Fontane-Kreis Leipzig: Fontanes Roman „Der Stechlin“ und der Stechlinsee

Text: Matthias Grüne
Foto: Petra Hesse

Günter Rieger

Es ist nicht bekannt, wann zum letzten Mal der rote Hahn aus dem Stechlinsee aufgestiegen ist und laut in das Land hinein gekräht hat. Diese seltsame Erscheinung, so schreibt es Theodor Fontane in seinem letzten Roman, ist immer dann zu sehen, wenn es irgendwo in der Welt gärt und brodelt. Dann kündet der rote Hahn tief in der Brandenburgischen Provinz von den ungeheuren Vorgängen und Verschiebungen da draußen. Nun ist die Gegenwart nicht arm an Ereignissen von dieser Tragweite, an Erschütterungen alter Gewissheiten und stabil geglaubter Verhältnisse. Es würde also nicht verwundern, den roten Hahn vom Stechlin wieder krähen zu hören.

Etwas mehr als 100 Jahre nach Vollendung des Romans lässt sich gut nachvollziehen, was Fontane an der Legende vom Stechlinsee fasziniert hat: Die Anzeichen fundamentalen Wandels in einer stillen Gegend, die sich scheinbar jeder Veränderung widersetzt, das unvermittelte Einbrechen der großen in die kleine Welt, die sinnbildliche Unmöglichkeit, sich dem Gang der Geschichte zu entziehen. Vielleicht ist es diese Mischung von Anhänglichkeit an Bewährtem, Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderung und Angst vor einer ungewissen Zukunft, die die Gegenwart mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verbindet; und vielleicht liegt in dieser geteilten Erfahrung der Grund für die Aktualität von Fontanes Alterswerk.

Von der ungebrochenen Anziehungskraft des Werkes jedenfalls zeugte die außergewöhnlich große Zahl an Zuhörern, die sich am 13. September 2017 zum Vortrag „Der Stechlin – Theodor Fontanes großes Werk“ in der Leipziger Stadtbibliothek einfand. Der Referent, der Verleger Günter Rieger aus Neuruppin, enttäuschte die Erwartungen nicht. In einer angenehm kolloquialen Weise führte er die Hörer in die Romanwelt ein, rief die wichtigsten Figuren und Ereignisse der Handlung in Erinnerung und scheute dabei auch nicht vor kleineren Abstechern in die Entstehungs- und Editionsgeschichte zurück. Den Höhepunkt des Vortrags sparte sich Rieger freilich bis zum Schluss auf: Eine Reihe ansprechender Fotos führte die Zuhörer nun auch visuell in den „Norden der Grafschaft Ruppin“ an den See „Stechlin“. Hier konnte der Referent nun ganz aus seiner Lokalkenntnis schöpfen und Fontanes Faszination für den See verständlich machen.

Zugleich schien bei dem virtuellen Gang um den heutigen See noch eine interessante historische Parallele zur Fontanezeit auf, der nachzugehen man sich fast noch mehr Raum und Zeit gewünscht hätte: Der See ist nämlich nicht nur ein Paradies für Badegäste und Taucher, sondern seit Jahren auch eine wichtige Forschungsstätte. Wissenschaftler messen in schwimmenden Laboren auf dem See die Auswirkungen des Klimawandels auf die Binnengewässer. Wenn es also auch kein roter Hahn ist, der aufsteigt, so zeigt sich doch am See Stechlin heute noch, wie die kleine und die große Welt zusammenhängen und wie unsichtbare Veränderungen, die zunächst weit weg scheinen, mit einmal sichtbar und ganz nah an einen heranrücken.

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