BRIEF AUS BERLIN (36)

nur der Gefangene ist frei

Kriegsgefangen, Erlebtes 1870

 

Roland Berbig schreibt in den letzten Mitteilungen, dass Menschen »wissen, dass Theodor Fontanes Romane, seine Briefe und seine Artikel gute Begleiter sind im eigenen Leben.« So schreibe ich zu ›Fontane 200‹ einen persönlichen Brief. Manche Äußerungen Fontanes sind irritierend, zumindest beim ersten Lesen.

»Die Welt liebt es, zu Gericht zu sitzen und – zu verurteilen. […] [W]ir werten unsere Tadelsucht zur Schuld des Angeklagten und handhaben das Schwert besser als die Waage. Da ist nichts so oft vergessen, als das Wort des Herrn: ›Wer unter euch sich ohne Sünde weiß, der werfe den ersten Stein auf sie.‹ Was tun wir? Den modegewordenen Mantel ›sittlicher Entrüstung‹ umschlagend, setzen wir uns auf unseren Hochmutsklepper und reiten erbarmungslos nieder, was uns kleiner dünkt (nicht ist) als wir selbst. – Die Presse macht so oft den öffentlichen Ankläger, mache sie auch mal den Verteidiger. […] Zudem hat noch immer die Strafe einen Teil der Schuld gesühnt.«

Das sind Ansichten, die ich 150 Jahre später in meiner Arbeit mit Strafgefangenen so unterschreiben mag. Fontane selbst saß 1870 in Frankreich in Gefangenschaft. Über seine Mitgefangenen sagt er: »Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagt’ ich); aber so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so traurig war der Eindruck, den jeder Einzelne als Teil des Ganzen machte. […] Ein fester, schöner Glaube existierte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde ständig verhöhnt, der Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich begegnete keiner anderen Überzeugung als der einen, daß alles käuflich sei.«

Wie klug Fontane das Leben der Gefangenen beschreibt. Freundschaften unter Gefangenen gibt es so gut wie nicht. Der Glaube daran geht verloren, weil der Glaube der Gefangenen an sich selbst schwindet, ja schwinden muss, ohne jegliche Anerkennung vom einem Gegenüber.

Fontane besuchte auf seinen Wanderungen Dörfer und Flecken im Lande Ruppin das Zellengefängnis bei Berlin. Gemeint ist die von 1842 bis 1847 gebaute neue Strafanstalt in Moabit. Hier wurde erstmals das pennsylvanische System des Strafvollzugs eingeführt, das auf dem Isolier- und Zellenprinzip beruhte. Zu jener Zeit war das sehr fortschrittlich, wurden Straftäter nicht mehr bei Wasser und Brot vorgeführt oder gar gefoltert, sondern in Zellen isoliert, so, wie wir es im Grunde noch heute als Prinzip vorfinden. Hier einige Beobachtungen Fontanes:

»Die Luft ist frisch und erquickend, aber ein Klageton schwebt auf ihr dahin, und als ich  lauschte, gingen mir die Worte Platens durch den Sinn: Es scheint ein langes, ew’ges Ach zu wohnen In diesen Lüften, die sich leise regen. […] Wir traten in eine der ersten Zellen; ihr Bewohner war ein viermal bestrafter Dieb. Er zählte noch keine 24 Jahre und hatte den Ausdruck entschiedener Gutmütigkeit, nur wenn man ihm fester ins Auge sah, gewahrte man eine lauernde Verschmitztheit, die ihm nicht übel stand, weil sie das Gesicht geistig belebte.«

Klug beobachtet, die Verschmitztheit nicht negativ, sondern als ein Zeichen geistiger Belebtheit zu sehen. Tausend Menschen in einer Kleinstadt mit Kirche (JVA Tegel), und bei Betreten der Anstalt ist nichts von den Menschen zu sehen oder zu hören. Fast Totenstille, die sich beim Betreten einzelner Flügel beim sogenannten Aufschluss (wenn Gefangene sich innerhalb ihrer Station bewegen dürfen, zum Beispiel zum Kaffee kochen in der kleinen Küche) in Lärm, Aggressivität oder zielloses Umherirren verwandelt. Ein freudloser Ort enttäuschter Hoffnungen.

Es ging bundesweit durch die Nachrichten: In Berlin fand im September 2018 eine Beerdigung mit 2000 Teilnehmern statt. Tage später entschloss ich mich zu einem Spaziergang über den Friedhof, der versteckt hinter der S-Bahn-Station Schöneberg liegt. Nidal R., ein über die Grenzen Berlins hinweg bekannt gewordener sogenannter ›Intensiv-Täter‹ fand seine letzte, vielleicht auch seine erste Ruhe, auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg. Das Grab lag verlassen da, die Blumen noch frisch. Der 36 Jahre alt gewordene staatenlose Palästinenser, der 14 Jahre in Haftanstalten saß, wurde im September 2018 in Neukölln auf offener Straße erschossen. Uns fallen Fontanes Worte ein: »Wer mal drin sitzt, gleichviel mit oder ohne Schuld, kommt nicht wieder heraus« – so im Roman Cécile. Und folgende Worte Fontanes im Roman Quitt entschuldigen nicht, sondern helfen verstehen: »Das heimatliche Haus habe nichts für ihn gethan und die Schule nicht viel und alles, was er sei, das habe zu Gutem und Schlimmen das Leben aus ihm gemacht.«

In einem Brief aus Krummhübel schreibt Fontane an seine Tochter Martha: »Das Material für meine Novelle [Quitt] habe ich nun zusammen. Auf dem Denkmal steht ›ermordet durch einen Wilddieb‹. Ich finde dies zu stark. Förster und Wilddieb leben in einem Kampf und stehen sich bewaffnet, Mann gegen Mann, gegenüber; der ganze Unterschied ist, dass der eine auf d. Boden des Gesetzes steht, der andre nicht, aber dafür wird der eine bestraft, der andre belohnt, von ›Mord‹ kann in einem ebenbürtigen Kampf keine Rede sein.«

Nochmals, hier wird nicht entschuldigt, sondern versucht zu verstehen.

Und eine weitere von großer Menschenkenntnis zeugende Aussage Fontanes in Unterm Birnbaum sei zitiert: »Schuld und Muth vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lähmt.«

 

Wir haben gehört, dass der moderne Strafvollzug den Gefangenen (seit Mitte des 19. Jahrhunderts!) isoliert. Gruppenleiter, Sozialpädagogen, Psychologen, sie alle sind in den Haftanstalten mit so vielen Aufgaben beschäftigt, dass ein helfendes Gespräch mit dem einzelnen Gefangenen kaum mehr möglich ist. Zehn Gruppensitzungen zur Strafaufarbeitung machen sich im Vollzugsplan gut, reichen aber nicht zur Auseinandersetzung mit Verfehlungen. Wo findet das Gespräch statt, das ein Eingestehen von auf sich geladener Schuld ermöglicht? Eher selten in Haft. »…aber die verborgene Schuld, vor niemanden eingestanden, das ist die schwerste der Strafen.« So Fontane im Roman Quitt. Und das Gespräch zwischen Lehnert und L’Hermite hat Grenzen. »Lehnert aber, der das Grauen, das ihn mit erfaßt hatte, dem Freunde wie sich selber wegreden wollte, suchte bei seinem zwangsweis angeschlagenen Heiterkeitstone zu beharren […].« Ja, Menschen, und besonders Schuld mit sich tragende Menschen, zeigen keine Schwäche vor dem anderen, die von außen betrachtet ja eigentlich Stärke wäre. Nur bräuchte es hierzu einen geschützten Rahmen.

In anderem Zusammenhang spricht Fontane von der Notwendigkeit helfender Gespräche, die gerade im Strafvollzug wichtig wären, aber nicht stattfinden. »Junge Ärzte sind meist klüger als die alten, aber doch weniger Ärzte. Man bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man sich gern offenbart. Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich Heilsame bleibt. Ärzte selbst – ich hab’ einen Teil meiner Jugend in einem Diakonissenhause verbracht –, Ärzte selbst, wenn sie ihren Beruf recht verstehen, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind und bleiben ein armer Notbehelf; alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort. Aber freilich, das richtige Wort wird nicht überall gesprochen.«

Und so wundert es nicht, dass in Haft anstelle von Gesprächen Medikamente oder illegale Drogen treten. Es braucht Empathie, Wertschätzung des Menschen – nicht seiner Taten. Da gilt es, die Grenzen nicht zu verwischen. Und noch einmal Fontane: »Und so seid mir denn gepriesen, ihr Schlupflöcher, wo der Nicht- Mustermensch noch Chancen hat, sich glücklich durchwinden zu können!« Mögen wir in unseren Urteilen Fontanes Worte gedenken: »Wir draußen in Gottes freier Welt betrachten den Verbrecher gelegentlich mit falschem Auge und verwechseln seine Untat mit ihm selbst.«

 

Ich bin ja ein Quereinsteiger im Hause Fontane. Mir fällt auf, dass Fontane manches schreibt, wovor wir auch heute noch gerne die Augen verschließen. So ist in allen fünf Verfilmungen von Effi Briest Effi nie so jung wie im Roman. Und im Roman im 4. Kapitel gibt es eine höchst pikante Stelle:

»Eine Woche später saßen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt. Es war ein wunderschöner Tag; der in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop blühte noch, und die leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu ihnen herüber. ›Ach, wie wohl ich mich fühle‹, sagte Effi, ›so wohl und so glücklich; ich kann mir den Himmel nicht schöner denken. Und am Ende, wer weiß, ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben.‹ ›Aber Effi, so darfst du nicht sprechen; das hast du von deinem Vater, dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte, Niemeyer sähe aus wie Lot. Unerhört. Und was soll es nur heißen? Erstlich weiß er nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens ist es eine grenzenlose Rücksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein Glück, daß Niemeyer nur die einzige Tochter hat, dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen.‹«

Es ist eine Anspielung auf das Alte Testament. In der Hanser-Ausgabe lesen wir in den Anmerkungen: »Die beiden Töchter Lots wurden schwanger von ihrem Vater, vgl. 1. Moses 19, 36.« In der Großen Brandenburger Ausgabe heißt es in den Anmerkungen: »Von seinen beiden Töchter betrunken gemacht, zeugt Lot mit ihnen Söhne.«

Ein anderer Aspekt zu dieser Stelle im Alten Testament ist aber für die Handlung entscheidend, und weder die Hanser-Ausgabe, noch die Große Brandenburger Ausgabe weisen darauf hin. Zwei Engel kommen nach Sodom und Lot bittet sie eindringlich, bei ihm zu übernachten. Er redet ihnen so lange zu, bis sie mitgehen und bei ihm einkehren. »Er bereitete ihnen ein Mahl, ließ ungesäuerte Brote backen, und sie aßen. Sie waren noch nicht schlafen gegangen, da umstellten die Einwohner der Stadt das Haus, die Männer von Sodom, Jung und Alt, alles Volk von weit und breit. Sie riefen nach Lot und fragten ihn: ›Wo sind die Männer, die heute Abend zu dir gekommen sind? Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren‹. Da ging Lot zu ihnen hinaus vor die Tür, schloss sie hinter sich zu und sagte: ›Aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen! Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch herausbringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an; denn deshalb sind sie ja unter den Schutz meines Daches getreten.‹«

Auch der alte Briest bietet seine einzige Tochter an. Was Luise über Niemeyer sagt, gilt also auch für ihren Mann: »Ein Glück, daß Niemeyer nur die einzige Tochter hat, dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen.« Nichts fällt da in sich zusammen. Durch den Bezug zu Lot im Alten Testament wird hier die ganze Tragödie beschrieben, auf die Effi durch Handeln der Eltern zusteuert. Und die Eltern weigern sich bis zum Schluss, bis zum letzten Satz des Romans, Verantwortung zu übernehmen: »Ach Luise, laß … das ist ein zu weites Feld.«

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