Fontane digital – Arbeitsbericht aus dem Theodor-Fontane-Archiv

Vortrag von Prof. Dr. Peer Trilcke beim Fontane-Kreis Leipzig am 11. September 2019

Von Matthias Grüne

„Digital ist besser“ sang die deutsche Indie-Rockband Tocotronic zu einer Zeit, als noch kaum jemand eine Vorstellung davon hatte, was unter dem Begriff der Digital Humanities überhaupt zu verstehen sei. Inzwischen hat sich viel verändert, und doch fremdeln nach wie vor viele geisteswissenschaftliche Disziplinen, allen voran die Literaturwissenschaften mit dem Einsatz computergestützter Analysemethoden. Peer Trilcke, Juniorprofessor für deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt Theodor Fontane an der Universität Potsdam und seit 2017 Leiter des Theodor Fontane Archivs, weiß um diese Berührungsängste. Entsprechend behutsam versuchte er, die zahlreichen interessierten Zuhörer, die am 11. September 2019 auf Einladung des Fontane-Kreises Leipzig in die Stadtbibliothek Leipzig gekommen waren, an den Gegenstand heranzuführen. Gleich zu Beginn seines Vortrags wies er darauf hin, dass die Möglichkeiten der computergestützten Analyse die klassischen Praktiken literaturwissenschaftlichen Arbeitens keineswegs überflüssig machen, ja noch nicht einmal als Alternative zu diesen gesehen werden können. Stattdessen müssten sie als eine Ergänzung zu traditionellen Ansätzen und Methoden verstanden werden. Digitale Analyseverfahren, betonte Trilcke, können nie die eigene Lektüre ersetzen, wohl aber bieten sie vor allem in der Bearbeitung großer Textkorpora die Chance, neue Perspektiven auf literarische Texte zu gewinnen. Digital ist hier also nicht zwangsläufig besser, aber in jedem Fall anders und vielleicht dann doch einen Versuch wert. Tatsächlich konnte der unterhaltsame und anregende Vortrag eine Reihe ungewohnter Perspektiven auf Fontane aufzeigen: Von der Visualisierung der Rezeptionsgeschichte über das in Säulendiagramme zusammengefasste publizistische Werk bis hin zu Listen mit den häufigsten und den seltensten Wörtern in Fontanes Romanen reichten die Eindrücke, die nicht nur die Möglichkeiten der computergestützten Textanalyse, sondern einmal mehr auch die Vielgestaltigkeit von Fontanes Œuvre vor Augen führten. Dass die zum Teil bewusst spielerische und tentative Befragung der Texte mithilfe des Computers auch Grenzen hat, blieb in dem Vortrag keineswegs unerwähnt. Dennoch dürfte, den zustimmenden Reaktionen des Publikums nach zu urteilen, bei den meisten Zuhörern der Eindruck überwogen haben, dass sich der Blick auf Fontane durch die digitale Brille durchaus einmal lohnt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.