Kategorie: Sektionen: Leipzig

Fontane-Kreis Leipzig: Schneiden, Kleben, Skizzieren – Theodor Fontanes Notizbücher

Vortrag von Dr. Gabriele Radecke in der Leipziger Stadtbibliothek am 25. April 2018

Text: Matthias Grüne
Foto: Monika Stoye

Die bekannteste Fotographie Fontanes zeigt ihn in einer Pose, wie wir sie vom Dichter erwarten würden: am Schreibtisch sitzend, den Stift in der Hand, offenbar bereit, den nächsten Einfall sogleich zu notieren, den Blick erhoben und ins Unbestimmte gerichtet. Ein etwas anderer Fontane wurden den Zuhörern präsentiert, die am 25. April in großer Zahl in die Leipziger Stadtbibliothek gekommen waren, um einen Vortrag von Gabriele Radecke über Fontanes Notizbücher zu hören. Denn in den 67 kleinformatigen Büchlein, die Fontane zwischen 1859 und Ende der 1880er Jahre geführt hat, begegnet man weniger dem Schreibtisch-Autor als dem Wanderer und Reisenden, der allerlei Eindrücke und Informationen zu späterem Gebrauch festhält; man begegnet auch dem Theaterjournalisten, der sich noch in den Aufführungen Notizen über Stück und Schauspieler macht, lernt dazu Fontane als recht passablen Zeichner kennen, dem offenbar daran gelegen ist, seine visuellen Eindrücke von den besuchten Plätzen und den geschauten Gegenständen möglichst genau festzuhalten; schließlich erfährt man, dass der Dichter nicht nur mit der Schreibfeder, sondern auch mit Schere und Klebstoff umzugehen weiß und sich nicht scheut, Blätter herauszutrennen oder Ausschnitte einzukleben, um mit diesem Material weiterarbeiten zu können.

„Schneiden, Kleben und Skizzieren“ war dann auch die Überschrift, unter der die Referentin ihren Vortrag gestellt hatte. Gabriele Radecke, Leiterin der Theodor Fontane-Arbeitsstelle an der Georg-August-Universität Göttingen, arbeitet seit 2011 mit ihrem Team an einer genetisch-kritischen Hybrid-Edition, für die erstmals alle Notizbuchniederschriften erschlossen, editorisch aufbereitet und als eigenständiges Textkorpus im Internet kostenfrei zugänglich gemacht werden; verschiedene Ansichtsmöglichkeiten werden dann dem Nutzer zur Verfügung stehen: die digitalisierten Manuskriptseiten, eine sehr präzise, auch die räumliche Anordnung berücksichtigende Transkription und schließlich eine edierte Fassung, die parallel auch in Buchform erscheint. Das Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen entsteht und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft großzügig gefördert wird, steht unmittelbar vor dem Abschluss, erste Ergebnisse können auf der Seite https://fontane-nb.dariah.eu/index.html bereits eingesehen werden.

Was für ein enormer Aufwand hinter dieser Edition steht, konnten die Zuhörer in der Leipziger Stadtbibliothek freilich allenfalls erahnen. Denn Radecke verzichtete weitgehend darauf, den Entstehungsprozess einer maschinenlesbaren Transkriptionsfassung zu erläutern und ihr Publikum in das Dickicht der Metadaten-Wälder zur führen – obwohl das Editionsprojekt gerade auf diesem Gebiet Pionierarbeit leistet und bereits jetzt zu einem Referenzmodell für künftige digitale Editionen geworden ist. Die Referentin nutzte stattdessen die Gelegenheit, den Notizbuchschreiber Fontane in möglichst vielen Facetten vorzustellen. Dass es ihr dabei ausgezeichnet gelang, das Interesse der Zuhörer für diesen doch wenig bekannten Teil des Fontane`schen Werkes zu wecken, zeigte sich anschließend in einer lebhaften Gesprächsrunde. Beflügelt wurde die Diskussion wohl auch durch die freudige Aussicht darauf, mit Abschluss des Editionsprojektes bald selbst auf eine Entdeckungsreise durch die Notizbücher gehen zu können.

Fontane-Kreis Leipzig – das war 2017

Zu Beginn des Fontane-Jahres 2017 stand die traditionelle Geburtstagsfeier für Fontane am 10. Januar 2017 in der Stadtteil-Bibliothek Süd. Christine Dietzel und Ralph-Peter Borchert lasen Texte aus Von Zwanzig bis Dreißig über die „Freundschaft“ zwischen Fontane und Storm, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wurde. Und Helga Sylvester erfreute uns mit Gedichten der beiden Jubilare. Im anschließenden geselligen Teil ergaben sich bei Wein, Sekt und mitgebrachten Köstlichkeiten anregende Gespräche – ganz im Sinne Fontanes.

Helga Sylvester, Ralph-Peter Borchert und Christine Dietzel lesen

Am 8. Februar war der stellvertretende Vorsitzende unserer Gesellschaft, Herr Professor Roland Berbig, mit dem Vortrag passend zur Faschingszeit „Ulk, Radau, Mumpiz – gefeiert und auch wieder nicht – Theodor Fontanes Feste“ unser Gast und konstatierte erfreut den regen Zuspruch, den er nicht erwartet hatte.

Professor Berbig beim Vortrag

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse präsentierte sich die Theodor Fontane Gesellschaft und der Fontane-Kreis am 25. März 2017 am Stand der ALG (Arbeitsgemeinschaften literarischer Gesellschaften) vor einem interessierten Messe-Publikum.

Sekretär Bernd Thiemann und die Leiterin des Fontanes-Kreises Leipzig Monika Stoye

Auf Empfehlung unseres Mitgliedes, Dr. Matthias Grüne, konnten wir am 5. April 2017 die Doktorandin am Institut für Theaterwissenschaft Andrea Hensel mit einem Vortrag über Karl Friedrich Schinkels Reisen nach Italien erleben. Die Referentin näherte sich dem Werk Schinkels aus theaterwissenschaftlicher Perspektive und eröffnete einen erfrischenden neuen Blick auf Schinkel.

Andrea Hensel beim Vortrag über Schinkel

In der Stadtteilbibliothek Süd lasen Mitglieder des Fontane-Kreises Leipzig Texte über die Dichterfreundschaft zwischen Theodor Storm und Theodor Fontane in der Veranstaltungsreihe „Café im Süden“ am 9. Mai 2017.

In der Bibliothek Südvorstadt beim Lese-Café

Als Einstimmung auf sommerliche Ausflugstage lasen die Schauspieler vom Teutschen Theater Teutschenthal Friederike Dietzel und Ralph-Peter Borchert am 14. Juni 2017 unter dem Motto „Also, morgen Donnerstag: Eierhäuschen“ Texte zu Landpartien aus den Romanen Fontanes Der Stechlin, Frau Jenny Treiben, L’Adultera und Cécile  und gaben eine Anregung, dieses Romane wieder einmal zu lesen.

Ralph-Peter Borchert und Friederike Dietzel lesen

Nach der langen Sommerpause lud der Fontane-Kreis Leipzig wieder in die gastlichen Räume

der Leipziger Stadtbibliothek am Wilhelm-Leuschner-Platz ein und kündigte den zahlreichen Fontane-Freunden ein interessantes Programm für den literarischen Herbst an.

Den fulminanten Auftakt am 13. September 2017 bildete der Auftritt des Verlegers und Mitgliedes der Gesellschaft, Günter Rieger, der mit seinem Vortrag über Fontanes Alterswerk Der Stechlin und über den Stechlinsee für einen vollen Saal mit über 90 Besuchern sorgte.

Günter Rieger
Stechlinsee

Ein weiterer Höhepunkt in unserem Herbstprogramm war der Vortrag von Prof. Dr. Hubertus Fischer „Fontane und Europa“ am 11. Oktober 2018. Es war eine Entdeckungsreise nach Polen, Italien, England, Schottland und der Schweiz auf den Spuren Fontanes und seiner Wirkung in unserer Zeit. Aber auch gleichzeitig eine Einstimmung auf das Jahr 2019, in dem Fontanes 200. Geburtstag zu feiern ist. Nicht zu vergessen der Hinweis auf die bedeutende Rolle, die der Aufenthalt Fontanes in Leipzig für seine spätere Entwicklung hatte.

Prof. Dr. Hubertus Fischer

Am 29. November 2017 wanderten wir mit Georg Bartsch über die Friedhöfe am Halleschen Tor in Berlin, wo sich Gräber von Menschen befinden, mit denen Fontane im Alltag zu tun hatte, mit denen er befreundet war, über die er seine Theaterkritiken schrieb oder sogar in seinen Werken auftauchen. Der Vortrag war sehr anregend und brachte zahlreiche positive Resonanzen und den Wunsch, die Reise unbedingt fortzusetzen.

Georg Bartsch

Text:   Monika Stoye
Fotos: Petra Hesse – Monika Stoye

Fontane-Kreis Leipzig: Fontanes Roman „Der Stechlin“ und der Stechlinsee

Text: Matthias Grüne
Foto: Petra Hesse

Günter Rieger

Es ist nicht bekannt, wann zum letzten Mal der rote Hahn aus dem Stechlinsee aufgestiegen ist und laut in das Land hinein gekräht hat. Diese seltsame Erscheinung, so schreibt es Theodor Fontane in seinem letzten Roman, ist immer dann zu sehen, wenn es irgendwo in der Welt gärt und brodelt. Dann kündet der rote Hahn tief in der Brandenburgischen Provinz von den ungeheuren Vorgängen und Verschiebungen da draußen. Nun ist die Gegenwart nicht arm an Ereignissen von dieser Tragweite, an Erschütterungen alter Gewissheiten und stabil geglaubter Verhältnisse. Es würde also nicht verwundern, den roten Hahn vom Stechlin wieder krähen zu hören.

Etwas mehr als 100 Jahre nach Vollendung des Romans lässt sich gut nachvollziehen, was Fontane an der Legende vom Stechlinsee fasziniert hat: Die Anzeichen fundamentalen Wandels in einer stillen Gegend, die sich scheinbar jeder Veränderung widersetzt, das unvermittelte Einbrechen der großen in die kleine Welt, die sinnbildliche Unmöglichkeit, sich dem Gang der Geschichte zu entziehen. Vielleicht ist es diese Mischung von Anhänglichkeit an Bewährtem, Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderung und Angst vor einer ungewissen Zukunft, die die Gegenwart mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verbindet; und vielleicht liegt in dieser geteilten Erfahrung der Grund für die Aktualität von Fontanes Alterswerk.

Von der ungebrochenen Anziehungskraft des Werkes jedenfalls zeugte die außergewöhnlich große Zahl an Zuhörern, die sich am 13. September 2017 zum Vortrag „Der Stechlin – Theodor Fontanes großes Werk“ in der Leipziger Stadtbibliothek einfand. Der Referent, der Verleger Günter Rieger aus Neuruppin, enttäuschte die Erwartungen nicht. In einer angenehm kolloquialen Weise führte er die Hörer in die Romanwelt ein, rief die wichtigsten Figuren und Ereignisse der Handlung in Erinnerung und scheute dabei auch nicht vor kleineren Abstechern in die Entstehungs- und Editionsgeschichte zurück. Den Höhepunkt des Vortrags sparte sich Rieger freilich bis zum Schluss auf: Eine Reihe ansprechender Fotos führte die Zuhörer nun auch visuell in den „Norden der Grafschaft Ruppin“ an den See „Stechlin“. Hier konnte der Referent nun ganz aus seiner Lokalkenntnis schöpfen und Fontanes Faszination für den See verständlich machen.

Zugleich schien bei dem virtuellen Gang um den heutigen See noch eine interessante historische Parallele zur Fontanezeit auf, der nachzugehen man sich fast noch mehr Raum und Zeit gewünscht hätte: Der See ist nämlich nicht nur ein Paradies für Badegäste und Taucher, sondern seit Jahren auch eine wichtige Forschungsstätte. Wissenschaftler messen in schwimmenden Laboren auf dem See die Auswirkungen des Klimawandels auf die Binnengewässer. Wenn es also auch kein roter Hahn ist, der aufsteigt, so zeigt sich doch am See Stechlin heute noch, wie die kleine und die große Welt zusammenhängen und wie unsichtbare Veränderungen, die zunächst weit weg scheinen, mit einmal sichtbar und ganz nah an einen heranrücken.

Fontane-Kreis Leipzig: „Also morgen Donnerstag: Eierhäuschen“ – Die Landpartien in den Romanen Theodor Fontanes

Text und Fotos: Petra Hesse

IMG_0141An einen sonnigen Juni-Mittwoch – am frühen Abend versammelten sich gut gelaunte, neugierige Literatur besessene und besonderes Fontane liebende LeipzigerInnen und solche die es gern wären in der Stadtbibliothek Leipzig im Veranstaltungsraum „ Huldreich Groß“ und überlegten, was sie an den nächsten Tagen bei sonnigem Sommerwetter wohl unternehmen könnten.

Da sitzen ihnen zwei gutgelaunte, sympathische und intelligente Menschen gegenüber, die da einen Vorschlag zu unterbreiten wissen: Gehen wir doch am Donnerstag zum „Eierhäuschen“ oder in „Löbeckes Kaffeehaus“.

Warum in die Ferne schweifen – das Gute ist so nah! „Forsthaus Raschwitz“ oder die Leipziger Seenplatte gehen ja auch!

Beide Akteure, Friederike Dietzel und Ralph-Peter Borchert, Schauspieler am Teutschen Theater Teutschenthal, verführen uns mit ihrer charmanten Art und mit Hilfe Fontanes  in die Berliner Umgebung und lesen Auszüge aus den Romanen Frau Jenny TreibelDer StechlinL’Adultera  anderen „Landpartien“ in die Mark Brandenburg und einem Abstecher in den Harz mit Cécile.

Die ZuhörerInnen folgen freiwillig und amüsierend den Ausführungen aus Fontanes

Reisebeschreibungen, die sich noch heute nicht nur lesen sondern auch begehen lassen.

Beide Akteure brachten uns die von Monika Stoye in bewährter Art und Weise ausgewählten, so lebendig an Frau und Mann, dass man am liebsten gleich zu Wanderstock und -schuh gegriffen hätte.

Eine wirklich gelungene Verabschiedung in die Sommerpause.

Ab September geht es weiter auf Fontanes Spuren – dann erinnern wir an  den Sommer und

Günter Rieger führt uns zu Fontanes Roman Der Stechlin und den Stechlinsee.

IMG_0142

Fontane-Kreis Leipzig: Karl Friedrich Schinkels Reisen nach Italien – theatrales Schreiben zwischen Bild und Schrift

Text: Matthias Grüne
Foto: Petra Hesse

IMG_9844

Seine Wertschätzung für Karl Friedrich Schinkel hätte Fontane kaum besser zum Ausdruck bringen können als über den Vergleich mit dem, alten Zieten‘, immerhin einer seiner Lieblingsfiguren der preußischen Geschichte. Beide ,Ruppiner‘ sind auf ihre Weise bedeutend, hält Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg fest, aber die Größe des Architekten überragt doch die des populären Reitergenerals aus der Zeit Friedrichs II.: „Unter allen bedeutenden Männern, die Ruppin, Stadt wie Grafschaft, hervorgebracht, ist Karl Friedrich Schinkel der bedeutendste. Der ,alte Zieten‘ übertrifft ihn freilich an Popularität, aber die Popularität eines Mannes ist nicht immer ein Kriterium für seine Bedeutung. Diese resultiert vielmehr aus seiner reformatorischen Macht, aus dem Einfluss, den sein Leben für die Gesamtheit gewonnen hat und diesen Maßstab angelegt, kann der ,Vater unsrer Husaren‘ neben dem ,Schöpfer unsrer Baukunst‘ nicht bestehen.“

Bei aller Verherrlichung des Militärischen, von der man Fontane nicht ganz freisprechen kann, weist er doch an dieser Stelle dem Künstler, zumindest diesem Künstler, den höheren Rang zu: „Wäre Zieten nie geboren, so besäßen wir (was freilich nicht unterschätzt werden soll) eine volkstümliche Figur weniger, wäre Schinkel nie geboren, so gebräch’ es unserer immerhin eigenartigen künstlerischen Entwicklung an ihrem wesentlichsten Moment.“ Fontane widmet dem Künstler zwar kein Gedicht wie dem, alten Zieten‘, dafür aber eine umfassende biografische Darstellung im Rahmen seiner Wanderungen, die eine profunde Kenntnis von Schinkels Gesamtwerk bezeugt; Anlass genug, sich einmal ausführlicher mit diesem Werk zu beschäftigen.

Aus diesem Grund stand in dem Vortrag, zu dem der Fontane-Kreis Leipzig am 5. April 2017 in die Stadtbibliothek Leipzig geladen hatte, einmal eine andere Neuruppiner Berühmtheit im Vordergrund als gewöhnlich. Die Referentin, Andrea Hensel, näherte sich dem Werk Schinkels interessanterweise nicht aus kunst- oder architekturgeschichtlicher, sondern aus theaterwissenschaftlicher Perspektive. Der prägnante biografische Überblick, der ihren Vortrag einleitete, vermittelte einen guten Eindruck von der Spannweite und Vielgestaltigkeit, die Schinkels künstlerisches Schaffen auszeichneten. Die Forschung hat sich, um diesen ungeheuren Reichtum an Ausdrucksformen zu ordnen, oft mit einfachen Kategorisierungen beholfen und das Gesamtwerk nach Künsten (Malerei, Architektur) oder nach Epochenstilen (Klassik, Romantik) aufgeteilt. Hensel ging in ihrem Vortrag einen anderen Weg, indem sie Schinkels Arbeiten unter dem Aspekt ihrer immanenten Theatralität integrativ zusammenfasste.

Im Mittelpunkt standen dabei die Skizzen und Tagebuchaufzeichnungen, die Schinkel während seiner ersten Italienreise von 1803 bis 1805 anfertigte. Anhand zweier geschickt gewählter Beispiele, der Ankunft im Hafen von Messina und der Besteigung des Ätna, konnte Hensel ihren Ansatz überzeugend darstellen. In beiden Fällen lässt sich gut beobachten, mit welchem Geschick Schinkel seine zunächst angefertigten kurzen Beschreibungen und flüchtigen Skizzen nachträglich in eindrucksvolle, symbolisch verdichtete Szenen umarbeitet. Die verdoppelte Perspektive, die sich aus den en plein air und mit geringer zeitlicher Distanz angefertigten Skizzen und Notizen und den späteren Ausarbeitungen ergibt, hat bereits Fontane bemerkt; allerdings widersprach Hensel ein Stück weit der Bemerkung des Biografen, Schinkel hätte die flüchtig hingeworfenen Umrisse „am Abend mit der staunenswertesten Treue und von einem nie irrenden Gedächtnis unterstützt im einzelnen“ ausgeführt. Denn sie zeigte auf, wie bei dieser Ausarbeitung theatrale Verfahrensweisen zum Tragen kommen oder, anders gewendet, Schinkels Gedächtnisarbeit an dramaturgischen Kategorien ausgerichtet bleibt. Der Vortrag eröffnete damit einen erfrischend neuen Blick auf Schinkels Werk, ohne dabei der Bewunderung, die sich in Fontanes Darstellung ausdrückt, einen Abbruch zu tun.

Merken

Fontane-Kreis Leipzig: Wald und weites Feld – Zur literarischen Verwandtschaft von Berthold Auerbach und Theodor Fontane

IMG_9420

Text: Matthias Grüne
Fotos: Petra Hesse

Im März 1878 erscheint in der Beilage zur Vossischen Zeitung eine Rezension von Berthold Auerbachs einaktigem Lustspiel Das erlösende Wort. Ihr Autor, Theodor Fontane, lässt keine Zweifel daran, was er von dem Stück hält: „Das ist nichts!“ Vernichtender kann das Urteil kaum ausfallen. Auerbach ist tief getroffen, zumal er viel auf Fontanes Wort gibt. Es ist wohl der Tiefpunkt in der Beziehung zwischen den beiden Autoren. Aber sind es grundsätzliche künstlerische Differenzen, die sich in diesem Urteil niederschlagen? Wie nah oder fern standen sich Fontane und Auerbach überhaupt? Und welche Verbindungen und Verwandtschaftsbezüge offenbaren ihre literarischen Werke?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich Jana Kittelmann (Halle) in ihrem ebenso aufschlussreichen wie unterhaltsamen Vortrag  „Wald und weites Feld – Zur literarischen Verwandtschaft von Berthold Auerbach und Theodor Fontane“, der am 30. November 2016 in der Stadtbibliothek Leipzig zu hören war. Mit großer Sachkenntnis spürte die Referentin den biografischen und literarischen Bezügen zwischen den beiden Autoren nach. Überschneidungen gibt es dabei durchaus. Sowohl Fontane als auch Auerbach kommt das Verdienst zu, eine Region und Landschaft literarisch erschlossen zu haben: Für Auerbach ist der Schwarzwald, was die Mark für Fontane ist. Und doch scheinen die Autoren sich in mancher Beziehung sehr fern zu stehen. Allein ihre werkbiografische Entwicklung geht diametral auseinander. Mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten wird Auerbach bereits als 30-Jähriger zu einer Berühmtheit, doch überschattet dieser über den deutschen Sprachraum reichende Erfolg zugleich sein gesamtes Werk. Im kollektiven Gedächtnis bleibt er immer der Autor der Dorfgeschichten, seine späteren Texte und vor allem seine dramatischen Versuche bleiben, wie nicht zuletzt Fontanes Rezension beweist, dahinter weit zurück. Bei Fontane ist die Entwicklung genau entgegengesetzt, und während Auerbachs Berühmtheit nach seinem Tod rasch verblasst, avanciert Fontane posthum zum wichtigsten Vertreter des deutschen Realismus.

IMG_9002

Dass sich die Beschäftigung mit Auerbachs Werk dessen ungeachtet weiterhin lohnt, zeigte Kittelmann besonders im zweiten Teil ihres Vortrags. Dieser widmete sich einem Motiv, das die Werke beider Autoren – wie überhaupt die gesamte Literatur des 19. Jahrhunderts – durchzieht: die Figur des Försters. In Fontanes Werk ist dies, abgesehen vom Roman Quitt, vielleicht nicht so offensichtlich. Doch die Referentin wies am Beispiel von Cécile darauf hin, dass auch an andere Stellen die Figur des Försters bei Fontane auftaucht und eine Auseinandersetzung mit forstwissenschaftlichen Themen stattfindet. Der ent-romantisierende, wissenschaftliche Blick auf den Försterberuf prägt aber auch und im Grunde sogar in stärkerem Maß die Texte Auerbachs, etwa den Roman Der Forstmeister von 1879. Auerbach thematisiert darin, wie Kittelmann betonte, neben forstwissenschaftlichen auch ökologische Fragen. Dieses thematische Interesse sucht man im Werk Fontanes wohl vergebens. Ein Grund mehr, sich wieder ausführlicher mit dem literarischen und außerliterarischen Wirken seines ehemals berühmten, aber heute nur noch wenig beachteten Zeitgenossen zu beschäftigen.

Fontane-Kreis Leipzig: Zum 70. Todestag von Gerhart Hauptmann

Von den „nervösen Frauen“ des 19. Jahrhunderts zu einer Ehe zu dritt: zum 70. Todestag von Gerhart Hauptmann, Vortrag von Prof. Dr. Rüdiger Bernhardt

Text: Matthias Grüne

Foto: Petra Hesse

IMG_9164Am 6. Juni 2016 jährte sich der Todestag des Dichters Gerhart Hauptmann zum 70. Mal. Viel Aufmerksamkeit ist diesem Jubiläum in der Öffentlichkeit nicht geschenkt worden. Der Ruhm des einst europaweit gefeierten Dramatikers, der 1912 den Literaturnobelpreis erhielt und zu Beginn der 1920er Jahre sogar als Reichspräsident gehandelt wurde, ist mittlerweile erheblich verblasst. Einen festen Platz im Kanon und auf den Theaterbühnen haben lediglich Texte aus dem naturalistischen Frühwerk. Der bemerkenswerte Reichtum an Stiltendenzen und Themen hingegen, der Hauptmanns späteres Werk auszeichnet, hat auf lange Sicht seinem literarischen Nachruhm eher geschadet als genützt. Es festigte sich das Bild eines Dichters, der sich zu einem klaren künstlerischen Programm nicht entschließen kann und immerzu zwischen den verschiedenen Positionen und Strömungen laviert.

Aus Anlass des Jubiläums hatte der Fontane-Kreis Leipzig mit Prof. Dr. Rüdiger Bernhardt einen ausgewiesenen Kenner von Hauptmanns Werk am 20. September 2016 in die Stadtbibliothek Leipzig geladen. Fontane selbst und dessen Beziehung zu dem jungen Hauptmann spielten im Vortrag allerdings nur am Rande eine Rolle. Dafür bekamen die Zuhörer einen detaillierten Einblick in das Leben und Schaffen des Jubilars. Bernhardts Anliegen war es, das Beharren auf der Widersprüchlichkeit und Unentschiedenheit als den charakteristischen Zug von Hauptmanns Persönlichkeit und seinen literarischen Texten auszuweisen. In den Mittelpunkt seines Vortrages rückte der Referent dabei das Bemühen des Dichters, alternative Liebes- und Lebensformen wie die Ehe zu dritt literarisch durchzuspielen und in der Realität zu verwirklichen. An zahlreichen Beispielen, darunter die Erzählung Bahnwärter Thiel, das Märchendrama Die versunkene Glocke oder das Drama Und Pippa tanzt!, zeigte Bernhardt auf, wie Hauptmann meist über seine Frauenfiguren die Gegensätze der menschlichen Natur – das Streben nach dem Geistig-Kultivierten und das Verlangen nach dem Sinnlich-Kreatürlichen – darstellt. Die Ehe zu dritt erschien dem Dichter vor diesem Hintergrund als eine Möglichkeit, diese Gegensätze in gewisser Weise zu balancieren und zu ertragen. Dass die Widersprüche damit nicht aufgehoben, das Problem ihrer Vermittlung nicht endgültig gelöst werden kann, lässt sich sowohl den Texten als auch Hauptmanns Biografie entnehmen. Und dennoch: Wie Bernhardts Vortrag eindrucksvoll vorführte, ist es gerade die Artikulation jener innermenschlichen Widersprüche, die Hauptmanns Werk in seiner Gesamtheit auszeichnet und auch heute noch, 70 Jahre nach dem Tod des Dichters, interessant und relevant macht.

Fontane-Kreis Leipzig: Theodor Fontane – Der englische Charakter, heute wie gestern

Text: Matthias Grüne
Fotos: Petra Hesse

IMG_8540

IMG_8550In Zeiten des Brexit ist man in Deutschland mit Klagen über den Charakter ,des‘ Engländers schnell bei der Hand. Man schimpft über sein merkantiles Profitdenken und kritisiert ihn für seinen Mangel an Idealismus. Vergleichbare antienglische Ressentiments haben freilich eine lange Tradition. Ein unrühmlicher Höhepunkt anglophoben Denkens in Deutschland war die massive Propagandakampagne gegen England während des Ersten Weltkriegs. Im Klima eines radikal übersteigerten Hasses wurde sogar der als anglophil geltende Fontane als ideologische Waffe gegen das abtrünnig gewordene, germanische Brudervolk‘ eingesetzt.

Wie es dazu kommen konnte, darüber informierte der Vortrag des Historikers Rudolf Muhs (London), der am 30. Juni in der Stadtbibliothek Leipzig zu hören war. Im Zentrum von Muhs Darstellung stand ein Buch mit dem Titel Der englische Charakter, heute wie gestern, das 1915 im Fischer-Verlag erschienen ist und Theodor Fontane als Autor führt. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Kompilation englischkritischer Passagen aus den Reisefeuilletons, die Fontane während seiner zweiten Englandreise geschrieben und 1854 unter dem Titel Ein Sommer in London veröffentlicht hatte.

Muhs erläuterte kenntnisreich und unterhaltsam, wie es zu dieser Veröffentlichung kam. Er zeichnete ein detailreiches Bild des weiteren geschichtlichen Kontextes und führte vor Augen, dass die Kultivierung des Hasses gegenüber dem Kriegsgegner letztlich der neuen, hochtechnisierten Art der Kriegsführung geschuldet war. Der Erste Weltkrieg griff tiefer ins Leben der Zivilbevölkerung ein als jeder Krieg zuvor und die ungeheuren Opfer, die er vom Einzelnen verlangte, mussten beständig rechtfertigt werden. Das unscheinbare Fontane-Bändchen war also Teil einer ,geistigen Mobilmachung‘, die das Ziel hatte, die Kriegsmaschinerie möglichst lange am Laufen zu halten.  

Ausführlich ging Muhs auch auf den engeren, verlagsgeschichtlichen Kontext der Schrift ein. Er beleuchtete, welche Zielsetzung der Fischer-Verlag mit der Reihe Sammlung von Schriften zur Zeitgeschichte verfolgte, in die das Fontane-Buch aufgenommen wurde. Zudem ging er auf die persönlichen Motive des Herausgebers Samuel Saenger ein, der sich wie viele andere jüdische Intellektuelle um eine überdeutliche Artikulation seines ,Deutschseins‘ bemühte.

Schließlich richtete der Referent den Blick zurück auf Fontane selbst und spürte der Frage nach, ob sich in dessen Werk tatsächlich anglophobe Einstellungen nachweisen lassen. Dabei konnte er überzeugend darlegen, dass die englandkritischen Passagen aus den Reisefeuilletons vor dem Hintergrund von Fontanes zweiter Englandreise gelesen werden müssen. Der junge Fontane kam damals in eine Welt, die ihm nicht zuletzt aufgrund sprachlicher Barrieren fremd und ungastlich erschien. Im Zuge seines dritten Englandaufenthalts von 1855-1859 erfuhr seine Haltung jedoch einen grundlegenden Wandel. Die zunehmende Vertrautheit mit dem modernen England stärkte die Bereitschaft, das ,Fremde‘ dieser Lebenswelt nicht mehr rundheraus abzulehnen, sondern in seiner ,Andersheit‘ zu akzeptieren. Diese Erkenntnis, mit der Muhs seinen äußerst lebendigen und informativen Vortrag schloss, verdient nicht nur in Zeiten des Brexit gehört zu werden.

„Fontane und Menzel.“ – Vortrag von Prof. Dr. Andreas Köstler in Leipzig

Text: Matthias Grüne

Foto: Petra Hesse

IMG_8326„Apart gelungen“! So urteilt Fontane über sein eigenes Gedicht, das am 8. Dezember 1885 anlässlich des 70. Geburtstages von Adolph Menzel in der Vossischen Zeitung erschien. Ohne Frage hat er recht: Auf der Treppe von Sanssouci ist eine differenzierte, ja subtile Reflexion über Menzels Kunstauffassung und die Möglichkeit, ihr mit literarischen Mitteln gerecht zu werden. Geistreich ist bereits die Idee einer nächtlichen Begegnung mit dem Geist Friedrichs II., der gekommen ist, um sich zu erkundigen, wer denn eigentlich dieser  Menzel sei. Das lyrische Ich weiß auf diese Frage keine bessere Antwort, als die vielen Personen und Dinge aufzuzählen, die sich auf Menzels Bildern finden – von den „Walz- und Eisenwerken“ bis zur „Hummer-Majonnaise“, von „Bismarck“ bis zu „Gräfin Hacke“. Kein Gegenstand, so will er damit sagen, ist dem Maler zu unbedeutend, um nicht in einer Zeichnung festgehalten werden zu können. Das Gedicht reflektiert Menzels Schaffen aber auch auf einer anderen Ebene: Seine Wirkung verdankt es der kunstvollen Situierung der Handlung, der Vergegenwärtigung der winterlichen Parkanlage von Sanssouci. Mit wenigen, scheinbar leicht hingeworfenen Worten wird hier ein Nachtstück von erstaunlicher atmosphärischer Dichte entworfen. Bewusst oder unbewusst spiegelt Fontane damit ein für Menzels ,Realismus‘ zentrales Verfahren, wonach der ,Realitäteffekt‘ des Bildes weniger aus der fotografischen Treue entspringt als aus der Suggestion von Situiertheit, dem Entwurf des dargestellten Raumes von einem körperlich anwesenden, erlebenden Ich aus. Schließlich lässt sich der Text noch als eine Aussage über das persönliche Verhältnis der beiden Künstler lesen. Die despektierlichen Äußerungen über die Schriftsteller, die der Autor dem Alten Fritz in den Mund legt, sind vielleicht mehr als ein rhetorischer Kniff. Möglicherweise entstammen sie einem unterschwelligen Gefühl der Rivalität mit dem Maler, der eine öffentliche Anerkennung genoss, die für Fontane zu diesem Zeitpunkt noch unerreichbar schien.

Damit ist bereits eine der zentralen Thesen des Vortrags berührt, der am 13. April 2016 in der Stadtbibliothek Leipzig zu hören war. Der Vorsitzende der Theodor Fontane Gesellschaft, Prof. Dr. Andreas Köstler, sprach dort über die Beziehungen und Begegnungen zwischen „Fontane und Menzel“; nebenbei bemerkt: vor einer rekordverdächtigen Kulisse. Der Vortragssaal „Huldreich Groß“, in dem traditionell die Veranstaltungen des Fontane-Kreises Leipzig stattfinden, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Offenbar hatte das Thema neben den treuen Fontane-Freunden auch zahlreiche Menzel-Liebhaber angelockt, was durchaus eine freudige Überraschung war. Denn obwohl Menzel mit Recht unter die bedeutendsten europäischen Maler des 19. Jahrhunderts gezählt wird, sind sein Name und sein Werk in der öffentlichen Wahrnehmung seltsam verblasst. Köstlers gleichermaßen unterhaltsamer wie anspruchsvoller Vortrag zeigte nicht zuletzt, dass Menzels Bilder angesichts ihrer herausragenden künstlerischen Qualität mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ihnen oft zuteilwird.

Seinen Überblick über das Verhältnis der beiden großen ,Realisten‘ zueinander begann Köstler mit einigen biografischen Details. Menzel und Fontane, so wurde schnell klar, verbindet eigentlich eine ganze Menge, angefangen von den ähnlichen Lebensdaten, über die gemeinsame Zeit im Tunnel und im Rütli bis hin zu ähnlichen Einstellungen in ästhetischen oder politischen Fragen. Angesichts dieser vielen Überschneidungen überrascht der kühle, mitunter sogar distanzierte Umgang, den die Künstler miteinander pflegten. Die Wirkungsgeschichte des eingangs besprochenen Huldigungsgedichtes gibt dafür übrigens ein gutes Beispiel. Denn die erwartete Danksagung des Gefeierten blieb zunächst aus, was den in diesen Dingen empfindlichen Fontane nachhaltig verstimmte. Wie Köstler hervorhob, ist die briefliche Kommunikation der beiden zumeist in einem nüchternen, geschäftsmäßigen Ton gehalten. Herzlichkeiten liest man selten, noch seltener ausführlichere Stellungnahmen zu den künstlerischen Leistungen des anderen, insbesondere vonseiten Menzels. Fontane zeigt sich in dieser Hinsicht etwas mitteilungsfreudiger und schließlich liefert er, wie gesehen, mit seinem Geburtstagsgedicht eine durchaus vielschichte Interpretation von Menzels Schaffen. Doch trotz dieser Äußerungen bleibt der Gesamteindruck, dass beide Künstler sich nicht allzu viel zu sagen gehabt hätten.

Von dieser Beobachtung aus richtete Köstler dann den Blick auf mögliche Parallelen und Verbindungspunkte in der Kunstauffassung und wird schnell fündig. Am Gegenstand einiger bekannter Gemälde – darunter das Flötenkonzert und Abreise König Wilhelms I. zur Armee am 31. Juli 1870 – konnte er eindrucksvoll belegen, wie ähnlich sich Menzel und Fontane in der Konstruktion ihrer Bild- bzw. Erzählwelten sind. Verblüffend waren insbesondere die Hinweise des Referenten auf die vielen ,Finessen‘ Menzels, die zahlreichen impliziten Kommentare, die sich in seinen auf den ersten Blick so faktentreuen Bildern aufspüren lassen; ein Prinzip, das dem Fontane-Leser nur allzu bekannt vorkommt. Was in Köstlers Ausführungen dabei immer wieder aufschien, war der Gedanke, dass möglicherweise gerade die Nähe in künstlerischen Fragen ein Grund für das kühle persönliche Verhältnis war. Denn diese Nähe machte Fontane und Menzel in gewissem Sinne zu Konkurrenten auf dem Gebiet des Realismus, zu Rivalen in aestheticis.

Fontane-Kreis Leipzig: „Und nun noch ein Geschichtchen“

Zur Erzählstruktur Von Zwanzig bis Dreißig. Vortrag am 3. Februar 2016

IMG_8147

Nach einer Vorschau auf das  Jahresprogramm 2016 des Fontane-Kreises Leipzig wurde dasselbe mit einem Vortrag von Matthias Grüne, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Leipzig, zu Fontanes autobiografischem Werk Von Zwanzig bis Dreißig: Autobiographisches (1898) eröffnet.

Der Referent, der den Fontane-Freunden bereits durch mehrere Vorträge sehr gut bekannt war, stellte dieses Mal eine erzähltheoretische Analyse vor, die im Rahmen eines Seminars zur Vorbereitung einer Neuausgabe dieses zweiten Erinnerungsbuches Fontanes unternommen worden sei. Dabei erörterte er dessen künstlerische Qualität und ging gezielt auf narrative Strukturen ein, die er an konkreten Textstellen aufzeigte. So verfolgte der Vortragende erzählerische Mittel anhand von Charakterstudien und Kurzportraits, die der Autor auch zu Kollegen des Tunnel-Vereins angefertigt hatte. Er stellte mithin fest, dass keine scharfe Abtrennung zwischen schreibendem Ich und dem erlebenden jungen Fontane als Figuren-Ich besteht: die Erinnerung erscheine nicht als „abgelegtes Material“ früherer Zeiten, sondern bleibe in der Erzählung lebendig und nah. 

Grüne fand weiter heraus, dass Fontane seine erzählten Lebensstationen mit dem „Anschein des Alltäglichen“ unscheinbar „umkleidet“ habe. Beispielsweise berichtet Fontane von der Verlobungsszene mit Emilie Kummer, als sich ihm am Fuß einer Brücke plötzlich der Gedanke aufgedrängt habe, es sei am besten, sich mit ihr zu verloben – was dieselbe Brücke überschritten habend, unaufgeregt, geradezu belanglos geschehen war.

Fontane selbst stehe im Mittelpunkt seiner Erzählung ohne wirklich ihr Gegenstand oder Protagonist zu sein, fasste der Referierende zusammen. Thema seien vielmehr jene Zeitgenossen, die in die Deutungsperspektive des Alten gestellt werden und recht eigentlich das gelebte Leben beschreiben. Es handele sich, so der Abschluss der Untersuchung, nicht um eine unfest abgesteckte Entwicklungsgeschichte im Sinne des Werdens und Reifens zwischen Lehrjahren und Heirat. Vielmehr stelle die Autobiografie eine pointierte Rückblende auf die gesellschaftlichen Kreise dar, worin Fontane einst verkehrte. Zuletzt weise das autobiografische Erzählkonzept, das auch Fontanes Revolutionsbegeisterung spiegelt, ehemalige Schauplätze aufruft und Akteure der Vergangenheit als nahezu fiktive Figuren vergegenwärtigt und mit ihnen abrechnet, strukturelle Parallelen zu Fontanes Romanwerk auf. Somit bestehe die Besonderheit des besprochenen Textes im Wahrheitsanspruch, zugleich in der romanartigen Aufstellung der Figuren.

Text: Dr. Uta Hanke

Foto: Monika Stoye