Zum Nachlesen: Preisträger-Balladen des Fontane-Preises für junge Schreibende 2012

Der von Theodor Fontane Gesellschaft e.V. gestiftete Fontane-Preis für junge Schreibende ist 2012 auf sehr großes Interesse gestoßen. 70 Schüler von der fünften Klasse bis zum Abiturjahrgang haben sich an dem Wettbewerb mit eigenen Balladen beteiligt. Geehrt wurden die Preisträger im Mai im Rahmen der Fontane-Festspiele 2012:

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Ende dieses Jahres werden 33 Balladen, darunter auch die der Preisträger, sowie weitere Zeichnungen in Buchform veröffentlicht. Schon jetzt machen wir jedoch die sechs Preisträger-Balladen hier zugänglich, damit Sie sehen können, welch wunderbare Beiträge die jungen Schreibenden eingereicht haben:

 

Marie Lerm, Gnewikow (10 Jahre):

"Gnewikow ist lustig drauf"

Gnewikow ist nicht weit weg,
nah an Neuruppin, der Fleck.
In Gnewikow ist es wirklich toll,
der Abenteuerspielplatz, wundervoll.
Im See kann man baden geh’n,
im tiefen Wasser können wir Kinder stehen.

Unsere Kirche ist sehr alt,
und ohne Hilfe fällt sie zusammen bald.
Zur Reparatur gibt es kein Geld,
helfen kann nur ein reicher Held.
Das Jugenddorf ist für alle da,
sogar für Kinder aus Afrika.

Da hat jeder immer viel Spaß,
doch am Ende der Woche sagen die Kinder: „Oh, das war’s!“
Hier gibt es Esel, Kühe und Pferde,
die leben meist in einer Herde.
Die Hengste sind mitunter recht wild,
besonders wenn die Luft ist mild.

Die Stuten bekommen kleine Fohlen,
die wir auf die Weide holen.
Hundegebell hört man weit und breit,
daran merkt man der Hunde Fröhlichkeit.
Im Ruppiner See gibt es Fische in Mengen,
einige werden bald am Räucherstab hängen.

Gnewikow hat viele Felder,
aber leider wenig Wälder.
Dort wachsen Roggen, Kartoffeln und Mais,
die Bauern erzielen den höchsten Preis.
Die Dörfer Lichtenberg und Wuthenow
umschließen unser schönes Dorf Gnewikow.

 

Leon Wollny, Neuruppin (11 Jahre)  und Anton Böthig, Neuruppin (11 Jahre): 

"Die brennende Stadt"

Mein Schulweg führt mich am Bollwerk entlang.
Die Sonne glitzert, und da steht ´ne Bank.
Mein IPod geht an, ich lausche gespannt:
Was für ´ne Story, ist sie mir bekannt?

Es war ein heißer Sommertag,
die Hitze auf den Wegen lag.
Der Fischer Hans bot seinen Fisch
auf dem voll bepackten Tisch.

In Lindow seit den Morgenstunden
hatte er viele Käufer gefunden.
Von Neuruppin war er hergelaufen,
um seinen Fang hier zu verkaufen.

Doch plötzlich von Ferne die Glocken erschallen,
vor Schreck ließ Hans seine Arbeit fallen.
Die Glocken kündeten von der Gefahr
des Feuers, dort, wo er nicht war.

Die Frau und die Kinder in Neuruppin –
Hans wusste, dort musste er jetzt hin.
Es blieb keine Zeit, er rannte los,
denn seine Angst um sie war groß.

Der Weg war weit, die Strecke lang,
Hans rannte, denn sein Herz war bang.
Der Weg war weit und immer weiter,
er hielt das Tempo von einem Reiter.

Er lief ohne Pause und ohne Halt
über Felder und Wiesen und durch den Wald.
Nun kamen die Tore in seine Sicht,
doch über ihnen der Qualm stand dicht.

Die Menschen flohen vor dem Feuer,
die Glut in den Straßen war ungeheuer.
Hans rannte hinein in Funken und Glut,
die Angst um die Kinder machte ihm Mut.

Hans hörte von drinnen die Kinder schreien
und lief in das brennende Haus hinein:
„St. Florian, hilf, in dem brennenden Haus,
und hole mit mir meine Liebsten heraus!“

Hans rettet sie alle aus der größten Not
und hat sie geborgen vorm sicheren Tod.
Auch seine Frau bracht’ er hinaus
aus dem zusammenbrechenden Haus.

Die Familie gerettet, doch der Preis wog schwer,
der Retter selbst – er schafft es nicht mehr.
Er starb in den Armen seiner Lieben,
nur seine Liebe ist ihnen geblieben.

Die Glocken riefen zum letzten Gang,
ein Band der Trauer die Menschen umschlang.
Am Grabe versammelt sich seine Familie
Und legt in Gedanken auf den Sarg eine Lilie.

Mein IPod verstummt, was für eine Geschichte!
War ich es, der ich sie mir selber dichte?
Ich blinzle zur Sonne, ein Windstoß weht,
jetzt muss ich zur Schule, ich komme zu spät.

 

Beatrice Bianca Jakob, Kremmen (13 Jahre) und Anna-Lena Matzen, Neuruppin (13 Jahre):

"Geisterstunde"

Es war eine stille Dezembernacht.
Der schlafende See unterm Eis begraben.
Was geschehen sollte, hatte niemand bedacht.
Der See war noch nie so voller Farben.
Der Mond in der Nacht, er leuchtete matt,
am Ufer des Sees der Fontanestadt.

„Hey ho!“, erschallt es ‘gen Himmel.
Die Glocken läuten zur vollen Stund‘.
Zur selben Zeit trabt ein kopfloser Schimmel
und tut des Wichmanns Erscheinen kund.
Im Mondlicht leuchtet der perlweiße Mann – fahl.
Übertrumpft Parzival und seinen heiligen Gral.

„Wo ist der Rest der Geisterschar?“,
fragt er ruhig und schaut sich um –
und dann ist auch der Karl Friedrich da,
Theodor beäugt das Spiel nur stumm.
Der Alte Fritz, der lässt sich Zeit,
denn sein Weg zur Linde ist nicht mehr weit.

„Mein lieber Freund“, fängt Theodor an,
„meinst du nicht, da ist noch was?“
Wichmann nickt: „Da ist was dran.“
Schinkel ächzt: „Da war ja noch das!“
Schaudernd und krachend erheben sich die Mauern
von dem alten Klostergebäude, an dem die Geister nun kauern.

Die Geister, sie kreischen, ächzen und singen.
Die Nacht erstirbt, der Mond schon fahl.
Ihre Töne werden noch lange klingen,
bis der Morgen schickt den ersten Strahl.
Ein jeder tut, was ihm gefällt,
bis der Tag sich bald dazu gesellt.

Auf einmal scheint es so wie vor vielen Jahr‘n,
erhaben schaut die Linde auf die Geister nieder,
und jeder scheint seinen eigenen Lebzeiten nah.
In der Ferne ertönen so manch alte Lieder –
plötzlich steht jeder starr, als wär‘ er Stein.
Konnte die Geisterstunde schon zu Ende sein?

Die Nacht verbarg den schimmernden Mond.
Für einen kurzen Moment war alles still.
Über allem hinweg die Linde thront,
als ob dort oben der Himmel es will.
Die fahlen Gesichter der klagenden Geister,
als sie rief ihr mächtiger Herr und Meister.

Ächzend bröckelte das alte Gemäuer
jenes Klostergebäudes aus alter Zeit,
alles verschluckt vom höllischen Feuer,
die Umgebung entsprach der Wirklichkeit.
Die Äste der Linde wehten leicht in der Nacht,
die Geister fort und der Schnee fiel sacht.

Der Morgen graut, die Sonne geht auf,
der ruhende See unterm Eis begraben,
und alles nimmt seinen gewohnten Lauf.
Die Sonne malt mit schillernden Farben,
nur Wichmanns Linde steht noch da,
an deren Fuße Geisterstund‘ war.

 

Clara Bünger, Manker (14 Jahre):

"Der Junge und der alte Mann"

Es war an einem solchen Tag,
an dem man nicht hinausgehn mag.
Der Regen prasselte hinunter,
des Morgens wurde man kaum munter.

Auf den Straßen war kein Mensch zu sehen,
nur einer – der blieb lachend stehen!
„Was für ein herrlich Wetter hier,
und ich sehe hier weder Mensch noch Tier!“

Er staunte nicht schlecht, in welcher Eile und Hast
die Menschen hier rannten, ohne Rücksicht und Rast.
Er jedoch ging gemächlich durch die Straßen,
wo früher die Kinder zum Spielen sich trafen.

Allmählich lichtete sich der Himmel,
nun sah man auch wieder Menschengewimmel.
In welche Richtung sie drängten, das war ihm klar,
denn inzwischen war es Frühling und der See ganz nah.

Er ließ sich nieder auf einer wankenden Bank,
genoss den Himmel, die Menschen, den Vogelgesang.
Da bemerkte er neben sich ein Kind,
so still begeistert, wie nur Kinder es sind.

„Bei Regen bin ich hier allein,
auch heute wollt’ ich alleine sein.“
Die Stimme des Jungen, sie zitterte sehr,
als wäre sie vom Alleinsein leer.

Der Mann, Stock und Zylinder in der Hand,
sprach, dem Jungen zugewandt:
„Ich bin in dieser Stadt geboren,
doch für eine Weile ging sie mir verloren.
Ich bin deshalb zurückgekehrt,
und wie ich sehe, war es wohl nicht verkehrt.
Ich kann dir nur sagen, um wie viel mein Leben
durch Gesellschaft wäre leichter gewesen.“

„Wo waren Sie denn all die Zeit?
Sind sie gereist und war es weit?“
Lange hatte er mit sich gerungen,
doch nun sprach die Neugier aus dem Jungen.

„Weißt du, was mich heute glücklich macht,
das hätte ich damals nie gedacht.
Hatte ich doch als Apotheker gute Aussichten,
und sollte nicht einfach hier sitzen und dichten!“

So sprach der Mann und dachte dabei,
wie schön das Leben im Alter doch sei.
Seinen Blick hielt er nun auf den See gerichtet,
als er lauschte, was der Junge ihm berichtet.

„Auch ich möchte einmal sitzen und dichten,
und auf Reisen die Schönheit der Erde sichten!
Nun möcht’ ich mich wirklich nicht beklagen,
und doch will ich Sie nach Ihrem Namen fragen.“

„Ich wünsch’ dir viel Glück auf deiner Reise,
Mut, Neugier und stets den Sinn für das Leise.
Es macht wohl nichts, wenn ich es sage:
Mein Name ist Theodor Fontane.“

 

Christian Böttcher, Neuruppin (17 Jahre):

'Mit Wind und Sonne um den Ruppiner See'

Es kommt die schöne Sommerszeit,
die Sonne scheint nun weit und breit.
Und antworte ich, wenn man mich fragt,
dass ich um den Ruppiner See fahr, mit dem Rad.

Die Vögel zwitschern, ein warmer Wind weht,
ich füll‘ meinen Rucksack mit Proviant, denn wenn ich zurückkomme, ist es  spät.
Die Luftpumpe dabei, man weiß ja nie, was geschieht,
falls man vor lauter Begeisterung etwas Spitzes übersieht.

Am Waldfrieden-Café, da bleibe ich stehen,
mich auf den Steg zu stellen, um Neuruppin vom anderen Ufer zu sehen.
Welch eine Ruhe, der Name passt.
Ein perfekter Ort zum Verweilen und Entspannen von der täglichen Last.

Bald fahr ich weiter, um noch mehr zu entdecken.
Mit einer Tour durch die Mark kann man seine Lebensfreude zu neuem Leben erwecken.
So oft wie es geht, bleibe ich stehen,
wie an der Schinkelkirche zu Wuthenow,
die wunderschön ist und von Weitem zu sehen.

Dann weiter durch Karwe, vorbei an den Schlossruinen,
schon lange wächst Gras über ihnen.
Man kann nur erahnen, wie schön es einst war, vor über einhundert Jahren,
mit der traumhaften Lage am See, an dem seit jeher ein angenehmer Wind weht.

Die Kamera im Gepäck, den See stets im Blick.
Was gibt es Schöneres als ein Picknick
auf einer Bank am Wegesrand?
Hasen und Hirschen zu sehen am Feldesrand
ist wunderschön.

Über die Felder, durch die Wälder,
welch eine Idylle!
Die Zeit vergeht schnell, drum fahre ich schneller.
Doch keine zu große Eile,
ich habe das Glück hier zu leben,
und das noch eine ganze Weile.

Ein alter Park mit alten Bäumen
lädt ein zum Träumen.
In Wustrau am Zietenschloss,
da fahre ich vorbei und mache eine kleine Halbzeit,
denn der Weg ist noch weit.

Aus der Ferne sehe ich das Wahrzeichen der Stadt:
Die Klosterkirche mit ihren zwei Türmen.
Nun weiß ich: Mein Ziel ist nah.
Am Bollwerk auf einen Kaffee
mit Blick auf Leute und See.
Auch nach einem Stück Kuchen
muss man nicht lange suchen.

Es ist schon spät, wo bleibt die Zeit?
Ich fahre heim.
Doch noch einmal bleibe ich stehen,
ein letztes Mal den rot erleuchteten Ruppiner See zu sehen.

Welche ein Erlebnis, daran erinnere ich mich gerne,
egal, ob ich hier bin oder in der Ferne,
am anderen Ende der Welt.
Vielleicht kommen Sie ja auch einmal nach Neuruppin,
wenn Ihnen diese Ballade gefällt,
an einen der schönsten Seen Deutschlands,
wenn nicht gar der ganzen Welt.

Martina Wolff, Karwe (17 Jahre):

"Abendspaziergang nach Hause"

Schritt für Schritt treiben meine Füße mich voran.
Gedanken verworren in sich.
Beständig muss ich denken daran,
an das, was so quälet mich.

Es scheint mir wie im Traum,
steife Bäume und Büsche, doch fühlen kann ich sie nicht.
Auf dem See sich bildet Schaum,
sanft der Wind mir streicht übers Gesicht.

Voran meine Füße weiter eilen,
kennend den Platz, der mir spendet Trost,
wo ich so lang kann verweilen,
bis Sorge erstickt und tiefste Not.

Ich spüre die Kühle des Waldbodens selbst durch die Schuh‘,
Stimmen der Vögel erklingen,
unterbrochen ist des Waldes Ruh,
doch mich kann nicht berühren ihr lieblich Singen.

Wenige Schritte noch, über Wurzeln, die säumen meinen Weg,
vertraut und unverwechselbar.
Der steile Abstieg dient als letzter Beleg,
den so oft überwundenen in all den Jahr‘.

Lieblich umfängt mich der Duft der Zärtlichkeit,
dies ist mein wahres Zuhaus!
Keine Menschenseele weit und breit.
Hier bin ich willkommen auch in Zeiten von Trauer und Graus.
 
Verborgen von außen,
verborgen von innen,
vernehmbar nur das Rauschen,
beruhigend für eine Seel‘, die ganz ist von Sinnen.

Es scheint, als wäre dieser Ort für mich gemacht:
ein Baum sich windend zu einer Bank,
zum Träumen, Weinen und Lachen gedacht,
mich wiegend, wenn meine Seele müde und krank.

Die Bäume sich neigen weit in die Ferne,
die Wurzeln zu einem Ufer sich winden –
hier zu verweilen, das tue ich gerne,
angelehnt an des Baumes Rinden.

Ein Lächeln umspielt meine Lippen,
beim Gedanken an das, was wir taten in längst vergangenen Tagen.
Ich erinnere mich an das lustige Wippen
und die Frage, wird der Ast uns tragen?

So viele Erinnerungen aus der Vergangenheit,
längst verbannt aus meinem Kopf,
werden hier erneut zur Wirklichkeit,
fast ich mein’ zu erblicken altbekannten Schopf!

Mein Blick nun wandert zu den Blüten über mir,
die Boten eines neuen Frühlings,
sag mir, ob es noch gibt im nächsten Jahr ein WIR!
In meinen Gedanken mich unterbrechend, die Stimme eines Finks.

Der Himmel färbt sich langsam rot,
das ist mein Zeichen zu gehen.
Doch ich weiß auch in größter Not,
wird der Wind mir zum Empfang hier wehen.

Langsam steig ich den Pfad hinauf,
mich umblickend ein letztes Mal.
Mühsam schlag ich die Augen auf:
Hier bin ich keinem egal!

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