Fremde – Grenze – Karte: Workshop und Exkursion der Sektion Schleswiger Land am 21./22.8.2020

Von Matthias Bauer, Europa-Universität Flensburg

Fontane begann sein Schriftstellerleben, lange bevor er ‚Vollprofi‘ wurde, in kleinen halbprivaten Zirkeln. Er trat dem Verein ‚Tunnel über der Spree‘ bei und tauschte sich mit seinesgleichen aus. Unter den Vorzeichen der Corona-Krise, die öffentliche Veranstaltungen mit großem Publikum verbietet, mag es hilfreich und tröstlich sein, an diese bescheidenen Anfänge zu erinnern – und daran, dass der literarische Salon nicht die schlechteste Form des Austauschs über Texte ist. Diesem Leitgedanken folgend hat die Sektion Schleswiger Land ihre für dieses Jahr geplante Tagung ‚Europäische Grenzräume in der Literatur des Realismus/der Moderne (1870-1920)‘, deren Anlass die einhundertste Wiederkehr der Volksabstimmung über die deutsch-dänische Grenze war, um ein Jahr verschoben und stattdessen einen kleinen Workshop samt Exkursion in Glücksburg und Umgebung veranstaltet.

Am 21. August 2020 ging es zunächst in Erinnerung an die bewegte Geschichte des 20. Jahrhunderts nach Norgaardholz, wo ein Gedenkstein an drei Matrosen erinnert, die noch nach dem Kriegsende 1945 als Deserteure behandelt und hingerichtet wurden. Der Schriftsteller Jochen Missfeldt hat dieses Geschehen 2005 in einer ebenso poetischen wie berührenden Weise in seinem Roman Steilküste verarbeitet. Von Norgaardholz führte der Weg zum Danewerk in der Nähe der alten Hauptstadt Schleswig – an jenen Befestigungswall, an dem über mehrere Jahrhunderte viele Generationen gebaut hatten und von dem sich die dänischen Truppen 1864 auf die Verteidigungslinie der Düppeler Schanzen zurückzogen, als die Preußen und Österreicher heranrückten. Ihnen folgte damals auch Fontane, der bei dieser Gelegenheit nicht nur die Gegend rund um die Schlei erkundete, sondern auch die Flensburger Förde bereiste, wo er über zwei Jahrzehnte später einige Kapitel seines Romans Unwiederbringlich ansiedelte, an dem er 1887 zu schreiben begann.

Die Exkursion bewegte sich damit in einem einstmals heftig umkämpften Grenzraum, der erst 1955, durch das Bonn-Kopenhagener Abkommen, dauerhaft befriedet wurde. An einen anderen Grenzraum erinnerte auf dem Workshop am 22. August 2020 Hubertus Fischer (Berlin) in seinem Vortrag „‚Grenzpfahl mit Ordenskreuz‘. Polnische Grenzen oder Grenzen zu Polen“. Mit der Wiederentdeckung dieser ebenso ungewöhnlichen wie markanten Grenzmarkierung setzte im 19. Jahrhundert eine publizistische Debatte ein, die Fontane aufmerksam verfolgt hat und die aufs engste mit der europäischen Geschichte, der Kolonisation des Ostens, den polnischen Teilungen und der nach wie vor virulenten Nationalitätenfrage verbunden ist. Unter der Überschrift „‚Der türkische Halbmond oder der chinesische Drache‘. Fremdheit bei Fontane“ zeichnete Iulia-Karin Patrut (Flensburg) anhand ausgewählter Zitate nach, welchen Reiz das Aparte für Fontane darstellte, diente es ihm doch immer wieder zu einer politischen und poetischen Selbstbestimmung, die keineswegs frei von Ambivalenzen und Stereotypen war. Schließlich widmete sich Matthias Bauer (Flensburg) der Art und Weise, in der Fontane für sein Buch Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864 Schauplätze aufnahm – nämlich anhand von gezeichneten Skizzen –, und welche Bedeutung diesen Schaubildern in seiner Darstellung und Bewertung des Geschehens zukommt. Ein Echo darauf taucht noch in seinem ersten Roman Vor dem Sturm (Vorabdruck 1878) auf, wenn dort eine der Figuren sagt: „Es wäre gut, wir hätten eine Karte […]; aber ein paar Striche tun es auch“.

In dieser Parole, die Bauer im Titel seines Vortrags aufnahm, kann man denn auch das Motto des Workshops als ‚Überbrückungsmaßnahme‘ sehen. Das Gelände, das auf der verschobenen Tagung großflächiger und genauer aus zahlreichen Blickwinkeln vermessen werden sollte, konnte auf dem kleinen Workshop nur umrissen werden. Dennoch wurden die wesentlichen Konturen von Fontanes Umgang mit Grenzräumen, mit Fremdheitserfahrungen und mit kriegerischer Landnahme kenntlich. Die ausgesetzte Tagung findet nun – selbstredend grenzüberschreitend – vom 21. bis zum 23. Oktober 2021 in Flensburg und Apenrade statt.

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