„Brief aus Berlin“ (28)

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

von Georg Bartsch

Erneut sind Jahrestage Thema meines Briefes:

zunächst der 150. Todestag von Heinrich Barth. Heinrich Barth, nach Alexander von Humboldt der bedeutendste deutsche Forschungsreisende des 19. Jahrhunderts, ist heute nahezu vergessen. Geboren und aufgewachsen in Hamburg, studiert Barth Geographie bei Karl Ritter in Berlin und geht nach London zum Studium der arabischen Sprache.

Nach einer ersten Reise 1845 bis 1847 nach Tunesien und Libyen kann Barth auf Vermittlung des preußischen Botschafters in London zusammen mit dem Geologen Adolf Overweg an einer britischen Expedition unter der Leitung des Missionars und Forschers James Richardson durch das nördliche Afrika teilnehmen. Ihn qualifizieren zum einen seine Sprachkenntnisse, zum anderen sein tiefes Verständnis fremder Kulturen – wohl die wichtigste Voraussetzung dieser sechsjährigen Reise mit all ihren Gefahren. Barth nennt sich selbst „Abd el Kerim“ – Diener des Gnädigen. Von Tripolis aus geht die Reise in die Sahara. Nach dem Tod von Richardson 1851 und von Overweg 1852 erhält Barth die Leitung der Expedition. Er gelangt bis Timbuktu. Nach seiner Rückkehr 1855 nach Europa schreibt Barth zunächst in London seine Forschungsergebnisse nieder und erhält 1863 in Berlin eine Professur in Geographie. Alexander von Humboldt schreibt zehn Wochen vor seinem Tod an Barth: „Ich bin tief beschämt, teurer Reise-College, dass die Furcht vor Ihren für mich jetzt unersteiglichen drei Treppen in der Philosophenstraße mich so lange gehindert hat, den zu besuchen, den wir das Glück haben möchten, ganz den Unsrigen zu nennen, und der uns einen Weltteil aufgeschlossen hat. […] Ich kann bezeugen, dass der kranke König eine große Wichtigkeit darauf legt, Sie, den allgemein Bewunderten, zu besitzen. Könnten Sie mich nicht morgen, Sonntag 27. Februar, zwischen 10 und 3 Uhr vormittags, mit Ihrem Besuch erfreuen? Es ist niemand im Vaterlande, der Ihnen mit mehr Bewunderung und Ergebenheit zugetan ist als Ihr A. v. Humboldt. Sonnabend, den 26. Februar 1859.“

Mit der Philosophenstraße ist die Schellingstraße gemeint, von der heute nur noch ein kleines Stück existiert. Von hier sind es nur ein paar Schritte zur Gedenktafel für Fontane in der (heute: Alten) Potsdamer Straße.

Theodor Fontane schreibt über seine Jugend in den Wanderungen: „Meine Hauptlektüre bestand damals in Reisebeschreibungen. Ein besonderes Entzücken gewährten mir die afrikanischen Entdeckungsreisen […] besonders die von Mungo Park am Niger, nach Timbuktu hin.“ Park stirbt 1805 oder 1806 auf einer Reise entlang dem Niger, ohne in Timbuktu an Land zu gehen. Erst Heinrich Barth soll es gelingen, 1853 Timbuktu zu erreichen und lebend zurück nach Europa zu gelangen. Fontane findet keinen rechten Zugang zu Barth. Am 30. Dezember 1856 notiert  Fontane in sein Tagebuch: „Barth (der […] trotz seiner Reisen langweilig und ein lederner, wenigstens unausgiebiger Mensch sein soll) zu Tisch geladen.“ Fontane beschreibt hier treffend die schwierige Persönlichkeit Barths.

Barth schreibt über einen Kontinent, über den man in Europa Mitte des 19. Jahrhunderts nur wenig wusste. Noch heute hat der Name Timbuktu einen mystischen Klang.

In Ein Sommer in London macht sich Fontane im Kapitel „Die Musikmacher“ über den Lärm der dortigen Straßenmusikanten lustig, indem er sich auf Barth bezieht: „Miss Constanze ist mit drei Busenfreundinnen auf den Balkon getreten und ergötzt sich an einer Musik, die, wenn sie wirklich afrikanisch wäre, mich die Reiseschicksale Barths und Overwegs mit doppelter Teilnahme würde verfolgen lassen.“

Barths Leistung als Forschungsreisender und sein im 19. Jahrhundert keineswegs selbstverständlicher respektvoller Umgang mit Kulturen des afrikanischen Kontinents sind jedoch nicht hoch genug einzuschätzen. Aufgrund später Folgen seiner strapaziösen Reisen stirbt Barth bereits mit 44 Jahren. Er hat ein Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Friedhof III der Jerusalems- und Neuen Kirche am Halleschen Tor in Kreuzberg. Auch heute ist Timbuktu wegen politischer Wirren wieder unerreichbar. Dort, im Heinrich-Barth-Haus, befindet sich ein kleines Museum. Das Haus hat den Krieg 2013 glücklicherweise unbeschadet überstanden.

Zu Recht erwarten Sie von mir die Erwähnung Adolph Menzels. An seinen 200. Geburtstag und 110. Todestag erinnern wir dieses Jahr. Menzel war Tunnel- und Rütli-Freund Fontanes, genannt Rubens. Passend erhielt der kleine Mann diesen großen Namen. Seine Bilder im Erdgeschoss der Alten Nationalgalerie lohnen immer einen Besuch. Auch die Zeichnungen Menzels in der Biografie Friedrichs II. von Franz Kugler sind unvergessen. Er war es aber auch, der zum ersten Mal das Grauen und Leid der Menschen im Krieg (gegen Frankreich) und in den Fabriken festhielt. Fontane schreibt über Menzel mit einem versteckten Seitenhieb auf Anton von Werner: „Was ihn mir so wert macht ist, daß Menzel – anders als so viele ‚Historiker mit dem Pinsel‘ – den künstlerischen Akzent seiner Bilder sehr bewußt auf das Hineinragen des Großen ins Kleinleben legt, sie also gleichsam als Akklamation des Herrschers durch sein Volk malt, was mir weit mehr bedeutet als alles militärische Gepränge in der ‚Spiegel-Gallerie‘ zu Versailles.“ Und mit Schmunzeln lesen wir in einem Brief Fontanes an Karl Eggers 1896 „[…] als ich eines Tages las‚ daß es nur noch drei große Männer in Deutschland gäbe: Bismarck, Menzel und Fontane‘, – da wurde mir doch unheimlich.“

Menzels Grab, ebenfalls ein Ehrengrab des Landes Berlin, befindet sich auf dem Dreifaltigkeits-Friedhof II in der Bergmannstraße.

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