boot mit Theo u. dem jungen Hr. Hauk; 2 kleine Fischerjungen lootsen uns in die wunderbare Grotte; ein alter Mann schwimmt für 1 fr. u. erscheint im Wasser wie ein Riesen-Silberfrosch. Wieder aufs Dampfschiff hinauf nach Capri. Beschwerlicher steiler Weg bei brennender Sonnenhitze; oben in der Künstlerkneipe wunderbar schön!

In seinem letzten Roman, dem Stechlin, gehen Woldemar und Armgard auf Hochzeitsreise nach Capri, dem eigentlichen Ziel unserer Reise. Wir werden nicht bei Pagano [!] wohnen, wo, bei allem Respekt vor der Kunst, zuviel Künstler sind. Kopischs Beschreibung seiner Wirtsfamilie auf Capri erinnert uns daran, wie auch Fontane in seinen Reisebeschreibungen immer wieder seine Wirtinnen beschreibt, so Miss Jane in Ein Sommer in London oder Mrs. Mackay in Jenseit des Tweed. Nach eigenen Angaben hat Fontane für sein Kapitel über die Pfaueninsel im Band „Havelland“ der Wanderungen folgende Literatur verwendet: August Kopisch Die königlichen Schlösser und Gärten zu Potsdam. Einmal, am 3. Dez. 1848, nimmt August Kopisch auch am Stiftungsfest des Tunnel teil.

Auf Schlesiens Bergen, da wächst ein Wein,
Den trifft nicht Regen, nicht Sonnenschein …

So zitiert Fontane in seinem Roman Quitt (25. Kapitel) ein Trinklied von August Kopisch. August Kopisch, 1799 in Breslau geboren, ist 1853 in Berlin gestorben. Sein Grab finden wir auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II in der Bergmannstrasse in Berlin Kreuzberg. Dort liegt er neben seiner Frau Marie, die später seinen Freund Karl Bötticher heiratete, und eben diesem. Die drei führten zu Lebzeiten eine Ménage-à-trois und fanden hier gemeinsam die letzte Ruhe.

„Brief aus Berlin“ (28)

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

von Georg Bartsch

Erneut sind Jahrestage Thema meines Briefes:

zunächst der 150. Todestag von Heinrich Barth. Heinrich Barth, nach Alexander von Humboldt der bedeutendste deutsche Forschungsreisende des 19. Jahrhunderts, ist heute nahezu vergessen. Geboren und aufgewachsen in Hamburg, studiert Barth Geographie bei Karl Ritter in Berlin und geht nach London zum Studium der arabischen Sprache.

Nach einer ersten Reise 1845 bis 1847 nach Tunesien und Libyen kann Barth auf Vermittlung des preußischen Botschafters in London zusammen mit dem Geologen Adolf Overweg an einer britischen Expedition unter der Leitung des Missionars und Forschers James Richardson durch das nördliche Afrika teilnehmen. Ihn qualifizieren zum einen seine Sprachkenntnisse, zum anderen sein tiefes Verständnis fremder Kulturen – wohl die wichtigste Voraussetzung dieser sechsjährigen Reise mit all ihren Gefahren. Barth nennt sich selbst „Abd el Kerim“ – Diener des Gnädigen. Von Tripolis aus geht die Reise in die Sahara. Nach dem Tod von Richardson 1851 und von Overweg 1852 erhält Barth die Leitung der Expedition. Er gelangt bis Timbuktu. Nach seiner Rückkehr 1855 nach Europa schreibt Barth zunächst in London seine Forschungsergebnisse nieder und erhält 1863 in Berlin eine Professur in Geographie. Alexander von Humboldt schreibt zehn Wochen vor seinem Tod an Barth: „Ich bin tief beschämt, teurer Reise-College, dass die Furcht vor Ihren für mich jetzt unersteiglichen drei Treppen in der Philosophenstraße mich so lange gehindert hat, den zu besuchen, den wir das Glück haben möchten, ganz den Unsrigen zu nennen, und der uns einen Weltteil aufgeschlossen hat. […] Ich kann bezeugen, dass der kranke König eine große Wichtigkeit darauf legt, Sie, den allgemein Bewunderten, zu besitzen. Könnten Sie mich nicht morgen, Sonntag 27. Februar, zwischen 10 und 3 Uhr vormittags, mit Ihrem Besuch erfreuen? Es ist niemand im Vaterlande, der Ihnen mit mehr Bewunderung und Ergebenheit zugetan ist als Ihr A. v. Humboldt. Sonnabend, den 26. Februar 1859.“

Mit der Philosophenstraße ist die Schellingstraße gemeint, von der heute nur noch ein kleines Stück existiert. Von hier sind es nur ein paar Schritte zur Gedenktafel für Fontane in der (heute: Alten) Potsdamer Straße.

Theodor Fontane schreibt über seine Jugend in den Wanderungen: „Meine Hauptlektüre bestand damals in Reisebeschreibungen. Ein besonderes Entzücken gewährten mir die afrikanischen Entdeckungsreisen […] besonders die von Mungo Park am Niger, nach Timbuktu hin.“ Park stirbt 1805 oder 1806 auf einer Reise entlang dem Niger, ohne in Timbuktu an Land zu gehen. Erst Heinrich Barth soll es gelingen, 1853 Timbuktu zu erreichen und lebend zurück nach Europa zu gelangen. Fontane findet keinen rechten Zugang zu Barth. Am 30. Dezember 1856 notiert  Fontane in sein Tagebuch: „Barth (der […] trotz seiner Reisen langweilig und ein lederner, wenigstens unausgiebiger Mensch sein soll) zu Tisch geladen.“ Fontane beschreibt hier treffend die schwierige Persönlichkeit Barths.

Barth schreibt über einen Kontinent, über den man in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts nur wenig wusste. Noch heute hat der Name Timbuktu einen mystischen Klang.

In Ein Sommer in London macht sich Fontane im Kapitel „Die Musikmacher“ über den Lärm der dortigen Straßenmusikanten lustig, indem er sich auf Barth bezieht: „Miss Constanze ist mit drei Busenfreundinnen auf den Balkon getreten und ergötzt sich an einer Musik, die, wenn sie wirklich afrikanisch wäre, mich die Reiseschicksale Barths und Overwegs mit doppelter Teilnahme würde verfolgen lassen.“

Barths Leistung als Forschungsreisender und sein im 19. Jahrhundert keineswegs selbstverständlicher respektvoller Umgang mit Kulturen des afrikanischen Kontinents sind jedoch nicht hoch genug einzuschätzen. Aufgrund später Folgen seiner strapaziösen Reisen stirbt Barth bereits mit 44 Jahren. Er hat ein Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Friedhof III der Jerusalems- und Neuen Kirche am Halleschen Tor in Kreuzberg. Auch heute ist Timbuktu wegen politischer Wirren wieder unerreichbar. Dort, im Heinrich-Barth-Haus, befindet sich ein kleines Museum. Das Haus hat den Krieg 2013 glücklicherweise unbeschadet überstanden.

Zu Recht erwarten Sie von mir die Erwähnung Adolph Menzels. An seinen 200. Geburtstag und 110. Todestag erinnern wir dieses Jahr. Menzel war Tunnel- und Rütli-Freund Fontanes, genannt Rubens. Passend erhielt der kleine Mann diesen großen Namen. Seine Bilder im Erdgeschoss der Alten Nationalgalerie lohnen immer einen Besuch. Auch die Zeichnungen Menzels in der Biografie Friedrichs II. von Franz Kugler sind unvergessen. Er war es aber auch, der zum ersten Mal das Grauen und Leid der Menschen im Krieg (gegen Frankreich) und in den Fabriken festhielt. Fontane schreibt über Menzel mit einem versteckten Seitenhieb auf Anton von Werner: „Was ihn mir so wert macht ist, daß Menzel – anders als so viele ‚Historiker mit dem Pinsel‘ – den künstlerischen Akzent seiner Bilder sehr bewußt auf das Hineinragen des Großen ins Kleinleben legt, sie also gleichsam als Akklamation des Herrschers durch sein Volk malt, was mir weit mehr bedeutet als alles militärische Gepränge in der ‚Spiegel-Gallerie‘ zu Versailles.“ Und mit Schmunzeln lesen wir in einem Brief Fontanes an Karl Eggers 1896 „[…] als ich eines Tages las‚ daß es nur noch drei große Männer in Deutschland gäbe: Bismarck, Menzel und Fontane‘, – da wurde mir doch unheimlich.“

Menzels Grab, ebenfalls ein Ehrengrab des Landes Berlin, befindet sich auf dem Dreifaltigkeits-Friedhof II in der Bergmannstraße.

„Brief aus Berlin“ (27): Zum Bismarckjahr 2015

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Zum Bismarckjahr 2015

von Georg Bartsch

Heute ein etwas anderer Brief aus Berlin. Wir stellen zwei Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts einander gegenüber, Bismarck und Fontane. Anlass ist der 200. Geburtstag von Otto von Bismarck im April dieses Jahres. Sein Denkmal steht im Tiergarten am Großen Stern, gegenüber der Siegessäule. Wie diese wurde das Denkmal 1938 vom Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, hierher versetzt. Entworfen wurde es von Reinhold Begas, von dem auch der Neptunbrunnen am Alexanderplatz stammt. Bismarck ist 1815, Fontane 1819 geboren, beide starben zum Ende des Jahrhunderts 1898. Fontane war ein großer Bewunderer der Politik Bismarcks. „Der größte Erfolg war die volle politische Einigung Deutschlands.“ Und „Bismarck ist ein ausgezeichneter Briefschreiber.“ Ein solches Lob von Fontane, dessen Briefe wir neben seinen Wanderungen und Romanen gleich hoch schätzen, hat Gewicht. Und in einem Brief Fontanes an Maximilian Harden vom 4. März 1894 heißt es zu Bismarck: „In fast allem, was ich seit 70 geschrieben, geht der ‚Schwefelgelbe’ um und wenn das Gespräch ihn auch nur flüchtig berührt, es ist immer von ihm die Rede.“ Gelb waren die Kragen der Uniformen der Halberstädter Kürassiere, denen Bismarck angehörte. Wir erinnern uns, wie Fontane, der 1870 in französische Kriegsgefangenschaft geriet, durch die Hilfe Bismarcks wieder frei kam. Fontane hatte also ganz persönliche Gründe, Bismarck dankbar zu sein. Zwanzig Jahre später jedoch schreibt er an Georg Friedländer: „Bismarck hat keinen größeren Anschwärmer gehabt als mich, meine Frau hat mir nie eine seiner Reden oder Briefe oder Äußerungen vorgelesen, ohne dass ich in ein helles Entzücken geraten wäre, die Welt hat selten ein größeres Genie gesehen, selten einen mutigeren und charaktervolleren Mann und selten einen größeren Humoristen. Aber eines war ihm versagt geblieben: Edelmut; das Gegenteil davon, das zuletzt die hässliche Form kleinlichster Gehässigkeit annahm, zieht sich durch sein Leben…und an diesem Nicht-Edelmut ist er schließlich gescheitert und in diesem Nicht-Edelmut steckt die Wurzel der wenigstens relativen Gleichgültigkeit, mit der ihn selbst seine Bewunderer haben scheiden sehn…Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind.“

So beschreibt man einen Großen, dessen Zeit vorüber ist. Wie ganz anders blickt man auf Fontanes Leben. Alfred Kerr tut dies zu Beginn des Jahres 1895: „Und das Staunenswerte ist: diese unmoderne Persönlichkeit hat unglaublich moderne Ansichten. Der älteste unter den deutschen Literaten ist zugleich der entschlossenste Parteigänger der jüngsten. Er wird von ihnen geliebt wie kein zweiter … Sie alle bestaunen ein Phänomen in dem Manne, der sich, im zarten Alter von sechzig Jahren, entschloss, ein naturalistischer Dichter zu werden; der sich hinsetzte und in ‚Irrungen und Wirrungen‘ flugs den besten Berliner Roman schrieb; der heut mit fünfundsiebzig Jahren noch ein wundervolles lebenstiefes Abendstück von reifer und inniger Kunst zustande bringt.“

Kurt Tucholsky schreibt zu Fontanes 100. Geburtstag: „Lest vom alten Fontane … und ihr werdet schmunzeln und lächeln und blättern und lesen und immer weiterlesen.“

BismarckBei Thomas Mann heißt es: „Unendliche Liebe, unendliche Sympathie und Dankbarkeit, ein Gefühl tiefer Verwandtschaft, eine unmittelbare Erheiterung, Erwärmung, Befriedigung bei jedem Vers, jeder Briefzeile, jedem Dialogfetzen von ihm – das ist, da Sie fragen, mein Verhältnis zu Theodor Fontane.“

Solche Worte über Bismarck – unvorstellbar. Man mag einwenden, ein Politiker und ein Schriftsteller lassen sich nicht vergleichen. Fontane war zeit seines Lebens ein politischer Mensch. Noch 1896 schreibt er an James Morris: „Alles Interesse ruht beim vierten Stand. Der Bourgeois ist furchtbar, und Adel und Klerus sind altbacken, immer wieder dasselbe … das, was die Arbeiter denken, sprechen schreiben, hat das Denken, Sprechen und Schreiben der altregierenden Klassen tatsächlich überholt.“ Solche Worte von Bismarck – unvorstellbar. Bismarck ist Geschichte, Fontane der Zukunft zugewandt.

Das Wache dieses alten Mannes und zugleich menschlich Anrührende drückt sich auch in einem Gedicht Fontanes aus, geschrieben kurz vor Bismarcks Tod, und den eigenen Tod nicht mehr weit wissend: „Ja, das möcht ich noch erleben“. Hier die erste Strophe:

Eigentlich ist mir alles gleich,
Der eine wird arm, der andere reich,
Aber mit Bismarck, – was wird das noch geben?
Das mit Bismarck, das möcht ich noch erleben.

Und der im Urteil oft so strenge Fontane schreibt dann in tiefem Respekt in den wenigen Monaten zwischen Bismarcks und seinem eigenen Tod noch ein Gedicht über den Fürsten, in dem es heißt:

Und kommen nach dreitausend Jahren
Fremde hier des Weges gefahren
Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen,
Den Waldgrund in Epheu tief eingesponnen
Und staunen der Schönheit und jauchzen froh,
So gebietet einer: „Lärmt nicht so; –
Hier unten liegt Bismarck irgendwo.“

Wenn wir in diesem Jahr auf Bismarck zurückschauend vor seinem Denkmal stehen, dann erinnern wir uns an einen großen Politiker, der Geschichte ist. Fontane aber ist mit seinen Werken, und dazu gehören auch seine Briefe, uns gegenwärtig. Oder, wie es Sebastian Haffner sagt: „Fontane stammt aus einer versunkenen Welt. Aber Fontane, das ist das erstaunliche, wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt vernehmlicher.“

„Brief aus Berlin“ (26): Luise, Königin der Herzen

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Luise, Königin der Herzen

von Georg Bartsch

Seit dem letzten Jahr ist das restaurierte Denkmal der Königin Luise im Tiergarten wieder zu sehen. Es steht auf der „Luiseninsel“. Diese wurde in einem Teil des Tiergartens, in dem die Königin gerne spazieren ging, 1809 zur Rückkehr des Königspaares aus dem Exil angelegt. Laut Fontane hat sich die Königin mal wie folgt geäußert: „Ich muß den Saiten meines Gemüts jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen…Am besten gelingt mir dies in der Einsamkeit; aber nicht im Zimmer, sondern in den stillen Schatten der Natur.“

Schon zu Lebzeiten war die Verehrung für Luise groß. Die Berliner nannten sie die „Königin der Herzen“, eine Bezeichnung, die auf Elisabeth Stuart, der „Queen of Hearts“ und „Pearl of Britain“, zurückgeht. (Auch Prinzessin Diana, die 1997 mit nur 36 Jahren starb und somit nicht viel älter wurde als Luise, erhielt diesen Beinamen.) König Friedrich Wilhelm II. hatte die 1793 stattfindende Hochzeit seines ältesten Sohnes mit Luise arrangiert, sein jüngster Sohn wurde mit Luises Schwester Friederike vermählt. Die beiden Schwestern wurden 1795 von Schadow in der berühmten Prinzessinnengruppe dargestellt, die in der Alten Nationalgalerie zu sehen ist. Luise war ihrem Mann nicht nur in tiefer Liebe verbunden, sie war ihm auch eine große Stütze in den Wirren der Napoleonischen Kriege.

1880 wurde das von Ermann Encke entworfene Denkmal der Königin Luise auf „ihrer Insel“ aufgestellt. Ursprünglich befand sich auf der Insel eine von Johann Gottfried Schadow entworfene Stele mit Marmorschale, die im laufe der Jahre verloren ging. Versunken, wie in sich gekehrt, blickt Luise nieder. Jenseits der Insel steht seit 1849 das Denkmal König Friedrich Wilhelm III, entworfen von Johann Friedrich Drake, in Blickrichtung zur Luiseninsel.

„Jetzt zwischen Link- und Eichhornstraße
mess’ ich meine bescheidenen Maße,
Höchstens bis Königin Luise
wag’ ich mich vor, umschreitend diese.“

So heißt es in Fontanes Gedicht Meine Reiselust. Fontane ging mit zunehmendem Alter und Ausbleiben größerer Reisen häufig im Tiergarten spazieren. Wie oft mag er hier gestanden haben? Und wenn er vorbeischaute an der Königin, sah er zwischen den Bäumen hindurch die Spitze der Matthäuskirche. Und wusste kurz dahinter „seine Dreitreppenklause hoch im Johanniterhause“ und dort seine Emilie, die für eine einladende Stube sorgte.

Königin Luise wurde nach ihrem frühen Tod 1810 auf Schloss Hohenzieritz unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nach Berlin überführt. Das Denkmal auf dem Marktplatz (heute Schinkelplatz) von Gransee erinnert daran, dass der Sarg auf dem Weg nach Berlin hier für eine Nacht stand.

„O welche Reise!
Wie traurig leise
Durchzogen wir der schwarzen Fichten Nacht.
Es fielen unsre Tränen in den Sand;
Sie gab einst Schönheit diesem Land.“

Luisendenkmal in Gransee
Luisendenkmal in Gransee

Diese Worte Achim von Arnims stellt Fontane seinem Kapitel über das Luisen-Denkmal in Gransee voran. Zu dem Kult um die Königin schreibt Fontane: „Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat sie von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verherrlicher zu leiden gehabt…Das Luisen-Denkmal zu Gransee hält das rechte Maß: es spricht nur für sich und die Stadt und ist rein persönlich in dem Ausdruck seiner Trauer. Und deshalb rührt es.“

Der König beauftragte Heinrich Gentz unter Mitwirkung von Karl Friedrich Schinkel im Garten von Schloss Charlottenburg ein Mausoleum zu errichten. Der Auftrag für eine Skulptur auf dem Sarkophag – und das war eine Sensation – wurde von Friedrich Wilhelm III nicht dem alten Schadow, sondern dem noch unbekannten Christian Daniel Rauch gegeben. Er war es auch, der 30 Jahre später die Skulptur für den Sarkophag des Königs schuf. So sind heute im Mausoleum zwei Meisterwerke von Rauch nebeneinander zu sehen, eines aus der frühen und eines aus der späten Phase seines Schaffens.

Johann Gottfried Schadow, dessen 250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, soll über seinen Schüler Christian Daniel Rauch gesagt haben: mein Werk ist in Rauch aufgegangen.

 

„Brief aus Berlin“ (25): Am Gendarmenmarkt

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Am Gendarmenmarkt

von Georg Bartsch

Einer der schönsten Plätze Berlins ist der Gendarmenmarkt. Und wir erinnern gleich, dass Fontane hier von 1870 an 20 Jahre lang seinen Arbeitsplatz als Theaterkritiker für die Vossische Zeitung hatte. Längst ist aus dem Königlichen Schauspielhaus das Konzerthaus geworden. Links und rechts vom Eingang sind Zitate in den Boden eingelassen, die Berlin und seine Einwohner rühmen. Auf der einen Seite drei, auf der anderen vier. Wie das an einem von Symmetrie geprägten Ort? Das vierte Zitat ganz links wurde mit dem Ende der DDR entfernt. Erich Honecker feierte 1979 hier den Siegeszug des Sozialismus auferstanden aus den Ruinen Berlins.

Der Maler Otto Nagel, der posthum der 79. Ehrenbürger der Stadt wurde, lässt uns wissen:

„Ich habe sie schon immer geliebt, die alte Stadt; Geliebt in achtungsvoller Verehrung.“ Und Schiller, dessen Denkmal mitten auf dem Platz in weiß erstrahlt, wird zitiert: „Dass ein längerer Aufenthalt in Berlin mich fähig machen würde, in meiner Kunst fortzuschreiten, zweifele ich keinen Augenblick.“

Seine Stücke wurden hier im Schauspielhaus oft aufgeführt. Zu seinem Wilhelm Tell schrieb Fontane zu Beginn der neuen Theatersaison am 17. August 1870 die erste Kritik für die „Vossin“. Zu Schiller heißt es dort: „Ein Glück, dass wir ihn besitzen, dass seine vor allem spruch- und gedankenreichen Schöpfungen uns, für alles, was kommen mag, bereits einen geprägten längst allgemeingut gewordenen Ausdruck überliefert haben, der zur rechten Stunde seine ursprüngliche Frische zurückgewinnend, neuzündent in alle Herzen schlägt.“

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Schillerdenkmal am Gendarmenmarkt (Foto: G. Bartsch)

Georg Forster, der Naturforscher und Reiseschriftsteller, der an der zweiten Weltumseglung James Cooks teilnehmen durfte, meint: „Berlin ist gewiss eine der schönsten Städte in Europa.“ Klingt gut, ist jedoch aus dem Zusammenhang gerissen. Es heißt etwas ausführlicher: „Ich hatte mich in meinen mitgebrachten Begriffen von dieser großen Stadt sehr geirrt. Das Äußerliche viel schöner, das Innerliche viel schwärzer, als ich mir’s gedacht hatte. Berlin ist gewiss eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Einwohner? – Gastfreiheit und geschmackvoller Genus des Lebens – ausgeartet in Üppigkeit, Prasserei, ich möchte fast sagen Gefräßigkeit. Freie aufgeklärte Denkungsart – in freche Ausgelassenheit, und zügellose Freigeisterei … Was Wunder, dass Goethe dort so sehr, so allgemein missfallen hat, und seinerseits auch mit der verdorbenen Brut so unzufrieden gewesen ist!“

Das lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Fontane selbst ist ebenfalls sehr direkt in seinem Urteil über die Berliner. Jedoch meint man bei ihm auch so etwas wie eine Liebeserklärung für den Menschentyp herauszuhören. Im Stechlin heißt es im 12. Kapitel:

„Wie beinah jedem hierlandes Geborenen, war auch ihr (Frau Schickedanz, d.V.) die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt, weil jeder echte, mit Spreewasser getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an der Welt draußen misst, von der er, wenn er ganz echt ist, weder eine Vorstellung hat noch überhaupt haben will.“

Bleibt die Frage, ob nicht auch auf der linken Seite wieder ein viertes Zitat den Boden des Gendarmenmarktes zieren sollte? Und wer böte sich da besser an als Theodor Fontane mit seiner Bemerkung in dem Essay-Entwurf Berliner-Ton:

„Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner.“

Da steht dann nicht nur der Tourist, sondern auch der Berliner grübelnd davor. Vergeblich wird man einen Sinn in dieser Aussage suchen. Und hat dennoch das Gefühl, der alte Fontane hat ja so Recht.

P.S. Herr Staatssekretär Schmitz dankt für den Vorschlag und hält diesen für eine schöne Idee.

 

„Brief aus Berlin“ (24): Spaziergang von der Potsdamer 134c zu den Friedhöfen am Halleschen Tor

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Sehr geehrte Leser, liebe Fontane-Freunde und Berlin-Liebhaber, gestatten Sie uns diesen kleinen Vorspann: Nachdem sich unser
langjähriger „Berlin-Korrespondent“ Ernst-Christian Gädtke aus dieser, seiner Briefschreiberfunktion leider aus Altersgründen mit dem Brief aus Berlin (23) im letzten Heft verabschiedet hat, können wir Ihnen zu unserer großen Freude heute mit unserem Mitglied Georg Bartsch aus Berlin auch einen Stadtkenner und damit würdigen Nachfolger Ernst-Christian Gädtkes vorstellen und nunmehr seine künftigen „Briefe aus Berlin“ Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit empfehlen.

Spaziergang von der Potsdamer 134c zu den Friedhöfen am Halleschen Tor

Text und Foto: Georg Bartsch

„Wir leben sehr still, Mama rückt überhaupt nicht von der Stelle,
ich gehe jeden Abend um 9 bis an die Christuskirche (Paulus Cassel)
umschlendere schließlich 2 mal den Leipziger Platz, schnopre etwas
Lindenluft, gucke mir die Jüdinnen an, die unterm Zelt in Hotel Bellevue soupieren
und bin um 10 wieder zuhause.“ So Fontane in einem Brief an Tochter
Martha vom 25. Juli 1891. Da schrieb er an seinem Roman Effi Briest. Heute erinnert eine Gedenktafel an den Ort, an dem Fontane seit 1872 wohnte,
die Potsdamer Straße 134c. Nichts sonst in der Umgebung erinnert an jene Zeit, nicht
die Häuser und auch keine Jüdinnen. Halt! Wir schauen hinüber zur Matthäuskirche,
vorbei an einer 160 Jahre alten Platane. Fontane hat beide, Kirche und Baum, auf
seinen Spaziergängen in den Tiergarten gesehen.

Laufen wir in die andere Richtung, vorbei an dem etwas versteckt
liegenden Fontaneplatz, passieren wir einen Grünstreifen. Hier endete die Potsdamer
Eisenbahnlinie, deren Verlauf wir erahnen können.

Wir gehen die Stresemannstraße hinunter, die früher Königgrätzer
Straße hieß, vorbei am Ruinen-Portikus des Anhalter Bahnhofs und denken an Effi
Briest, die hier irgendwo billig „trockenwohnte“, wie es mittellose Berliner
taten in Neubauten, bis diese trocken waren. Die feuchte Wohnung war ihrer
angeschlagenen Gesundheit nicht zuträglich. In Von Zwanzig bis Dreißig schreibt
Fontane, wie ihm Tante Pinchen in Leipzig anbietet „mein wie eine Typhusbrutstätte wirkendes
Zimmer in der Hainstraße zu verlassen und in ihre Wohnung in der Poststraße zu
übersiedeln, wo trockene, helle Räume waren.“

Später dann in Berlin in der Großen Hamburger Str. wohnte er bei
seinem „Onkel August, der … immer so wundervolle Berliner Geschichten
erzählte. Mitunter sogar unanständige.“ In dem Neubau hatten „lauter gescheiterte Leute“
eine billige Unterkunft gefunden. Das vom jungen Theodor bewohnte Zimmer war
so feucht, „dass das Wasser in langen Rinnen die Wände hinunterlief“. So
beschreibt Fontane seine Erfahrungen als „Trockenwohner“ und wir können uns
vorstellen, welch gesellschaftlicher Abstieg das Trockenwohnen für Effi Briest bedeutete.

„Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast
es auch leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen? Ich kann doch
nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der Christuskirche hin übersehen.
Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn die Fenster beleuchtet sind, sehe ich ja
immer hinüber; aber es hilft mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer ums
Herz.“

„Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren
Sie ja schon drüben.“

„O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er
predigt ganz gut und ist ein sehr kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das Hundertste
davon wüßte. Aber es ist doch alles bloß, wie wenn ich ein Buch lese; und wenn er
dann so laut spricht und herumficht und seine schwarzen Locken schüttelt, dann bin
ich aus meiner Andacht heraus.“

„Heraus?“

Effi lachte. „Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es
wird wohl so sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er spricht immer
soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut ist, es erbaut mich nicht.“

So heißt es im 32. Kapitel des Romans.

Die schwarzen Locken und das Alte Testament beschreiben uns einen Prediger, der vom Judentum zum Christentum konvertiert ist. Heute liest man leicht darüber hinweg.

Von der Christuskirche ist nichts mehr zu sehen. Wir aber geben die Spurensuche nicht auf, laufen über das Hallesche Tor hinaus zu den Friedhöfen, wandern vorbei an den Gräbern der Mendelssohn-Bartholdys bis hin zum Jerusalem I Kirchhof und entdecken dort einen beschädigten Grabstein mit der Inschrift: „Dem wahren Jünger Christi, den begeisterten und begeisternden Apostel unserer Zeit. Sein Leib ist tot, sein Werk und sein Name sind unvergänglich.“

Das ist das Grab von Paulus Cassel, dem konvertierten Juden. So hat ihn Fontane in Effi Briest gezeichnet,
so unterstreicht es der Grabstein. Unvergänglich gemacht hat ihn Theodor Fontane, dessen Roman wir nach der Entdeckung dieser Zeitzeugnisses gerne wieder
mal aufschlagen.

Abc