Kategorie: Publikationen

Charlotte Jolles – Gedenktafel in Berlin

Berliner_Gedenktafel_Großbeerenstr_82_(Kreuz)_Charlotte_Jolles

Der Initiative des ehemaligen, langjährigen Vorstandsmitgliedes Wolfgang Stapp ist es zu danken, dass am Vormittag des 21. Septembers 2014 in der Kreuzberger Großbeerenstraße am Haus mit der Nr. 82 eine weiße Porzellantafel der KPM (Königliche Porzellanmanufaktur) angebracht und für die Öffentlichkeit enthüllt und damit sichtbar gemacht werden konnte, dass die Theodor Fontane Gesellschaft im Zusammenwirken mit der Historischen Kommission zu Berlin im Rahmen des „Berliner Gedenktafel-Programms“ an diesem Ort an eine verdienstvolle Berliner Persönlichkeit erinnert. Dass dieses seitens der Theodor Fontane Gesellschaft finanzierbar und damit überhaupt möglich wurde, verdanken wir auch den zahlreich eingegangenen Spenden von Mitgliedern der Gesellschaft.

Sadasdsad
Enthüllung der Gedenktafel für Ch. Jolles in der Großbeerenstraße

Anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel für die ehemalige Ehrenpräsidentin unserer Gesellschaft, Prof. Dr. Charlotte Jolles, sprach der Stellvertretende Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Roland Berbig:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Mensch, an den zu gedenken uns diese kleine Tafel mahnt, war ein besonderer Mensch. Es hätte keiner Ehrung, keines Preises, keiner Würdigung bedurft, um an Charlotte Jolles, die am 5. Oktober 1909 ihr Berliner Bürgerecht durch Geburt erwarb, jenes gewisse Etwas wahrzunehmen. Dabei waren die ersten Kapitel ihres Lebens von beglückender Durchschnittlichkeit. Das Kind und die Jugendliche atmete die gutbürgerliche Luft der Großbeerenstraße, spazierte die Uferstraßen zur Hochbahnhaltestelle „Hallesches Tor“, um zu ihrem Gymnasium in der Frankfurter Allee 37 zu gelangen. Alltag in einer Großstadt, die in den zwanziger Jahren verrückt spielte und die verrückt wurde, bis von ihr nichts mehr übrigblieb als Trümmer und Ruinen. Wir wissen es. Die junge Frau, die an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik studierte und 1932 begann, preußische Ministerialarchive nach Spuren von Theodor Fontane zu durchforsten, nicht. Ihr Vater war ihr Vater und Bauingenieur, nichts sonst. Dass er jüdischer Herkunft war, es beschäftigte sie nicht – vorerst. Der prominente Germanistikprofessor Julius Petersen begünstigte ihren Weg durch die ersten Jahre nationalsozialistischer Diktatur, deren Ideen er akzeptierte, wenn nicht teilte, ohne dabei sein universitäres und menschliches Rechtsgefühl aufzugeben. Als würde schon alles gut gehen – als ginge doch immer alles gut. Die Dissertation Fontane und die Politik, die während der Zeit und ohne jegliche finanzielle Förderung entstand (Jolles hielt sich mit Arbeiten für den Wasmuth-Verlag über Wasser), ist auch in der historischen Rückschau ein Glanzstück, ein Durchbruch zu neuen Fontane-Forschungsufern. Dass sie ein halbes Jahrhundert später erst im Buchdruck erschien, blamiert und entblößt die Zeitverhältnisse, nicht das Profil dieser Schrift. Und schon gar nicht das ihrer Verfasserin. Im Gegenteil.

Sdsfdsf

Die suspendierte sich, nachdem das Rigorosum am 13. Februar 1937 absolviert war, ohne viel Aufsehen vom akademischen Promotionsfestakt. Man hatte ihr signalisiert, der Rektor werde ihr den Handschlag verweigern. Sie dachte nicht daran, auch nur die kleinste Erniedrigungsgeste dieser oder verwandter Art ein-, gar wegzustecken. Wer in den Zeitungen vom „abgrundtiefen Haß des niederrassigen Volkes“ der Juden las (V. Klemperer 1,336) und „Judensondersteuern“ erhoben sah, der wusste, wo er war. Das war Jolles‘ Ort nicht. Ihr Ort aber war und blieb Berlin. Sie dachte nicht daran, es kopf-, vor allem es herzlos zu verlassen. Einer Anstandspflicht galt es zu genügen und einer der Liebe: die Sterbebegleitung ihres Vaters. Erst als dessen Tod 1938 eine familiäre Lage besiegelte, verstand sich Jolles darauf, wozu Wohlmeinende seit langem gedrängt hatten: dieses verkommende, nein: verkommene Deutschland zu verlassen. „Heraus ins absolute Nichts?“1 fragte sich im Dezember 1938 der in Dresden lebende Romanist Victor Klemperer und setzte 1939 halbherzig in Dresden seinen Unterricht im Englischen fort. Und im Juli 1939 sah Ilse Aichinger in Wien, zwölf Jahre jünger als Jolles und gestempelt als Halbjüdin, zu, wie ihre Zwillingsschwester Helga auf einem der letzten Quäker-Kindertransporte der „Society of Friends“ nach England ausgeschifft wurde. „Unterwegs zu einem Abschied, von dem keiner ahnte, wie endgültig er sein sollte.“2 Charlotte Jolles, wohl zu keinem  Zeitpunkt ihres Lebens schicksalsergeben und gesenkten Hauptes nur, wenn es galt, Stufen hinabzusteigen oder etwas aufzuheben, verließ Anfang 1939 die deutsche Reichshauptstadt: in der Börse zehn Reichsmark, im Gepäck eine  Reiseschreibmaschine, und im Kopf germanistisches Wissen, von dessen Konvertierbarkeit im Englischen sie keinen Begriff hatte. Was ihr Herz zurückließ, darüber hat sie geschwiegen, ein Leben lang. Es ging niemanden etwas an. Was wir uns vorstellen können, es reicht, auch ein Leben lang.

„Wenn es einen Trost gibt, wir können ihn beziehen von dem Menschen, dessen wir gedenken.“ Dieser Satz von Uwe Johnson ist gültig nicht nur für den, auf den er gemünzt war – gültig allerdings nur für wenige. Charlotte Jolles gehört zu diesen Wenigen. Auch sie war vertraut mit dem Sachverhalt, „wonach zwischen seinem ersten Bewußtsein vom Leben und dem notwendigen Übel des Sterbens nur eine unbestimmte Zeit ist und das, was er in sie hineinbringen kann nach Willen, nach Kräften.“3 Die 1939 ins „Nichts“ ging, nach London zuerst, dann, von Kathleen Freeman eingeladen, nach Watford in das „Landheim für tschechische, deutsche und österreichische Flüchtlingswaisenkinder“, sie hatte den Willen und die Kräfte auch, um ihrem ausgeleerten Dasein in der englischen Fremde neuen Inhalt zu geben. Die kaum 30jährige gab das, was die historische Stunde gebot und was sie zu geben vermochte. Die Fotografien aus jener Zeit zeigen eine schöne, zierliche Frau, die mit sich im Reinen scheint. Oder lesen wir uns jene Bilder schön – nach den Wünschen, die wir für die Person haben, die uns auf ihnen begegnet? Der deutschen Doktorhut – ohne Wert, die Universitätszeugnisse – hinfällig, die ehemaligen Fürsprecher – suspekt … Was Jolles aus Berlin nach England mitbrachte, taugte zum Überleben. Taugte es auch, dem verlorenen Lebenssinn einen neuen zu finden? Keine Beziehungen, keine Kontakte, ein Leben, zurückgeworfen auf die Ausgangslinie. Jolles, klein von Gestalt, groß in ihrem Willen, nahm das, was gemeinhin Schicksal genannt wird, mit dem ihr eigenen Geschick an. Verhältnissen, die die Stirn hatten, ihre Biographie zu zerstören, bot sie nun selbst die Stirn. Von der Pike an absolvierte sie ein zweites Mal eine akademische Ausbildung: erst als Lehrerin, die sich nicht zu schade für den Schuldienst war, dann als Akademikerin, die von 1955 an am Birkbeck College der University of London alle universitären Stufen durchschritt, ehe sie 1974 das Ziel erreichte, auf das sie ein Vierteljahrhundert zuvor schon Anspruch gehabt hatte: eine Professur im Fach der neueren deutschen Literatur.

Meine Damen und Herren, ich muss mich korrigieren: Nichts, so sagte ich eben, was exiltauglich war, habe Jolles aus Berlin mit in die Emigration genommen. Das ist unrichtig. Sie hatte nämlich einen Begleiter, der mit ihr gereist war, der ihr seelische Lasten nahm, dem das rechte Wort stets zur Hand war, der sich in London formidabel auskannte und der vor der unheilbaren Krankheit Heimweh zu schützen wusste. Einen, dem zu vertrauen war in allen Lagen und unbedingt: Theodor Fontane. Wie er ihr schon bei der Dissertation mit einem Thema geholfen hatte, so nun auch bei ihrem Master of Arts: Fontane and England. Damit waren die beiden Pole fixiert, die diesem Leben Halt gaben, es befestigten in einer Zeit, die jedes Maß und jeden Halt eingebüßt hatte. Fontane war Jolles eine Gewähr für Kontinuität in ihrem Leben, das jenes Kontinuum eingebüßt hatte, auf das andere blind, ja blindlings vertrauen – weil es ihnen nie bedroht war. Dass ihr Deutschland nach 1945 keine Alternative zu ihrer britischen, ihrer englischen Existenz war, war etwas, dass sie mit sich abmachte. Sie wurde britische Staatsbürgerin. Wer darüber Erkundungen anstellen wollte, musste einen guten, sanften Moment erwischen – dann allerdings bekam er zu hören, was einer Rechnung glich, die offen geblieben war, bleiben musste. Jene Erfahrung, die der Film über Marcel Reich-Ranickis Lebens-Buch eindrucksvoll ins Bild gesetzt hat: Der Überlebende des Warschauer Ghettos geht durch die Straßen einer deutschen Stadt und ihm begegnen, beklemmend beiläufig, Gesichter, die wenige Jahre zuvor den Tod der Seinen besiegelt hatten: an der Telefonzelle, auf dem Zebrastreifen, überall – unausweichbar. Dieses Bild war ein Bild, das Charlotte Jolles begriff. Überwältigen ließ sie sich von ihm nicht. Sie hat es in sich verschlossen – und war ganz und gar willens, es in ihrer Welt, die mehr und mehr einem Fontane verpflichtet, den sie sich als preußischen Demokraten wünschte und der unter ihren Augen ganz zweifelslos einer war oder wurde, aufzuheben. So wenig sie vor 1945 willens war, ihr zugewiesene Rollen zu spielen, so wenig danach. Nichts stand ihr ferner, als das Opfer, das sie war, als Lebenshaltung zu akzeptieren. Es als Rolle gar zu instrumentalisieren, war ihr wesensfremd. Selbst die Wohlmeinendsten, die sie in eine solche Konstellation rückten, kassierten ihre Empörung.

Natürlich: Ihr Blick auf Deutschland wusste Bescheid und zu unterscheiden. War sie Partei, dann die der der aufrechten Menschen. Anstand war kein Wort, es war eine Haltung. Mit jenem Blick sah Jolles von England aus auf die beiden deutschen Staaten, mit ihm auf die Ära des Kalten Krieges. Und dieser Blick war es, mit dem sie die Fontane-Forschung in Ost und West aufmerksam und unaufgeregt verfolgte: gesamtdeutsch im positiven Sinn des Wortes. Die zeitweilig ohne Chancen auf einen ihr zustehenden Platz schien, wollte im geteilten Deutschland für Fontane und jene, die sich um ihn sorgten, die besten Chancen. Sie verkehrte in westdeutschen Fontane-Verlagen so selbstverständlich wie sie im Potsdamer Theodor-Fontane-Archiv ein und aus ging. Wer zu Fontanes Werk etwas Vernünftiges auf die Beine stellte oder stellen wollte, der wusste sie an seiner Seite: ob namhaft oder namenlos, ob alt oder jung, ob professionell oder als Laie.

Charlotte Jolles vollbrachte das kleine Wunder, von englischem Boden aus ein, vielleicht das maßgebliche Fontane-Forschungskapitel im Nachkrieg geschrieben zu haben: Sie schaltete sich mit nachgerade unerschütterbarer Entschlusskraft in die dominierende Männerriege ein, wirkte federführend an den großen Fontane-Briefeditionen mit, gab den England-Band in der Nymphenburger Fontane-Ausgabe heraus, verfasste einen in mehreren Auflagen erschienenen, mustergültigen Fontane-Band in der renommierten Metzler-Reihe und war, wohl zum größten eigenen Erstaunen , mit einem Schlag die „Nestorin“, die „Doyenne“ der Fontane-Forschung. Die Humboldt-Universität zu Berlin verlieh ihr 1987 die Ehrendoktorwürde. Ein Bild der Erinnerung: Zögernd trat Charlotte Jolles nach einem halben Jahrhundert Abwesenheit vor dem Festakt zum ersten Mal wieder ins Foyer des Hauptgebäudes der Linden-Universität, blieb stehen, kurz, konzentriert und wortlos – als spüre sie, wie für einen Augenblick ihr Dasein ins Schlaglicht des Jahrhunderts geriet, beispielhaft für das Zurückliegende, beispielhaft für das Kommende. Ein leichtes Kopfnicken, ein fester Schritt, „dann wollen wir mal“: ganz so, als sei hier eine Prüfung abzunehmen.

Der Theodor Fontane Gesellschaft hielt sie, umgehend zu deren Ehrenpräsidentin gekürt, im Dezember 1990, als das Kommende merkwürdige Gegenwart geworden war, eine Gründungsrede, in ihrer Nüchternheit und Ungeschminktheit ein Bravourstück. Spiegel eines gelebten Lebens, das selbst im Taumel geschichtlichen Hochgefühls beide Beine auf dem Boden lässt, wo sie hingehören. Ohne je den Wert ihrer Gaben gering zu schätzen, nahm Jolles die ihr verliehenen Ehrungen und  Etiketten hin und an, um mit ihnen zum Nutzen und Frommen ihrer ureigensten Angelegenheit – dem europäischen Kulturauftrag „Fontane“ – dienlich zu sein. Sie wusste für diese Werte zu fechten, aber ihre Waffe blieb immer das freimütige Wort – Hintertreppenpolitik war ihre Sache nicht. Das Telefon, mit dem sie umzugehen verstand zu jeder Tag- und, sie möge verzeihen, auch zu jeder Nachtzeit, es war ihr kein Medium für Intrigen, für Denunziation und für Beschädigungen menschlicher Integrität. Wenn sie gerüstet und kampfeslustig auftrat, dann war ihr Visier offen – der Gegner konnte ihr Gesicht sehen, ja er sollte es. Und wie oft wurde aus dem Gegner ein Gegenüber, aus dem Gegenüber ein Mitstreiter, eine Befreundung. Am 31. Dezember 2003 endete dieses Leben, in London, wo es seinen Platz gefunden hatte. Vornehm, der 30. Dezember war abzuwarten. Es hätte sich nicht gehört, an Fontanes Geburtstag zu sterben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Zu danken ist dem Verleger Wolfgang Stapp für seine Initiative zu dieser Gedenktafel, der Theodor Fontane Gesellschaft, die sie sich sofort zu eigen machte, allen Spenderinnen und Spendern, die ihre Verwirklichung ermöglichten, und der Stadt Berlin sowie den Eigentümern dieses Hauses für ihre vorbehaltlose Unterstützung eines solchen Gedenkens. So bleibt zum Schluss nur ein Frage noch: Beziehen wir aus diesem Gedenken an Charlotte Jolles Trost? Entlastet es das deutsche 20. Jahrhundert, dass wir keinen Stolperstein, sondern eine Gedenktafel enthüllen? Und auf dauerhaft sichtbare Weise an einen Menschen erinnern, der dem deutschen Vernichtungsterror entkam, widerstand und aufrecht dem Land fern, aber nicht minder aufrecht ihm nah blieb? Mahnung nicht durch Pathos, sondern durch Persönlichkeit? Fragen wie diese brauchen ihren Gedenkort. Ab heute gehört die Großbeerenstraße 82 dazu.

1 Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933?1941. Hg. von Walter Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer. In zwei Bänden. Berlin: Aufbau 1995. 1. Band, S. 336.

2 Ilse Aichinger, Helga Aichinger-Michie: Aus der Geschichte der Trennungen. Wolfgang Benz, Claudia Curio, Andrea Hammel (Hg.): Die Kindertransporte. Rettung und Integration. Frankfurt am Main: S. Fischer 2003. S. 203.

3 Uwe Johnson: Erinnerung. In: Werner Düttmann zum Gedenken. Präsident der Akademie der Künste 1971?1983. Akademie der Künste. Anmerkungen zur Zeit 21. Berlin: Akademie der Künste 1983. S. 31.

Fotos: A. Köstler, OTFW (CC BY-SA 3.0)

„Brief aus Berlin“ (27): Zum Bismarckjahr 2015

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Zum Bismarckjahr 2015

von Georg Bartsch

Heute ein etwas anderer Brief aus Berlin. Wir stellen zwei Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts einander gegenüber, Bismarck und Fontane. Anlass ist der 200. Geburtstag von Otto von Bismarck im April dieses Jahres. Sein Denkmal steht im Tiergarten am Großen Stern, gegenüber der Siegessäule. Wie diese wurde das Denkmal 1938 vom Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, hierher versetzt. Entworfen wurde es von Reinhold Begas, von dem auch der Neptunbrunnen am Alexanderplatz stammt. Bismarck ist 1815, Fontane 1819 geboren, beide starben zum Ende des Jahrhunderts 1898. Fontane war ein großer Bewunderer der Politik Bismarcks. „Der größte Erfolg war die volle politische Einigung Deutschlands.“ Und „Bismarck ist ein ausgezeichneter Briefschreiber.“ Ein solches Lob von Fontane, dessen Briefe wir neben seinen Wanderungen und Romanen gleich hoch schätzen, hat Gewicht. Und in einem Brief Fontanes an Maximilian Harden vom 4. März 1894 heißt es zu Bismarck: „In fast allem, was ich seit 70 geschrieben, geht der ‚Schwefelgelbe’ um und wenn das Gespräch ihn auch nur flüchtig berührt, es ist immer von ihm die Rede.“ Gelb waren die Kragen der Uniformen der Halberstädter Kürassiere, denen Bismarck angehörte. Wir erinnern uns, wie Fontane, der 1870 in französische Kriegsgefangenschaft geriet, durch die Hilfe Bismarcks wieder frei kam. Fontane hatte also ganz persönliche Gründe, Bismarck dankbar zu sein. Zwanzig Jahre später jedoch schreibt er an Georg Friedländer: „Bismarck hat keinen größeren Anschwärmer gehabt als mich, meine Frau hat mir nie eine seiner Reden oder Briefe oder Äußerungen vorgelesen, ohne dass ich in ein helles Entzücken geraten wäre, die Welt hat selten ein größeres Genie gesehen, selten einen mutigeren und charaktervolleren Mann und selten einen größeren Humoristen. Aber eines war ihm versagt geblieben: Edelmut; das Gegenteil davon, das zuletzt die hässliche Form kleinlichster Gehässigkeit annahm, zieht sich durch sein Leben…und an diesem Nicht-Edelmut ist er schließlich gescheitert und in diesem Nicht-Edelmut steckt die Wurzel der wenigstens relativen Gleichgültigkeit, mit der ihn selbst seine Bewunderer haben scheiden sehn…Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind.“

So beschreibt man einen Großen, dessen Zeit vorüber ist. Wie ganz anders blickt man auf Fontanes Leben. Alfred Kerr tut dies zu Beginn des Jahres 1895: „Und das Staunenswerte ist: diese unmoderne Persönlichkeit hat unglaublich moderne Ansichten. Der älteste unter den deutschen Literaten ist zugleich der entschlossenste Parteigänger der jüngsten. Er wird von ihnen geliebt wie kein zweiter … Sie alle bestaunen ein Phänomen in dem Manne, der sich, im zarten Alter von sechzig Jahren, entschloss, ein naturalistischer Dichter zu werden; der sich hinsetzte und in ‚Irrungen und Wirrungen‘ flugs den besten Berliner Roman schrieb; der heut mit fünfundsiebzig Jahren noch ein wundervolles lebenstiefes Abendstück von reifer und inniger Kunst zustande bringt.“

Kurt Tucholsky schreibt zu Fontanes 100. Geburtstag: „Lest vom alten Fontane … und ihr werdet schmunzeln und lächeln und blättern und lesen und immer weiterlesen.“

BismarckBei Thomas Mann heißt es: „Unendliche Liebe, unendliche Sympathie und Dankbarkeit, ein Gefühl tiefer Verwandtschaft, eine unmittelbare Erheiterung, Erwärmung, Befriedigung bei jedem Vers, jeder Briefzeile, jedem Dialogfetzen von ihm – das ist, da Sie fragen, mein Verhältnis zu Theodor Fontane.“

Solche Worte über Bismarck – unvorstellbar. Man mag einwenden, ein Politiker und ein Schriftsteller lassen sich nicht vergleichen. Fontane war zeit seines Lebens ein politischer Mensch. Noch 1896 schreibt er an James Morris: „Alles Interesse ruht beim vierten Stand. Der Bourgeois ist furchtbar, und Adel und Klerus sind altbacken, immer wieder dasselbe … das, was die Arbeiter denken, sprechen schreiben, hat das Denken, Sprechen und Schreiben der altregierenden Klassen tatsächlich überholt.“ Solche Worte von Bismarck – unvorstellbar. Bismarck ist Geschichte, Fontane der Zukunft zugewandt.

Das Wache dieses alten Mannes und zugleich menschlich Anrührende drückt sich auch in einem Gedicht Fontanes aus, geschrieben kurz vor Bismarcks Tod, und den eigenen Tod nicht mehr weit wissend: „Ja, das möcht ich noch erleben“. Hier die erste Strophe:

Eigentlich ist mir alles gleich,
Der eine wird arm, der andere reich,
Aber mit Bismarck, – was wird das noch geben?
Das mit Bismarck, das möcht ich noch erleben.

Und der im Urteil oft so strenge Fontane schreibt dann in tiefem Respekt in den wenigen Monaten zwischen Bismarcks und seinem eigenen Tod noch ein Gedicht über den Fürsten, in dem es heißt:

Und kommen nach dreitausend Jahren
Fremde hier des Weges gefahren
Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen,
Den Waldgrund in Epheu tief eingesponnen
Und staunen der Schönheit und jauchzen froh,
So gebietet einer: „Lärmt nicht so; –
Hier unten liegt Bismarck irgendwo.“

Wenn wir in diesem Jahr auf Bismarck zurückschauend vor seinem Denkmal stehen, dann erinnern wir uns an einen großen Politiker, der Geschichte ist. Fontane aber ist mit seinen Werken, und dazu gehören auch seine Briefe, uns gegenwärtig. Oder, wie es Sebastian Haffner sagt: „Fontane stammt aus einer versunkenen Welt. Aber Fontane, das ist das erstaunliche, wird von Jahrzehnt zu Jahrzehnt vernehmlicher.“

Gardes du Corps – Die 1001. Finesse in „Irrungen, Wirrungen“

Text: Helmuth Nürnberger

„[…] andrerseits sag ich mir: Gott, wer liest Novellen bei die Hitze, wer hat jetzt Lust und Fähigkeit auf die hundert und, ich kann dreist sagen, auf die tausend Finessen zu achten, die ich dieser von mir besonders geliebten Arbeit mit auf den Lebensweg gegeben habe.“ (An Emil Dominik, 14. Juli 1887)

Fontanes Wortkunst ist reich an treffsicheren Formulierungen, wie dafür geschaffen, sich dem Gedächtnis einzuprägen. Irrungen, Wirrungen und sein briefliches Umfeld bieten viel zitierte Beispiele. Der dem Protagonisten der „Berliner Alltagsgeschichte“ so plauderhaft wie selbstkritisch in den Mund gelegte Schlusssatz „Gideon ist besser als Botho“, im Kontext der Erzählung ein soziales Resümee, öffnet gleichsam den Vorhang vor einer Epoche. Man lese daneben das berührende Bekenntnis in einem Brief, „es bleibe auch hier [konkret geht es um die „Dialektfrage“] bei den Andeutungen der Dinge, bei der bekannten Kinderunterschrift: ‘Dies soll ein Baum sein.’“. (An Emil Schiff, 15. Februar 1888) Klänge es nicht so unfontanisch, wäre man versucht von „Künstlerdemut“ zu sprechen, ein seltenes Phänomen. Nicht minder bezeichnend für Fontanes Selbstverständnis der eingangs zitierte 1000-Finessen-Satz: Stärker als alle Novellen ist eben „die Hitze“, ungeachtet der Ironie ist gleichwohl Erleichterung und ein gewisses Glücksgefühl angesichts einer besonders gelungenen Arbeit zu spüren.

Der märkische Landedelmann und Kavallerieoffizier Botho von Rienäcker ist eine vom Autor mit Verständnis gezeichnete, auch mit Selbsteinsicht begabte Figur. Er soll sympathisch sein und ist es auch, ist nicht beleidigt, wenn er in seinem zögerlichen Sich-treiben-lassen von seiner Wilmersdorfer „Weißzeugdame“, der Stickerin Lene, keck herausgefordert wird: „Du liebst mich und bist schwach. Daran ist nichts zu ändern. Alle schönen Männer sind schwach […].“ (5. Kap.) Nun ja, an der Schönheit allein lag es nicht. Im Krieg, vor dem „Feind“, hielt Botho sich sicherlich nicht weniger tapfer als geringer Bevorzugte, sein Standesgefühl mochte ihm zusätzlich den Rücken stärken. Auflehnung gegen die Regeln der Gesellschaft überforderte ihn. Lene war das von Anfang an bewusst, vor einer Ruderpartie gefragt, welchen Kahn sie wähle, die „Forelle“ oder die „Hoffnung“ antwortet sie: „Natürlich die ‘Forelle’. Was sollen wir mit der ‘Hoffnung’?“ Sie verlangt nichts Unmögliches. Botho brauchte länger, sich der Wahrheit zu stellen, aber er hat seine Freundin, wie sie anerkennt, nie getäuscht. Auch der Leser wird nirgends irregeleitet, alles Erzählte ist zielbezogen, wie es den Umständen entspricht. Etwas unklar bleibt die Auskunft zu Bothos Regimentszugehörigkeit. In welchem hat er eigentlich gedient?

Du liebe Güte, dergleichen kann auch nur einem Germanisten einfallen! Aber das kommt eben von den „1000 Finessen“, von denen Fontane so unvorsichtig geschrieben hat, missverstanden als ein Freibrief für die vielen Spitzfindigkeiten, die man ihm andichtete. Da haben wir nun diese für seine Kunst exemplarisch anmutende „Novelle“ – so schreibt er selbst –, die noch immer zum Nachdenken einlädt. Weiterhin zählt sie zum Lesestoff der Gymnasien und weckt, wie uns engagierte Deutschlehrer versichern, Interesse und Mitgefühl. Militärische Details belasten da nur, die blinkenden Kürasse sind verrostet, die dazu passenden historischen Romane vergilbt. In einer Zeit, in der ältere Literatur sich schwer tut, überhaupt noch wahrgenommen zu werden, sind lehrhafte Vorgaben problematischer denn je. Nicht minder ein Übermaß an Interpretation.

Dem Verfasser der vorliegenden Miszelle ist es weder gestattet, den Fleiß und Scharfsinn seiner Kollegen noch die Dankbarkeit und den gelegentlichen Unmut der Leser in Frage zu stellen, dazu war er selbst viel zu sehr mit Aufgaben der Fontane-Edition befasst und – wie im gegebenen Zusammenhang – auch beteiligt an ihren Irrtümern. Wir haben einen Traditionsbruch erlebt, daher mutet den Älteren unter uns manches, was über die Vergangenheit geschrieben wird, so aberwitzig an. Anderes wird in seiner Bedeutung übersehen (oder gar falsch erklärt). Die Drohgebärde der „wilhelminischen“ Frage: „Haben Sie überhaupt gedient?“ wird mit Hilfe des Hauptmanns von Köpenick wohl noch verstanden, hingegen: „In welchem Regiment?“ mag in Ländern wie England oder Schottland passen, wo es noch Trooping the Colour und Regimentsmuseen gibt. Gewiss – aber ein Traditionsbruch ist auch ein Problem der Literatur, der Literaturgeschichte und -rezeption. „Seinerzeit“ verstanden sich nach Auskunft mitteleuropäischer Groß- und Urgroßmütter schon die „Backfische“ auf die angedeuteten vorgeblichen Nebensächlichkeiten, „unsere“ Effi nicht ausgenommen und Fontane nun schon gar nicht. Arglose Dichter in kleinen Städten bekamen das zu spüren, etwa Claus Groth; der nicht verstand, warum Fontane sich bei einem gemeinsamen Spaziergang im entstehenden Reichskrieghafen Kiel fortgesetzt nach den Nummern der Regimenter und den Namen der Panzerschiffe erkundigte. Preußen und seine Armee gehörten für Fontane zusammen, wie hätte er seine darauf bezüglichen Kenntnisse nicht auch für seine „Finessen“ nutzen sollen. Die genannte Zahl 1001 verweist nicht auf morgenländische Märchennächte – nur eine Landpartie (mit Übernachtung) war Lene und Botho vergönnt, und sie wurde ihnen zudem noch gründlich verdorben, weil drei gelangweilte Gardeoffiziere, offenbar Regimentskameraden, nichts Besseres zu tun hatten, als das Idyll zu stören.1001 bezeichnet einen Annäherungswert, 1000 Finessen sind schon bekannt und vielleicht noch einige mehr, aber da sich manche Erklärungen widersprechen, können nicht alle zutreffend sein … So steht es auch mit Auskünften über Bothos Regiment.

Ein zuerst 1984 veröffentlichter Brief Fontanes an Eduard Engel enthält Überlegungen zum Vorabdruck von Irrungen, Wirrungen, die neue Novelle behandelt „das Verhältniß eines schönen Gardekürassieroffiziers zu einer […] Weißzeugstickerin, von der er sich schließlich trennt, weil er muß“ (21. April 1884). Die preußische Armee zählte zur fraglichen Zeit 10 Kürassierregimenter, davon gehörten zwei zum Gardekorps: das von König Friedrich II. 1740 errichtete Regiment Gardes du Corps, und das 1815 aufgestellte „Gardekürassierregiment“; die übrigen trugen die Nummer 1 bis 8 und waren nach Fürstlichkeiten und Militärs benannt, davon nur eines nach einem Kaiser. Im Roman ist die Heiratsanzeige Bothos abgedruckt, dort bezeichnet er sich selbst als „Premierlieutenant im Kaiser-Kürassier-Regiment“. So wird er auch im Nobelrestaurant Hiller von seinem Onkel angesprochen, der ihn drängt, endlich um die so vermögende wie flachsblonde Käthe von Sellenthin zu werben: „Zähne wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze Schnur sieht […]. Botho, wozu stehst Du bei den Kaiserkürassieren?“ (7. Kap.) Um ein angesehenes, traditionsreiches Regiment handelte es sich sicherlich, aber um welches? Die Ranglisten verzeichneten kein „Kaiserkürassierregiment“.

Die Verfasser der Anmerkungen in den Fontane-Ausgaben orientierten sich, soweit sie nicht auf eine Erläuterung verzichteten, an dem nur einmal vorfindbaren Namensbestandteil „Kaiser“. Demzufolge handelte sich anscheinend um das brandenburgische Kürassierregiment Nr. 6 Kaiser Nikolaus I. von Russland. Zum Romancier Fontane passte das gut. Auch seinen Major von Stechlin hatte er bei den Nikolaus-Kürassieren eingereiht, und ihn stolz von dieser Zugehörigkeit und der niedrigen Regimentsnummer plaudern lassen. Selbst Dubslavs „berühmter Miteinsiedler“, Bismarck, trug „nur“ die Uniform der 7. Kürassiere, der „schwefelgelben“ Halberstädter, eine Farbe, die wiederum nur zu gut zu Bismarck passte, bemerkte doch ein bayerischer Reichstagsabgeordneter gelegentlich: „Durchlaucht, ich weiß, wo dies Schwefelgelb herkommt.“ (An Julius Rodenberg, 9. Juni 1989) Der Sohn des Swinemünder Apothekers Fontane wusste eine Menge von dem mächtigen Nikolaus, der mit dem Dampfschiff über die Ostsee kam, um seinen Schwiegervater, den preußischen König zu besuchen. Später, in Leipzig, nahm sich das zwar weniger prächtig aus. Da fragte man den jungen Apotheker spöttisch, ob der Zar denn wieder auf „Inspektionsreise“ sei, um nachzusehen, „ob sein ‘Unterknäs’ Friedrich Wilhelm der Vierte keine Dummheiten gemacht habe“. Dennoch: Als es „immer so hin und herging zwischen Berlin und Petersburg“, meinte der alte Stechlin, das seien „Preußens beste Tage“ gewesen. (Der Stechlin, 4. Kap; Von Zwanzig bis Dreißig, Abschnitt und Kapitel 2/2 und 4/6) Im Roman wird der Name von Dubslavs Regiment zur Metapher für ein Programm, nicht anders als der des Gardedragonerregiments „Königin von Großbritannien und Irland“, in dem sein Sohn Woldemar dient. In der Diplomatie, mehr noch in einem Roman, hat alles Bedeutung. Man ist genau und schickt nicht nur, wie vielleicht ein Finanzminister, einfach „die Kavallerie“.

AkademieblockNord-West-Seite des „Akademieblocks“ Charlotten-/Dorotheenstraße um 1910, vor dem Abriss des ganzen Gebäudekomplexes zwecks Baues der Staats- und der Universitätsbibliothek. Darin war die 3. Eskadron vom Gardekürassierregiment des Gardes du Corps kaserniert. Links hinten der Turm der Kgl. Sternwarte. Quelle: Janos Frecot/Helmut Geisert: BERLIN in frühen Photographien 1857-1913. Schirmer/Mosel, München 1984, S. 43.

Leider war die Zuordnung falsch. Das Kürassierregiment Nr. 6 kam gar nicht wirklich in Frage, es hat nie in der Hauptstadt garnisoniert, sondern in der märkischen Provinz, hauptsächlich in Brandenburg/Havel und Nauen. Es hätte sehr komplizierter Begründungen, eigentlich einer anderen Erzählung bedurft, um diese Garnisonsorte mit Bothos Biographie und seiner „Berliner Alltagsgeschichte“ in Verbindung zu bringen. Es war aber auch nicht nötig, da doch die beiden Gardekürassierregimenter in Berlin und Potsdam stationiert waren. Das eigens so benannte „Gardekürassierregiment“ war über seine elitäre Beschaffenheit hinaus freilich durch keine besondere Beziehung zum Kaiser gekennzeichnet; bei den Gardes du Corps hingegen war eine Veränderung eingetreten, die als Erklärung dienen konnte: Chef des Regiments, das seit seiner Gründung die berittene Leibgarde der preußischen Könige darstellte, war der jeweilige Monarch. Seit 1871 aber waren die preußischen Könige zugleich deutsche Kaiser. Es war mithin sachlich nicht falsch, nunmehr von „Kaiserkürassieren“ zu sprechen. Offiziell galt der ursprüngliche Name unverändert bis zur Auflösung des Regiments 1919; daneben aber gab es offenbar auch die etwas  unbestimmte deutsche Bezeichnung. Im nach dem siegreich bestandenen deutsch-französischen Krieg anschwellenden Nationalismus mochte dabei der Wunsch mitspielen, das fremde Idiom abzulegen.

Joachim Kleine hat über Berliner und Zeuthener Schauplätze von Irrungen, Wirrungen grundlegend geschrieben. In diesem Zusammenhang ist er auch der Frage, welchem Regiment Fontane seinen Botho von Rienäcker – ohne es ausdrücklich namhaft zu machen – zuordnete, zu überzeugenden Einsichten gelangt. Er ist Bothos Wege von seiner Kaserne zur Verabredung bei „Hiller“ und in sein Kasino unter Berücksichtigung der im Roman genannten Zeitmaße nachgegangen, wobei es die Kaserne – über deren Lage Fontane sich nicht äußert – erst noch zu identifizieren galt. Der Verfasser ist Joachim Kleine für sein freundliches Entgegenkommen zu besonderem Dank verpflichtet, das ihm erlaubt, die maßgebende Passage aus dem noch ungedruckten Vortrag nach dem Manuskript zu zitieren:

Im 7. Kapitel verrät uns eine Schilderung Fontanes, bei welchem Truppenteil wir Botho von Rienäcker zu vermuten haben: […] beim Kürassierregiment der Gardes du Corps. Dessen Stab und drei von fünf Eskadronen hatten in Potsdams Berliner Vorstadt ihren Standort, die 4. Eskadron lag gegenüber vom Schloss Charlottenburg in Bereitschaft, die 3. Eskadron aber – zwei Kompanien – hatten in Berlin ständige Begleit- und Schutzaufgaben für den „allerhöchsten“ Landesherrn zu erfüllen und waren deshalb unweit vom Berliner Schloss, im Marstall untergebracht. Der befand sich damals (der Monumentalbau zwischen Spree und Breiter Straße, wie wir ihn kennen, entstand erst später) noch nördlich der Linden, im Nordwestflügel des sogenannten Akademieblocks – 1876 ein Vierteljahr lang Fontanes Dienststelle als Sekretär der Kunstakademie. Spätestens von da an musste Fontane den Kavalleriekasernenflügel in der Charlotten-/ Ecke Dorotheenstraße gekannt haben.

In Irrungen Wirrungen verliert Fontane über all das kein Wort. Doch nur durch diese räumliche Nähe konnte Botho von Rienäcker nach seinem Dienst – den Fontane ebenso ausblendet – so rasch in seinen „Klub“, ins Offizierskasino gelangen; denn das befand sich nur einige Straßen weiter, jenseits der Linden an der Südseite des Pariser Platzes. Nur weil dem so war, konnte er – wie im Kapitel 7 beschrieben – an dem Tag, als die Weichen für seine eheliche Verbindung unwiderruflich gestellt wurden, von seiner Kaserne aus zu Fuß binnen einer Stunde die Linden erreichen, sie entlang bummeln, die Auslagen der Kunsthandlung Lepke betrachten, das Brandenburger Tor passieren, an der Wolffschen Löwengruppe im Tiergarten umkehren, vor dem Palais Redern den Garde-Dragoner-Leutnant v. Wedell zu treffen (der ihm auf dem Weg zum Kasino entgegen kam) und mit ihm zur befohlenen Zeit beim Onkel Kurt-Anton v. Osten im Nobelrestaurant Hiller Unter den Linden 62 (zwischen Schadow- und Neustädtischer Kirchstraße) einkehren.

Es gibt keine Darlegung von gleicher Plausibilität, die diesen Ermittlungen konkurrierend im Weg stünde. Kleine hat gleichwohl ein bedachtes „vielleicht“ hinzugesetzt, im Kontext gelesen drückt dieses „vielleicht“ jedoch keine Unsicherheit aus. Die vorschnelle Festlegung auf das Kaiser-Nikolaus-Regiment stammte aus der Frühzeit der „Fontane-Renaissance“, war verursacht durch schwierige  Arbeitsbedingungen, politische Grenzen, die fehlende Vertrautheit vor Ort. Leider wurde sie zu lange ungeprüft übernommen. (s. GBA, Das erzählerische Werk, Bd.10, S. 251).

Aber wir sind noch nicht zu Ende, denn gerade die neuen Einsichten verstärken das Interesse an einer weiterführenden Frage. Warum hat Fontane es vermieden, Rienäcker als einen Gardes du Corps zu benennen, sogar wenn es sich um ein gesellschaftliches Dokument wie die Heiratsanzeige handelte? Überzogen national, gar antifranzösisch fühlte er mit Sicherheit nicht. Und es ist ja auch nicht so, dass er die Bezeichnung „Gardes du Corps“ generell vermieden hätte. Betreffend Bothos Offizierskameraden, die wir zuerst im 8. Kapitel des Romans kennenlernen, wird von Serge ausdrücklich gesagt, dass er diesem Regiment angehört. Von Pitt heißt es, er sei von „den Pasewalkern abkommandiert“, dabei handelt es sich um das in Pasewalk stationierte pommersche Kürassierregiment Nr. 2, Königin, ehemals – durch den „Hohenfriedberger Marsch“ – lange bekannt gebliebene Dragonerregiment Ansbach-Bayreuth. Auch Balafré gehört offenbar zu den Gardes du Corps, von ihm wird später – im 18. Kap. – gesagt, dass er „bei Mars la Tour, damals noch als Halberstädter, die große Attacke mitgeritten“ habe. Alle drei stehen mit Botho, wie auch der Fortgang der Handlung bezeugt, auf vertrautem Fuß und kennen ihn mehr oder minder gut, ohne eigentlich seine Freunde zu sein. Von Wedell – kein Regimentskamerad, sondern, wie bereits erwähnt, Gardedragoner, – der später hinzukommt, gilt das schon eher, von ihm hören wir gegen Schluss des Gesprächs eine sympathische Charakterisierung Bothos, dieser sei „trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb […], schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte.“ (Hervorhebung vom Verf.)

Botho ist nicht wie die anderen, darüber sind sich eigentlich alle im Roman einig. Übrigens ist auch Lene im Urteil der Beteiligten nicht wie die andern, sie ist ungeachtet der beengenden Verhältnisse sehr selbständig und von unverkennbarer Eigenart. Versuchsweise ließe sich sagen, Fontanes präzise Beschreibungen der Nebenfiguren lassen diese wie Originale erscheinen, gleichwohl wirken sie wie für eine bestimmte Spezies typische Charaktere. Wenige Buchseiten genügen ihm, um eine Figur wie Bothos Onkel Baron von Osten überzeugend zu porträtieren. Fontanes Hauptfiguren aber sind alles andere als typische Vertreter ihrer Klasse. Botho, freundlich und „leutselig“ gegenüber jedermann, entspricht keineswegs dem nicht immer günstigen Bild des preußischen Gardeoffiziers, wie es von Zeitgenossen überliefert ist – eine Beobachtung, die in etwas anderer Weise auch für Woldemar von Stechlin gilt. Er hat den Schliff der Gardeoffiziere, erscheint nicht geradezu „leutselig“, aber er ist bar jedes aufdringlichen „Schneids“, formsicher und von tadelfreier Haltung.

Ludwig Pietsch, der in der Schlesischen Zeitung eine insgesamt sehr anerkennende Besprechung von Irrungen, Wirrungen erscheinen ließ, hat – es war sein einziger Einwand – die Darstellung Bothos in Frage gestellt. Der Dichter, so urteilte er, lasse ihn „zuweilen seinen Standesgewohnheiten etwas mehr entsagen, als wir es wenigsten bei einem heutigen preußischen Garde-Kavallerie-Offizier von altem Adel […] für möglich und wahrscheinlich halten möchten“ (zit. nach AFA, Romane und Erzählungen, Bd. 5, 1969, S. 549). Das trifft zu, wenn man Botho als einen typischen Vertreter seines Standes versteht. Typisch ist aber nur Bothos Konflikt, nicht sein Verhalten. Fontane versagt sich dem vorgegebenen Muster und den mit diesem verbundenen Klischees, er zeichnet einen sehr natürlich empfindenden Menschen, der den für ihn unlösbaren Konflikt darum umso schmerzlicher erlebt – eine Figur, wie sie gedacht werden kann, aber ohne alle exemplarischen Züge. Wie Fontane Bothos Regimentskameraden gesehen wissen wollte, lassen die Art, wie sie auf dessen Liebschaft reagieren und die Kasinoszenen nur zu deutlich erkennen. Botho erweist sich auch in solchem Zusammenhang keineswegs als kämpferische Natur. Sein teurer Lebensstil überfordert ihn (und macht ihn vermehrt zum Gefangenen), peinliche Kameraderie bleibt ihm nicht erspart, aber er lässt es geschehen, spielt mit. Was ihn umso mehr und fortdauernd anzieht, ist Lenes „Natürlichkeit“, ein unverstelltes Leben.

Verwunderung und Ärgernis, auch der spätere große Erfolg, den der Roman erregte, sind bekannt. Wären sie noch größer, vielleicht sogar für den Autor persönlich gefährlich gewesen, wenn Botho, der so gern – eigentlich wohl unerlaubt – Zivil trägt, betont als der herausgestellt worden wäre, der er tatsächlich war: Angehöriger nicht irgend eines Garderegiments – denn die gab es inzwischen auch schon leidlich im Plural – sondern des Paraderegiments der Monarchie schlechthin, zudem als eine Schöpfung des großen Friedrich, mittlerweise bereits eine Legende? Die Gardes du Corps und noch weitere Einheiten durchliefen nach Entstehung des Kaiserreiches überdies noch eine besondere Entwicklung, die in Fontanes letztem Roman beschrieben wird. Nach der Ankunft in Schloss Stechlin hält Hauptmann von Czako – ein „Maikäfer“, so nennt der Volksmund die Männer des Gardegrenadierregiments „Kaiser Alexander I. von Russland“ – dem ehrgeizigen Assessor von Rex ein Privatissimum über die veränderten Verhältnisse, speziell im Regiment des jungen Woldemar von Stechlin. Es geht darum, „daß die feinen Regimenter immer feiner werden“:

Kucken Sie sich mal die alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und dann bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps oder bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen:

Marwitz, Wakenitz, Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß sich einmal ein höher betitelter Schlesier mit hineinverirrt. Natürlich gab es auch Prinzen damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen mußten noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun aber, seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech’ ich nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren, sondern von der Garde, von den Regimentern unter den Augen seiner Majestät. Und nun gar erst diese Gardedragoner! Die waren immer piek, aber seit sie pour combler le bonheur, auch noch „Königin von Großbritannien und Irland“ sind, wird es immer mehr davon, und je pieker sie werden, desto mehr Prinzen kommen hinein. Von denen auch jetzt schon mehr da sind, als es so obenhin aussieht, denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht sagen. Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet, die blos à la suite stehn, aber doch immer noch dabei sind, wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch einen Zirkus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht so gewisse Luxusse mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse, und, wenn es sein muß, auch Freiheitsluxusse. […] Richtige Prinzen können sich das leisten, die verbebeln nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl, aber er ist doch bloß ein Mensch. (Der Stechlin, 2. Kap.)

Südseite des Pariser Platzes um 1885Südseite des Pariser Platzes um 1885. Ganz links Palais Redern (heute Hotel Adlon), daneben Palais Arnim, Mitte Palais Radziwill (vormals Wrangel), in dessen Hochparterre sich das vornehmste Berliner Offizierskasino befand.
Quelle: CAMERA BEROLINENSIS. Das Berliner Album des Fotografen F.Albert Schwartz 1836 – 1906. Nicolai. Berlin 2006. S. 69.

Der Stechlin spielt Mitte der Neunziger Jahre, Irrungen, Wirrungen Mitte der Siebziger. Damals hatte die von Czako beschriebene Entwicklung erst begonnen, aber Fontane vollendete den Roman erst im letzten Drittel der Achtziger, also im Rückblick auf die erzählte Zeit. Im Hinblick auf das Regiment der Gardes du Corps läge es nahe, dass er mit ins Auge fallenden Bezeichnungen eher vorsichtig war, um eventuellen Empfindlichkeiten vorzubeugen. Aber es widerstrebt unserem Verständnis (ein Kunstwerk duldet nichts Zufälliges) für die fortbestehende Undeutlichkeit nur pragmatische Gründe anzunehmen. Sie verweist möglicherweise auch auf Fontanes Intention und hängt so auch mit der langen Entstehungszeit des Romans zusammen.

Eigentlich brauchte er für das, was er zu erzählen beabsichtigte, die anspruchsvolle Sonderheit des „Leibregiments“ nicht, alles, was das Sensationelle streifte, mochte die Überzeugungskraft des Dargestellten eher mindern. Auch in einem weniger angesehenen Regiment hätte Botho sich mit Lene an der Seite nicht behaupten können, bereits seine und seiner Familie finanzielle Zwangslage hätten ihn scheitern lassen. So wie es lag, hatte er gar keine Wahl. Der Roman wird nicht der erhofften Fluchtchancen wegen erzählt, sondern um zu zeigen, dass es, zumindest in diesem Fall, keine gab. Wie das erlitten und dargestellt wird, daraus bezieht er seine ungewöhnliche Wirkung.

Gleichwohl fehlt es der Erzählung nicht an Motiven und Handlungselementen, die über eine „Berliner Alltagsgeschichte“ – diese Bezeichnung hat Fontane sich erst spät zu Eigen gemacht – hinausführen und auf die mehrere Jahre früher erschienene „Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes“ Schach von Wuthenow zurückverweisen. (Genetisch betrachtet ist der zeitliche Abstand wegen der langen Entstehungszeit von Irrungen, Wirrungen eher gering). Auch Botho ist, wie Schach, ein schöner Mann, dabei eher passiv und außengeleitet. Das Ansehen, das die beiden Regimenter genießen, ist vergleichbar, auch in vergleichbarer Weise trügerisch: „Eine Schlacht ist nie verloren, solange das Regiment Garde du Corps nicht angegriffen hat. Oder natürlich auch das Regiment Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder.“ (Schach von Wuthenow, 3. Kap.) Schach von Wuthenow spielt größtenteils vor der Niederlage von 1806. in der die Gensdarmes unrühmlich kapitulierten und danach nie wieder aufgestellt wurden. Die Gardes du Corps endeten erst 1919, aber am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Tage der Kavallerie längst gezählt. Der elitäre Anspruch der Verantwortlichen blieb davon unbeeindruckt. Fontanes Erzählungen zeigen die Inhaltslosigkeit und Spielsucht des Lebens im Kasino, die zu allerlei Eskapaden einlud. Hier wie dort handelt es sich um Dekadenzmotive. In Irrungen, Wirrungen blieben sie im Hintergrund. Während in Schach von Wuthenow der Name des Regiments im Titel, erscheint, findet er in Irrungen, Wirrungen sogar im Text kaum Verwendung. Der Erzähler gibt Hinweise, hält sich aber zugleich bedeckt. Wie nicht selten, wenn ihm etwas wichtig war, nahm er sich, um es auszudrücken, zurück. Vermutlich waren Fontane die später von Pietsch geäußerten Bedenken durchaus nicht fremd. Die „grässliche Hurengeschichte“ – als die Irrungen, Wirrungen gelegentlich auch bezeichnet wurde – bedurfte eher leiser als lauter Töne. Es war ihnen ernst, Botho und Lene mit ihrer Liebe, dem Autor mit seiner „Alltagsgeschichte“. Ein aus Entwürfen und aus der für eine Tombola bestimmten Abschrift mühsam rekonstruiertes Gelegenheitsgedicht Fontanes schließt: „Höchst moralisch – meo voto – / Ist die Geschichte von Lene und Botho.“ (HFA I/6, S. 546, 3. Aufl. 1995). Eine „Alltagsgeschichte“, also auch mit komischen Zügen besetzt, wie es sich gehört. Begleiten wir Botho auf seinem „Passionsweg“ (H. Frey) nach dem neuen Jacobifriedhof in Rixdorf, wo er den für Frau Nimptsch bestimmten Immortellenkranz niederlegen will, hören wir den Droschkenkutscher von seinen Sorgen erzählen. Sein Schimmel ist nicht in der besten Verfassung, und die Reserve im Stall auch nicht: „Ich habe noch einen Fuchs zu Hause, der bei den Fürstenwalder Ulanen gestanden hat; propres Pferd, man bloß keine Luft nich un wird es woll nich lange mehr machen.“ (21. Kap.)

Ein „propres Pferd“ gewiss und die Regimentszugehörigkeit sagt schon einiges aus, auch wenn die meisten sie gar nicht selbst gewählt haben und auch nichts Näheres darüber wissen. Sicherlich kannte der Fuchs außer den Trompetensignalen auch den Kaiser-Alexander-Ulanen-Marsch.

Über Theodor Fontanes jüngeren Bruder Johann Rudolph (1821-1845)

Text: Manfred Horlitz (†)

Theodor Fontane hatte vier Geschwister, alle jünger als er. Er erinnerte sich später häufig an seine Schwester Jenny, aber auch an Gustav Maximilian und an Elisabeth Charlotte. Sie finden auch Platz in seinen nachgelassenen Schriften. Dagegen fand der nur zwei Jahre jüngere Bruder Rudolph – soweit ich mich erinnere – keine namentliche Erwähnung. Lediglich in Meine Kinderjahre spricht er von seinem „jüngsten Bruder“. Diese Einstellung Theodor Fontanes zu seinem Bruder Rudolph erscheint merkwürdig, zumal er ihm altersmäßig am nächsten stand. Die Gründe für diese bedenkenswerte Zurückhaltung können vielfältige Ursachen haben. Vielleicht lag es an den völlig unterschiedlichen Lebenswegen der beiden und folglich auch an der räumlichen Trennung?

Theodor bewegte sich in den vierziger Jahren als künftiger Apotheker und Autor in verschiedensten gesellschaftlichen Kreisen und an unterschiedlichen Orten. Im Todesjahr seines Bruders verlobte er sich mit Emilie Rouanet und stellte handschriftlich eine Sammlung von über 100 Gedichten als von ihm so genanntes Zweites Grünes Buch zusammen. In diesem persönlichen und gesellschaftlichen „Trubel“ war er auch mit verschiedensten Problemen konfrontiert, die ihn vermutlich nicht mehr an Reminiszenzen für den früh Verstorbenen denken ließen. Aber vielleicht waren beide auch von so unterschiedlichem Charakter, dass sie nach ihren Schuljahren nicht mehr zu einander fanden?

Auch in der Sekundärliteratur gibt es nur spärliche und obendrein widersprüchliche Hinweise auf Rudolph Fontane. Deshalb möchte ich etwas mehr Klarheit in das kurze Leben dieser Persönlichkeit bringen. Mich berührte vor allem die Frage, was aus ihm nach dem Neuruppiner Schulbesuch in den 1830er Jahren wurde, welchen Beruf er erlernte und welche Tätigkeit er danach ausübte.

Am 1. Oktober 1821 wurde er in Neuruppin geboren und am 8. November auf die Namen Carl, Johann, Rudolph getauft.1 Unter den Paten befanden sich neben seinem Onkel, dem preußischen Wegebaumeister Carl Heinrich Wilhelm Fontane, der Superintendent Schröner und weitere Honoratioren, darunter auch der Buchhändler Kühn, bekannt durch seine Neuruppiner Bilderbogen.

Als Theodor sieben und Rudolph fünf Jahre alt war, gab ihr Vater, Louis Henri, die Löwen-Apotheke in Neuruppin auf und erwarb die Adler-Apotheke in Swinemünde. Schließlich durfte Rudolph zusammen mit seinem älteren Bruder Theodor 1832 das Elternhaus verlassen und mit ihm das Gymnasium in Neuruppin besuchen.2

Das lässt sich belegen durch Theodor Fontanes erstes Geschichten-Buch, in dem er auf 88 Seiten Vorgänge der deutschen Geschichte vom 9. Jahrhundert bis zum Spanischen Erbfolge-Krieg aus eigenem Interesse notiert hatte.

Möglicherweise war er dazu auch von seinem geschichtsinteressierten Vater oder einem Lehrer angeregt worden. Wie dem auch sei: Das Geschichtsheft dokumentiert das frühzeitige Interesse des jungen Theodor an der Historie. Die Echtheit dieser handschriftlichen Aufzeichnungen wird auf der letzten Seite von einigen Mitschülern bestätigt, zu denen auch R. Fontane, also sein Bruder Rudolph, gehörte.

In dem 1995 erschienenen Faksimile-Druck 3 lesen wir: „Das Geschichten Buch ist aus. Theodor Fontane hat es ausgeschrieben gans allein es ist gewiß war ihr könnt es mir glauben alle samt und sonders denn ich lüge nicht das könt ihr glauben er ist ein ehrlicher Neuruppiner“. Am Rande ist handschriftlich (offensichtlich von derselben Hand, die die eben zitierten Sätze schrieb) hinzugefügt worden: „W. Frick, W. Krause, J. Jahnke, M. Krause, H. Krause, R. Fontane haben unterschrieben.“ Ich hege keinen Zweifel, dass es sich bei „R. Fontane“ um den jüngeren Bruder Rudolf handelt.

Handschrift-Faksimile

Während Theodor dann von 1833 bis 1836 die Berliner Gewerbeschule unter C.F. Klöden besuchte, dürfte Rudolf eine landwirtschaftliche Lehr- oder Ausbildungsanstalt absolviert haben. Denn es gibt keinen Beweis, dass er „in der Nachfolge des Vaters den Apothekerberuf wählte“, wie es im Fontane-Lexikon heißt.4

Das Fontane-Handbuch kommt der Profession Rudolphs schon näher, indem er darin als „Landwirt“ ausgewiesen ist.5 Doch in jüngster Zeit stellte sich heraus, dass er keinen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb besaß. Von dem brandenburgischen Regionalforscher Klaus Euhausen, der Familienforschung in Badingen und Mildenberg (Oberhavel) betrieben hat,6 erhielt ich die Information, dass er in Badingen auf Rudolph Fontane gestoßen ist. Dieser sei dort als „Wirtschafts-Inspektor“ tätig gewesen und nach einem Kirchenbucheintrag am 1. Januar 1845 in diesem Orte verstorben.

Seine Angaben habe ich im Herbst 2013 gemeinsam mit Dr. Lothar Weigert vor Ort geprüft und für korrekt und zuverlässig befunden.

Im Evangelischen Pfarramt Mildenberg ermöglichte uns der amtierende Pfarrer, Günther Schobert, Einblick in das Sterbe- und Bestattungsbuch von Badingen. Darin findet sich vom Januar 1845 folgender handschriftlicher Eintrag:

„Herr Rudolph Fantane (Fontane, M.H.), Wirthschafts-Inspector, 23 Jahre und 3 Monate alt, (…) gestorben den 1. (ersten) Januar, 8 Uhr morgens an Lungen- und Gehirnentzündung, beerdigt den 3. Januar in Badingen. Fink, Prediger Mildenberg-Badingen“.7

Es folgt der Hinweis, dass er seine Eltern, die Apothekerfamilie Fontane in Letschin, „hinterläßt“. Folglich schied er unverheiratet und kinderlos aus dem Leben.

Aus all dem lässt sich schließen, dass er auf dem Badinger Gut, ehem. Besitz derer von Trott, tätig war. Diese altmärkische Adelsfamilie war bereits 1666 ausgestorben und nach dem Tod des letzten Trott, der in Himmelpfort lebte und dort (1727) verstarb,“ ging Badingen zurück in den Besitz des Landes und wurde königliches Domänenamt“.8 Insofern wurde das Gut eine königliche Domäne, in der Rudoph Fontane als Inspektor tätig war. Auf jeden Fall dürfte er nicht nur solide Sachkenntnisse besessen haben, sondern auch tüchtig gewesen sein, sonst wäre ihm wohl kaum die Leitung eines Domäne-Gutes anvertraut worden.

Der an der Dorfkirche gelegene Friedhof ist längst eingeebnet, und deshalb gibt es dort keinen Hinweis mehr auf früher Bestattete. Auch Rudolphs einstige Wohnstätte konnte nicht mehr ermittelt werden. Es ist anzunehmen, dass er in dem erwähnten Gutshaus, einem schlossähnlichen Bauwerk, das heute noch existiert, zumindest eine Art Dienstwohnung besaß.

Schließlich darf vermutet werden, dass der Zweitgeborene in der Familie Theodor und Emilie Fontane, der nur vom 2. bis 14. September 1852 lebte, den Namen „Rudolph“ in Erinnerung an den früh verstorbenen Bruder Theodors erhielt.

Am 16. September 1852 richtet Emilie an ihren in England weilenden Ehemann u.a. folgende Zeilen: „Gestern Nachmittag erhielt der Kleine die Nothtaufe (…) wir haben ihn Rudolph taufen lassen.“ Und am Ende des Briefes berichtet sie:

„Unsere(r) Mama (…) ist der Tod des Kleinen auch sehr nahe gegangen, sie freute sich (…), daß er ihrem Rudolph so ähnlich sah“.9

Ich werte dies als ein Zeichen dafür, dass die Erinnerung an den so jung verstorbenen Bruder Th. Fontanes in der Familie noch gegenwärtig war.

Anmerkungen:

  1. Gesamtkirchenbuch (= Gs KB) der Evangelischen Gemeinden von Neuruppin, Bd.II: Taufreg. 1821, S. 50f.
  2. Theodor Fontane: Autobiographische Schriften. Bd. 1, Meine Kinderjahre. Berlin: Aufbau-Verlag 1982, S. 186f./ Fontane-Blätter, Bd. 2, H. 7 (1972), S.479 u. 481.
  3. „Theodor Fontane hat es aus geschrieben gans allein …“. Fontanes erstes Geschichten Buch. Faksimileausgabe nach der Handschrift. Nachl. Fontane 11 der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz. Hrsg. von Helmuth u. Elisabeth Nürnberger. Berlin: 1995, S.88.
  4. Helmuth Nürnberger u. Dietmar Storch: Fontane-Lexikon, Namen – Stoffe – Zeitgeschichte. München: Carl Hanser Verlag 2007, S. 146.
  5. Fontane-Handbuch. Hrsg. von Christian Grawe u. Helmuth Nürnberger. Stuttgart: Kröner 2000, S. 12., unter Bezugnahme auf Jochen Desel: Theodor Fontane – seine Familie und seine französische Abstammung. In: Genealogie. Neustadt/Aisch, Heft 11-12. 1998, S. 346.
  6. Klaus Euhausen: Familienforschung und Regionalgeschichte in Nordbrandenburg. Darin: Ortsfamilienbuch Badingen bei Zehdenick 1739 bis 1900. 2011. Selbstverlag. Auf S. 200 wird unter Nr. 906 Rudolph Fontane als „Wirtschaftsinspektor“ ausgewiesen. (Herr Euhausen war durch die Lektüre meines Buches über die Vorfahren Th. Fontanes, S. 222, auf die fehlende Berufsangabe zu Rudolph Fontane gestoßen.)
  7. Sterbe- und Bestattungsbuch von Badingen 1845; unter Nr. 2 Eintrag für R. Fontane.
  8. Zitiert nach dem von Günther Schobert gedruckten Informationsblatt zur Geschichte Badingens für die dortige Kirchengemeinde.
  9. Emilie und Theodor Fontane (…). Der Ehebriefwechsel 1844-1857. Hrsg. von Gotthard Erler unter Mitarbeit von Therese Erler. Berlin: Aufbau-Verlag 1998, Bd. 1, S. 149-51.

„Brief aus Berlin“ (26): Luise, Königin der Herzen

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Luise, Königin der Herzen

von Georg Bartsch

Seit dem letzten Jahr ist das restaurierte Denkmal der Königin Luise im Tiergarten wieder zu sehen. Es steht auf der „Luiseninsel“. Diese wurde in einem Teil des Tiergartens, in dem die Königin gerne spazieren ging, 1809 zur Rückkehr des Königspaares aus dem Exil angelegt. Laut Fontane hat sich die Königin mal wie folgt geäußert: „Ich muß den Saiten meines Gemüts jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen…Am besten gelingt mir dies in der Einsamkeit; aber nicht im Zimmer, sondern in den stillen Schatten der Natur.“

Schon zu Lebzeiten war die Verehrung für Luise groß. Die Berliner nannten sie die „Königin der Herzen“, eine Bezeichnung, die auf Elisabeth Stuart, der „Queen of Hearts“ und „Pearl of Britain“, zurückgeht. (Auch Prinzessin Diana, die 1997 mit nur 36 Jahren starb und somit nicht viel älter wurde als Luise, erhielt diesen Beinamen.) König Friedrich Wilhelm II. hatte die 1793 stattfindende Hochzeit seines ältesten Sohnes mit Luise arrangiert, sein jüngster Sohn wurde mit Luises Schwester Friederike vermählt. Die beiden Schwestern wurden 1795 von Schadow in der berühmten Prinzessinnengruppe dargestellt, die in der Alten Nationalgalerie zu sehen ist. Luise war ihrem Mann nicht nur in tiefer Liebe verbunden, sie war ihm auch eine große Stütze in den Wirren der Napoleonischen Kriege.

1880 wurde das von Ermann Encke entworfene Denkmal der Königin Luise auf „ihrer Insel“ aufgestellt. Ursprünglich befand sich auf der Insel eine von Johann Gottfried Schadow entworfene Stele mit Marmorschale, die im laufe der Jahre verloren ging. Versunken, wie in sich gekehrt, blickt Luise nieder. Jenseits der Insel steht seit 1849 das Denkmal König Friedrich Wilhelm III, entworfen von Johann Friedrich Drake, in Blickrichtung zur Luiseninsel.

„Jetzt zwischen Link- und Eichhornstraße
mess’ ich meine bescheidenen Maße,
Höchstens bis Königin Luise
wag’ ich mich vor, umschreitend diese.“

So heißt es in Fontanes Gedicht Meine Reiselust. Fontane ging mit zunehmendem Alter und Ausbleiben größerer Reisen häufig im Tiergarten spazieren. Wie oft mag er hier gestanden haben? Und wenn er vorbeischaute an der Königin, sah er zwischen den Bäumen hindurch die Spitze der Matthäuskirche. Und wusste kurz dahinter „seine Dreitreppenklause hoch im Johanniterhause“ und dort seine Emilie, die für eine einladende Stube sorgte.

Königin Luise wurde nach ihrem frühen Tod 1810 auf Schloss Hohenzieritz unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nach Berlin überführt. Das Denkmal auf dem Marktplatz (heute Schinkelplatz) von Gransee erinnert daran, dass der Sarg auf dem Weg nach Berlin hier für eine Nacht stand.

„O welche Reise!
Wie traurig leise
Durchzogen wir der schwarzen Fichten Nacht.
Es fielen unsre Tränen in den Sand;
Sie gab einst Schönheit diesem Land.“

Luisendenkmal in Gransee
Luisendenkmal in Gransee

Diese Worte Achim von Arnims stellt Fontane seinem Kapitel über das Luisen-Denkmal in Gransee voran. Zu dem Kult um die Königin schreibt Fontane: „Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat sie von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verherrlicher zu leiden gehabt…Das Luisen-Denkmal zu Gransee hält das rechte Maß: es spricht nur für sich und die Stadt und ist rein persönlich in dem Ausdruck seiner Trauer. Und deshalb rührt es.“

Der König beauftragte Heinrich Gentz unter Mitwirkung von Karl Friedrich Schinkel im Garten von Schloss Charlottenburg ein Mausoleum zu errichten. Der Auftrag für eine Skulptur auf dem Sarkophag – und das war eine Sensation – wurde von Friedrich Wilhelm III nicht dem alten Schadow, sondern dem noch unbekannten Christian Daniel Rauch gegeben. Er war es auch, der 30 Jahre später die Skulptur für den Sarkophag des Königs schuf. So sind heute im Mausoleum zwei Meisterwerke von Rauch nebeneinander zu sehen, eines aus der frühen und eines aus der späten Phase seines Schaffens.

Johann Gottfried Schadow, dessen 250. Geburtstag wir dieses Jahr feiern, soll über seinen Schüler Christian Daniel Rauch gesagt haben: mein Werk ist in Rauch aufgegangen.

 

Wer war Quintus Icilius?

von Emil Thomas

Im Kapitel „Gröben und Siethen“ – IV. Band der „Wanderungen“ – macht uns Fontane mit einem Gelehrten und späteren Offizier aus dem engeren Kreis Friedrich des Großen bekannt, der deshalb unser Interesse verdient, weil ohne ihn ein bemerkenswertes Kapitel der Preußischen Geschichte unbeachtet geblieben wäre. Fontane zitiert aus dem Gröbener Kirchenbuch Stationen seines Lebens.

333Quintus Icilius – eigentlich Karl Theophil Guichard – stammte aus einer angesehenen und vermögenden Hugenottenfamilie. Er wurde 1724 in Magdeburg geboren, wo sein Großvater eine Töpferei betrieb. Sein Vater war Jurist und Hofrat. Auf Wunsch des Vaters studierte der Sohn Theologie. Obwohl ordinierter Pfarrer – vertretungsweise predigte er in Marburg und Herborn – strebte er kein Pfarramt an; es zog ihn vielmehr zur klassischen Philologie und Orientalistik. Er studierte an der angesehenen Universität Leiden Arabisch und Hebräisch und übersetzte aus syrischen, arabischen und chaldäischen Dialekten und Sprachen. – Da sich eine Universitätskarriere zerschlug, trat er in holländische Militärdienste. Später schrieb er in London ein sechsbändiges Werk über antike Kriegsgeschichte, das im Haag 1758 veröffentlicht wurde und ihn an den europäischen Höfen bekannt machen sollte. Mit diesem Werk, das, statt des originalen längeren französischen Titels: MEMOIRES MILITAIRES SUR LES GRECS ET LES ROMAINS; (…) kurz „Polybios“ genannt wurde, (nach dem gleichnamigen griechischen  Geschichtsschreiber um 200 v. Chr.), empfahl er sich auch Friedrich II., der die Bewerbung gerne annahm. Die erste Begegnung fand 1758 im Breslauer Winterquartier statt. Wegen seiner hohen Bildung, seiner umfassenden Kenntnisse über antike Militärgeschichte – von denen sich der König neue Strategien für seine Kriegführung erhoffte – gehörte er bald zu seiner nächsten Umgebung. – Doch wie kam er zu diesem Namen? Des Königs besondere Aufmerksamkeit in den Schriften des Guichard galt unter anderem der „Schiefen Schlachtordnung“, mit der Caesar die zahlenmäßig überlegenen Truppen des Pompejus in der Schlacht bei Pharsalos (48 v. Chr.) schlug. In einem Gespräch mit Guichard über diese ihn schon länger interessierende Strategie glaubte der König, sich an den Namen des Centurio erinnern zu können der sie befahl: Quintus Icilius. Guichard widersprach: „Quintus Aetilius“. Nach längerem Disput gab der König nach und entschied trotzig: „Damit es in Zukunft einen Quintus Icilius gibt, soll Er zeitlebens diesen Namen tragen“. (Beide Disputanten irrten sich allerdings in dieser Frage, denn den Befehl gab der Centurio Crastinus, der noch am Tage der Schlacht fiel). Erstmals angewendet wurde die „Schiefe Schlachtordnung“ schon von dem Thebanischen Feldherrn Epaminondas 371 v. Chr. In den Militärischen Schriften (1748) schreibt sich der König diese Gefechtstaktik jedoch selbst zu. Im Siebenjährigen Krieg wandte er sie in der Schlacht bei Leuthen (1757) erfolgreich an. Quintus Icilius wird als schroff und rechthaberisch beschrieben und war weder dem König noch dessen Umgebung ein bequemer Mann. Er war sich seines Wissens wohl bewusst und vertrat seine Meinung mit Nachdruck. Der König behielt ihn dennoch in seiner Nähe, unterstellte ihm sogar ein Freibataillon und beförderte ihn zum Major und später zum Obristleutenant.

Ein in der Geschichte der preußischen Armee wohl einmaliger Vorgang, in welchem Ehre und Gewissen des Soldaten über den nicht nur dem König geschuldeten Gehorsam gestellt wurde, ringt ihn in Gegensatz zu zwei anderen hohen Offizieren im Stab des Königs: 1760 wurde Berlin von russischen und österreichischen Truppen besetzt, dabei verwüsteten österreichische Husaren und sächsische Ulanen „wider alle Kriegsraison“ – so des Königs Worte – das Schloss Charlottenburg. Sie zerstörten die wertvolle Antikensammlung, die sich der König unter großen Kosten mühevoll zusammenkaufte und an der er besonders hing. Ebenso wenig verschonten sie seine Lancret- und Watteaugemälde, von denen die Plünderer auch einige mitgehen ließen. Der König sah darin eine persönliche Brüskierung, die ihn zutiefst verletzte. Da geriet 1761, infolge der rasch wechselnden Kriegsschauplätze, Schloss Hubertusburg in den Machtbereich des Königs. Es galt als Wunderwerk sächsischen Spätbarocks und beherbergte eine der bedeutendsten Bibliotheken der Zeit. Die Schmach von Charlottenburg war noch nicht verblasst, und das Verlangen nach Genugtuung beherrschte den König. Der rief General von Saldern zu sich und erteilte ihm den Befehl, das Schloss zu besetzen und „alle geldwerthe Möbeln sorgfältig aufschreiben und einpacken. Ich will nichts davon haben; das Geld, das sie einbringen, will ich dem Lazarett assiguiren und werde Ihn dabei nicht vergessen“. Darauf Saldern: „Ew. Majestät halten zu Gnaden, das ist gegen meine Ehre und Eid“. Der König: „Er will nicht reich werden“ und suchte Verständnis für sein Handeln zu wecken. Er wiederholte nochmals seinen Befehl, doch Saldern blieb sich treu; versicherte dem König zwar seinen unbedingten Gehorsam: „… aber wider Ehre, Eid und Pflicht  kann ich nicht, darf ich nicht“ und weiter „Für dieses Geschäft werden Majestät wohl leicht eine andere Person finden“. (Gemeint war damit wohl Quintus Icilius, der ja ein Freibataillon befehligte.)

334Nun kam die Reihe an den Obersten Johann Friedrich von der Marwitz, dessen Besitz in Friedersdorf durch Kriegshandlungen und Plünderung ebenfalls schwer geschädigt wurde und deshalb dem König geneigter schien, seinem Befehl zu folgen. Doch der ließ sich ebenso wenig bereden und antwortete dem König: „Solches schicke sich allenfalls für die Offiziere eines Freybataillons (!), aber nicht für die des Regiments Seiner Majestät Gens d’armes“.

Beiden brachte es die allerhöchste Ungnade ein. Von der Marwitz bekam sie besonders zu spüren. Der König würdigte ihn in der Folgezeit keines Wortes geschweige denn Befehls mehr. Auch nicht bei den glanzvollen Truppenrevuen. Alle Eingaben, ja selbst seinen Abschied, um den er schließlich bat, blieben unbeantwortet. Um diesem Zustand ein Ende zu setzen, blieb der Oberst dem Dienst einfach fern.  Später lenkte der König ein und bot ihm ein neues Regiment an, doch nun lehnte von der Marwitz ab: „Was geschehen sei, sei geschehen und könne kein König mehr ungeschehen machen“. Seine Ehrauffassung ist heute noch auf seinem Grabstein in der Friedersdorfer Kirche zu lesen: „Sah Friedrichs Heldenzeit und kämpfte mit ihm in allen seinen Kriegen; wählte Ungnade wo Gehorsam nicht Ehre brachte“. In der preußischen Armee stand das eigene Gewissen im Zweifelsfall über dem Gehorsam; ein in der öffentlichen Preußendiskussion viel zu wenig beachteter Aspekt. Der vorgenannte Grabstein in der hervorragend restaurierten Friedersdorfer Kirche repräsentiert wie kaum ein anderes Denkmal die moralische Substanz des Begriffes „Preußen“.

Nach diesen Absagen wandte sich der König an Quintus Icilius. Der führte den umstrittenen Befehl aus. Ob aus Gehorsam oder um seinen gering besoldeten Legionären eine Zulage zu gewähren, sei dahin gestellt. Die nicht an Traditionen gebundenen Freikorps standen in der Armee nicht im besten Ruf. Auch nicht das des Quintus Icilius, welches bei diesem Einsatz ganze Arbeit leistete. Alles, was von Wert und transportabel war, wurde verladen. Als der „Hubertusburger Frieden“ am 15. Februar 1763 im gleichnamigen Schloss unterzeichnet werden sollte, waren weder Tische noch Stühle vorhanden. Die Verhandlungen mussten deshalb im nahe gelegenen Schloss Dahlen stattfinden. Abzüglich 100.000 Taler, die der König für Lazarette beanspruchte, durfte Quintus Icilius den übrigen Erlös aus der Beute  behalten. Darunter auch die sehr wertvolle Bibliothek, die er sich selbst vorbehielt und dadurch vor der Gefahr des Verheizens in den kalten Winterquartieren bewahrte. Ironie der Geschichte: Sowohl von der Marwitz als auch Quintus Icilius liebten das Kartenspiel. Dabei verlor Letzterer „partienweise“, wie Fontane berichtet, alle Bücher aus dem Raubzug an den Obersten von der Marwitz. (Möglicherweise, wie unterstellt wird, auch in der Absicht, ihm die Bibliothek, auf die er mit seiner Entscheidung bewusst Verzicht übte, auf diese Weise zukommen zu lassen). Später kaufte der König 5300 Bände aus der Friedersdorfer Bibliothek, die vermutlich überwiegend aus jener Beute stammten.

Nach Friedensschluss widmete sich Quintus Icilius wiederum seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Er gab mehrere Werke heraus, darunter den Kommentar über Julius Caesar und eine Abhandlung über die römische Zeitrechnung und deren Bedeutung für die Datierung historischer Ereignisse. Er wurde Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften und verhalf der großen königlichen Bibliothek zu neuem Ansehen. Als man über Tisch gelegentlich auf Schloss Hubertusburg zu sprechen kam, richtete der König an ihn die Frage, wie viel Er denn aus dem Schloss mitgenommen habe? Quintus Icilius antwortete ungeniert: „Das müssen Eure Majestät doch am besten wissen, denn wir haben ja geteilt.“ Solche Antworten waren nicht nach des Königs Geschmack; Quintus Icilius blieb aber bei seiner Suite.

Im Jahre 1770 verlobte sich Quintus Icilius mit der vierundzwanzigjährigen Helene Albertine von Schlabrendorf, Tochter des Generalmajors Gustav Adolf von Schlabrendorf auf Gröben. Er kam nicht umhin, dem König davon Mitteilung zu machen. Der reagierte höchst ungnädig, fürchtete er doch, dass ein Offizier durch Heirat gebunden und nur noch bedingt verfügbar sei. Außerdem, so des Königs Haupteinwand, könne er eine Dame aus gräflichem Hause gar nicht ehelichen, da sein Vater doch nur Töpfer sei. Darauf Quintus Icilius: „Sire geruhen dies ebenso zu sein wie meine Vorältern, nur mit dem Unterschied, dass jene Fayence und Euer Majestät Porcellan mache“. Ein weiterer Beweis für das unbotmäßige Verhalten des Quintus Icilius seinem König gegenüber. Fontane überliefert uns diese Szene mit fast gleichen Worten. Als Quintus Icilius schließlich mit seinem Abschied droht, gibt der König seine Einwilligung zur Heirat. Doch blieb das Verhältnis zum König lange Zeit gespannt.

335Ins Kirchenbuch von Gröben, das seit 1578 geführt wird und als ältestes der Mark gilt, trägt Pfarrer Redde unter dem 3. Januar 1771 die Trauung ein. Die Ehe wurde sehr glücklich. Als Ehemann widmete er sich seinen Sammlungen und seiner umfangreichen Bibliothek und genoss die neue Häuslichkeit. Er erwarb das in der Nähe von Rathenow gelegene Gut Wassersuppe, das ihm vom König den Spottnamen „Seigneur de Wassersuppe“ einbrachte. Dort wurden auch die Kinder geboren, eine Tochter und ein Sohn letzterer mit Namen Friedrich Quintus Icilius. Doch währte das Glück nicht lange. Gut vier Jahre später stirbt Quintus Icilius. Pfarrer Redde widmet ihm im Kirchenbuch einen längeren Nachruf: „1775 am 13. Mai starb in Potsdam der Hochwohlgeborene Herr Charles Guichard, genannt Quintus Icilius, Sr. Majestät wohlbestallter Oberster von der Infanterie und Adjutant bei Dero Suite nach zweitägigem Krankenlager an einer Kolik und Inflamation (…). Hier war er ständig um und an der Seite des Königs, der fand an ihm einen Mann, den er als Soldaten, Philosophen und zugleich auch in rebus politicis gebrauchen konnte. Sein Körper ward auf Befehl des Königs, der den Sitz der Krankheit und die Todesursache erfahren wollte, geöffnet und nach Gröben gebracht, allwo der Sarg unter dem Kirchenstuhle, daran die Predigers-Frau ihren Sitz hat, beigesetzt. (…)“ Der König betrauerte seinen Tod aufrichtig und bekundete seine herzliche Anteilnahme der Familie gegenüber. Der Witwe ließ er zur Erziehung der Kinder jährlich 1000 Taler zukommen und bestellte außerdem einen Vormund, der ihm regelmäßig zu berichten hatte. Nur acht Jahre später, am 1. Mai 1783, starb auch seine Frau „und ward am 3. selbigen Monats in der Gruft ihres seligen Gemahls … beigesetzt. Aetate sechsunddreißig Jahr.“ Doch weist in der Gröbener Kirche nichts auf diese Begräbnisstätte hin.

Es bleibt das Verdienst des Quintus Icilius, die sächsische Bibliothek gerettet zu haben. Seine eigene ebenso reichhaltige wie kostbare Bibliothek, die „ …vortreffliche Werke der Altertumswissenschaften, Philologie, Geographie, Philosophie, schönen Wissenschaften u. a. enthielt …“ erwirbt der König von dessen Witwe für 12.000 Taler. Die Belege der Königlichen Bibliothek weisen aber nur 8000 Taler aus. Die fehlenden 4.000 entstammen der Privatschatulle des Königs. Mit diesem Ankauf wurde der Grundstock zur größten Bibliothek Deutschlands gelegt.

Literatur:
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band II und IV; Joh. Philipp Janssen: Quintus Icilius oder der Gehorsam; iudicium verlag München 1992 Jan Feustel: Quintus Icilius – Spaßmacher und Plünderer des Königs; Märkischer Sandbote, Heft 38; 2000

Theodor Fontane an der Kieler Förde

Text: Rüder F. L. Fricke
Fotos: Philipp S. Fricke

Vom 21. bis 28. September 1878 weilten Theodor und Emilie Fontane auf einem Landsitz, der im heutigen Kieler Stadtteil Düsternbrook oberhalb des Ufers der Kieler Förde lag. Wie kam es zu diesem Besuch, und was hat es damit auf sich, dass auf dem Plateau, wo diese Villa stand, sich eine Informationsstele befindet, auf der ein Spaziergänger oder ein Wanderer Gedichtzeilen von Fontane lesen kann? Das Ehepaar Fontane befreundete sich 1874 mit dem Sänger Julius Stockhausen, geboren 1826, und dessen Ehefrau, Clara geborene Toberentz, Jahrgang 1842. Martha Fontane war sogar seit 1876 so etwas wie eine Haustochter bei den Stockhausens. Sie verliebte sich dabei mit sechzehn Jahren in Julius. Das belastete zwar für kurze Zeit die Freundschaft, aber es blieb bei der engen Beziehung zwischen den Ehepaaren. Für Stockhausens Sohn Johannes wurde Theodor Fontane neben Johannes Brahms Pate. Aufgrund der Freundschaft mit dem Ehepaar Stockhausen erhielten Theodor und Emilie eine Einladung des Hamburger Industriellen Heinrich Adolph Meyer zu einem Hausbesuch in dessen Villa im heutigen Kieler Stadtteil Düsternbrook. Meyers Ehefrau, Marie, geboren 1833, war nämlich Clara Stockhausens älteste Schwester. Der liberale und sozial eingestellte H.A. Meyer, geboren 1822, erzeugte sehr erfolgreich Produkte aus Elfen- und Fischbein. Beide Eheleute waren weltoffen, hilfsbereit, Neuem gegenüber aufgeschlossen und kunstverständig. Heinrich war außerdem zoologisch sehr interessiert, vor allem in Bezug auf Meerestiere, und betrieb als Autodidakt sehr enthusiastisch diesbezügliche Forschung, zusammen mit dem befreundeten Naturwissenschaftler Karl Möbius, geboren 1825, der als Mitbegründer der Meeresbiologie gilt und Professor in Kiel wurde.

Die diesbezüglichen Tiersammel- und Forschungsfahrten, für die Meyer eigens eine Jacht bauen ließ, machten die beiden von Kiel aus. Dort hatte Meyer nämlich von 1866 bis 1868 eine Villa hoch über der Kieler Förde in einer ehemaligen Fruchtbaumschule errichten lassen, das „Haus Forsteck“.

Dieser Landsitz wurde rasch der geistig-kulturelle Mittelpunkt des Raumes Kiel. Die Eheleute Meyer waren äußert gastfreundlich und beherbergten ihre Freunde und zahlreichen Verwandten oft tage- oder gar wochenlang. Berühmte Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft, Politik und Geistesleben waren unter diesen, z.B. die Pianistin Clara Schumann (1819 – 96), der Komponist Johannes Brahms (1833 – 97), der niederdeutsche Dichter Klaus Groth (1819 – 99) oder der deutschamerikanische Journalist und Staatsmann Carl Schurz (1829 – 1906), Bundessenator und von 1877 bis 1881 US-Innenminister, Ehemann von Maries jüngster Schwester.

Nach dem „Haus Forsteck“ fuhr also das Ehepaar Fontane. Am 11. September 1878 reiste es zunächst von Berlin nach Hamburg, dem Hauptwohnsitz der Gastgeber. Von dort fuhr Theodor mit Heinrich voraus, Emilie kam mit Marie nach. Vom 21. September an hielten sich beide Fontanes im „Haus Forsteck“ auf. Theodor traf dort häufiger mit Klaus Groth zusammen, der in Kiel wohnte, kam mit ihm ins Gespräch, zum Teil von anderen Personen ungestört, und besuchte mit ihm große Kriegsschiffe, die in Docks in Stand gesetzt wurden. Sein Dichterfreund Theodor Storm hatte ihm den niederdeutschen Schriftsteller zwanzig Jahre zuvor in Berlin ans Herz gelegt. Im November nach seinem Besuch im „Haus Forsteck“ berichtete Fontane ihm brieflich von seiner Begegnung mit Klaus Groth.

Von der Terrasse der Villa aus konnte Fontane eine berühmte Aussicht über die Kieler Förde zum gegenüberliegenden Ufer genießen, den sog. Hirschfeld-Blick, benannt nach dem Kieler  Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld (1742 – 1792), der die Obstbaumschule von 1781 angeregt hatte, auf deren Grund der Park des „Hauses Forsteck“ lag und sich heute der öffentlich zugängliche Diederichsenpark erstreckt, der seinen Namen nach dem letzten Eigentümer, H. Diederichsen, einem Kieler Kaufmann und Konsul, erhalten hat.

1
Theodor Fontane konnte den sogenannten Hirschfeld-Blick genauso genießen wie wir heute.'

So schön und gastlich es für Fontane im „Haus Forsteck“ auch war, so war es ihm schließlich doch zu viel des Guten: Die dicht gedrängten üppigen Mahlzeiten und Festlichkeiten sowie die bildungsbeladenen Veranstaltungen und Ausflüge wurden ihm zu anstrengend. Deshalb reisten er und Emilie früher als vorgesehen am 28. September heim. Letztlich überwogen an Erinnerungen jedoch die angenehmen. Das zeigt sein Gedicht Haus Forsteck vom 2. Oktober 1878, das er Marie und Adolf Meyer gewidmet hat.

Die beiden ersten Strophen dieses Gedichts stehen auf Anregung des Autors des vorliegenden Aufsatzes auf einer Informationsstele, die seit zwei Jahren im Diederichsenpark an das „Haus Forsteck“ erinnert, das 1944 zerbombt und später abgerissen wurde.

2
Die Zeilen von Th. Fontane erinnern an seinen Aufenthalt im "Haus Forsteck" im Jahre 1878.

Solch eine Stele ist in der Nähe auch Fontanes Dichterfreund Theodor Storm gewidmet. Sie steht neben einem Theodor-Storm-Gedenkstein im Düsternbrooker Gehölz, einem Wäldchen, das wie der Diederichsenpark auf dem westlichen Steilufer der Kieler Förde liegt. In unmittelbarer Nähe zu dieser Stele befand sich eine Waldschänke, die längst abgebrannt ist. Darin trafen sich gern Kieler Studenten zu Tanz, Gelagen oder Fechtkämpfen. Auch Theodor Storm besuchte dieses Wirtshaus in seiner Kieler Studienzeit hin und wieder. 1862/63 setzte er ihm mit seiner Novelle Auf der Universität ein Denkmal, indem er es zu einem wichtigen Handlungsort machte. Am 20. Dezember 1862 schrieb er Fontane über seine Arbeit an dieser Erzählung.

3
Die Info-Stele erinnert an das „Haus Forsteck“

Die beiden Stelen mit Fotos und Texten zum „Haus Forsteck“ und zu Theodor Storm sind wichtige Bestandteile eines Rundgangs mit insgesamt siebzehn Stationen, dem die Landeshauptstadt Kiel den Namen „KulturSpuren Düsternbrook“ gegeben hat und der nach Orten der Erinnerung an berühmte Persönlichkeiten und historischen Schauplätzen führt. Zum Teil liegen die Spuren recht versteckt, wenn nicht gar verwunschen. Sie trotzdem zu finden und sich dabei nicht zu verlaufen, hilft seit einigen Monaten ein virtueller Rundgang, den das Kulturamt der Stadt gestaltet hat. Es können also nicht nur Besucher der Stadt Kiel, mit geeigneten Ausdrucken von Hintergrundinformationen, Bildern, genauen Wegbeschreibungen und Lageplänen in der Hand, Erinnerungsorte im Stadtteil Düsternbrook real aufsuchen, sondern alle Interessierten die „KulturSpuren“ auf www.kiel.de/kulturspuren nachvollziehen.

Viele Informationen für diesen Beitrag verdanke ich dem Kieler Autor Gerd Stolz und dessen Buch Heinrich Adolph Meyer und sein „Haus Forsteck“ in Kiel, Husum 2004, das ich sehr zur Lektüre empfehle.

„Brief aus Berlin“ (25): Am Gendarmenmarkt

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Am Gendarmenmarkt

von Georg Bartsch

Einer der schönsten Plätze Berlins ist der Gendarmenmarkt. Und wir erinnern gleich, dass Fontane hier von 1870 an 20 Jahre lang seinen Arbeitsplatz als Theaterkritiker für die Vossische Zeitung hatte. Längst ist aus dem Königlichen Schauspielhaus das Konzerthaus geworden. Links und rechts vom Eingang sind Zitate in den Boden eingelassen, die Berlin und seine Einwohner rühmen. Auf der einen Seite drei, auf der anderen vier. Wie das an einem von Symmetrie geprägten Ort? Das vierte Zitat ganz links wurde mit dem Ende der DDR entfernt. Erich Honecker feierte 1979 hier den Siegeszug des Sozialismus auferstanden aus den Ruinen Berlins.

Der Maler Otto Nagel, der posthum der 79. Ehrenbürger der Stadt wurde, lässt uns wissen:

„Ich habe sie schon immer geliebt, die alte Stadt; Geliebt in achtungsvoller Verehrung.“ Und Schiller, dessen Denkmal mitten auf dem Platz in weiß erstrahlt, wird zitiert: „Dass ein längerer Aufenthalt in Berlin mich fähig machen würde, in meiner Kunst fortzuschreiten, zweifele ich keinen Augenblick.“

Seine Stücke wurden hier im Schauspielhaus oft aufgeführt. Zu seinem Wilhelm Tell schrieb Fontane zu Beginn der neuen Theatersaison am 17. August 1870 die erste Kritik für die „Vossin“. Zu Schiller heißt es dort: „Ein Glück, dass wir ihn besitzen, dass seine vor allem spruch- und gedankenreichen Schöpfungen uns, für alles, was kommen mag, bereits einen geprägten längst allgemeingut gewordenen Ausdruck überliefert haben, der zur rechten Stunde seine ursprüngliche Frische zurückgewinnend, neuzündent in alle Herzen schlägt.“

Fs
Schillerdenkmal am Gendarmenmarkt (Foto: G. Bartsch)

Georg Forster, der Naturforscher und Reiseschriftsteller, der an der zweiten Weltumseglung James Cooks teilnehmen durfte, meint: „Berlin ist gewiss eine der schönsten Städte in Europa.“ Klingt gut, ist jedoch aus dem Zusammenhang gerissen. Es heißt etwas ausführlicher: „Ich hatte mich in meinen mitgebrachten Begriffen von dieser großen Stadt sehr geirrt. Das Äußerliche viel schöner, das Innerliche viel schwärzer, als ich mir’s gedacht hatte. Berlin ist gewiss eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Einwohner? – Gastfreiheit und geschmackvoller Genus des Lebens – ausgeartet in Üppigkeit, Prasserei, ich möchte fast sagen Gefräßigkeit. Freie aufgeklärte Denkungsart – in freche Ausgelassenheit, und zügellose Freigeisterei … Was Wunder, dass Goethe dort so sehr, so allgemein missfallen hat, und seinerseits auch mit der verdorbenen Brut so unzufrieden gewesen ist!“

Das lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Fontane selbst ist ebenfalls sehr direkt in seinem Urteil über die Berliner. Jedoch meint man bei ihm auch so etwas wie eine Liebeserklärung für den Menschentyp herauszuhören. Im Stechlin heißt es im 12. Kapitel:

„Wie beinah jedem hierlandes Geborenen, war auch ihr (Frau Schickedanz, d.V.) die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt, weil jeder echte, mit Spreewasser getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an der Welt draußen misst, von der er, wenn er ganz echt ist, weder eine Vorstellung hat noch überhaupt haben will.“

Bleibt die Frage, ob nicht auch auf der linken Seite wieder ein viertes Zitat den Boden des Gendarmenmarktes zieren sollte? Und wer böte sich da besser an als Theodor Fontane mit seiner Bemerkung in dem Essay-Entwurf Berliner-Ton:

„Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner.“

Da steht dann nicht nur der Tourist, sondern auch der Berliner grübelnd davor. Vergeblich wird man einen Sinn in dieser Aussage suchen. Und hat dennoch das Gefühl, der alte Fontane hat ja so Recht.

P.S. Herr Staatssekretär Schmitz dankt für den Vorschlag und hält diesen für eine schöne Idee.

 

Kriterien für einen guten Roman

Von Ingeborg Botrall, London

Folgende Elemente müssen sich in einem guten Roman finden lassen:

  1. ein Mysterium
  2. eine theologische Dimension
  3. Vertreter der adeligen Gesellschaft
  4. eine gute Geschichte, d.h. eine gute Handlung und glaubhafte
    Figuren, Spannung zwischen den Figuren
  5. die Darstellung der Gesellschaft, d.h. eines begrenzten
    Milieus oder /und eines Panoramas der gesamten Gesellschaft.
  6. ein guter Stil
  7. ein glaubhaftes Ende, es kann gut, tragisch oder offen sein
  8. ein guter Dialog, bzw. eine geschliffene Unterhaltung
    zwischen mehreren Personen
  9. eine Moral – sozialkritisch oder politisch oder allgemein
    ethisch
  10. er muss die Bedingungen
    der menschlichen Existenz widerspiegeln
  11. eine romantische Geschichte haben
  12. eine Mischung der literarischen Gattungen enthalten,
    komische, tragische sowie poetische und epische Elemente
  13. Angst/ Furcht vor dem Tod/ der Zukunft enthalten
  14. einen Eindruck der Landschaft und ihres Charakters
    vermitteln (wie bei Fontane die Mark Brandenburg oder bei Dickens London oder das Marschland in Essex)
  15. den Charakter der Landsleute spiegeln
  16. Elemente des Dialekts haben, bei Fontane Plattdeutsch bzw.
    Niederdeutsch, bei Thomas Mann Platt, Bayrisch, Schwyzerdütsch und Sächsisch,
    bei Dickens Cockney

Und von Dekadenz keine Spur … einige Betrachtungen zu Theodor
Fontanes
Der Stechlin
von 1895.

Während einer Diskussion über englische Romane des 19. Jhs. und
ihrer Merkmale sowie guter Kenntnis vieler Film- und Fernseh-Versionen der
Werke Jane Austens, George Eliots und Charles Dickens einigten wir uns in meiner
Klasse in Nord-London auf eine Reihe von Beurteilungskriterien für einen guten Roman.
Wir schauten uns den dreiteiligen und fast fünfstündigen Fernsehfilm Der Stechlin aus dem Jahre 1975 an , der vom Norddeutschen Rundfunk unter Leitung von Dieter
Mechsner und Rolf Hädrig gedreht wurde. Der Film ist eine sehr treue Wiedergabe
des Romans, lässt aber auch, wie meistens, ein paar Nebenfiguren und Episoden weg.
Wir kamen natürlich nach Lektüre des Romans selbst, zu folgenden Betrachtungen:

Das Mysterium bildet der „Große Stechliner See“, der
unterirdisch mit anderen Teilen der Welt verbunden ist, so z.B. während des Lissaboner
Erdbebens im Jahre 1755 oder mit dem Vulkanausbruch des Krakatau auf der Insel Java
im Jahre1883. Fontane spricht ihm die Fähigkeit zu, während revolutionärer
Zeiten einen roten Hahn zu zeitigen. Das Revolutionäre kommt, wie sich das gehört, immer
aus Frankreich, dem Land seiner hugenottischen Vorfahren. Die Rolle der Buschen,
die sich mit Heilkräutern auskennt und wie eine alte Hexe aussieht und sogar
dem alten Stechlin eine gewisse Erleichterung für seine geschwollenen Beine
verschafft, mutet einen mit ihrem hübschen Enkelkind „Agnesen“ wie aus den Grimm’schen
Märchen an.

Die Sage der schönen Melusine, der Wassernixe, die im Großen
Stechliner See geradezu verschwinden könnte (siehe Unterhaltung im Winter) gehört auch
zum Mysterium des Verführerisch-Weiblichen (siehe Gespräch zwischen
Dubslav und Adelheid). Der Einbruch dieser Märchen-und Sagenwelt mitten in
die realistischen Konversationen ist eine Mischung literarischer Gattungen, die
Fontane besonders liebte. Realistisch sind die Konversationen, weil sie – ohne
langweilig zu werden – gewisse Wiederholungen und Lieblingsthemen enthalten.

Die
Theologie spielt eine große Rolle, obwohl es auf den ersten Anschein hin nicht so aussieht.

Das preußisch-provinzielle Milieu ist herkömmlich lutherisch,
besonders in der Figur der Adelheid, die in einem lutherischen Adelsstift, dem Kloster
Wutz, die Vorsteherin, die Domina, ist. Sie ist zwar vom Charakter her herb und trocken
und damit eine typisch märkische Adelige, besitzt aber einen gesunden
Menschenverstand und hält Dubslavs Liebe zu geistreicher Unterhaltung und Witz für einen
leicht frivolen Aspekt seines Charakters. Sie ist dem jungen Stechlin sehr verbunden,
hat seine militärische Laufbahn finanziert und ist sehr daran interessiert, dass er
heiratet und dass die alte Familie von Stechlin nicht ausstirbt. Sie versteht sich nicht
besonders gut mit ihrem jüngeren Bruder, aber ihr Charakter dient als Folie des
Charakters ihres Bruders.

Eine der zwei Personen, die nicht mit Satire und Ironie
behandelt werden, ist Pastor Lorenzen, der den jungen Stechlin anstelle der früh verstorbenen
Mutter hauptsächlich in seinen Ansichten prägte und ihm ein christlich-soziales
Engagement vorlebt, sowie ihn für die relativ unbekannte Figur des zeitgenössischen
Portugiesen Jao de Deus, der 1896 starb, begeistert.

Die preußische Landeskirche war eine unierte Staatskirche, d.h.
eine Mischung aus calvinistischen (S. Koselegers Aufenthalt in den Niederlanden)
und lutherischen Elementen. Es gab innerhalb dieser Kirche pietistische
Strömungen und natürlich auch außerhalb der Staatskirche wie die Herrnhuter Gemeinschaft
um Graf Zinsendorf (1700- 1760), eine christliche Gemeinschaft, die im
englisch-sprachigen Raum als „Moravian brothers“ bekannt ist. Die sozial-christliche Richtung
gruppierte sich unter anderem um den Hof- und Domprediger Adolf Stöcker
(1835-1909), von dem auch Stechlins Kamerad, der Assessor im Kultusministerium, v.
Rex, beeinflusst war. Der theologische Eifer und der Ehrgeiz von Rex, es zu etwas zu
bringen, wobei auch seine Frömmigkeit dazu gebraucht wird, werden von Fontane in der
Unterhaltung zwischen Vater und Sohn ironisiert.Czacko amüsiert sich darüber, wie
irritierend Rex Krippenstapels ‘Vielwisserei’ findet.

Die Diskriminierung der katholischen Bürger des neuen Reiches
während des Kulturkampfes (1871-1887) unter dem Reichskanzler Otto v.
Bismarck (preußischer Ministerpräsident von 1862 bis 1866, dann Kanzler des
Norddeutschen Bundes von 1866-1871, schließlich Reichskanzler bis 1890) wird vom
preußischen Grafen Barby, dem Vater der beiden entzückenden jungen Damen, und dem
katholischen Grafen Berchtesgaden beim Ausflug zum Berliner „Eierhäuschen“ erörtert.
„Windthorst“ war der populäre Gegner Bismarcks in diesem theologisch-politischen
Konflikt.

Katholisch waren nicht nur die Bayern, sondern auch die
Bevölkerung in Elsass-Lothringen, die nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 dem
neuen Kaiserreich einverleibt wurde, sowie eine große Mehrheit im westlichen
Preußen, dem industriellen Rhein- und Ruhrgebiet.

Was die
militärisch-diplomatischen Beziehungen angeht, so ist es nicht nur der Major a.D., Dubslav von Stechlin, und der ehemalige Feldjäger Katzler,
sondern es sind vor allem die drei jungen Kameraden, Woldemar v. Stechlin, Rex, der
ebenfalls aus einer alten preußischen Adelsfamilie stammt und der Hauptmann Czako,
die die militärischen und diplomatischen Fragen der Zeit repräsentieren und
untereinander diskutieren. Woldemar gehört dem Garde-Dragoner-Regiment Ihrer Majestät
Viktoria, Königin von Großbritannien und Irland an und besucht London als
Repräsentant dieses Regiments.

Die Beziehungen zwischen dem jungen deutschen Kaiserreich und
Großbritannien sind auch Gesprächsthema, besonders im Salon der Familie Barby
in Berlin, vor allem nach Woldemars Besuch dort. Mehrere Prinzen, u.a. Prinz
Albrecht von Preußen und Georg von Großbritannien und Irland, gehören demselben
Regiment an. Der alte Dubslav ist diesen vielen Prinzen gegenüber etwas skeptisch
eingestellt (Unterhaltung Vater und Sohn nach dem Eintreffen der drei jungen Männer).
Innerhalb von fünfundzwanzig Jahren nach seiner Gründung wurde aus dem deutschen Kaiserreich
der zweitgrößte industrielle Konkurrent Großbritanniens. Diese
fundamentale Änderung des Verhältnisses wird jedoch in Fontanes Roman nur angedeutet.

Und die Beziehungen zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem
russischen Zarenreich (Nichtverlängerung des Bismarck’schen
Rückversicherungsvertrags unter den Reichskanzlern Caprivi (1890-1894) und Hohenlohe-Schillingsfürst (1894-1900) und Kaiser Wilhelm II. werden anhand der
Zugehörigkeit des dritten Kameraden, des Hauptmanns v. Czacko (slawischer Name), zum
Alexanderregiment diskutiert, worauf Dubslav von Stechlin nostalgisch seinen Tagen
im Nikolaus Kürassierregiment nachtrauert und der
Waffenbrüderschaft zwischen den preußischen und russischen Truppen während der
Befreiungskriege (1813/14), die schließlich zu Napoleons Niederlage führten. Dubslav entgeht
es, dass es Czacko etwas peinlich ist, den Alten so „schwelgen“ zu hören.
Dass Dubslav und Czacko slawische Namen besitzen ist kein Zufall, sondern soll
ihre Orientierung nach dem Osten und vielleicht auch den slawischen Ursprung des
Preußischen ausdrücken.

Die christlich-soziale Frage war ein wichtiger Aspekt der Zeit
(1880/90er Jahre) mit dem Aufkommen der Sozialdemokratie, sowie der Bismarck’schen
Sozialgesetzgebung und der herkömmlichen Verbindung des Adels mit der Staatskirche,
deren Beamte die Pastoren und seit einiger Zeit auch die Lehrer der
Volkschulen waren, wie z.B. der leicht exzentrische Vertreter dieser Gattung,
Krippenstapel, der Imker, Lokalhistoriker und „Museumsdirektor“ bei dem alten Stechlin
ist, sowie natürlich der Oberförster Katzler mit seiner hochwohlgeborenen „ehemaligen“
Prinzessin Ermyntrud von Ippe-Büchsenstein zur Gattin, die ihm sieben
Töchter geboren hatte, von denen vier tragischerweise schon als Kleinkinder starben.

Das
Schicksal der Arbeiter, dieser durch die Industrialisierung hervorgebrachten relativ neuen Unterschicht, wurde von vielen Geistlichen
ignoriert. Abgesehen von der Retortenherstellung in Globsow und Torgelow gibt es im Roman
die sieben Schneidmühlen (Sägewerke) am Rhin, nicht Rhein, der Familie
Gundermann. Die erst vor kurzem geadelte Frau v. Gundermann beklagt sich bei
Lorenzen, der ihre Kinder konfirmiert hat, über Probleme mit diesen und dem vielen
Personal im Haus und in der Mühle. (Unterhaltung beim Abendessen zu Beginn des
Romans.)

Der Konsistorialrat Koseleger wird wesentlich kritischer
gezeichnet und sein Bestreben, die Gegend mit Hilfe der „Prinzessin“, zu einer
geistlichen Erweckung zu führen, trifft auf Stechlins Ablehnung, der sich seinen
Lorenzen , der ihn „in 20 Jahren noch nie bemogelt“ hat, nicht schlecht machen lässt.
Koselegers Ehrgeiz, mit dem hohen Adel auf gleicher Basis zu stehen, wird in seinem
Gespräch mit Lorenzen als oberflächlich und hohl porträtiert. Dubslav von Stechlin
ärgert sich sowohl über Koselegers Besuch wie den der „Prinzessin“, als es sich
herumspricht, dass es ihm nicht gut gehe – da er fühlt, dass sie ihn „bekehren“ möchten.
Sie verhält sich übertrieben preußisch (Pflichterfüllung) und übertrieben bürgerlich, weil
sie unter ihrem Stande geheiratet hat und macht es ihrem Mann dadurch schwer,
sich ihr gegenüber ritterlich zu verhalten.

Ganz am Anfang spricht der junge Stechlin zu seinen Kameraden
über die ungewöhnliche Ehe der Katzlers und stattet der Frau Oberförsterin einen kurzen
Besuch ab, wobei seine Kameraden sofort ein Liebesverhältnis vermuten,
das jedoch dementiert wird und für den guten Charakter des jungen Stechlin bürgt.

Freuen tut sich der alte kranke Stechlin hingegen über den
Besuch seines alten Freundes Krippenstapel, der seine beste Honigwabe als Geschenk
mitbringt, und natürlich auch des Pastors Lorenzen, der ihn mit einem guten
Luther-Zitat tröstet. Dass er insgesamt trotz seiner allgemeinen Beliebtheit und
seines guten Verhältnisses zu seinem Sohn an einer gewissen Einsamkeit leidet, wird durch
seine Freude über den Besuch von außen hervorgehoben und wird auch aus seinem fast
komischfreundschaftlichen Verhältnis zu seinem Diener Engelke ersichtlich.

Was die Handlung des Romans angeht, so ist sie relativ einfach.
Ein junger Mann, der junge Woldemar v. Stechlin, muß eine Wahl zwischen den
Töchtern des Grafen Barby, eines weltgewandten, reichen Grafen, der eine schöne
Wohnung am Kronprinzenufer in Berlin mietet, treffen. Er entscheidet sich für die jüngere
Armgard, obwohl er sich auch von der schönen Melusine angezogen fühlt, die für
kurze Zeit schon mit einem italienischen Grafen verheiratet war und geschieden ist.

Der alte Stechlin lässt sich als Kandidat einer Ersatzwahl zum
Reichstag in Berlin aufstellen und verliert.

Bei dem Besuch der reizenden jungen Damen fühlt sich der alte
Stechlin ebenso zu Melusine hingezogen und Melusine „droht“ Armgard mit der
Möglichkeit, ihrer Rolle als ihre wesentlich ältere Schwester und „Mutter”,
sowie als Rivalin gegenüber Woldemar noch die Rolle der „Schwiegermutter” hinzuzufügen! Das
war natürlich nicht ernst gemeint wie so Vieles von ihr. Ihr „Geschiedensein”
scheint einer Wiederverheiratung nicht im Wege zu stehen und stellt
offensichtlich keinen gesellschaftlichen Makel dar. Nach dem Begräbnis des Alten drückt v. Czacko
ernsthaftes Interesse an Melusine aus.

Die jüngere Armgard wird wie Lorenzen ohne Ironie behandelt und
als hübsche, wenn auch etwas blasse, junge Dame geschildert, die zwar nicht
so schillert wie ihre Schwester, aber ehrlich und zuverlässig ist und damit als eine
sehr gute Partie für den jungen Woldemar dargestellt wird.

Der alte Stechlin, ein Original an Charakter, der es liebt, sich
selbst zu widersprechen, ist gleichzeitig die Verkörperung traditioneller Werte des alten
Preußens mit gewissen Einschränkungen gegenüber dem Alten Fritz. Der Major
a.D. erlebt die Hochzeit seines einzigen Sohnes in der Garnisonskirche in Potsdam.
Er erkrankt dann, erlebt eine kurze Genesung und stirbt. Er wird als Mann
mit menschlichen Qualitäten und Herz dargestellt und so von Pastor Lorenzen bei
seiner Beerdigung gewürdigt, auch als einer, der dem Neuen aufgeschlossen
gegenüber stand.

Als Darstellung der preußischen Gesellschaft im Deutschen
Kaiserreich haben wir die genaue Beschreibung der adeligen, politisch-diplomatischen,
militärischen, industriellen und kirchlichen Kreise, aber auch der Dienerschaft (Engelke und
Jeserich, die Berliner Kammerzofe der Barbys, die Christel in der Küche
und der Kutscher Martin) sowie der Arbeiter. Der erfolglose Wahlkampf des alten
Stechlin für den Reichstag und die erfolgreiche Wahl des Arbeiters und
Sozialdemokraten Torgelow, sowie die Schilderung der ländlichen Unterschicht mit Buschen,
die sich auf das alte Gewohnheitsrecht (und nicht auf das „Allgemeine Preußische
Landrecht“) berufen können, um ihr Holz zu sammeln und sich erstaunlicherweise eines
guten Verhältnisses zu dem Herrn v. Stechlin erfreuen, der die hübsche kleine „Agnesen“
gebraucht, um seine alte Schwester zu vertreiben. Seine Fähigkeit, perfekt
Platt mit ihr zu sprechen, gehört zu seiner Rolle als Gutsherr, als ostelbischer Junker,
und war eine Fähigkeit, die von allen regierenden Kreisen in den verschiedensten
deutschen Territorialstaaten erwartet wurde (vgl. Thomas Manns Buddenbrooks).

Es handelt sich also um die Darstellung eines Panoramas der
Gesellschaft, auf dem Land und in der Reichshauptstadt Berlin, im späten 19.
Jahrhundert des erst 1871 gegründeten deutschen Kaiserreiches preußischer Prägung.

Die Rolle des Adels ist das zentrale Thema des Romans. Das Ende
des Romans und der Tod des alten Stechlin kann trotz der mit der Heirat
Woldemars gewährten Kontinuität als Infragestellung der Rolle des Adels verstanden
werden, obwohl es sich beim alten Stechlin um einen bescheidenen und populären
Repräsentanten handelt, der von Zeit zu Zeit unter finanziellen Problemen
leidet und dann der Hilfe seines alten jüdischen Freundes Baruch Hirschfeld
bedarf, dem er es jedoch übelnimmt, dass er ihm im hohen Alter eine weitere Hypothek verkaufen will.
Im Gespräch mit dem aufrechten, aber auch komischen Polizisten
Uncke spricht dieser es dem Einfluss seines Sohnes Isidor zu. Dubslav von Stechlin
glaubt, dass er seine Bauern und die Arbeiterschaft der Globsower und Tragelower
Glasfabrik, deren Vertreter auch bei der Wahlversammlung anwesend sind,
positiv miteinbezieht und glaubt, dass seine menschliche Behandlung die
Sozialdemokratie, über die er sich genauso ärgert wie über seinen neumodischen Doktor
Moscheles, den Vertreter für seinen alten Arzt Sponholz, überflüssig machen
würde.

Interessanterweise halten die Diener in der Küche mehr von dem
neuen als von dem alten Arzt und schreiben Stechlins Abneigung seiner
Alterssturheit zu (Unterhaltung auf Platt). Lorenzen und Melusine unterhalten sich
über Demokratie und die Rolle des vierten Standes, der Arbeiterschaft. Das
letzte Wort des Romans erteilt Fontane Melusine, die an Pastor Lorenzen schreibt.
Nachdem sich innerhalb des ersten Ehejahres noch kein Nachwuchs bei Armgard und
Woldemar eingestellt hat, endet sie ihren Brief mit der Aussage, dass für sie der
Fortbestand der Stechline weniger wichtig sei als der des „Großen Stechliner
Sees” selbst.

Was die Dialoge und Konversationen angeht, so ist Witz, Ironie,
Kenntnis der politischen Verhältnisse und der Geschichte, der Alte Fritz, der preußische
Adel, die napoleonische Zeit, der preußisch-österreichische Krieg 1864
gegen Dänemark, der preußisch-österreichische Krieg von 1866, der
deutsch-französische Krieg 1870/71, der verbitterte alte Bismarck, der junge Kaiser Wilhelm II. und
das Auswärtige Amt, die Debatten im Reichstag etc. sowie die Kenntnis der Malerei,
der Musik, des Theaters und des Auslands (Englands, Italiens, der Niederlande,
Frankreichs und der Schweiz) überall zu finden.

Manche bezeichnen deshalb Fontanes Romane als
Konversationsromane. Man kann diese Konversationen in verschiedene Gruppen aufteilen:

  1. unter den Herren
  2. unter den Damen
  3. in der gemischten Gesellschaft, im Salon und in der Küche
  4. mit den persönlichen Dienern und mit Buschen und Klein-Agnes

Die Konversationen unter den älteren und jüngeren Herren drehen
sich um Persönliches, die Heirat, die Geschichte der Familie, der
Landschaft und Preußens sowie des neuen Kaiserreiches. Das Militärische und das
Politische überwiegt – aber auch Theologisches spielt eine große Rolle.

Das Verhältnis der drei Kameraden ist informell und freundlich
und das „Aufziehen” ist der Ton, der vorherrscht. Sie sprechen sich mit „Sie” und
Nachnamen an und nicht mit „Du”, was unter den Offizieren der
k.u.k.österreichisch-ungarischen Monarchie sowie in Preußen vorgeschrieben war.

Die Erörterungen der
Honoratioren während der Nachwahl zum Reichstag verlaufen in ähnlicher Weise, nur wird es in feucht-fröhlicher Manier im
Halb-Platt mit vielen Reminiszenzen aus den drei Kriegen, Anzüglichkeiten und
einer Rede über eine Hinrichtung in Berlin etwas gröber, obwohl Frau v.
Gundermann sich als dreiste und vielredende Berlinerin an Stechlins Tisch bereits zu Beginn
des Romans zu einem längeren Diskurs über Ratten hinreißen ließ, sehr zum
Amüsement von Czacko. Parallel dazu ergeht man sich im Berliner Salon der Barbys über
Londoner Hinrichtungen nach der Rückkehr Woldemars aus England (Tower
Hill and Tyburn). Die Familie Barby verbrachte mehrere Jahre an der preußischen
Gesandtschaft und der späteren deutschen Botschaft in London und die verstorbene
Mutter kam aus der Schweiz: alles Dinge, die der alten Domina gar nicht behagen,
ebenso wie alles, was mit England zu tun hat.

Bei den Damen überwiegt das Persönliche, aber auch das
Geschichtliche sowie natürlich die Mode. Das freundschaftliche Verhältnis zur katholischen
Gräfin Berchtesgarden, das auch auf die Londoner Zeit zurückgeht, führt nach der
Abreise des jungen Hochzeitspaares zu einem Bekenntnis Melusines über den wahren
Scheidungsgrund von ihrem italienischen Grafen Ghiberti.

Melusine hat ein flirtendes Verhältnis zu fast allen Männern,
denen sie begegnet, doch lässt sich auch eine gewisse Gleichgültigkeit und Kälte
erkennen, sowie ein Element der Berechnung, was man bei ihrer jüngeren Schwester
nicht findet. So dient die Charakterisierung auch dieses Geschwisterpaares der
Heraushebung des Kontrastes zwischen ihnen.

Graf Barby, dem höheren neu-preußischen Adel angehörend,
weltgewandter und wesentlich reicher als Dubslav von Stechlin, interessiert sich für dessen
Bodenständigkeit in der Mark Brandenburg, obwohl es ihm nicht gut genug geht, um an
dem Winterausflug nach „Schloss“ Stechlin teilzunehmen. Die Gebrechlichkeiten der
beiden Älteren sind als komischer Kontrast von Fontane gedacht, sowie ihre gute und
fast standesungemäße Beziehung zu ihren persöhnlichen Dienern, Engelke und Jeserich.

Die gemischten Gesellschaften unterscheiden sich nicht so sehr
vom Inhalt dieser Konversationen, sondern bringen das Element des Flirtens in den
Vordergrund – schließlich kommt es zu einer Verlobung und einer Heirat.

Der Tod als Grundbedingung aller menschlicher Existenz wird als
ein guter und friedlicher Tod des alten Dubslav v. Stechlin dargestellt, der von seiner
Familie, seinen Dienern und der weiteren Umgebung geliebt wird, sogar von seinen
Globsowern, die eine Abordnung zum Begräbnis schicken. Das junge Brautpaar
befindet sich auf Hochzeitsreise in Italien und ahnt nichts davon. Ein Telegramm
erreicht sie erst, als es für das Begräbnis bereits zu spät ist.

Fontane hat diesen Roman einen politischen genannt, seinen
Wunsch, den Adel des Landes so darzustellen, „wie er sein sollte”, d.h. mit allen
menschlichen Stärken und Schwächen. Überhaupt ist die Darstellung des
Menschlichen in den vielen, z.T. auch skurrilen Figuren aus allen Schichten der Gesellschaft
(z.B. Uncke und Krippenstapel) und die Darstellung seines Titelhelden, des alten
Dubslav von Stechlin, gelungen.

Wenn man das Verhältnis zwischen den verschiedenen Klassen in
den englischen Romanen mit Fontanes Darstellung vergleicht, so fällt ein viel
größerer Abstand in England auf – ein riesiger Unterschied, vielleicht auch, weil es
viel mehr Diener in einem wohlhabenden spätviktorianischen „Manor House“ gab . Die
Beziehung zwischen Engelke und Stechlin wurde von Fontane als Darstellung des
Verhältnisses Bismarcks und Wilhelm I. zu ihren Dienern, die beide Engel
hießen, benutzt. Der treffendste Vergleich wäre vielleicht das Verhältnis der Königin
Viktoria zu ihrem schottischen Gillie, John Brown, nach dem Tod des ‘Prince
Consort’ Albert. Auch ist der Gebrauch des Plattdeutschen eher mit dem Gebrauch des
Schottischen vergleichbar: eine Unterhaltung auf Cockney zwischen einem englischen Lord und
seinem Valet kommt weder in den Romanen noch dem neuesten nostalgischen
Film Downton Abbey vor!

Die leichte Idealisierung der Feudalwelt des alten Stechlin soll
natürlich auch die Darstellung einer organisch gewachsenen Gesellschaft sein – das
heißt aber nicht, dass die modernen Entwicklungen zum „Industriestaat” ignoriert
werden. Das Epische, die Geschichte Preußens und der Stechline, wird mit
dem Poetischen im Film und im Roman durch die Landschaft mit dem wunderschönen
See und den Ausritten durch das Land verbunden. Der Film hat zusätzlich noch
die Musik von Schuberts Unvollendeter.

Wenn man die überwiegend heitere und optimistische Stimmung
dieses im Jahre 1895 geschriebenen Romans mit den etwas späteren Romanen der
Brüder Heinrich und Thomas Mann vergleicht, so fällt auf, dass von dem
Krisengefühl, der Malaise der Jahrhundertwende, jede Spur fehlt, ebenso wie von Dekadenz.
Die verschiedenen Konfessionen spielen eine große Rolle, aber an der Grundsubstanz
des  christlichen Glaubens hält der alte Stechlin (glauben, hoffen, lieben) trotz
mancher Zweifel und seinem Hang zur Ironie fest.

Anmerkungen zur Interpretation und
Vergleiche mit einigen englischen Romanen:

Die Kategorien, auf die wir uns einigten, bildeten den Anfang.
Historische Hintergrundkenntnis stammte aus einer allgemeinen Beschäftigung
mit deutscher und europäischer Geschichte sowie den Anmerkungen der Hanser
Ausgabe des Textes Der Stechlin (München/Wien 1980), herausgegeben von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger. Diese wiederum enthält einen langen Kommentar zur
Entstehungsgeschichte des Romans und hat in all seinen Anmerkungen die
Sekundärliteratur zu Fontane von west- und ostdeutscher Seite, als auch von
britischer und irischer Seite bis 1980 berücksichtigt. Hervorgehoben werden soll in diesem
Kontext die hervorragende Einleitung des ostdeutschen Germanisten Hans-Heinrich Reuter Fontane und England zu Fontanes Wanderungen
durch England und Schottland
(Berlin
1968), da sie von besonderer Relevanz ist.

Es stellt sich heraus, dass Fontane natürlich durch seine
hugenottische Herkunft viel über Frankreich und seine Kultur von Hause aus kannte. Als
Kriegskorrespondent und Kriegsgefangener sammelte er seine eigenen Erfahrungen
1870/71 im „deutschfranzösischen Krieg”, genauer gesagt im Krieg zwischen dem Norddeutschen Bund mitsamt seinen Verbündeten, den Königreichen Sachsen, Bayern und
Württemberg sowie dem Großherzogtum Baden, und dem zweiten französischen „Empire”
unter Napoleon III. Bei dem Sieg über Frankreich wurde das „Deutsche
Kaiserreich” gegründet mit der Akklamation des preußischen Königs Wilhelm I.
zum Kaiser Wilhelm I. Als Fontane in Frankreich war und das Herkunftsdorf
der Jeanne d’ Arc (Jungfrau von Orleans) besuchte, wurde er als preußischer Spion
verhaftet und wäre ohne den Einfluß Bismarcks hingerichtet worden. Das Zweite „Empire”
zerbrach, Napoleon III. musste nach England fliehen und die III. Republik
(1871-1940) begann nach der Niederschlagung der ‘Commune’ in Paris.

Die Nation, die ihn seit seiner Jugend jedoch am meisten
faszinierte, war England bzw. Britannien. Es begann mit den Seekapitänen der Segelboote,
die in Swinemünde im Hafen bestaunt werden konnten und wurde dann vertieft durch
seinen insgesamt fast vierjährigen Aufenthalt in London als Korrespondent
verschiedener Berliner Zeitungen während der 1840/1850er Jahre. In dieser Zeit verfaßte
er die Wanderungen durch England und Schottland, die ihn dazu anregten, seine eigene Mark Brandenburg ebenfalls zu durchwandern. Die dreibändigen Wanderungen durch die Mark Brandenburg gehören zu seinen populärsten Veröffentlichungen. Ohne all dies Hintergrundswissen wäre auch Der Stechlin nicht
entstanden. Natürlich muß man sich vergegenwärtigen, dass sich ‘die deutschen Lande’ vom „Deutschen
Bund” nach dem Wiener Kongress 1815 zum „Norddeutschen Bund“ nach Preußens
Sieg über Österreich 1866 (Schlacht von Königgrätz) umorganisierten und
dass sich schließlich das „Deutsche Kaiserreich” nach dem dritten erfolgreichen Sieg
preußischer und deutscher Truppen und dem geschickten diplomatischen Spiel
Bismarcks formierte. In Großbritannien ging die früh-viktorianische Zeit mit dem Tod
des Prinzen Albert 1861 zu Ende, das Weltreich expandierte, die Industrie florierte
und Victoria erklärte sich nach der erfolgreichen Niederschlagung der indischen Sepoy
Rebellion (Indian Mutiny) im Jahre 1857 zwanzig Jahre später zur Kaiserin Indiens.
(Her
Majesty Victoria, Queen of Great Britain and Empress of India).

Fontanes Position von extremer Bewunderung änderte sich im Laufe
seines Lebens zu einer viel differenzierteren Position, die auf genauer
Kenntnis von Land und Leuten beruhte. Seine Meisterung der englischen Sprache
kann nicht in Frage gestellt werden. Und natürlich war der Einfluß der englischen Literatur sehr groß
und sein Versuch, das gesamte Spektrum der preußisch-deutschen
Gesellschaft im Stechlin darzustellen, hängt auch damit zusammen. In London wohnte er sogar kurz in der
Nähe von Charles Dickens, hatte aber nicht den Mut, ihn aufzusuchen.

Sein Konversationsstil hat viel mit Jane Austen (1775
-1817) gemein, ist aber viel politischer. Die genaue Kenntnis des gesellschaftlichen Milieus
ist beiden gemeinsam sowie die Beschreibung der Anziehung der beiden Geschlechter und
ihres gesellschaftlichen Werbungsrituals sowie die Komödie der Irrungen und Wirrungen.
Bei Fontane spielen jedoch die Geschichte und der Charakter der Mark
Brandenburg, der allgemeinen preußischen und deutschen Geschichte und der
politischen Verhältnisse des jungen deutschen Kaiserreichs sowie dessen
internationale Beziehungen eine viel größere Rolle. Letzteres fehlt völlig bei
J.A. Der Verlust der amerikanischen Kolonien, die Namen des Königs Georg III.,
Napoleons und der Brüder Pitt werden nicht erwähnt, noch nicht einmal die Schlacht
von Trafalgar, Nelson und Wellington, geschweige denn Debatten im „House of
Commons”. Die berühmte frühe „Industrialisierung” Großbritanniens ist
ebenfalls tabu. Das britische Weltreich spielt jedoch eine Rolle. In Mansfield Park werden die
Plantagen auf den westindischen Inseln und diverse Reisen dorthin erwähnt und
somit der Zusammenhang zwischen englischem Reichtum, Sklaverei und
Weltreich hergestellt. Mit George Eliots (1819-1880) Middlemarch verbindet
Fontane, der Zeitgenosse war (1819-1898), das soziale und politische Engagement. Dort wird
auf die Lebensbedingungen der Pächter auf dem großen Gut eingegangen und es findet eine
ebenfalls erfolglose Wahl ins Unterhaus statt.

Die Darstellung der armen, rechtlosen und verschuldeten
Unterschicht nimmt auf Grund des biographischen Hintergrunds von Charles Dickens
(1819-1870) viel mehr Platz bei ihm als bei Fontane ein – aber Arbeiter und die
ländliche und städtische Unterschicht spielen eine Rolle im Stechlin mit Buschen, ihrer gut verdienenden Tochter Karline in Berlin, die an Heirat nicht interessiert ist,
und der hübschen „Klein-Agnes”, die den alten Stechlin mit ihrer Anwesenheit im Haus von
seinen Gedanken an den Tod ablenkt und erfreut. Was ihn mit Dickens verbindet,
ist der journalistische Hintergrund, seine Schreiblust und seine ungeheure
Produktivität.

Was Fontanes Stechlin
von Dickens unterscheidet ist das Fehlen eines
großen Konflikts zwischen Gut und Böse sowie das Fehlen des riesigen moralischen
Problems sozialer Ungerechtigkeit. Die Vielfalt der skurrilen Figuren Londons und
deren Sprache sowie die Tiefe der tragischen Situation des gesellschaftlichen
Aufsteigers, wie z.B. Pips in Great Expectations, fehlen ebenfalls. Die Grausamkeit des Rechtssystems wird an Magwitch demonstriert, der es trotz seiner Deportation
zu den australischen Strafkolonien zu etwas bringt und seinen eigenen Wunsch, als „Gentleman“
in der englischen Gesellschaft anerkannt zu werden, auf Pip überträgt. Dieser
erkennt erst am Ende, wie verblendet er war, als er in Miss Haversham seine
Gönnerin erkennen wollte. Die Ungewissheit über die Herkunft des Geldes und die
dubiose Rolle des Rechtsanwaltes Jaggers, der Estrellas Mutter als Küchenmädchen
anstellt, üben eine dem Orakel von Delphi ähnliche Rolle in der griechischen
Tragödie aus. Estrella ist ebenfalls tragisches Opfer einer Verblendung. Sie ist die
natürliche Tochter Magwitches, die sich von Miss Haversham korrumpieren lässt,
indem diese ihren Wunsch nach Rache an allen Männern an ihr auslebt und sie zu
einem gefühlskalten Mädchen heranzieht. Nur beim zweiten Ende von Great Expectations kommt es zum Sieg der Menschlichkeit über die Unmenschlichkeit. Es war
die von Dickens selbst publizierte Version.

Die geistliche Perspektive ist bei Dickens besonders bei seinen
Weihnachtsgeschichten allgemein christlich, bei George Eliot und Jane Austen allgemein
moralisch, aber bei Fontane am spezifisch christlichsten. Vielleicht ist auch das
eine ungewöhnliche Schlußfolgerung.

Bibliographie:

Theodor Fontane: Der Stechlin
Carl Hanser Verlag, München und Wien 1980
Herausgeber Walter Keitel und Helmuth Nürnberger

Theodor Fontane: Wanderungen durch England und Schottland,
Herausgeber und Verfasser der Einleitung:
Hans-Heinrich Reuter, Berlin 1968

Englische Literatur von Blake bis Hardy, Fischer Bücherei,
Frankfurt/Hamburg 1970
Herausgeber: Willi Erzgräber

Einzelartikel: Reuben Arthur Brower:“Leicht und hell und
sprühend“:
Ironie und Fiktion in
Jane Austens ‘Pride and Prejudice’.
Übersetzung von :“Light
and Bright and Sparkling:
Irony and Fiction in ‘Pride
and Prejudice’,
In:R.A.B. The Fields of
Light: An Experiment in Critical Reading.
New York:Oxford
University Press 1951.
Für die Fischer Bücherei übersetzt von Regine Wolf.

W. J. Harvey, George
Eliots ‘Middlemarch’. Übersetzung von: Introduction .
In: George Eliot:
Middlemarch, Harmondsworth-Middlesex:
Penguin Books 1965. Für die Fischer Bücherei übersetzt von Renate Jochum
J. Hillis Miller,
Charles Dickens’ ‘Great Expectations’, Charles Dickens.
The World of his Novels.
Cambridge-Mass.: Harvard University Press 1958.
Für die Fischer Bücherei
übersetzt von Regine Wolf.

Das Kneipp’sche Kaffeemädchen eine kleine Beobachtung zu einem großen Roman – und ein Brief aus Berlin dazu

Von Klaus-Peter Möller

Das 13. Kapitel des Stechlin beginnt mit
einer Fahrt durch Berlin. Woldemar hatte versprochen, den Damen im Hause Barby „ recht
bald“ wieder seine Aufwartung zu machen. Mit der Straßenbahn erreicht
er vom Hallischen Tor aus das Reichstagsufer, markiert, wie der
Erzähler mit humorvollem Augenzwinkern en passant mitteilt, durch eine charakteristische
Reklame-Malerei, die mit wenigen Strichen recht genau beschrieben ist: „Und
so ging er denn […] auf die Hallische Brücke zu, wartete hier die
Ringbahn ab und fuhr, am Potsdamer- und Brandenburgerthor vorüber, bis an jene sonderbare
Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger Giebelwand herab, ein wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem
Kopf freundlich auf die Welt der Vorübereilenden herniederblickt, um ihnen ein
Paket Kneippschen Malzkaffee zu präsentieren. An dieser echt
berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab, um die von hier aus nur noch kurze
Strecke bis an das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen.“

Was hat es mit diesem
Kaffeemädchen auf sich? Wieso integriert Fontane dieses auffällige Element in seine literarische Topographie, die der
realen so genau entspricht, dass seine Leser verleitet werden zu vergessen, dass es sich um
fiktionale, epische Landschaft handelt?1
Im Kommentar der Großen Brandenburger Ausgabe findet man nur einen Hinweis auf die Ähnlichkeit mit dem
Schokoladenmädchen. Das ist kaum hilfreich. Dabei hatte sich der Herausgeber des Bandes redlich bemüht, dem Stück Berliner Alltagskultur auf die
Spur zu kommen, das hier unübersehbar ins Bild ragt. Er hatte Fotoarchive
angefragt, Bildbände studiert, historische Postkarten durchgemustert, den digitalen
Orkus über das Netz abgefischt. Nirgends fand sich eine Abbildung des
Kaffeemädchens. Gab es dieses Reklamebild überhaupt?

Durch einen glücklichen Zufall bin ich nun doch noch auf ein
Foto gestoßen, das uns dem Kneipp’schen Kaffeemädchen wesentlich näher bringt als
Liotards schöne Chocolatière. Beim Durchblättern eines zeitgenössischen
Foto-Albums, das ein Altpapierehändler aus Tutzing mir geschickt hatte, sah ich plötzlich das Bild vor
mir, nach dem ich so lange vergeblich gesucht hatte!2

Unbenannt-16 Kopie
Waisenbrücke
Foto um 1900

Der Blick öffnet sich von einem über das Straßenniveau erhabenen Standort auf die Waisenbrücke und den dahinter befindlichen Holzhafen mit den Lastkähnen. Das Gebäude am rechten Bildrand kehrt dem Betrachter eine hoch ragende Giebelwand zu, die ein riesiges Reklamebild trägt, das dem von Fontane beschriebenen genau entspricht. Eine forsche junge Frau hält den Passanten ein Paket entgegen, das aus einem
gut gefüllt Korb stammt, den sie über den linken Arm gehängt hat. Auf dem
Kopf trägt sie, auch auf der stark gerasterten Fotoreproduktion
deutlich genug erkennbar, eine kleine weiße Haube. Worum es sich bei dem angebotenen Produkt handelt, erklärt der Schriftzug einfach und adhortativ: „Trinkt Kathreiner’s Malzkaffee.“

Unbenannt-17 Kopie
Ausschnittvergrößerung

Einmal auf den Standort aufmerksam geworden, fanden sich weitere Bilder, auf denen die große Malzkaffee-Reklame an der Waisenbrücke dokumentiert ist. Das Internet-Lexikon Wikipedia bietet derzeit zwei auf 1904 datierte Fotos der Waisenbrücke von Waldemar Titzenthaler (1869-1937), auf denen das Kaffeemädchen mit der kleinen Haube zu erkennen ist. Wir könnten das Problem damit als gelöst betrachten, wenn nicht noch einige Details zu
bedenken wären – die Zeit, den Ort, das Produkt und schließlich die Figur
mit der Haube selbst betreffend.

Das Foto, wenn es auch nach Fontanes
letztem großem erzählerischen Werk entstanden sein mag, der Bildband wurde 1904 gedruckt, gestattet einen
Blick ins Berlin der Jahrhundertwende und vermittelt ein Bild, wie es für die
Entstehungszeit des Romans charakteristisch war. Werbemotive, besonders erfolgreiche
Muster, haben eine gewisse Beständigkeit, mitunter überdauern sie sogar das
Produkt, für das sie geschaffen wurden. Und für eine so großflächige Reklamemalerei muss ohnehin
eine längere Laufzeit veranschlagt werden. Fontane könnte mithin genau dieses
Werbebild vor Augen gehabt haben, als er seinen Stechlin schrieb. Dass er den Ort kannte, steht außer Zweifel. Er hat, wie er selbst mehrfach beteuerte, nur
gefunden, nicht erfunden. Auch in seinem Roman Der Stechlin spielt die
Gegend um die Waisenbrücke eine Rolle. In unmittelbarer Nähe lag die Jannowitzbrücke, wo
sich die Dampfschifffahrtstation befand und die Partie zum Eierhäuschen begann. Von der
Anlegestelle und vom Dampfer aus konnte man das Kaffeemädchen sehen. Einer
der beiden herrschaftlichen Kutscher nahm seinen Rückweg auf die Neue Friedrichstraße zu,
heißt es. Er fuhr direkt an dem Reklamebild vorbei.

Die Waisenbrücke verband die Wallstraße mit der Neuen
Friedrichstraße (heute Littenstraße). Sie wurde 1945 gesprengt, nach dem Kriegsende
behelfsmäßig repariert und 1960 endgültig abgetragen. Woldemar stieg jedoch am
Reichstagsufer aus. Natürlich könnte es dort ein zweites, vergleichbares Reklamebild
gegeben haben. Aber sah es dort „pittoresk“ aus? 1894 war, nach 10jähriger
Bauzeit, das Reichstagsgebäude eingeweiht worden. Der ganze Bezirk am Berliner Spreebogen, seit
je Botschaftsviertel mit Bewohnern, die der höheren Beamtenschaft
angehörten, machte eher einen vornehmen Eindruck. Aber das Vornehme und das
Pittoreske liegen in Berlin ja mitunter eng beieinander. Klarheit könnte letztlich
nur ein Foto bringen, das die Existenz eines Reichstagsufermalzkaffemädchens belegt.

Ganz unabhängig davon, ob wirklich am Reichstagsufer ein
weiteres Werbeplakat nachgewiesen werden kann, ob Fontane das Kaffeemädchen am Ort vorgefunden
oder nur in seiner literarischen Fiktion hierher versetzt hat, müssen wir
als Leser uns fragen, wieso der Erzähler dieses Bild genau an dieser Stelle in seinen
Roman wie ein Schibboleth hingestellt hat, unübersehbar groß, und doch wie eine
Nebensache. Seilers Position, Woldemar werde durch das Plakat „auf weibliche Freundlichkeit
gestimmt“,3 lässt manche Frage unbeantwortet. Wenn ein junger Angehöriger einer
der ältesten märkischen Adelsfamilien, die schon vor den Hohenzollern da waren, wie es
heißt, der einzige Erbe des Namens, des Geschlechts, der Tradition, des,
wenn auch etwas heruntergekommenen, Gutes, wenn so einer durch die Hauptstadt des neuen Reiches
fährt, um zwei junge Damen aufzusuchen, von denen eine wenige Kapitel
später seine Ehefrau werden wird, und wenn er auf diesem Weg einem solchen
Anruf begegnet, noch dazu in unmittelbarer Nähe zum Reichstag, geht es um
ernstere Dinge, wiewohl ich nicht behaupten möchte, dass Freundlichkeit eine Nebensache
ist.

Abb. 4 = zeitgenössische Verpackung
Verpackung

Der charakteristische Marken-Bestandteil „Kneipp“ fehlt auf dem
Reklame-Bild an der Waisenbrücke. Für Fontane und seine Zeitgenossen war der
Zusammenhang dennoch genauso evident, wie sich heute mit dem Konterfei und
dem kurvenreichen Körper des italienischen Fotomodells Vanessa Hessler das Angebot
eines Mobilfunkanbieters verbindet, der mit dieser verführerischen
Marke auf unübersehbare Weise für seine Dienste wirbt.4 Kathreiner’s Kneipp
Malzkaffee war bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein bekanntes Markenprodukt, wenn auch die Werbefigur, die durch Bekleidung und Habitus eindeutig als Dienstmädchen (Köchin) gekennzeichnet ist, ganz andere Sinne anspricht als das märchenhafte
Mobiltelefonmädchen unserer Tage. Die feste Assoziation des Markennamens Kneipp mit dem Produkt Malzkaffee und dem Produzenten Kathreiner ist für die Firmengeschichte charakteristisch, und das Kaffeemädchen vereinigte diese Elemente auf sinnbildliche Weise. Nachdem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verschiedene als gesunde und preisgünstige Alternativen offerierte Kaffee-Ersatz-Getränke die Konkurrenz zur traditionsreichen Bohne angetreten hatten, etablierte die 1829 von Franz Kathreiner gegründete Münchner Firma, die sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zum größten in Deutschland existierenden Lebensmittel- und
Kolonialwarenkonsortium entwickelt hatte, zu Beginn der 1890er Jahre ein eigenes Tochterunternehmen zur Produktion von Malzkaffee, zu dessen
bekanntesten  Produkten Kathreiner’s Kneipp Malzkaffe und der noch heute
produzierte Caro-Landkaffee gehörten. Für ersteren erlangte das Unternehmen 1896
die Lizenz, mit dem Namen von Sebastian Kneipp werben zu dürfen. Auf jedem
Paket prangte das Porträt des berühmten Wörishofener Pfarrers, darunter sein Namenszug und der Hinweis: „Sebastian Kneipp, der Künder der Lehre vom
gesunden Leben, gab am 2. Juni 1896 in Wörishofen diesem bekömmlichen Malzkaffee
sein Bild und seine Unterschrift, weil er ihn als den besten erkannt hatte.“
Allerdings warb die Firma schon vor diesem Zeitpunkt mit der  Schutzmarke Kneipp5 und konnte sich dabei auf die gerade erst erschienene Schrift „So sollt ihr
leben!“ des berühmten Wörishofener Pfarrers berufen, der den Bohnenkaffee als
hochgiftiges und extrem schädliches Nerven-Reizmittel und Menschenmörder diskreditierte
und statt dessen als gesunde Alternative den Konsum von Malzkaffee empfahl. Für
eine frühere Datierung der Giebelwandreklame spricht der 1894-1895 in der
Zeitschrift Ueber Land und Meer einsetzende massive Werbeauftritt.6 In jedem zweiten Heft sind große, künstlerisch gestaltetet Annoncen abgedruckt,
darunter in Nr. 5, S. 111 das hier wiedergegebene Motiv (Siehe Abbildung S. 67!).
Besonders auffällig ist die ständige Variation der graphischen Gestaltung
dieser Inserate, in denen als wiedererkennbares Element meist nur die Köchin auftaucht. Sehr
charakteristisch sind allerdings auch die stets auf andere Weise exponierten
püppchenhaften Kindergestalten. Keine Anzeige wurde öfter als zweimal abgedruckt. Das der
Berliner Giebelwandreklame entsprechende Motiv war überhaupt nur ein
einziges Mal zu finden. Die Schlüsselbegriffe sind im Heft 23 (Beilage Aus Zeit und Leben) kurz und treffend formuliert: „Gesundheit – Genuss – Ersparnis“, auch der
Zusatz „Aerztlich empfohlen“ fehlt nicht. Der Hinweis auf die Schutzmarke „Kneipp“
fehlt in mehreren Annoncen. In diese Werbekampagne reiht sich auch der reich
illustrierte Aufsatz über Kathreiners Malzkaffee-Fabriken im Heft 41 ein (S.
782-784). Später endet die Produktwerbung in der illustrierten
Familienzeitschrift Ueber Land und Meer abrupt. Die Berliner Giebelwandreklame könnte etwa zeitgleich
mit dieser auffälligen Werbekampagne entstanden sein. Dass sie bei der
Vielzahl der künstlerisch gestalteten Motive mehrfach in Berlin wiederholt wurde, ist
unwahrscheinlich. Allerdings eignete sich die Köchin in der Pose der Viktoria
besonders für großflächige Wand-Reklame.

Unbenannt-19 Kopie
Werbeannonce

Der Werbeauftritt der neuen Marke, die einen entscheidenden  Anteil am Erfolg des Produktes hatte, fiel also in die
unmittelbare Entstehungszeit des Stechlin: Im
Dezember 1895 erwähnte Fontane sein neues Roman-Projekt erstmals, 1896 schrieb er das Werk nieder, von Oktober 1897 bis Februar 1898 wurde es in der illustrierten Familien-Zeitschrift Ueber Land und Meer erstmals abgedruckt. In dem Jahrgang findet sich übrigens keine einzige Annonce mehr für Kathreiner’s Kneipp-Malzkaffe. Das neue Kaffee-Produkt war bereits auf vielfache Weise mit modernsten Werbemethoden ins öffentliche  Bewusstsein gebracht. Davon zeugen noch heute diverse Werbe-Mittel
unterschiedlichster Art, die inzwischen begehrte Objekte auf dem Sammler-Markt geworden sind. Für Fontane und seine Zeitgenossen verband sich die Werbemarke mit dem Namen von Sebastian Kneipp, ob es dastand oder nicht. So funktioniert
Werbung, und so reagiert ein literarischer Seismograph wie Fontane.

Als ausgebildeter und in preußischen Landen approbierter
Apotheker kannte Fontane die verschiedenen Substanzen, aus denen trinkbare Sude gebraut
werden konnten, sowie deren Wirkung genau. Kaffee gehörte für ihn, seine Familie
und seinen Freundeskreis zum Alltag und war selbstverständlicher  Bestandteil
der Genusskultur jener Zeit. Über seine Kaffeehaus-Besuche und die verschiedenen
Klubs, in denen das anregende Getränk eine Rolle spielte, ließe sich eine Menge
schreiben. Mit Verachtung äußerte er sich über „schlechten Fraß und
Sirupskaffee“. Und Kneipp- Kuren waren seiner Meinung nach nichts anderes als „fröhliches
Wasserpantschen“. Erst 1889, in seinem 70. Lebensjahr, nahm Fontane Abschied „von
dem unsinnig starken Kaffee“, was ihm, wie er konstatierte, gut bekam. Seiner Ehefrau
gab er am 2. August 1856 den Rat: „Iß Fleisch und trinke Kaffee, so wird mit
Gottes Hülfe alles gut gehn.“ Die Kneipp-Touren, die auch zu seinen jungen
Mannesjahren gehörten, waren anderer Art als die Wörishofener und galten keineswegs der
Wasseranwendung äußerlich und innerlich. Dass Fontane Schleichwerbung betreiben
oder sich zum Fürsprecher der Gesundheitsbewegung machen wollte, ist daher
wenig wahrscheinlich. Er wird das neue Getränk eher mit Schmunzeln registriert haben.
Kein richtiger Kaffee, noch dazu Kneipp-Produkt, also mit viel Wasser
zubereitet, gleichsam homöopathisch verdünnt. Fontane kannte gewiss niemanden, der so
etwas aus freien Stücken zu sich nahm. „Vorsicht, doppelt verfälscht!“, so könnte
man die von ihm literarisch verewigte Giebelwandreklame deuten.

Es ließe sich die Frage ableiten, weshalb dieses Werbebild in
Fontanes Roman am Reichstagsufer erscheint und nicht etwa in der Nähe des
Residenzschlosses? Verhalten sich für den Erzähler das „Haus mit den vier Ecktürmen“ und das
Schloss zueinander wie Malz- und Bohnenkaffee? Wurden auf diese Weise
augenzwinkernd die Machtverhältnisse in Preußen kommentiert? Immerhin ist der
zentrale Teil des Romans einer Reichstagsersatzwahl gewidmet.

Zweifellos steht die Werbetafel auf subtile Weise mit der
zentralen Motivkette im Zusammenhang, die sich an den sagenumwobenen Stechlin-See
knüpft. Auch Woldemar ist ein Stechlin, wie sein Vater einer war, auch er
repräsentiert auf seine Weise den Zusammenhang von Welt und Winkel. Und Woldemar geht,
wie die meisten Leser, an der schreienden Werbung für das Surrogat achtlos
vorüber. Im Hause Barby wird Tee gereicht, im 13. Kapitel und überhaupt, während
Dubslav von Stechlin diese Neuheit zwar „einführt“, für sich aber weiterhin auf
Kaffee schwört, „schwarz wie der Teufel, süß wie die Sünde, heiß wie die Hölle“. In einem
später gestrichenen Entwurf für den Romanschluss plante Fontane sogar, vom Brodeln
der Teemaschine den Bogen über den Vulkanausbruch des Vesuv hin zum Leitmotiv
seines Romans zu schlagen, dem Stechlin-See, der den universellen Zusammenhang
der Dinge zugleich realisiert und symbolisiert.

Noch interessanter wird das Werbeplakat, wenn man die Verbindung
zum weltanschaulich-philosophischen Diskurs des Romans herstellt. Während Fontane am Abschluss seines letzten großen Manuskripts arbeitete, starb der
umstrittene Wunderheiler von Wörishofen, ein Ereignis, das in der
gesellschaftlichen Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Wie viel Stoff der
Erzähler dem Alltagsgeschehen entnahm, der täglichen Zeitungslektüre, hat
Rolf Zuberbühler in seinem jüngst erschienenen Buch über Fontanes Stechlin nachgewiesen. In einem zentralen weltanschaulichen Gespräch erklärt Pastor Lorenzen,
Woldemars geist licher Mentor, mit diplomatischem Geschick seinen Vorbehalt
gegenüber dem Hofprediger Adolf Stoecker, indem er anhand des Wirkens von
Sebastian Kneipp sein Leitbild formuliert:

„‚Da ist dieser Wörishofener Pfarrer – er sucht nicht die
Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie kommen, so heilt er sie, heilt sie mit
dem Einfachsten und Natürlichsten. Übertragen Sie das vom Äußern aufs Innere, so
haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen graben just an der Stelle, wo man gerade steht.
Innere Mission in nächster Nähe, sei’s mit dem Alten, sei’s mit etwas Neuem.‘ – ‚Also mit
dem Neuen‘, sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer die Hand. – Aber dieser
antwortete: ‚Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber mit dem Alten, soweit es
irgend geht, und mit dem Neuen nur, soweit es muß.‘“ Das Wasser wird hier zum
Symbol des Lebens und des Heils im körperlichen wie im geistlichen Sinn,
theologisch noch überhöht durch den Missionsbefehl und das christliche Sakrament der
Taufe. Das Motiv des Stechlin-Sees gewinnt so zu seiner
philosophisch-weltanschaulichen Dimension eine umfassende eschatologische Bedeutung, denn der See, den es
wirklich gibt, ist ein ganz außergewöhnliches Reservoir reinsten, klarsten Wassers.

Dass der leicht zu entfesselnden Gewalt dieses Elements auch mit
einer gewissen Vorsicht zu begegnen ist, deutet der Erzähler an mehreren
Stellen an, etwa durch Melusines Erschrecken vor dem „Eingreifen ins Elementare“ (28.
Kapitel) oder durch Dubslavs Erkrankung an Hydropsie (Wassersucht): „Das verdammte
Wasser drückt gleich nach oben, und dann haben Sie Atemnot.“ Die alte
Kräuterhexe Buschen versucht, diese Krankheit auf homöopathische Weise zu steuern: „Dat Woater
nimmt dat Woater weg.“ (38. Kap.) Und der Mühlenbesitzer Gundermann
orakelt bei jeder Gelegenheit mit seiner Lieblingsredensart: „Das alles ist nur
Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie“.

Schokoladenmädchen, Kaffeemädchen, Telefonmädchen. Der
ikonographische Beziehungsreichtum  dieser Figuren, die ja auch nur
stellvertretend für weibliche Werbemarken stehen, lässt sich nicht in so einem kleinen Essay
erschöpfen. Erotik, Mode, symbolische Bedeutung, Gestik, Typus, selbst die Größe der
Haube ist wichtig. Fontane wird das Malzkaffeemädchen, das ganz anders auftritt als
das sinnige, bescheidene Schokoladenmädchen, sicher gefallen haben. Es
präsentiert sich dem Betrachter in Frontal-Sicht, zupackend, tüchtig, kerngesund, mit
gestärkter Schürze und hochgerutschtem Puffärmel und versprüht den Charme einer
unglaublichen Gewaschenheit. Und was hätte er oder Dubslavs Schwester Adelheid
zu Alices melusinenhaften Wunderland-Fernversprechen und universellen Verbindungsmöglichkeiten gesagt? Auch der Spielraum der Hauben ist groß, wenn man
bedenkt, was zwischen Spreewaldamme und Malzkaffeemädchen alles in einer Geschichte
dieses wichtigen Modeartikels berücksichtigt werden müsste. In einem Brief an
Adolph Menzel schrieb Fontane am 3. Mai 1890: „Kaffee mit Schlagsahne, eine für mich
immer gefährli che Zusammenstellung.“ War ihm das kleine Häubchen des
Kaffeemädchens deshalb so sympathisch? Wenn schon ein Sahnehäubchen, dann ein ganz
kleines!

Anm.:
1 Die Rezeptionsgeschichte der Romane und Erzählungen Fontanes
verzeichnet mehrere Beispiele für dieses Missverständnis, auch das Schloss Stechlin
hat schon mancher vergeblich am Ufer des Stechlin-Sees gesucht. Es hat niemals dort
gestanden. Ein Atomkraftwerk hat es dort gegeben, aber das war später, und es ist glücklicherweise
bereits stillgelegt. Und der 1884 gegründete Touristenclub für die Mark Brandenburg soll bereits
zu Lebzeiten Fontanes eine Exkursion zur Erkundung des Schlosses in Wuthenow unternommen
haben, das nie existierte und das von ihm „bis auf den letzten Strohhalm“ erfunden worden
war.
2 Album von Berlin Charlottenburg und Potsdam. 5 grosse
Panoramen und 124 Ansichten nach Momentaufnahmen in Photographiedruck. Berlin: Globus Verlag
1904.
3 Bernd W. Seiler: Fontanes Berlin. Die Hauptstadt in seinen
Romanen. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2010, S. 169. Seiler hat in seinem Buch
erstmals auf den Zusammenhang hingewiesen und eine Abbildung des „Kaffeemädchens“ publiziert,
die der Vorlage für die Werbeannonce und die Giebelwandreklame entspricht.
4 Wenn ich den wirklichen Namen des Marken-Mädchens hier angebe,
wird mich niemand der Schleichwerbung bezichtigen können, denn er ist viel weniger
bekannt als das Produkt, das es mit seinem Werbe-Auftritt bekannt gemacht hat.
5 Vgl. „Meine Lebenswerke.“ Hrsg. zum Gedächtnis an den 100.
Geburtstag von Hermann Aust am 16. Juni 1953. Prof. Dr. Seiler verdanke ich den
Hinweis, dass Kathreiner erstmals 1891 seinen Malzkaffee im Warenzeichenblatt mit der Werbemarke
Kneipp eintragen ließ, 1893 und 1894 erneut, jeweils mit kleinen Namensänderungen.
6 1. Halbband des 37 Jahrgangs, 1894-1895.

Der hier abgedruckte Beitrag ist eine Kurzfassung des Aufsatzes,
der im Mitteilungsblatt der Landesgeschichtliche Vereinigung für
die Mark Brandenburg e. V
., erschienen ist (113. Jg., 2012, Heft 12, S. 9-17).
Ernst-Christian Gädtke, dem ich ein Exemplar zuschickte, schrieb mir daraufhin einen ganz privaten
Brief aus Berlin, den ich hier mit seiner Erlaubnis wiedergebe:

Lieber Herr Möller!

Berlin, den 9. November 2012

Ganz herzlichen Dank für den Text über das Kaffeemädchen; ich
habe ihn mit Belustigung gelesen. Schließlich gehört ‚Kathreiners Malzkaffee’zu
den Erinnerungen meiner Berliner Kindheit. Das war ja der mit den ‚spitzen Bohnen’.
Ich durfte nämlich, wann immer es ging, die Kaffeemühle zwischen die Kniee geklemmt,
die Bohnen mahlen. Mutter gab präzise Anweisungen: „Ein halbes Lot runde
Bohnen, ein Lot spitze Bohnen! Das ‚Lot’war ein kleiner Meßbecher aus Messing,
und ob ‚das Lot’ nun ein Gewichtsmaß war oder ein Hohlmaß, das wußte ich nicht
und es interes sierte mich auch ‚nicht die Bohne’. Aber das weiß ich bis heute:
Kaffee nur aus ‚runden Bohnen’ kam nicht mal an hohen und höchsten Feiertagen in die
Mähle – ‚halb und halb’, das war das äußerste.

Erst während des Krieges wurde zu Hause ‚echter’ Kaffee getrunken,
immer dann nämlich, wenn es eine Sonderzuteilung Bohnenkaffee gegeben
hatte. Die Berliner sprachen von ‚Zitterprämie’. Aber an die Kathreinerpackungen –
weiß mit blauem Aufdruck – erinnere ich mich genau.

Es ist sehr gut möglich, daß Fontane das Reklamebild an der
Giebelwand jenseits der Waisenbrücke gesehen und als Motiv in seinen ‚Stechlin’
verpflanzt hat. Denn richtig ist wohl auch, daß es vergleichbare Reklameflächen rund um das
Reichstagsufer nicht gegeben haben dürfte. Es gehört ja zur Methode Fontanes,
bestimmte Motive, Gebäude, Szenarien wie Versatzstücke zu verwenden. Sicher hat
Fontane ‚Schloß Stechlin’ ebenso wie ‚Schloß Wuthenow’ irgendwo gesehen, es gibt
oder gab sie  tatsächlich. Er hat die Orte ‚gefunden’ – nicht ‚erfunden’, und sie ganz oder
in Teilen an die Handlungsorte seiner Erzählungen versetzt.

Mit den ‚Briefen aus Berlin’ ist es allerdings aus, so
verlockend auch ein Thema ‚Waisenbrücke’ wäre. Ich muß die Sache aus mancherlei Gründen
aufgeben, die ausschließlich bei mir liegen, – wie manch andere Dinge auch.

Kein Grund zur Freude aber auch kein Grund zur Traurigkeit – der
Lauf der Dinge.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Ernst-Christian Gädtke