Kategorie: Publikationen: Mitteilungen

„Brief aus Berlin“ (34): Der Wrangelbrunnen

Von Georg Bartsch

Auf meinem Weg von der S-Bahn am Potsdamer Platz rüber zur Philharmonie passiere ich seit Jahren den Kemperplatz, ohne ihn als solchen zu beachten. Er erinnert an Johann Wilhelm Kemper, der das Wirtshaus Kempers Hof unterhielt, in dem 1824 der Architekten-Verein zu Berlin gegründet wurde. Auch die noch heute existierende „Gesetzlose Gesellschaft zu Berlin“ traf sich hier. Der Platz ist heute kaum noch als solcher zu erkennen, wiewohl die schlanken, weißen Pappeln, die hier in kleinen Gruppen stehen, ihn neben dem mächtigen Sony Center würdevoll gestalten. Schauen wir also auf Geschichte und Wandel des Ortes. Ursprünglich begannen wohlhabende Bürger ab Mitte des 19. Jahrhunderts hier am Rande der Stadt Villen zu bauen. Zu den ersten zählte bereits um 1800 August Wilhelm Iffland, der Direktor des Königlichen Schauspielhauses am Gendarmenmarkt.

Der Wrangelbrunnen, der einst in der Mitte des Platzes stand, wurde 1877 aufgestellt. Im nicht einmal zehn Jahre später entstandenen achten Roman Fontanes Cécile (Kapitel 18) macht Gordon bei einem Spaziergang einen Umweg: „Diesmal nahm er seinen Weg am Wrangelbrunnen und der Matthäikirche vorbei, welchen Umweg er nur der längeren Vorfreude halber wählte.“

Und in Fontanes nächstem Roman Irrungen,Wirrungen begegnen wir im Kapitel 14 Botho von Rienäcker: „Er setzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an der Spree hin. Dann aber bog er, an den in Mittagsstille daliegenden Zelten vorüber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an den Wrangelbrunnen und gleich danach bis vor seine Tür führte.“

An der Ecke der Bellevuestraße hat Fontane 1850 im Lokal „Bei George“ seine Hochzeit gefeiert. „Ich habe viele hübsche Hochzeiten mitgemacht, aber keine hübschere als meine eigne. Da wir nur wenig Personen waren, etwa zwanzig, so hatten wir uns auch ein ganz kleines Hochzeitslokal ausgesucht, und zwar ein Lokal in der Bellevuestraße – schräg gegenüber dem jetzigen Wilhelmsgymnasium –, das ‘Bei Georges’ hieß und sich wegen seiner ‘Spargel und Kalbkoteletts’ bei dem vormärzlichen Berliner eines großen Ansehns erfreute.“

In den 1890er Jahren erwähnt der nun alte Fontane den Brunnen, der ja in der Nähe seiner Wohnung in der Potsdamer Straße 143c lag, mehrmals. 1894 in einem Brief an Maximilian Harden: „Aber nun, ein abgeklapperter 74er, habe ich den Hang auch auf diesen Lorbeeren auszuruhn. Zudem, was kann noch gesagt werden? Ich müßte Sie schlecht kennen, wenn Sie nicht innerlich auch dächten: es ist genug. – Der Wrangelbrunnen hält seinen Winterschlaf und wird erst im April oder Mai wieder lebendig. Auch der Bismarckbegeisterungsbrunnen hat für eine Weile genug gespien und die Maitage, wo´s wieder frisch damit losgehen kann, gehören der Zukunft an.“ 1896 schreibt Fontane an Marie Sternheim: „Statt dessen sitze ich in der Potsdamer Straße, habe von schöner Natur (weil es zu kalt ist) nicht mal den Fünfpfennig-Klappstuhl am Wrangelbrunnen und bin vorläufig auf Waren vertröstet, wohin am Donnerstag mit Mann und Maus aufgebrochen werden soll.“ Und wenige Monate vor seinem Tod schreibt Fontane von einem Aufenthalt im Sanatorium Weißer Hirsch bei Dresden: „Wir sind schon 14 Tage hier und waren noch nicht einmal in Dresden, kommen vielleicht überhaupt nicht hin, da das Stillsitzen uns am meisten behagt. Also ganz Fortsetzung unseres Berliner Lebens, das sich um Wrangelbrunnen und Luiseninsel herum abspielt.“

Auf dem Kemperplatz am Ende der vom Königsplatz kommenden Siegesallee ließ Kaiser Wilhelm II. 1902 den monumentalen Rolandsbrunnen errichten. Dazu musste der Wrangelbrunnen weichen, wurde in Kreuzberg nicht etwa im Wrangelkiez, sondern im Graefekiez an der Ecke Urbanstraße und Grimmstraße wieder aufgestellt. Der Rolandsbrunnen überlebte den 2. Weltkrieg nicht. Der Wrangelbrunnen steht noch heute in alter Pracht. (Wir machen uns mit dem Bus auf den Weg vom Potsdamer Platz in die Urbanstraße.) Die unter zwei überlaufenden Schalen inmitten des Beckens befindliche Personengruppe stellt die Personifikation der zur Entstehungszeit des Brunnens in Preußen befindlichen großen Ströme dar: den Rhein, die Weichsel, die Elbe und die Oder. Der Neptunbrunnen gegenüber dem Roten Rathaus übrigens symbolisiert ebenfalls diese vier Ströme.

Wrangelbrunnen heute
Wrangelbrunnen heute

Der nach dem Generalfeldmarschall Friedrich von Wrangel benannte Brunnen wurde vom Bildhauer Hugo Hagen entworfen. Freiherr von Wrangel wurde von Fontane zunächst sehr kritisch gesehen. In einem Brief an Bernhard von Lepel schreibt er am 21. September 1848: „Der Wrangelsche Armeebefehl und das Ministerium […] erklären geradezu die Contre-Revolution und fordern zum Kampfe heraus.“ Im Gedicht Vom braven Reitermann, das als Flugblatt gedruckt wurde, greift Fontane das Thema auf. Jahre später im Kriegsbuch Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864 gibt uns Fontane eine Kurzbiographie Wrangels, in der er auf das Jahr 1848 eingeht: „Am 10. November rückte er an der Spitze der Garden in Berlin ein, umstellte das Schauspielhaus, drin die preußische National-Versammlung tagte und inhibirte weitre Sitzungen. Die Entwaffnung der Bürgerwehr folgte. Sein Benehmen in jenen historisch gewordenen Tagen war fest, klug, taktvoll, getragen, auch unter den schwierigsten Verhältnissen, von jenem Humor, der ihn alsbald zu einer volksthümlichen Erscheinung machte.“ Deutlich wird hier, wie Fontane vermeidet, eigene Ansichten in Widerspruch zur preußischen Regierung zu stellen. Das eigene Urteil zu Wrangel änderte sich mit der Zeit grundlegend. In einem Brief an Paul Heyse im Dezember 1988 schreibt Fontane: „Einer hat, glaube ich, einmal gesagt, der Papst, wenn er nach Berlin käme, rangire neben Wrangel. Das ist noch Beschönigung; es muß heißen: unter.“

Fontane hat auch Wrangel-Anekdoten gesammelt. Die Berliner drohten Wrangel vor dem Einmarsch in Berlin, man würde in diesem Fall seine Frau hängen. Als er aber an der Spitze seiner Truppen durch das Brandenburger Tor ritt, wandte er sich plötzlich an seinen Adjutanten: „Soll mir wundern, ob sie ihr gehangen haben.“ Wegen dieser derben Art wurde er später von den Berlinern liebevoll „Papa Wrangel“ genannt. Im Kriegsbuch von 1864 lässt uns Fontane wissen: „Am 31. übersandte Feldmarschall Wrangel dem dänischen Oberbefehlshaber Generalleutnant de Meza die Aufforderung, Schleswig zu räumen; am 1. Februar früh, nachdem de Meza abgelehnt hatte, überschritten die österreichisch-preußischen Kolonnen die Eider, – der Krieg war da. […] Wir folgen nun dem greisen Feldmarschall in seine letzten Schlachten“.

Der Fontane von 1864 ist nicht mehr der Fontane von 1848. Zum einen schreibt er später eher in offiziellem Auftrag, zum anderen würdigt er nun Wrangels militärische Leistungen.

Fontane äußerte vor seinem 70. Geburtstag die Ansicht, er werde wohl „als Urgreis, als literarischer Wrangel oder Moltke gefeiert werden“. Wir aber freuen uns, in der hektischen, sich ständig verändernden Großstadt mal wieder auf Spuren des alten Fontane und seiner Zeit gestoßen zu sein.

Theodor Fontanes Weg durch die Salons zur bildenden Kunst

Anlässlich des 200. Geburtstages von Adolph Menzel

Von Paul Irving Anderson

 

Sehr verehrte Damen und Herren,

wenn Sie den Namen Theodor Fontane hören, denken Sie wahrscheinlich an Romane, Gedichte, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, aber nicht an Gemälde und Skulpturen. Dieses Thema bei Fontane scheint zunächst so gegenstandslos wie die hier ausgestellten Bilder von Sonja Streng zu „Hilversum“ und „Stendahl“. Aber diese beiden Bände, Aufsätze zur bildenden Kunst, beweisen das Gegenteil auf beinah 800 Seiten Text, die auf mehr als 400 Seiten erläutert werden. Diese Bände werden zwar nur von Spezialisten gelesen, dabei enthalten sie einen Schlüssel zum Leseerlebnis von seinen berühmtesten Werken. Diesen Schlüssel findet jeder Leser aber ganz einfach, wenn er nicht nur die Worte, sondern auch die genannten Gemälde und angedeuteten Naturbilder als Mitteilungen des Dichters auffasst. Wie das geht, zeige ich Ihnen an Beispielen später.

Als Heinrich Theodor Fontane am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren wurde, wurde ihm die Kunst weder in die Wiege gelegt, noch beigebracht. Seine Eltern haben ihm gutes Aussehen vererbt und gute Manieren anerzogen, aber schlecht gewirtschaftet. Er konnte nicht Abitur und keine Reisen in seiner Jugend machen – außer einer organisierten Kurzreise nach London. Stattdessen bekam er die Ausbildung eines Apothekers. Schon als Teenager begann er, Lyrik und Balladen zu schreiben. Als Berufsschüler und Lehrling mischte er sich unter Gleichgesinnte, als Apothekergehilfe auf Wanderjahren in Leipzig und Dresden mischte er sich unter radikale Studenten. Zurück in Berlin lernte er den Jungoffizier Bernhard von Lepel kennen, der ihn in den literarischen Sonntagsverein Tunnel über der Spree einführte. 1847 machten ihn die höheren Söhne im Tunnel zu ihrem Idol, als er seine berühmten Balladen über preußische Kriegshelden vortrug.

Der Tunnel gab Fontane ein Podium, brachte ihm Disziplin bei und öffnete wichtige Türen, aber ein richtiger Salon war er nicht, sondern ein Männerverein. Dort wurde ordentlich protokolliert, kritisiert und abgestimmt, ob der Span, d.h. der vorgelesene Beitrag, gefallen hatte. Die Salonkultur war ursprünglich zwar literarisch ausgerichtet und gehoben, aber gemischt und vor allem gesellig. Nicht die Referenten, sondern die Gastgeberin gab den Ton an; anspruchsvolle Unterhaltung in geselligem Rahmen war gewünscht, also wie ein richtiges Lesepublikum. Daher führte Lepel Fontane auch in den Salon der Gräfin Schwerin ein, wo neue, noch unveröffentlichte Lyrik gern angehört wurde. Doch von Malkunst und Kunstgeschichte hatte er mit achtundzwanzig noch keine rechte Ahnung.

Dann kam seine erste große Probezeit, die Revolution von 1848. Obwohl Fontanes linke Gesinnung im Tunnel bekannt war, ließ man ihn nicht fallen – er war zwar ein Linker, aber auch ein Patriot – sondern bat ihn um Erneuerungsvorschläge. Unter den damals aufgenommenen neuen Mitgliedern war der Kunsthistoriker Franz Kugler, vortragender Rat im Kultusministerium und Autor des Buches Geschichte Friedrichs des Großen aus dem Jahr 1842. Kuglers schönes Buch war von einem noch wenig bekannten Künstler mit feinsten Holzschnitten illustriert worden. Er hieß Adolph Menzel, geboren vor 200 Jahren und 2 Tagen in Breslau. Diesen Umstand konnte ich unmöglich sang-und-klanglos vorbeiziehen lassen und habe mich kurzfristig entschieden, Menzels Einfluss auf Fontane heute in den Mittelpunkt zu stellen. So verschieden sie waren, waren sie beide Autodidakten, hatten die gleichen Themen und Ziele, und sie waren nie zufrieden.

Während der 1840er Jahre hatte Menzel begonnen, über das Thema Friedrich der Große zu malen. Bei Fontane funkte es am 2. Juni 1850. Lepel hatte ihn überredet, Menzels ausgestelltes Ölgemälde Tafelrunde Friedrich II. in Sanssouci zu besichtigen. Im folgenden Oktober wurde Adolph Menzel in den Tunnel über der Spree aufgenommen und jahrelang trafen sie sich im kleineren Kreis des Rütli.

Was Fontane an Menzels Malkunst gleich beeindruckt hat, steht in einer kleinen Menzel Biographie aus dem Jahr 1862. Darin sagt er zu Menzels Illustrationen in Kuglers Friedrich-Buch:

Diese Kompositionen (Holzschnitte) fesseln durch einen unendlichen Reichtum an Originalität, Witz und gutem Humor, und der Beschauer schwankt, was er mehr bewundern soll, das dramatische Kompositionstalent, das in den Gestalten lebt, oder die historische Treue, die aus der gewissenhaftesten Beobachtung der Kostüme spricht.1

Bei Fontanes Auflistung von Menzels Tugenden hat man nicht zufällig den Einruck, er spreche dabei von seinem Ideal als Schriftsteller. Alle Punkte, außer den Kostümen natürlich, findet man in seinen Romanen wieder. Menzel malte aber nicht nur genau, sondern auch – unparteiisch und objektiv – preußische Niederlagen und gefallene Soldaten. Ebenfalls 1862 startete Fontane seinen ersten nachhaltigen Versuch, einen Roman zu schreiben. (In der ersten Fassung sollte der Held am Schluss standrechtlich erschossen werden.) Neun Jahre später (der Roman, ließ noch auf sich warten, der Held überlebte inzwischen) schrieb Fontane an Menzel, dessen Forcen seien „das historische Gepräge innerhalb des Genre, das Hineinragen des Großen in das Kleinleben“2; das sind auch die Stärken von Fontanes Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812-13.

Auf das Gemälde Tafelrunde Friedrich II. in Sanssouci hat Fontane bis zu seinem Lebensende immer wieder Bezug genommen. Wer in der späteren Reichshauptstadt Berlin über Kultur Bescheid wusste, wusste auch, wie nahe sich Fontane und Menzel standen. Und das hatte merkwürdige Folgen. Zum 70. Geburtstag des Malers (1885) erschien Fontanes Gedicht Auf der Treppe von Sanssouci. Zum Inhalt: Der Dichter macht einen Winterspaziergang im Park Sanssouci. Als er die Stelle erreicht, wo Sommers die große „Fontaine“ in die Höhe schießt, kommt ihm der alte Fritz entgegen und fragt nach seinem Namen und Beruf. „Schriftsteller Majestät. Ich mache Verse“, darauf der König,

„Dergleichen sagt nur, wer es sagen muß, / Der Spott ist sicher, zweifelhaft das andre. Poëte allemand! Ja, ja, Berlin wird Weltstadt. / Nun sag Er mir, ich les da täglich […] von Menzelfest und siebzigstem Geburtstag, / Ausstellung von Tableaux und Peintüren / Und ähnlichem. Ein großer Lärm. Eh bien, Herr / Was soll das? Kennt Er Menzel? / Wer ist Menzel?“

Dann folgt die lange Liste von Menzels Themen – aber der König kennt das schon. Er möchte Menzel ein Geschenk machen und bittet um Vorschläge, aber der Sprecher meint, der habe schon alles. Daraufhin Friedrich,

„Aber eines sagt ihm: / Ich lüd ihn ein (er mag die Zeit bestimmen, / Ein Jahrer zehne will ich gern noch warten), / Ich lüd ihn ein nach Sanssouci; sie nennen’s / Elysium droben, doch es ist dasselbe.“3

Dieses makabere Gedicht hat den Kronprinzen und ganz Berlin begeistert. Bloß Menzel war es nicht. Fontane war perplex und meinte, vielleicht sei er unzufrieden, nur noch zehn Jahre Leben gewünscht zu bekommen – in der Tat wurden zwanzig daraus. Vor wenigen Jahren hat sich ein Germanist mit viel List an Fontanes Gedicht gemacht und die Tücke darin gefunden: während Fontane anscheinend Menzel feierte, hat er zwischen den Zeilen sich selbst als den „großen Fontaine“, der sogar Goethe überstrahlen würde, gefeiert.4 Ich meine, Fontane hat vergessen, dass sein alter Freund auch seine Kunst durchschauen konnte. Dabei muss man das Wort ‚Freund’ mit Vorsicht gebrauchen; selbst die allwöchentlichen Treffen des Rütli haben keine wirklichen Freunde aus ihnen machen können.

Zehn Jahre später feierte Fontane Menzels 80. Geburtstag mit einer kleinen Biografie in der Wochenschrift Die Zukunft. Über den Menschen Menzel schrieb er, „nie bloßer Lebensklugheit nachgebend, ist ihm innerhalb der moralischen Welt alles Marchandieren fremd.“ Und dann dieses Beispiel: „ … als unser Menzel […] eben seinen Namen unter eine gegen die geplante Umsturzvorlage sich richtende Petition gesetzt hatte, lud ihn, als Antwort darauf, sein junger Kaiser nach Sanssouci hinauf, …“5 Wie in Fontanes Gedicht zehn Jahre zuvor, ließ Kaiser Wilhelm II. am 14. Juni 1895 die Tafelrunde Friedrich II. in Sanssouci als detailgetreues Kostümfest nachstellen und im Kostüm des Generalleutnants von Lentulus verlieh er Menzel das Adelsprädikat. Fontane, als heimlicher Inspirator dabei, empfand „patriotische Erhebung“ und schrieb Menzel dazu,

[…] die Szene [… hat] etwas ungemein Forsches, Farbenreiches und Wirkungsvolles, das der Welt Augen auf uns lenkt und unsrem preußischen Leben nach außen hin ein Lustre gibt, dessen es im Allgemeinen – und zwar auch zu unsrem politischen Nachteil – zu sehr entbehrt.6

Seine differenzierte, persönliche Meinung über Menzels Kunst teilte Fontane dem Herausgeber der kleinen Biografie, Max Harden, aber wie folgt mit:

Ich habe mein Leben unter Malern verbracht, Sie können sich also denken, was ich da alles gehört, was ich da alles von lächelndem Achselzucken gesehn habe. Diesen Anzweifelungen bin ich oft gefolgt und etliche Zweifel […] hege ich noch. Dazu: das Schöne war nie seine Sache. Dennoch halte ich ihn – und ich darf sagen daß ich eine große BilderKenntniß habe, fast wie ein Auktionator – für den größten lebenden Maler. Was wir in Deutschland haben, reicht nicht an ihn heran und die besten Nummern der 3 romanischen Völker, die im Einzelnen ihn übertreffen (mitunter sehr) haben doch keine Spur von der Allumfassendheit des kleinen Mannes.7

Fontane hat sich mit Menzel derart identifiziert, dass es ihm schwerfiel, die Unterschiede klar abzustecken. Unser Zeitgenosse Rolf Hochhuth hat also gefragt, was Fontane mit „das Schöne war nie seine Sache“ gemeint habe, und sogleich geantwortet: „’Schönheit im erotischen Sinne!’ […] Er vermisste jenen ‚Hauch der Poesie’, durch den für ihn ein Kunstwerk erst seine Adelung erhielt.“8

Für diesen langen Diskurs über Fontane und Menzel möchte ich mich halb entschuldigen, denn angekündigt hat Sigi Zaiß einen Vortrag zum Thema Fontane und die Berliner Salons. Doch tatsächlich hat das Schicksal die Dinge miteinander verknüpft und zwar so: als Fontane die Bekanntschaft von Menzel und Kugler machte, kam er automatisch in den Salon von Kuglers Frau Klara. Die Kuglers wiederum waren schon lange Habituées in dem auf die bildenden Künste ausgerichteten Salon der Hedwig von Olfers. Hedwigs Ehemann Ignaz von Olfers war nämlich Generaldirektor der Königlichen Museen in Berlin.9 Die Expertin für Berliner Salons, Petra Wilhelmy-Dolliger schreibt dazu, „Die Bedeutung der bildenden Kunst in den Berliner Salons nahm seit der Biedermeierzeit stetig zu und erreichte während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV. einen Höhepunkt.“10 Zwar war Klara Kuglers Mann Franz Kunsthistoriker, aber mit Schriftstellerehrgeiz. Deswegen trat er in den Tunnel ein, aber er muss den weiblichen touch vermisst haben. 1852 spaltete sich eine kleinere Gruppe hybrider Künstler vom Tunnel ab. Sie nannten sich Rütli, bezogen ihre Frauen mit ein und trafen sich mal beim einen, mal beim anderen Mitglied.

Im Gegensatz zum Salon Olfers ging es bei Klara Kugler leger zu. Wilhelmy Dollinger charakterisiert Klaras Salon als spätromantisch-biedermeierlich und äußerlich anspruchslos.11 Umso künstlerisch anspruchsvoller ging es dort zu, und Menzel war oft dabei. Unter den weiteren Gästen machte Fontane die nachhaltige Bekanntschaft von Künstlern und Kunstexperten.

Schon 1855 schickte die Regierung Fontane als Presseagent nach London, wo er in seiner Freizeit Feuilletons herausbrachte. Seine Berichte für Berliner Zeitungen über bedeutende Kunstausstellungen 1856 und 57 gerieten zu langen Abhandlungen über englische Malkunst und die Möglichkeiten des Kulturaustauschs. Die intensive Zeit mit Kugler, Menzel, und den anderen Rütlianern hatte ihm die künstlerischen Augen so weit aufgemacht, dass er einen bedeutenden Beitrag zur Kunstkritik liefern konnte. Das muss gut angekommen sein. Als Presseagent hatte Fontane wenig Glück gehabt, aber trotzdem behielt man ihn als Presseattaché bei.

Diese Lebensphase hat Fontane in seinen letzten Roman, Der Stechlin hineingearbeitet. Wie in einem Salon, wo Kunst, Wissenschaft und Politik im lockeren Rahmen unter Experten und Liebhabern besprochen werden, geht es in der Wohnung des Botschaftsrats a.D. von Barby und seiner Töchter zu. Die ältere, in der Schweiz und England aufgewachsene, in Rom verheiratete und wieder geschiedene mit dem Märchennamen Melusine spielt die Rolle der Salonière (obwohl sie nie als solche tituliert wird). Um die in London geborene jüngere Tochter des Hausherrn, Armgard, wirbt der junge Offizier Woldemar von Stechlin erfolgreich.

Einer der Habitués im Salon der Melusine von Barby ist der Maler und Peter Cornelius-Schüler Cujacius, der alles besser weiß. Der junge Stechlin, von einer kurzen politischen Reise nach London zurückgekehrt, gesteht ihm, er hätte sich „auch gern um Künstlerisches gekümmert, speziell um Malerisches. So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten“12 und wird von Cujacius vorgeführt, weil er den Franzosen Millet mit dem englischen Millais verwechselt.

Bei Melusine von Barbys Salon könnte Fontane an den zeitgenössischen Salon der Marie von Bunsen gedacht haben. Marie war die Enkelin des Londoner Gesandten von Bunsen zurzeit von Fontanes erstem Aufenthalt dort. Leider verliert Bunsen kein Wort über den Stechlin in ihren Memoiren. Vielleicht wusste sie, dass ihr Großvater Fontane aus parteiischen Gründen hatte links liegen lassen. Aber Fontane gestaltet seine gewandtesten Figuren und schönsten Erinnerungen im Salon einer Vollbluteuropäerin – die er nach der Lou Andreas-Salomé aus Sankt Petersburg porträtiert.

Der London-Aufenthalt endete, als Friedrich Wilhelm IV., nach Schlaganfällen redeunfähig geworden, die Regentschaft an seinen Bruder Wilhelm abgeben musste. Fontane sah voraus, dass die neue Regierung ihn entlassen würde, kündigte vorsichtshalber und fuhr Anfang 1859 nach Hause. Nach einem gescheiterten Neuanfang als offiziöser Korrespondent begann er mit seinen märkischen Wanderungen. Doch als er das Kultusministerium um ein Stipendium dafür ersuchte, schwärzte sein alter Chef ihn an. Da schrieb der Rütlianer, Kunsthistoriker Karl Schnaase, eine Empfehlung fürFontane, die den Minister zu dessen Gunsten entscheiden ließ. Neue Unterstützung fand Fontane bei den Salonièren Gräfin Sophie von Schwerin und interaktiv sogar bei Mathilde von Rohr.

Bis sein erster Roman 1878 erschien, berichtete Fontane regelmäßig und kritisch über Kunstausstellungen und bis ins Jahr 1891 besprach er kunsthistorische und kunstkritische Bücher. Allerdings ist es ein Unterschied, ob der Autor eine Technik bespricht, oder sie einfach anwendet. Das ist, vereinfacht gesagt, der Unterschied zwischen Der Stechlin und Werken wie Irrungen, Wirrungen und Effi Briest. Aus jedem davon möchte ich Ihnen die versprochenen Beispiele für Fontanes Kunst zeigen, die mit Bildern spricht und mit Worten abbildet. Diese Technik bezeichnet die Interpretation als „disguised symbolism“, ein Begriff, den der Kunsthistoriker Erwin Panofsky selbst auf Fontane angewandt hat.

Wie funktioniert denn diese, „verkleidete Symbolik“? Manchmal benutzt Fontane sinnige oder hintersinnige Fotos oder Bilder, wie in dieser Szene in Irrungen, Wirrungen, Kapitel 12: Der Gardeleutnant Botho von Rienäcker und die Kunststickerin Lene Nimptsch – Fußnote: beachtenswert die hier ausgestellten Bilder der „Kunststickerin“ Dorothee Herrmann. – haben ein Zimmer in einer Wirtschaft am Ufer der Dahme genommen. Am Abend hält Botho erst einmal ein Schwätzchen mit dem Wirt, während Lene das Zimmer mustert. Dabei fällt ihr Blick auf drei Bilder an der Wand. Das dritte Bild stellt die Verführung eines Dienstmädchens dar und trägt den Untertitel „si jeunesse savait“. Fontane schreibt, Lenes „feine Sinnlichkeit fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres eignen Gefühls beleidigt.“ Und die fremdsprachlichen Titel lassen sie die soziale Kluft zwischen sich und Botho fühlen. Das sind psychologische Selbstverständlichkeiten, aber die Symbolik interpretiert diese Liebesgeschichte als eine „wirkliche Allegorie“ eines größeren Zusammenhangs, wie zu zeigen ist.

Für den Kunsthistoriker Peter-Klaus Schuster, der Panofskys Begriff der verkleideten Symbolik auf Fontanes Romanwerk im Detail angewandt13 und meine Augen dafür geöffnet hat, handelt es sich bei diesem Bild um französische Trivialkunst, eine Lithografie aus dem Zyklus „Le fruit défendu“.14 Es ist eben Trivialkunst und entspricht der Empörung mancher Zeitgenossen über Fontanes Roman.

Die literarische Jugend dagegen war begeistert. Ihnen gefiel das erste der drei Bilder, Emanuel Leutzes Gemälde „Washington crossing the Delaware“. Es zeigt General Washington stehend im einem von mehreren Booten voller Soldaten, die in der Nacht vom 25. auf 26. Dezember 1776 den Delaware überqueren, um die deutsch-englische Besatzung in Trenton, New Jersey, anzugreifen. Dieses Bild scheint fehl am Platz zu sein, es sei denn als Hinweis auf eine Allegorie der erfolgreichen Revolution. Könnte man es auf die Handlung beziehen, dann würde Bothos „kleine Demokratin“ die Dame ohne h, nämlich Bothos nach standesgemäßer Hochzeit drängende Mutter besiegen und das Rittergut derer von Rienäcker im Sturm nehmen.

Fontane verneint auch diese Deutung bildlich: Lene schaut zum Fenster hinaus, sieht das schimmernde Mondlicht auf dem Fluss und findet es schön. Draußen ist nicht Weihnachten, sondern Peter und Paul, der 28.-29. Juni, dazu Vollmond: da kann keine Armee einen Angriff unentdeckt starten, und Botho ist kein Revolutionär. Die Zeit ist nicht reif dafür, aber es ist eben nur eine Frage der Zeit.

Das für mich Überzeugendste an Schusters Arbeit ist seine Erläuterung der Anfangskapitel von Effi Briest. Sie erinnern sich: die sechzehnjährige Effi spielt mit den Töchtern des Pfarrers und des Kantors im Garten und erzählt ihnen davon, dass sie Besuch von einem Jugendfreund ihrer Mutter bekommen haben. Dann ruft die Mutter sie herein, um ihr mitzuteilen, dass ihr alter Verehrer, der Landrat Geert von Innstetten, gerade um Effis Hand angehalten hat – ein Angebot, das sie nicht ablehnen dürfe, „so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen“. Ein Jahr danach bringt Effi ihr einziges Kind zur Welt.

Was für verkleidete Symbolik erkennt Schuster hier? Er zeigt auf, wie ein Detail ums andere der Ikonografie der Verkündigung Mariae entstammt: der Altarteppich, woran sie und die Mutter arbeiten, ihr weißumrandetes blaues Matrosenkostüm, der Fliesengang, der „hortus conclusus“ des Schlossgartens – das alles gehört seit dem späten Mittelalter zur Ikonografie der Verkündigung. Außerdem erschrickt Effi wie Maria vor dem Zureden der Mutter und hat Angst vor ihrem „blendenden“ Verkünder. Die bevorstehende Geburt deutet sie mit einer Weihnachtskarte an die Mutter an, also rein bildlich.

Andere Details passen jedoch zu Eva im Garten Eden, etwa wie Effi sich lustig macht über Feigenblätter, von Liebesgeschichte mit Verzicht und der Todesstrafe für Untreue schwärmt, wovon Kandidat Holzapfel erzählt hatte. Innstetten nennt sie „kleine Eva“ und ihr Arzt beschreibt ihr Simulieren mit den Worten „Evastochter comme il faut“. Die Symbolik aus Wort und Bild macht deutlich, dass diese Redensarten mehr sind als bloße Redensarten.

Besonders sinnig gestaltet Fontane Effis Begegnung mit der Roswitha im 13. Kapitel. Wenige Wochen vor der Niederkunft, am verhängnisvollen Johannistag, geht Effi allein spazieren, schämt sich ihrer weitschweifenden Phantasien und begegnet der wegen eines außerehelichen Kindes ausgestoßenen Roswitha Gellenhagen. Als Effi ihr anbietet, für ihr Kind als Kindermädchen zu arbeiten, dankt Roswitha ihr mit rührender katholischer Inbrunst „O Du lieber Gott, o Du heil’ge Jungfrau Maria“ – eine faustdicke Anspielung auf die Heimsuchung Mariae.

Die Sprache der Passion wiederum sprechen der „Mastbaum […] mit Rahen und einer Strickleiter“, den der Vater ihr versprochen hat, der wilde Wein an den Fenstern des Seitenflügels und die Kreuze, die ihr Körper beim Turnen beschreibt. Effi ist ein Naturkind, wie der Vater sagt, also eine Eva-Figur, die in die Rolle einer braven Maria hineingezwungen und deswegen dem Sündenfall anheimfallen wird. So Schuster. Je geschulter das Auge, desto klarer der Sinn des Textes.

Fontanes verkleidete Symbolik ist nicht auf traditionelle Ikonografie beschränkt. Im vierten Kapitel von Effi Briest benutzt er eine politisch sprechende Farbkombination, um Effis erotische Wunschvorstellung zu allegorisieren – und wiederholt diese im Schlusskapitel. Nachdem Effis Aussteuer eingekauft ist, fragt Frau von Briest, ob sie noch irgendeinen heimlichen Wunsch habe:

„Nein, wirklich nichts; ganz im Ernste … Wenn es aber doch am Ende was sein sollte … Nun …“ „… So müßt es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene Vögel darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel … Und dann vielleicht auch noch eine Ampel für unser Schlafzimmer, mit rotem Schein.“ Frau von Briest schwieg.

„Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas besonders Unpassendes gesagt hätte.“

„Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß nicht. Denn ich kenne dich. Du bist eine phantastische kleine Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je farbenreicher sie sind, desto schöner und begehrlicher erscheinen sie dir. Ich sah das so recht, als wir die Reisesachen kauften. Und nun denkst du dir’s ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel. Es kommt dir vor wie ein Märchen, und du möchtest eine Prinzessin sein.“

Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie. „Ja, Mama, so bin ich.“

„Ja, so bist du. Ich weiß es wohl. Aber meine liebe Effi, wir müssen vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt, so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.“

„Also nichts Japanisches und auch keine Ampel, Aber ich bekenne dir, ich hatte es mir so schön und poetisch gedacht, alles in einem roten Schimmer zu sehen.“ Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und küßte Effi. „Du bist ein Kind. Schön und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist anders, und oft ist es gut, daß es statt Licht und Schimmer ein Dunkel gibt.“15

Im Kaiserreich wurde die Farbkombination schwarz-rot-gold als „die freie Republik“ gedeutet, also als staatsfeindlich. Seit 1948 sind das die Farben der Bundesrepublik Deutschland: spricht uns diese Allegorie trotzdem noch an? Auch wir kennen den schlechten Trost, in kritischen Situationen gesagt zu bekommen, es sei besser, wir wüssten nicht, was wirklich los ist. Und ist Ihnen die Wendung, „Wenn es aber doch am Ende was sein sollte…“ aufgefallen? Wahrscheinlich nicht, obwohl er eigentlich nicht passt. Und doch weist sie auf Effis von roten und goldenen Herbstblättern umrandeten Grabstein voraus. Darauf trauernd liegt der schwarze Hund Rollo, der Effi zur Rettung gekommen war, als sie vom Spuk der Vergangenheit aus dem Schlaf gerissen wurde.

 

1 NFA XXIII/1, S. 429f. Auftragsarbeit für den Band Männer der Zeit.
2 HFA IV, Bd. 2, S. 382, vom 2. Juli 1871.
3 Theodor Fontane, Gedichte. 3 Bde. Hrsgg. Joachim Krueger und Anita Golz. Berlin, Aufbau 1989, I, 272-275.
4 Andreas Beck, „Die crème der littérature allemande, oder Der Große Fonta(i)ne* auf der Treppe von Sanssouci“, in: Fontane Blätter 93 (2012), S. 30-59.
5 Fontane, wie Anm. 1, S. 519.
6 HFA IV, Bd. 4, S. 455, an Menzel 15.6.1895
7 HFA IV, Bd. 4, S. 511, an Harden 13.12.1895
8 Heide Streiter-Buscher, Rez. Zu R.H. Menzel, Maler des Lichts, usw. Frankfurt a.M., Insel 1991. In: Fontane Blätter 62 (1996), S. 165.
9 Petra Wilhelmy-Dollinger, Die Berliner Salons, mit kulturhistorischen Spaziergängen. Berlin, deGruyter 2000, S, 178.
10 Ebenda, S. 133.
11 Ebenda. S, 216.
12 Fontane, Der Stechlin. AFA VIII, S. 253.
13 Peter-Klaus Schuster, Theodor Fontane: Effi Briest – ein Leben nach christlichen Bildern. Tübingen, Niemeyer 1978.
14 Ebenda, S. 44 und Abb. 18, von Adolphe Lafosse nach Louis Fr. Corréard.
15 Fontane, AFA Bd. 7, S. 31f.

Hainstraße und Poststraße – So wohnte Fontane in Leipzig

Von Brunhilde Rothbauer

Im Frühling 1841 zog Theodor Fontane in Leipzig ein, und mit Begeisterung schildert er den Weg vom Augustusplatz durch die lebhafte Grimmaische Straße und den Marktplatz bis zur Adler-Apotheke in der altehrwürdigen Hainstraße. Seine Euphorie verebbt auch nicht angesichts der Wohnverhältnisse in seiner neuen Arbeitsstelle – im Gegenteil:

„Über einen schmalen und rumplig verbauten Hofweg – der mich übrigens durch seine Giebel und Dächer und vor allem durch unzählige Dachrinnen, die bis in die fast überlaufenden Wasserkübel hinunterreichten, aufs äußerste interessierte – stiegen wir drei Treppen hoch in ein Hinterhaus hinauf, in dessen oberster Etage das Personal in drei Stuben untergebracht war. Eine der Stuben gehörte dem älteren Herrn, dem Geschäftsführer … für uns andere aber – und wir waren unser vier – existierte nur eine daneben gelegene kleine Stube mit einem noch kleineren Alkovenanhängsel, in welch letzterem vier Betten standen, von denen zwei nur mit Hilfe von Überklet terung erreicht werden konnten. Dieser Alkoven, fensterlos, erhielt sein Licht durch das vorgelegene Zimmer, das aber eigentlich auch kein Licht hatte.Wo sollte es auch herkommen? Der Hof war fast ganz dunkel, und das bißchen Helle, das er hatte, fiel durch ein elendes Mansardenfenster ein …. Ich hätte guten Grund gehabt, alles sehr sonderbar und beinah schauderhaft zu finden, es lag aber in meiner Natur, mich von diesen Dingen mehr angeheimelt als abgestoßen zu finden …. Nun, hier war nichts hübsch und Komfort kaum dem Namen nach bekannt, aber die grauen, steilen, regenverwaschenen Dächer, der gekräuselte Rauch, der aus den Schornsteinen aufstieg, und das Plätschern des Wassers, das aus den Röhren in die Kübel fiel – alles gewann mir ein Interesse ab und selbst der Blick in den Alkoven konnte mich nicht umstimmen. Es stand mir aufs neue fest, daß es mir hier gutgehen würde. Und es ging mir auch gut.“

Dies galt zumindest einen Sommer lang mit den morgendlichen Bädern in der Elster und anschließenden Besuchen im Rosental – Café Kintschy sowie den langen Herbstspaziergängen auf die Schlachtfelder um Leipzig und noch längeren Ausflügen mit dem hochgebildeten Zeitschriftenredakteur Dr. Günther, einem Schwager Robert Blums.

Im Winter aber zeigte sich die Kehrseite des feuchten Wolkenkuckucksheims. Pünktlich im Februar brach die alte Krankheit wieder aus, die ihn bereits vor einem Jahr niedergeworfen hatte „Gelenkrheumatismus und Typhus mit seiner bekannten nahen Verwandtschaft zum Nervenfieber“. Wie auch immer diese Diagnose gestellt worden war, – von einem Arzt ist nicht die Rede, auch nicht, wie man erwarten könnte, von eventuellen pharmazeutischen Hilfen der Apothekerkollegen. Unter den oben geschilderten Verhältnissen hätte die Krankheit leicht übel ausgehen können, wenn nicht „Tante Pinchen“ auf den Plan getreten wäre, die ihn nicht nur mit Apfelsinen und Gelée stärkte, sondern auch durch Geplauder und höchst aufschlußreiches Vergleicheziehen zwischen Berliner und sächsischem Regionalcharakter unterhielt und von seinen Schmerzen ablenkte. Tante Pinchen, eine flotte Mittdreißigerin, war die Frau seines Onkels August, eines vielseitig begabten Lebenskünstlers, der unverkennbar die väterlich Fontaneschen Familieneigenschaften mitbrachte, was vom alternden Schriftsteller vorwiegend kritisch gesehen wurde. Bei alledem aber erwies sich jener Onkel August, den es nach einem betrügerischen Bankrott in Berlin nach Leipzig verschlagen hatte, als Retter in der Not. Zu ihm und zur „seraphischen“ Tante Pinchen, die eine Wohnung in der Poststraße gefunden hatten, zog der junge angehende Dichter nach sechswöchigem Krankenlager im April 1842 „voll Hoffnung und in guter Stimmung“ aus seiner „Typhusbrutstätte“ unter gleichzeitiger Aufgabe seines Arbeitsverhältnisses in der Apotheke, wo man froh war, den Arbeitsunfähigen loszuwerden.

Leider spricht Fontane nur von den trockenen und hellen Zimmern in der Poststraße, wir kennen nicht die Nummer des Hauses (in den Adressbüchern sind nur die Hausbesitzer verzeichnet), noch erfahren wir – im Gegensatz zu den farbig prallen Beschreibungen aus der Berliner Zeit 1833 bis 1835, in der er als Sechzehnjähriger bereits unter Onkel Augusts nur lax wahrgenommener Erziehungshoheit stand – etwas über das Haus und seine Bewohner.

Die alte Poststraße in Leipzig gibt es nicht mehr, sie wurde am 4. Dezember 1943 ein Opfer der Bomben, einschließlich des namensgebenden großen Postgebäudes an der Ecke zum Augustusplatz, dem Stolz der Leipziger. Bis zu dessen Errichtung 1838 hieß die kurze Straße in der Grimmaischen Vorstadt „Neue Johannisgasse“.

In Bezug auf die Lage und das hygienische Umfeld stellte sie eine enorme Verbesserung gegenüber der eng bebauten Innenstadt dar. Um die Jahrhundertmitte gab es dort ca. 770 Häuser, in denen je etwa 32 Einwohner lebten. Die kleinen Hinterhöfe und Durchgänge waren dunkel und dicht bebaut, so wie der „romantische“ Hof hinter der Apotheke in der Hainstraße. Diese Enge in der inneren Stadt, die weder Platz für modernere Wohnansprüche noch für die Erweiterung z.B. der in der Innenstadt befindlichen Druckereien und Buchhandlungen ließ, führte seit den 1830er Jahren zu den ersten planmäßigen Stadterweiterungen. In der Marien- und Friedrichstadt (nordöstlich der Querstraße zwischen Eisenbahn- und Dresdener Straße) entstanden in diesen Jahren neue Wohnviertel „mit schönen, von Gärten umgebenen Häusern, die durch ihre lieblichen und großartigen Gebäude das Auge entzücken“. Als eines der letzten erhaltenen Zeugnisse dieses noblen Bauens im klassizistischen Stil steht heute noch das Schumannhaus in der Inselstraße 18, das Clara und Robert Schumann 1840 bezogen. In Inselstraße Nr. 5 wohnte Georg Binder, laut Fontane Herausgeber zweier literarischen Zeitschriften, der als einer der ersten auf das dichterische Talent des Apothekergehilfen aufmerksam geworden war. (Das Adressbuch von 1842 verzeichnet ihn als Kunsthändler und Inhaber einer Kupfer- und Stahlstecherei). Als Gast bewundert Fontane dessen „in einer Vorstadt gelegenes, ganz modernes Haus mit Salon und kleinen Außentreppen und Balkonen“. Die Friedrich- und Marienstadt wurde in der Folgezeit bevorzugtes Ouartier für die Ansiedlung der großen graphischen Betriebe, hier entstand das berühmte „Graphische Viertel“ von Leipzig, – auch das im Dezember 1943 weitgehend zerstört.

Die Poststraße war nicht ganz so präsentabel. Die alte Vorstadtgasse verlief parallel zum Grimmaischen Steinweg nach Süden und wurde stadtseitig vom Augustusplatz und dem sogenannten oberen Park mit seinen um 1800 auf dem ehemaligen Stadtgraben angelegten Grünanlagen mit Schneckenberg und Schwanenteich begrenzt. Die Bahnhofstraße lief dazwischen als Allee in Richtung der drei Bahnhöfe. Hier wohnten die Reichen und Schönen, wie z.B. der Bankier Frege mit seiner Gattin, der berühmten Sängerin Livia. Dahinter breiteten sich nach Süden bis zur Quergasse ausgedehnte Gärten aus.

Die alte Poststraße als Verbindung zwischen Bahnhofstraße und Quergasse zeigte sich baulich und sozial mit zwei Gesichtern: An der zu den Gärten gelegenen Ostseite lagen barocke Landhäuser, langgestreckte Bauten mit Pferdeställen und z.T. mit „Niederlagen“ für die Geschäfte ihrer Besitzer: des Verlagsbuchhändlers Johann Ambrosius Barth, oder der Kaufmannsfamilien Liebeskind/Platzmann/ Limburger. Ganz anders die nach dem Grimmaischen Steinweg gerichtete Westseite mit schlichten zwei- bis viergeschossigen Wohnhäusern in geschlossener Bebauung, die Untergeschosse massiv, darüber verputztes Fachwerk – eine typische Vorstadtstraße, wie es sie bis zum zweiten Weltkrieg noch in anderen Stadtvierteln gab.

Die erhaltenen Bauakten geben Einblick in das Innenleben dieser vorstädtischen Mietshäuser, die nach 1800 vielfach umgebaut, aufgestockt und ergänzt worden waren. Die Erdgeschosse enthielten häufig Verkaufsläden der Handwerker, die hier wohnten und die Hinterhöfe unermüdlich mit neuen Nebengebäuden für ihre Werkstätten bebauten: Töpfer, Zimmerer, Schneider, Schlosser, Schuster, Fleischer mit Schlachthaus im Hof. Fast in jedem Haus gab es eine Schankwirtschaft.

Hell und ruhig kann es in diesen Höfen jedenfalls nicht gewesen sein. Die Wohnungen selbst waren sehr klein, entsprechend der hier lebenden ärmeren Vorstadtbevölkerung: Bedienstete, Handlanger, kleine Beamte. In der Regel gab es eine Wohnung pro Geschoß, mit ein bis zwei Stuben, Kammer und Küche. Im Dachgeschoß lagen mit Brettern verschlagene Kammern, die noch vor dem ersten Weltkrieg als Elendsquartiere bewohnt waren.

Es ist schwer vorstellbar, dass die Familie von August Fontane, wohlbestallter Angestellter der „Königlich sächsischen concessionierten Bilderrahmen und Holzbronzefabrik“ „von Pietro del Vecchio, dem in diesem Metier führenden Haus in Leipzig, in dieser ärmlichen Umgebung lebte. Einzig etwas komfortabler war das Haus Nr. 16, das pro Geschoss zwei Stuben, drei Kammern und Küche enthielt.

Die Bebauung der gegenüberliegenden Straßenseite erscheint aus entgegengesetzten Gründen nicht passend. Diese Häuser waren nicht als Mietshäuser gebaut, sie enthielten große herrschaftliche Wohnungen mit Salon bzw. Geschäftsräume oder eine „Bibliotheque“.

Wo auch immer: In der „freundlichen“ Poststraße entfaltete der Rekonvaleszent erneut ein fröhliches Leben mit dem wie eh und je fidelen Onkel August. Als ehemaliger Kunstmaler war dieser mit seinem Sachverstand und kommunikativen Talent vielleicht doch bei der Kunsthandlung del Vecchio an der richtigen Stelle, obwohl der Neffe in seinen Erinnerungen etwas herablassend von einem „Unterschlupf“ schreibt. An die fröhliche Zeit in der Poststraße schloss sich für diesen ein weiterer Versuch an, als Apotheker Fuß zu fassen. Die Zeit in der bekannten Struveschen Apotheke in Dresden endete nach einem glücklichen Jahr mit der Rückkehr nach Leipzig und nachdem sich auch hier die Aussicht, sich mit Hilfe eines einflussreichen Verlegers und der aus Dresden mitgebrachten literarischen Arbeiten als Schriftsteller zu etablieren, zerschlug, blieb nur die Rückkehr ins Elternhaus.

Auch das so liebevoll-kritisch geschilderte Paar Onkel August und Tante Pinchen hielt es offenbar nicht lange in Leipzig. 1849 sollen sie nach Amerika ausgewandert sein.

Theodor Fontane war einmal in Buch – vor 155 Jahren

Beitrag aus den Mitteilungen. Von Adolf und Rosemarie Henke.

Das weiß so mancher in unserem Ort. Das Besondere: In diesem Jahr wird es 155 Jahre her sein, dass Theodor Fontane zusammen mit seinem Freund und Verleger Wilhelm Hertz nach Buch kam.1860, Samstag, den 16. Juni bis Sonntag, den 17. Juni. Ein Wochenende. Schönes Wetter.

Im Ergebnis dieses Ausfluges ins Barnimer Land gibt es in Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg im Band Spreeland ein Kapitel Buch.

Sein Erlebnisbericht umfasst immerhin 21 Seiten. Plus 12 Seiten interessanter Anmerkungen im Anhang des Kapitels, sowie seiner Bleistiftskizze der Schlosskirche. (aufbau taschenbuch, 2012)

Kein Aufenthalt in Pankow

In seinen frühen „Stoffdispositionen“ zu den Geschichten aus den Märkischen Dörfern und deren Kirchen- und Friedhofsdenkmälern in und um Berlin hebt Theodor Fontane den Besuch mit dem Vermerk „Gewiß“ hervor. Und so kam er dann auch im Juni 1860, während einer der „Spritzfahrten in die Nähe“, die er so gerne unternahm, in das damalige Dorf Buch, „zwei Meilen nördlich von Berlin“.

Interessant sind die unmittelbaren Vorbereitungen auf diese Tour. So schreibt er am 13. Juni 1860 an Hertz: „Ich freue mich recht auf die Partie und flehe die Reisegötter um gutes Wetter an“.

Gründlich, wie er war, legt er in einem Brief am folgenden Tag nochmals nach und schreibt an Hertz: „hab ich bei Blitz und Donner nochmals Karte und Bücher durchstudiert. Um zwei Uhr nach Pankow. Kein Aufenthalt in Pankow und Schönhausen, sondern gleich weiter.“

Weiter legt er fest: „Kommen um sechs in Buch an, so haben wir vielleicht noch Zeit, Kirche, Schloß, Park zu mustern“. „Also Sonnabend um eins bei Ihnen“.

Nachtquartier in Buch

Wie das mit dem Nachquartier damals ausging, ist dann eine der lustigsten Episoden seines Berichtes aus Buch geworden.

Es ist hier noch immer gut

Die Wanderer Fontane und Hertz fuhren am Sonnabend mit einem damals ab Berlin fahrenden Ausflugsomnibusse nur bis Französisch-Buchholz. Die Reiselustigen wollten den Rest des Weges zu Fuß absolvieren. So trafen sie „erst mit der untergehenden Sonne in Buch“ ein. Klar also, dass sie nach Erreichen der Ortsmitte recht erfreut waren, schräg gegenüber der Schlosskirche an einem Gebäude „das Wörtchen ‚Gasthaus‘ “ zu lesen. Heute kennen wir dieses Haus als Ristorante IL CASTELLO. Fontanes Zufriedenheit mit der Stimmung in diesem Gasthaus vom Juni 1860 gipfelte bekanntlich in dem Empfinden: „Hier ist es gut sein“. Auch 155 Jahre später – also jetzt – kann man es sich in diesem schönen Gebäude in der historischen Mitte von Alt-Buch gut gehen lassen.

Buch 1

Das Foto zeigt die Brücke über die Panke an der Wiltbergstraße in Berlin-Buch. Sie ist Ausgangspunkt der Bucher Geschichten von Theodor Fontane. „Gleich der Eintritt ins Dorf ist malerisch. Eine Feldsteinbrücke wölbt sich über ein Wässerchen …“. Unsere Panke.

Die Schlosskirche, schön oder?

Doch zurück zu dem, was Fontane über die Schlosskirche von Buch zu sagen hatte. In seinem Urteil über diesen Kirchenbau im Brandenburgischen scheiden sich noch heute die Geister im Ort. Zwischen dem Fontaneschen Zugeständnis einer „Stattlichkeit“ und eines „gewissen malerischen Reizes“ und dem Urteil des Kunsthistorikers Georg Dehio (1850-1932), der die Kirche als „schönste Landeskirche der Mark“ beschrieb, liegt die Spanne der Wertungen.

Wie dem auch sei, Fontanes Wertung war wie bei so manchem seiner Urteile der für ihn typische Weg der Kritik und Reflexion. Heute ist die Schlosskirche nach Meinung der Bucher Bürger das schönste Bauwerk des Ortes.

Buch 2

Wie auf dem Foto abgebildet, erstrecken sich heute Plattenbauten und die „Schlossparkpassage“, wo Fontane 1860 rechts vom Weg ins „Dorf Buch“ noch „Wiesen und Felder“ sah, Die beiden Stattlichen Bäume am linken Bildrand standen dort sicher schon, als Theodor seine ersten Eindrücke mit den Worten festhielt: „…und nach links hin, als woll er das Dorf in seinen Arm nehmen, zieht sich, waldartig, ein ausgedehnter Park“.

Der Besucher aus Berlin vermerkte damals noch, dass die „Stille nur von Zeit zu Zeit“ vom „Rasseln eines vorbeifahrenden Eisenbahnzuges“ unterbrochen wurde. Na, da hören die Bucher entlang der Bahnstrecke anno 2015 ganz andere Töne.

Zurück per Dampf

Theodor Fontane und Wilhelm Hertz verließen Buch am Sonntag, den 17. Juni in Richtung Bernau. Fontane hatte das in der Reisevorbereitung so geplant: „Von Buch nach Zepernick und Schönow, zwei Dörfer mit sehr alten Kirchen“. Weiter: „In Bernau: Kirche, Speis und Trank und Rückkehr per Dampf nach Berlin“. Die Stettiner Eisenbahnlinie verband Bernau bereits seit 1843 mit Berlin. Buch erhielt erst 1879 einen Haltepunkt der Bahn.

Theodor Fontane war in Buch auf der Spur der reichen historischen Erfahrungen von vier bedeutenden Familien in vier Jahrhunderten. Es waren die von Röbel, von Pölnitz, von Viereck und von Voß. Er folgte seiner Erfahrung, dass man nur verstehen muss sie zu finden und seinem Motto, „wer das Auge dafür hat, der wag es und reise“. Viele Jahre ist er mit diesem Vorsatz durch Brandenburg sicher nicht nur gewandert. „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte“, resümiert er im November 1861, wieder mal nach Berlin zurück gekehrt.

Servus Theo!

Seine Wanderberichte sind keine Reisehandbücher, eher sind sie eine Art Reisefeuilleton, doch wer dem Text Fontanes durch Buch jetzt folgt, der kann mit etwas Phantasie auch im 21. Jahrhundert Vergnügen daran finden.

Und wer es angeht, den Spuren Fontanes im Ort zu folgen, der sollte sich dann auch das „Theodor-Fontane-Zimmer“ in dem „Gasthaus“ ansehen von dem der Dichter vor 155 Jahren sagte: „Hier ist es gut sein.“

Wir in Buch wissen, dass Theodor Fontane dem Ort ein kleines feines literarisches Denkmal gesetzt hat. Er ist uns dieses Erinnern wert. Danke Theo!

Bericht zur Frühjahrstagung: „Fontane, Brandes und die Anfänge der literarischen Morderne in Nordeuropa“

GEMEINSAME FRÜHJAHRSTAGUNG
VON FONTANE- UND BRANDES-GESELLSCHAFT
VOM 8. BIS 10. MAI 2015 IN FLENSBURG UND LØGUMKLOSTER (DK)
„FONTANE, BRANDES UND DIE ANFÄNGE
DER LITERARISCHEN MODERNE IN NORDEUROPA“

Von Barbara Lester und Ingeborg Bottrall

Robert Burns hat gesagt, wenn die Dinge sich anders ergeben als erwartet oder geplant: „The best-laid plans of mice and men …“, ein Zitat, das nie vollständig ausgesprochen, aber doch von jedem verstanden wird. Dazu könnte man im Fontane-Kontext noch vermuten, dass sich wieder einmal der rote Hahn im Stechliner See gefragt hatte, warum sich, in Anbetracht der bevorstehenden Frühjahrstagung unserer Gesellschaft, niemand vom Vorstand an besagtem See eingefunden hatte, um herauszufinden, ob den hoffnungsvoll anreisenden Fontanefreunden nicht eventuell wieder einmal Hindernisse in den Weg gelegt würden. Denn, siehe da, die deutschen Lokführer hatten darauf gesehen, dass vor unserem Wochenende die Bahn entweder ganz und gar streikte oder zumindest nur sehr unzuverlässig zur Verfügung stand. Wie gesagt, der rote Hahn hat sich gewundert. Aber nun können, trotz all der Transportschwierigkeiten, ihre Berichterstatterinen mitteilen, dass es Fontane- und in diesem Fall auch Brandesfreunde doch geschafft haben, zu einigen Dutzend in Flensburg auf dem Universitäts-Campus rechtzeitig zu erscheinen, wenn auch in vielen Fällen mit recht müden und von eigentlich nicht vorgesehenen Autofahrten erschöpften Gesichtern und Augen.

Die Aussicht auf die diesmal als Zweigespann konzipierte Tagung, nämlich Theodor Fontane und den dänischen Schriftsteller Georg Brandes quasi zu bündeln und gemeinsam in das Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts einzubetten, war von erstaunlich großer Anziehungskraft, obwohl wir uns in nicht ganz so großen Mengen‚ im ‘hohen Norden’ eingefunden hatten. Der erste Ort unseres Zusammenkommens, nämlich Flensburg, hatte schon durch das Brandes-Zitat‚ Flensburg entspräche dem Ruf der Langeweile, und der Erwähnung einer ansehnlichen Langeweile die Zuhörer zum Schmunzeln gebracht, weiter geführt durch Effi Briests Erklärung‚ ‘wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne …’, also nach Kopenhagen‚weg vom tristen deutschen Norden.Wir jedoch waren zufrieden.

Der Startschuss wurde vielversprechend durch die den Sektflaschen entzogenen Korken gegeben. Auch Kaffee und Kuchen von imposanter Vielfalt waren dazu angetan, die diversen Willkommensreden noch erfreulicher bei den Tagungsteilnehmern ankommen zu lassen. Zu erwähnen sind hier die Grußworte des Präsidenten der Universität, des Consuls des Königreichs Dänemark, der jeweligen Vorsitzenden der Fontane- sowie der Brandes-Gesellschaft, Professor Köstler und Professor Bauer und last but not least, Ulrike von der Golz, die Leiterin unserer Fontane-Sektion Schleswiger Land. Ihrem Engagement, der ungewohnten, interessanten und sehr geglückten Ortswahl in Dänemark unter ihrer aufmerksamen Schirmherrschaft haben wir es zu verdanken, dass diese anspruchsvolle Tagung als Erfolg in die Annalen dieser zwei literarischen Gesellschaften eingehen kann.

Nicht zu vergessen: die Tagung begann am 8. Mai, genau 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ein Datum, das den Teilnehmern aus mehreren, im Krieg nicht auf derselben Seite stehenden Ländern, diese Konferenz noch besonders prägnant machte. Schließlich war Dänemark, wohin wir nach dem feierlichen Auftakt in Flensburg per Bus gefahren wurden, eins der von den Deutschen besetzten Länder gewesen. Heute kann man sich in unserem größtenteils vereinigten Kontinent über alle Grenzen hinweg wärmstens die Hände schütteln, was von einer Ihrer Berichterstatterinnen, seit langem ja offiziell nur „Engländerin“, mit besonderer Genugtuung wahrgenommen wurde.

Professor Bauer hatte uns aufs Schönste mit seinem Vortrag „Kulturlandschaft der Flensburger Förde“ auf den Inhalt dieser Doppeltagung, mit Geschichtlichem und Kulturellem, vorbereitet und uns gespannt mit Herz und Sinn der Dinge harren lassen, die da kommen sollten.

Tagung1
Klosterkirche in Løgumkloster. Foto: B.Thiemann

Die Fahrt nach Løgumkloster, Dauer etwa eine Stunde im Abendsonnenschein, zeigte nicht nur das grüne dänische Flachland, sondern auch viele charakteristische Behausungen von nordischer Backsteinarchitektur, ein Beweis, dass es Goethes ‚unbehausten Mensch‘ dort offensichtlich nicht gibt. Kaum wollte eine Ihrer Berichterstatterinnen aber ihren Augen unterwegs trauen, als man durch die Busfenster auf großen Feldern die zwar zu erwartenden dänischen Schweine erspähte, man aber ob ihres freien Herumlaufens, aber ganz besonders wegen der Existenz zahlloser kleiner individueller Schweinehäuschen überall verstand, warum der vielgepriesene „Danish Bacon“ auf den Früstückstischen ein so großes Ansehen genießt – diese Schweine sind offensichtlich glücklich, in Unkenntnis ihres letztendlichen Schicksals!

Unser Ziel am Freitagabend war das Løgumkloster. Dort wohnten wir alle während des Tagungswochenendes, eine Neuheit, verglichen mit bisherigen Treffen, bei denen jeweils eine Anzahl von Hotels von den Teilnehmern in Anspruch genommen wurde.

Løgumkloster und seine Kirche, bekannt in alter Zeit auch als „Locus Dei’“, wurde um 1173 von den Zisterziensern gegründet und zählt zu den bedeutendsten und schönsten mittelalterlichen Kirchen Dänemarks. Wir, die diesen Ort erleben durften, schließen uns gern diesem Urteil an. Allerdings musste nicht so sehr die Aufforderung zu „Ora et labora“, doch ganz und gar die den Mönchen auferlegte Schweigepflicht in Anbetracht der Bestrebungen zum Ideenaustausch und zur Wissensvermittlung im Rahmen unserer Tagung ignoriert werden! Auch das wohlschmeckende Abendessen, so gar nicht nur asketisch vegetarisch gestaltet, hätte den früheren Mönchen wohl das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Ein Möbelstück, das den Teilnehmern ein klein wenig das klösterliche Ambiente nahe brachte, waren die für unseren weltlichen Geschmack doch recht schmalen Betten, jedoch ist, soweit bekannt, niemand zu nächtlicher Stunde von seiner/ihrer ‚Pritsche‘ gefallen.

Der Freitagabend, nach dem üppigen Büffet, wurde zu einem anpruchsvollen kulturellen Genuss in der Klosterkirche, nämlich durch das meisterhafte Cellospiel von Christina Meißner. Ihr Programm umfasste Solostücke, angefangen mit Hildegard von Bingen, über J.S. Bach bis hin zu Komponisten unserer Zeit. Der Kreis schloss sich wieder mit „O virtus sapientiae – O du Kraft der Weisheit“, wieder von Hildegard von Bingen. Wir Konzertbesucher in der Løgumkloster-Kirche wurden von den goldenen Figuren der Altarbilder angestrahlt und fühlten uns in höhere Regionen versetzt. Die oben erwähnte Weisheit wurde am nächsten Tag von uns Tagungsteilnehmern gefordert, wie natürlich auch von den Vortragenden zur Schau gestellt. Der Gang nach dem Konzert durch Kirche, Kreuzgang und Bibliothek, mit anschließendem geselligen, und gar nicht dem Schweigen gewidmeten, Beisammensein war ein rundum befriedigendes Erlebnis.

Tagung2
Bibliotheksgebäude in Løgumkloster. Foto: B.Thiemann

Der folgende Tag, Samstag, brachte eine Programmänderung mit sich, da der Zürcher Kollege aus Krankheitsgründen abgesagt hatte. Jedoch sprang der dänische Dr. Flemming Finn Hansen mit Elan in die Bresche und führte uns so recht in medias res, d.h. die Gemeinsamkeiten der Autoren Fontane und Brandes, sowie ihr unterschiedliches schriftstellerisches Vorgehen. Fontane, Chronist der Bismarckzeit, der sich jedoch der bereits existierenden Umbruchsstimmung des ausgehenden 19. Jahrhunderts bewusst war, und Brandes als Parteigänger der Moderne lassen die Debatte als ein europäisches Phänomen erscheinen.

Für Nietzsche war Brandes „der gute Europäer“, was Brandes „vielleicht“ dazu inspirierte, Nietzsche im weiteren Europa bekannt zu machen. Herausgestrichen sein sollte die Notwendigkeit eines mit Zuwendung auch zum Fremden verbundenen Nationalgefühls – weg von exzessiver Vaterlandsliebe. Kosmopolitisches Denken wurde als Rettung Europas, ja der Welt gefordert. Im vereinten Europa unserer Zeit fällt dieser Diskurs auf fruchtbaren Boden!

Der zweite Vortrag von Dr. Christiane Barz brachte uns ihre Gedanken zu Fontane und dem Dänen Hermann Bang und zum Thema Realismus nahe, der neben der Sinnenwelt das Wahre vermitteln will. Auch Bang war ein Großstadtautor wie Fontane. Das bereits bestehende Entwicklungsstreben in der Gesellschaft wird von Bang weitergeführt zum Naturalismus hin. Ein emanzipatorischer Realismus wird angestrebt, jedoch konstatiert Fontane in Bezug auf Bang, dass bei ihm „Licht fehlt“. Bang strebt keine Gesellschaftsbeeinflussung an. Auch steht seiner Meinung nach Kunstanspruch vor Gesellschaftsanspruch. Bang und Fontane teilen die Bedeutsamkeit des Dialogs in ihren Werken. Ersterer liegt zwischen Realismus und Impressionismus, sieht die bindende Ordnung als Teil des inneren Wesens, freiwillig akzeptiert, wie bei Fontane das „Gesellschafts-Etwas“, gesehen als „Innenschau“.

Tagung3
Blick in den Tagungsraum in Løgumkloster. Foto: M. Stoye

Das großartige dänische Mittagsbüffet ließ unsere erschöpften Mägen und Sinne wieder aufleben, sowie  auch die für Spaziergänge und Erholung auf dem Klostergelände vorgesehene längere Pause, bevor erneut unsere Anwesenheit im Vortrtagsraum verlangt wurde.

Der Vorsitzende der Brandes-Gesellschaft, Professor Bauer, nahm die in unserem Kontext relevante „Literarisierung der Politik“ und die „Politisierung der Literatur“ im 19. Jahrhundert unter die Lupe. Eine recht polemische Untersuchung der Gegenüberstellung von Macht und Ohnmacht, von Gemeinwohl und partikulären Interessen, befasst sich bei Brandes mit den politischen Strömungen im 19. Jahrhundert, u.a. dem Vormärz. Man erkennt bei Brandes, der auch Kontakt zu Heine hatte und dem Schnitzler 1927 eine Rede widmete, einen besonders starken Wunsch nach Reform des politischen Systems, ein eventuell ausgeprägteres Verlangen als bei anderen Bürgern, da die oben erwähnten Autoren alle jüdischer Abstammung und vielschichtigen Vorurteilen ausgesetzt waren. Ein für die Arbeiterbewegung wichtiger Befürworter war Lassalle, der bestrebt war, einen Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital zu finden. Gegebenenfalls dürfe die Vergangenheit auch entschärft werden, um die Gegenwart zu schützen. In der Gegenüberstellung der Schriftsteller wird Fontanes politische Haltung als schwankend und unzuverlässig dargestellt, trotz seiner Neigung zum Vierten Stand. Der Literatur wird eine liberalisierende Funktion zugeschrieben, womit sie einen Beitrag zur Modernisierung der Gesellschaft leisten könne. All diese Ideen lassen sich beliebig über viele Grenzen hinweg realisieren, soweit die Gemüter aufnahmebereit sind oder gemacht werden.

Die Nachmittagszeit, freigeworden durch den Ausfall von Professor Müller-Wille, wurde hervorragend durch Professor Berbig mit Kostproben aus den Werken von Georg Brandes gefüllt. Für viele der Teilnehmer, nicht unbedingt mit dem Werk von Brandes vertraut, war es eine willkommene Ergänzung zum anspuchsvollen Fontane/Brandes/Bang-Programm. Professor Berbig hat sich wieder einmal um die Fontane-Gesellschaft verdient gemacht, indem er seine Mittagspause und einen Teil seiner Nachtruhe auf der klösterlichen Pritsche geopfert hatte, um uns diese exzellent vorgetragenen Ausschnitte zugute kommen zu lassen. Klar wurde, wie sehr deutsche und skandinavische Künstler, seien es Schriftsteller, Maler oder Politiker an Verflechtung und gegenseitiger Befruchtung teil hatten im 19. Jahrhundert.

Nach dem wieder sehr umfangreichen gemeinsamen Abendessen vergönnte uns Professor Bauer einen Einblick in das Leben und Werk des Malers Emil Nolde, heimisch in dieser nördlichen, zuweilen düsteren und rauhen Landschaft und vertraut mit dem Wechselspiel der Farben. Der abendfüllende und sehr informationsreiche Film war als Auftakt und Vorbereitung zu dem am Sonntagmorgen geplanten Besuch im Hause Noldes (ursprünglicher Familienname Hansen) in Seebüll gedacht.

Eine sehr einfallsreiche Neuerung bei dieser Tagung war die Idee der Sektionsleiterin, am Ende jedes Vortrags den Referenten einen ‚goodie bag‘ als Dankeschön zu überreichen!

Nach dem Frühstück am Sonntag nahmen wir Abschied von Løgumkloster. Die Professoren Fischer und Bauer bedankten sich bei den dänischen Gastgebern, wobei die hervorragende Unterbringung und die unklösterlich reichliche Verpflegung hervorgehoben wurden. Dr. Flemming Hansen übermittelte diesen Dank ans Personal, später auf Dänisch.

Der ursprüngliche Plan, Mögeltondern kurz zu besuchen – eine der Städte der deutschen Minderheit jenseits der Grenze – wurde geändert, und wir fuhren nach Nordfriesland, wo sich die Emil und Ada Nolde-Stiftung in Seebüll befindet.

Das ungewöhnliche Haus mit strenger Abgrenzung des Wohn- und Malbereichs war ursprünglich von Mies van der Rohe, einem Mitglied des Bauhauses, errichtet worden. Es wurde später von Nolde aufgestockt und mit einem Bildersaal im Obergeschoss ausgestattet. Unterhalb des Hauses befindet sich der Garten mit Teich, gut gegen Wind und Wetter geschützt.

Die Nachbarhöfe in dieser flachen Landschaft stellen kleine, reetgedeckte „Burgen“ für Mensch und Tier gegen Wind, Wetter und Flut dar. Es war Nolde ein großes Anliegen, die Masse seiner Bilder in der Landschaft auszustellen, aus der er seine Inspiration zog. Nach kurzer Erfrischung ging es weiter nach Flensburg, wo wir von der Stadtpräsidentin Svetlana Krätschmar empfangen wurden. Sie und ihr Mann sind beide als Mathematiker an den zwei Universitäten Flensburgs tätig. Ihre Rede spiegelte auch ihre eigenen Kentnisse des Werkes Fontanes wider, sowie ihr politisches Engagement als Stadtpräsidentin, besonders interessant für eine aus der Ukraine stammende Frau.

Mit ihrer Ansprache und Dankesworten unseres Vorsitzenden Professor Köstler fand diese Tagung dann ihren Abschluss. Ihre Berichterstatterinnen waren maßlos, aber angenehm, überrascht nach ihrer Rückkehr aus Deutschland zu finden, dass im englischen Fernsehen bei der BBC gerade jetzt eine dänische Serie läuft über den dänisch-preußisch-österreichischen Krieg von 1864. Hatten wir nicht gerade darüber ausführlich gesprochen? Wir „Engländer“ fühlten uns aufs Angenehmste zurückversetzt ins Schleswig-Holsteinische und all das im Laufe des Wochenendes Erlebte.

8. MAJ PÅ EUROPA-UNIVERSITET I FLENSBORG: Medlemmer af Brandes-selskabet og Fontane-selskabet mødtes til et 3-dages fæ…

Posted by Dansk Generalkonsulat i Flensborg on Tuesday, May 12, 2015

Rückschau: Ansprache von Andreas Köstler am Theodor-Fontane-Denkmal in Neuruppin

30. Dezember 2014

KöstlerSehr geehrter Herr Bürgermeister, lieber Herr Golde, liebe Fontanefreundinnen und -freunde aus nah und fern, meine Damen und Herren!

Im Namen der Theodor Fontane Gesellschaft darf ich Sie herzlich zur Ehrung Theodor Fontanes an seinem Wiegenfest begrüßen. Wir feiern heute den 195. Geburtstag unseres Helden – kein ganz rundes Jubiläum, aber eines, hinter dem sich bereits deutlich der 200. Geburtstag aufbaut. Mit diesem sich abzeichnenden Groß-Jubiläum haben, wenn ich recht sehe, alle Fontane-Begeisterten, alle „Fontanisierten“, sich schon zu befassen begonnen. Man wird gespannt darauf sein dürfen, was unsere Zeit, was wir mit Fontane anzufangen wissen, und welche Facetten im Bild Fontanes zu diesem Jahrhundertjubiläum 2019 zum Strahlen gebracht werden können.

Zuvor aber, im kommenden Jahr, steht noch ein anderes rundes Jubiläum an: nämlich ein Vierteljahrhundert Theodor Fontane Gesellschaft, und wir möchten dieses runde Jubiläum: 25 Jahre unserer literarischen Vereinigung, auch am Ort unseres Hauptsitzes und der Geschäftsstelle, in Neuruppin, begehen. Daher haben wir beschlossen, unsere Jahrestagung 2015 hier in Neuruppin zu veranstalten. Es wird aber jedenfalls auch dort um das Bild Fontanes gehen, an dem wir aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen arbeiten und immer wieder Neues entdecken können.

Im Vorstand haben wir gefunden, dass eine Jahrestagung der Theodor Fontane Gesellschaft in Neuruppin in einem ungeraden Jahr sehr gut zwischen die in den geraden Jahren gefeierten Fontane-Festspiele passt. Ins Jahr 2015 wird aber auch die Einweihung des Neuruppiner Museums fallen, u.a. mit der Neupräsentation zu Fontane, auf die wir uns sehr freuen; und den schon für dieses Jahr vorgesehenen Birnbaum für Ingeborg Fontane hoffen wir nun endgültig pflanzen zu können (auf dass er bald Frucht trage). Alles in allem steht also nach dem Fontanejahr 2014 mit den Festspielen ein Fontanejahr 2015 auf dem Programm, und wir sind zuversichtlich, dass wir in der gesamten Zeit bis 2019 hin – den 200. Geburtstag fest im Blick – mit vielen einzelnen Veranstaltungen am Fontane-Bild, das es zu entwerfen und neu oder wieder zu entdecken gilt, weiterarbeiten. Jedenfalls möchten wir gerne dasjenige, was wir als literarische Gesellschaft mit über tausend Mitgliedern und vielen einzelnen Sektionen, auch in Polen und Großbritannien, dazu leisten können, beitragen.

Es tut immer gut, ein wenig am Ort unserer jährlichen Ehrung und damit beim Denkmal hinter mir zu verweilen, das Max Wiese nur wenige Jahre nach dem Tod Fontanes, um 1907, gestaltet hat. Nicht ohne Grund findet sich sein markantes Motiv mit dem eindeutigen Profil als Signet auf dem Briefpapier der Theodor Fontane Gesellschaft (und nicht nur dort); es lohnt – wie alle guten Denkmäler – einen vierten und fünften Blick, und auch mehrfache Blicke erschöpfen längst nicht alle Aspekte, die in es eingegangen sein mögen. Bei näherem Hinsehen in der Vorbereitung dieser Ansprache sind mir eine Fülle von Bezügen, ich sage einmal: „intermonumentaler“ oder „interpikturaler Art“, aufgegangen, also Bezüge von Bild zu Bild (in Parallele zu den intertextuellen Beziehungen von Text zu Text), ein Hin und Her von Denkmal zu Denkmal. (Erlauben Sie mir bitte diese knappen Einlassungen, die eine kunsthistorische Schlagseite auf Fontane verraten, die er mir hoffentlich nicht übel nimmt).

Max Wiese scheint vorderhand ein gängiges Bild von „Fontane in der Mark“ zu bestätigen; ein Bild, für das die Neuruppiner Auftraggeber mit ihrer Widmung „Dem Dichter der Mark, errichtet im Jahre 1907“ wohl ganz bewusst gesorgt haben dürften. Allein, das bühnenartige In-Szene-Setzen Fontanes durch Max Wiese erfüllt nicht nur dieses Diktum, sondern geht, wie ich meine, weit darüber hinaus: Unser Held, leger zurückgelehnt und wie sinnend in die Mark blickend, hat, wenn man ihn näher in Augenschein nimmt, seine Beinkleider doch ein bisschen zu akkurat über den frisch gewienerten Stiefeletten glatt gezogen. Sein Habit ist eher hochelegant als zum ordentlichen Wandern geeignet zu nennen; eigentlich taugt der städtische Anzug auf dünnbesohlten Schuhen nicht einmal für eine schnelle Tiergarten-Runde bei schlechtem Wetter. Zum modischen Flaneur und selbstbewussten Élegant passt auch der Gehstock – es ist jedenfalls ein Wanderstab –, mit dem Max Wiese sicherlich etwas ironisch die pompöse Sitznische füllt, als Pendant zur Sitzfigur. Für Kenner der preußischen Denkmallandschaft liegt im Gehstöckchen ein Hinweis besonderer Art auf der Hand: nämlich ein ironischer Verweis auf die sogenannten „Helden ohne Degen“, wie sie Christian Daniel Rauch mühsam in Berlin und andernorts durchsetzen musste. Ohne das standesübliche Attribut von Adel und Militär, ohne Degen, dafür aber mit einem apart präsentierten Spazierstock, der darüber hinaus noch zur Seite gelehnt ist, um an seiner Stelle einen spitzen Bleistift sowie ein Notizbuch lässig in die Hand nehmen zu können: So gibt sich ein Flaneur, ein kritischer Beobachter seiner Umwelt, weniger ein Wanderer – allenfalls ein souveräner Wanderer zwischen mehreren Welten. Nun hatte Max Wiese ja auch schon das Schinkel-Denkmal von 1883 gestaltet, und wer in Neuruppin zwischen den beiden – und anderen – Denkmälern hin- und herpendelt, dem werden die Unterschiede, aber auch die ironischen Vergleichbarkeiten zwischen den beiden bedeutendsten Söhnen der Stadt, wie sie im Denkmal vorgestellt werden, nicht entgangen sein. Zwar ist unser Fontane-Denkmal ein Vierteljahrhundert später entstanden als der Schinkel; die Denkmalsheroen waren mittlerweile vom Sockel herabgestiegen (wir befinden uns in der Zeit nach Auguste Rodins Bürger von Calais), so dass die Unterschiede zwischen den 1880er und 1900er Jahren deutlich greifbar sind: Wo Schinkel noch würdig auf dem hoch aufragenden Baluster steht, kann sich Fontane schon sehr zu sich selbst entspannen. Doch auch hier weiß Max Wiese uns zu überraschen: mit einem riesigen Felsenberg aus schwedischem Granit, den die Eiszeit in die Mark verschoben haben muss, der unseren Fontane in die Mark erdet; und darauf wiederum ein überraschend elegant geschwungenes, für das gängige Bild der Mark ein bisschen zu kapriziöses Sitzmöbel. Auch hier gilt: Eine derartig sich fast ausrollende Sitzbank ist doch wohl kaum in der Mark anzutreffen, vielleicht noch am ehesten im preußischen Arkadien, etwa in Sacrow oder einem der anderen Parks in und um Potsdam herum. Und auch hier hat sich Max Wiese m.E. ein paar sprechende Freiheiten genommen: Es handelt sich nicht, wie man zunächst annehmen möchte, um eine halbkreisförmige Bank wie etwa in Herculaneum und Pompeji, wo derartig geschwungene Anlagen an Grabanlagen üblich waren, also im Memorialkontext, zur Erinnerung, aufgestellte Sitzgelegenheiten waren. Sie ist doch nur für eine einzige Person gedacht, deren memoriales Gedenken sie gleichzeitig mit anzuschieben hat.

Und dann ist die „Tischlerarbeit“ unserer Steinbank noch eine Bemerkung wert: Die Triglyphen als Banksockel und v.a. die ionischen Voluten als Wangen und Lehnen bilden, so unkanonisch sie hier auftauchen, ein Ironiesignal. Jedenfalls kann man sie nicht mit Verweis auf den Jugendstil weg erklären. Wer den Schinkel vor Augen hat: Die Voluten, auf denen Theodor Fontane seinen linken Arm so lässig ruhen lässt, zitieren das pedantisch klassizistische Eckkapitell ionischer Ordnung, das dort als Auflage von Schinkels Schriften dient. Den Stift hält Fontane wie Schinkel, aber im Unterschied zu diesem gestrengen Lehrmeister der Architektur wird nicht die sakrosankte Sammlung architektonischer Entwürfe vorgestellt, sondern ein Notizbuch gefüllt. Während Schinkel den Entwurf seines Schauspielhauses am Gendarmenmarkt auf einer antiken Spolie abstützt, was ihn als einen der äußersten Exaktheit verpflichteten, quellenkundigen Architekten vorstellt, geht Fontane mit dem antiken Erbe, will sagen mit der kulturellen Tradition, viel poetischer um. Die gesamte Sitzbank zeigt (man kann dazu Fontane paraphrasieren) „Wahrheit, aber in höherer Auffassung“; sie wirkt wie ein Programmbild des poetischen Realismus, in vielem ironisch gewendet. Kurz: es ist ein sehr anekdotisches Bild unseres Helden, das das Denkmal entwirft, und eines, das – wie ich finde – unserem Fontane in der Art seines Vorgehens durchaus nahekommt, das den Ton der plaudernden Causerien mit vielen Andeutungen und Anspielungen durchaus trifft.

Es ist verführerisch, sich vorzustellen, wie Fontane auf sein eigenes Monument reagiert hätte. Wie sensibel er Denkmäler aufnahm und feinnervig registrierte, was sie aus den Dargestellten machten und wie sie seinen Nachruhm formten, das ist schon dem Frühwerk zu entnehmen, etwa der eindringlichen Schilderung eines Besuches von Westminster Abbey in der Artikelserie Ein Sommer in London von 1854. Hier heißt es unter der Überschrift „The Poets’ Corner“ (so wird die Abteilung mit den Gräbern der Geistesgrößen genannt, gemeint ist genauer das Nordquerhaus mit den Grab- und Denkmälern von Shakespeare, Milton, aber auch Händel): „Noch andere Plätze lieb’ ich im Fluge zu berühren […], aber das Ziel solchen Umgangs bleibt doch immer Poets’Corner, der Poeten-Winkel, wo ich auf einer der hölzernen Kirchenbänke Platz nehmend, den Orgelklängen zu lauschen pflege, die während des Nachmittag-Gottesdienstes die Kirche durchbrausen. Dann ist mir’s oft, als belebe sich der Marmor um mich her, […]“

Denkmäler sind für Fontane sprechende Werke. Und etwas weiter erläutert Fontanes Bericht aus London, auf welche Weise sie zu ihm sprechen: „[…] vor allem sind es zwei Bildwerke doch, die immer wieder und wieder die Aufmerksamkeit unseres Auges erzwingen: Garrick und Shakespeare. Zu der Berühmtheit der Namen gesellt sich eine besondere Tüchtigkeit der Kunstwerke selbst. Eine faltenreiche Gardine nach beiden Seiten hin zurückschlagend, tritt der geniale Verkörperer Shakespeareschen Wortes hinter derselben hervor. […] während die tiefere Idee der Darstellung auf ein Entschleiern, gleichsam ein Auseinanderschlagen der Shakespeareschen Schönheit hinausläuft, gibt der Bildhauer zu gleicher Zeit die einfachste und möglichst charakteristische Situation für die Vorführung eines dramatischen Künstlers überhaupt, in den Zügen des Kopfes paart sich das Geistvolle mit dem freundlich Wohlwollenden auf eine herzgewinnende Art […]“

Schon der frühe Fontane hängt also den Umständen nach, die zu Nachruhm führen und diesen festigen. Als Abschluss des Kapitels resümiert er ein paar Zeilen später seinen Besuch in Westminster wie folgt: „[…] wie reich sich dieses Leben [in London] erschließen mag, wie wenige gehören ihm an, die von der Hand des Todes nicht gleichzeitig hinweggewischt werden von der Tafel des menschlichen Gedächtnisses, und wer ist unter ihnen, dessen Marmorbild jene stille Ruhmeshalle beschreiten wird […]?!“

Nun – Fontane hat es jedenfalls geschafft, in edler Bronze in den Neuruppiner Poet’s Corner aufgenommen zu werden. Und Max Wiese scheint verstanden zu haben, welche Eigenschaften zu einem wirkungsvollen Bildwerk Theodor Fontanes gehören. Vervollständigen wir also dieses Vorstellungsbild Fontanes, das Max Wiese uns hier so elegant und mit etwas Augenzwinkern vor Augen gestellt hat: Die Themen zu und um Fontane jedenfalls werden uns in Neuruppin, aber auch in allen anderen Sektionen der Theodor Fontane Gesellschaft bis 2019 nicht ausgehen.

Damit möchte ich Sie und uns alle in Neuruppins Poets‘ Corner willkommen heißen, und verbinde dies mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre Familien: Ihnen Glück, Gesundheit und ein erfolgreiches Jahr 2015 mit Fontane.

„Effi, komm“ – Neue Dramatisierungen von Fontanes Roman „Effi Briest“

Beitrag aus den Mitteilungen. Von Monika Stoye.

Die Romane Theodor Fontanes reizen die Theater- und Filmleute immer wieder zu Umsetzungen in ihr Medium, eignen sich doch die Texte dazu bestens, da Fontane bereits film- und theaterreife Dialoge liefert.

Im mitteldeutschen Raum haben drei Theater Effi Briest für sich entdeckt: Theater & Philharmonie Thüringen (Altenburg-Gera), Neues Theater Halle und Schauspiel Leipzig. Einige Fontane-Freunde aus Leipzig und Halle besuchten im März eine Aufführung von Effi Briest im Landestheater Altenburg, die dann ab Mai an den Bühnen der Stadt Gera zu sehen sein wird.

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Landestheater Altenburg. Foto: M. Stoye

Erfreut konnten wir feststellen, dass die Regisseurin Caro Thum eine Textfassung schuf, die sich an Fontanes Romanvorlage hält und dabei versucht „das dramatisch Verwertbare aus der Prosa heraus zu extrahieren und in eine Form zu bringen“ (C.T.), die auf der Bühne umsetzbar ist. Die sparsam möblierte Bühne ist nur durch schwebende, unterschiedlich gestaltete Fensterrahmen, die die jeweiligen Handlungsorte (Hohen-Cremmen, Kessin, Berlin) kennzeichnen, ergänzt. Den Darstellern bietet das völlige Bewegungsfreiheit, aber auch für Effi das Gefangensein in einengenden Konventionen. Das Personal besteht aus 6 Schauspieler/Innen und einem Kind: Effi Briest, Luise Briest/Sidonie, Briest/Gieshübler, Instetten, Crampas, Hulda/Johanna/Tripelli.

Tenor der Inszenierung ist der berühmte Satz „Effi, komm“, der immer wieder von Effis nahestehenden Personen (Hulda, Luise Briest, Instetten, Crampas) gesagt wird, und der Erwartungen, Forderungen, Ansprüche an sie stellt und sie in eine Rolle drängt, der gerecht zu werden, sie sich vergeblich bemüht.

Aber wir empfanden die hochgelobte Darstellerin der Effi (Anne Diemer) als eine absolute Fehlbesetzung, da sie von Anfang an als herbe, selbstbewusste, emanzipierte und sportlich gestählte Frau auftritt, die vehement in jede Situation ihres Lebens springt – um Zuneigung ihres Ehemanns Instetten buhlend, hemmungslos dem Liebhaber Crampas verfallend oder auf ihr tragisches Ende zutreibend. Und das ist der einzige Moment, wo sie uns wirklich überzeugt hat.

Die Intentionen der Regisseurin, Effi als gegenwärtige Frau zu zeigen, die von Anfang an ihr künftiges Geschick im Blick hat, konnten wir einfach nicht nachvollziehen. Bei Fontane durchläuft Effi eine Entwicklung vom unreifen, verspielten Noch-Kind bis zur am Ende gebrochenen, vom Leben enttäuschten Frau.

Irritiert waren wir von der Anlage der Johanna, die in allen Szenen präsent ist und als böser Geist im Hintergrund agiert, offen und im Beisein Effis ihre Liaison mit Instetten auslebt, freudig die Liebesbriefe Effis an Crampas entdeckt und diese triumphierend Instetten vor die Füße wirft.

Und dass der beherrschte, karrieresüchtige und ehrversessene Instetten am Ende resignierend dem Alkohol verfallen muss, erschien uns höchst befremdlich.

Trotz unserer kritischen Anmerkungen, die dem Fontane-Freund gestattet seien, ist diese Inszenierung eine durchaus mögliche Bühnen-Adaption, der man besonders ein jugendliches Publikum wünscht.

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Szenenfoto Effi Briest. Foto: S.Walzl

In der Spielstätte Diskothek des Leipziger Schauspiels heißt das Stück My love was a ghost. And your love, your love was leaving this rotten town, geschrieben von Jörg Albrecht (Jahrgang 1981) als eine „Überschreibung“ – eine neue Reihe des Schauspiels, in der sich, so steht es auf der Website, junge Autoren „Texte [n] eines klassisch-kanonischen Repertoires“ zuwenden, um darin „nach Gültigkeiten und Motiven, die auch heute noch von Bedeutung sind“ zu suchen. Um dann, ausgehend vom Gefundenen, einen Theatertext zu verfassen, der „komplett neu“ sei, mit einer „Bearbeitung im herkömmlichen Sinne nichts zu tun“ habe.

Und genauso habe ich es empfunden und fast keine Bezüge zu Effi Briest entdecken können. Mein Eindruck kann nur mit Alexander Kluges Die Artisten in der Zirkuskuppel ratlos wiedergegeben werden. Auch der Leipziger Theaterkritiker Steffen Georgi meint: „Es scheint inzwischen keinen Text mehr zu geben, klassisch-kanonisch oder nicht, aus dem nicht irgendwas mit Gentrifizierung, Globalierung oder Kapitalismuskritik rauszuholen ist … viel soziologischer und kultureller Diskurs also, was man so gelernt hat in diversen Seminaren. Zum Leben und Spiel erwacht da nichts“.

Und auch Fontane hätte von seinem Parkettplatz mehr als ratlos um sich geblickt und gefragt, was das wohl zu bedeuten hätte. Zu einer Vorstellung der Effi Briest im Neuen Theater Halle fährt der  Fontane-Kreis am 30. Juni.

Alexander von Humboldt und Bernhard von Lepel

Anmerkungen zu einem Brief von Alexander von Humboldt an Bernhard von Lepel

Von Ingo Schwarz

Am 27. Dezember 1864 schrieb Theodor Fontane an Mathilde von Rohr in Berlin:

In dem vor kurzem erschienenen, von K. v. Holtei herausgegebenen „Briefwechsel Ludwig Tiecks“ kommt auch unser alter Lepel vor, und zwar in 2 Briefen Humboldts an Tieck, wo Lepel durch H. an Tieck empfohlen wird. Das wird unsrem Freunde Spaß machen, wiewohl eine Malice gegen seinen Onkel [Friedrich Wilhelm von Lepel] (in Rom) mit drunter läuft.1

Was verbarg sich hinter dieser Bemerkung? Bernhard von Lepel hatte, angeregt durch die Lektüre des ersten Bandes von Alexander von Humboldts „Kosmos“, die Ode „An Humboldt“ gedichtet. Das noch unpublizierte Werk las er im Tunnel über der Spree mehrfach vor 2 und sandte eine handschriftliche Kopie an den berühmten Naturforscher zu dessen 78. Geburtstag am 14. September 1847. 3 Lepels Gedicht muss Humboldt besonders gefallen haben, denn er lud den Dichter zu sich ein. Am 18. September 1847 schrieb Lepel seinem Freund Fontane:

Gestern war ich bei Humboldt; der Merkwürdigkeit halber schreib’ ich Dir den Brief ab mit welchem er mich einlud: das Original könntest Du auch nicht lesen: ich hab’ es mit Hilfe Anderer mühvoll heraus buchstabirt, so undeutlich schreibt er. – Als ich bei ihm war, hoffte ich einiges Bedeutende zu hören; aber er ging nicht tief auf das Gedicht ein. Ich mußte es ihm vorlesen u., da er mein Lesen lobte, kam er auf den Gedanken mich durch einen Brief bei Tieck einführen zu wollen, dem ich es auch vorlesen soll. 4

Demnach muss der Besuch Lepels bei Humboldt am Freitag, dem 17. September 1847 stattgefunden haben. Ort des Geschehens war sehr wahrscheinlich Humboldts Wohnung in der ersten Etage des Hauses Oranienburger Straße 67. 5

Im Kommentarteil ihrer großartigen Edition des Fontane-Lepel-Briefwechsels hat Gabriele Radecke nicht nur Lepels Humboldt-Gedicht abgedruckt, 6 sondern auch die den Dichter betreffenden Passagen aus den von Karl von Holtei (1798-1880) edierten zwei Humboldt-Briefen an Ludwig Tieck (1773-1853) zitiert. 7 Holtei sah sich außerstande, das genaue Entstehungsdatum der Schreiben zu ermitteln. 8 Erst der Vergleich mit der Korrespondenz zwischen Fontane und Lepel machte die Datierung auf Sonnabend, den 18. September 1847, möglich.

Die Originale der Humboldt-Briefe galten bislang als verschollen. Eine genaue Durchsicht der Autographensammlung von Arthur Runge, die in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt wird, förderte nun jedoch einen der Briefe zutage. Unter der Signatur Nachlass 480, 1 (Sammlung Runge), befindet sich in der Mappe 22 unter Briefen an unbekannte Empfänger als Nr. 3 das erste Empfehlungsschreiben Humboldts für Lepel. Hier der vollständige Brieftext:

Sie müssen nicht glauben, mein alter Freund, dass ich Sie verrätherisch in Sanssouci verlassen habe: ich werde vor meiner, sehr ungewissen Abreise nach der grossen Babel, wo die „Herrenkammer“ mordet und stiehlt, Sie gewiss noch umarmen. Eine plözliche sehr heftige Erkältung und der grosse Camin mit Flammfeuer in den „Neuen Kammern“ hat mich plözlich hineingejagt, um mich hier besser zu pflegen und meinen lezten Bogen, der angekommen ist, selbst noch zu corrigiren – eine Tugend, die dem indüstriellen Weltgeiste sehr gleichgültig ist. Diese Zeilen werden Ihnen von einem jungen Officier gebracht, den dieser Weltgeist so wenig ergriffen, dass er, bei einem gewiss viel Hofnung erregenden, dichterischen Talente, ganz würdig ist, Ihnen vorgestellt zu werden. Herr Bernard von Lepel, 9 verwandt mit dem langen unpoetischen Adjutanten des Pr[inzen] Heinrich in Rom, soll Ihnen | 2 | (darum flehe ich) eine Ode über das Weltall selbst vorlesen, die er mir zu meinem Geburtstag (14 Sept[ember]) geschenkt. Die grossen und einfachen Formen seiner Dichtung haben etwas sehr anziehendes. Ich hatte den jungen Mann, der schon in Sicilien an Platens Grabe stand, nie vorher gesehen und ich kann das Lob, das er mir gespendet ihm nicht schöner und wohlthuender remuneriren, als wenn ich ihm freundliche Aufnahme und Rath bei Ihnen verschaffe.

Empfangen Sie und die liebenswürdige Gräfinn, die erneuerte Versicherung meiner Verehrung und unverbrüchlichen Dankgefühle Ihr

AlHumboldt
Sonnabend früh

Ich denke den König noch zu erwarten. 10

Soweit Humboldts auf den Morgen nach Lepels Besuch datierter Brief an Tieck. Humboldt spricht zunächst von seiner geplanten Abreise „nach der grossen Babel“. Am 4. Oktober 1847 trat er tatsächlich seine letzte Parisreise an, die bis zum 12. Januar 1848 dauern sollte. Humboldt erwähnt dann abschließende Korrekturen und nimmt damit auf die Vollendung des zweiten Band seines „Kosmos“ Bezug. Die Korrekturfahnen sandte er am 20. September an seinen Verleger Johann Georg von Cotta in Stuttgart. 11 Der von Humboldt erwähnte Verwandte Lepels war dessen Onkel Graf Friedrich Wilhelm von Lepel (1774-1840), preußischer Generalmajor und Adjutant des Prinzen Heinrich von Preußen (1781-1846). 12 Humboldt war als königlicher Kammerherr mit den preußischen Adelsgeschlechtern bestens vertraut. Mit der liebenswürdigen Gräfin ist Tiecks Lebensgefährtin Henriette Finck von Finckenstein (1774-1847) gemeint.

Einem Brief Lepels an Fontane vom 21./23. September 1847 können wir entnehmen, dass der Besuch bei Tieck wohl tatsächlich zustande kam:

Heut will ich nach Potsdam um sie [die Ode] Tieck vorzulesen, an welchen Humboldt mir einen Brief gab. 13

Auch Briefe haben ihre Schicksale. Karl von Holtei hatte die Humboldt’schen Empfehlungsschreiben für Bernhard von Lepel noch in der von Tieck hinterlassenen Briefsammlung gefunden. 14 Arthur Runge (1880-1945), der Sohn eines Berliner Apothekers und begeisterter Autographensammler, hat dann einen der Briefe vermutlich in den 1920er Jahren erworben. Über das Schicksal der Sammlung Runge während des 2. Weltkrieges schreibt die stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek Jutta Weber:

Von der Humboldt-Sammlung Runges ist nur wenig erhalten geblieben: Bei der Eroberung Frankfurts [an der Oder] durch die Rote Armee wurde auch das Bankgebäude mitsamt den in seinen Tresoren lagernden Schätzen vernichtet. Nur eine 232 Briefe umfassende Mappe aus der Sammlung der „1.000 Humboldt-Briefe“ ist bisher gefunden worden, sie wurde 1971 der Deutschen Staatsbibliothek durch das Außenministerium der DDR übergeben und ist heute Eigentum der Staatsbibliothek zu Berlin.“ 15

Unser Fundstück befindet sich unter den erwähnten 232 Briefen, die 2009 endgültig in das Eigentum der Staatsbibliothek zu Berlin übergingen. 16

Es gibt aber noch eine weitere Spur zu Bernhard von Lepel in der Sammlung Runge. Im Jahre 2012 gelang es der Berliner Staatsbibliothek, einen bis dahin weitgehend unbekannten Schatz aus dieser Sammlung zu erwerben: Nämlich ein Notiz- und Adressbuch, das Alexander von Humboldt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens geführt hat. 17 Das Blatt 80recto enthält den folgenden Eintrag:

Lepel (v[on]) Kaiser Franz Gren[adier] Reg[iment] Neue Friedr[ichs]str. 5 – 8. 18 Der „Allgemeine Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebung auf das Jahr 1847“ gibt auf der S. 272 eine ganz ähnliche Auskunft: „von Lepel, Sec. Lieut. im Kais. Franz-Gren. Rgt. c. z. 19 Allgem. Kriegssch. N. Friedrichsstr. 5 – 8.“ Lepel hatte aus Bescheidenheit die Handschrift der Ode ohne seine Adresse an Humboldt gesandt. Dieser musste nun selbst herausfinden, wohin er seinen Dank senden sollte. Lepel erwähnte dies in einem Brief an Fontane, den er kurz nach Humboldts Geburtstag schrieb:

Humboldt muß den Addreßkalender vorgenommen haben. Er hat mir einen Abgesandten, den Professor Waagen, zugeschickt. Der fragte erst, ob ich der wäre, welcher … ich sagte ja. Dann machte er mir Lobeserhebungen u. sagte, Humb. würde Gelegenheit nehmen mich selbst zu sprechen, vorläufig solle er seinen Dank abstatten. 20

Humboldt nahm, wie wir sahen, Gelegenheit, Lepel persönlich kennenzulernen. Der Abgesandte war übrigens der mit Humboldt freundschaftlich verbundene Kunsthistoriker und Museumsdirektor Gustav Friedrich Waagen (1794-1868).

Berhard von Lepels Ode An Humboldt wurde noch 1847 im Verlag von Alexander Duncker als schmales Bändchen publiziert. 21 Dieses Werk und die Spuren, die es in der Korrespondenz Lepels, Fontanes und auch Humboldts hinterlassen hat, sind gewiss über den Kreis der Fontane-Verehrer hinaus der Erinnerung wert.

1 Theodor Fontane. Sie hatte nur Liebe und Güte für mich. Briefe an Mathilde von Rohr. Hrsg. v. Gotthard Erler. Berlin 2000, S. 89-90.

2 Theodor Fontane und Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Gabriele Radecke. Bd. 2. Berlin, New York 2006, S. 941-942.

3 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 61.

4 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 65-66.

5 Alexander von Humboldt wohnte hier seit 1842 zur Miete.

6 G. Radecke (Hg.): Theodor Fontane und Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 2, S. 937-941. Die Handschrift ist nicht überliefert; die Editorin folgt dem Druck der Ode in: Vierzig Jahre. Bernhard v. Lepel an Theodor Fontane. Briefe von 1843 – 1883. Hg. v. Eva A. v. Arnim. Berlin 1910, S. 63-69.

7 G. Radecke (Hg.): Theodor Fontane und Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 2, S. 944.

8 Siehe: Briefe an Ludwig Tieck. Ausgewählt und hg. von Karl von Holtei. Zweiter Band. Breslau 1864, S. 24-26.

9 In der von Holtei besorgten Edition des Briefes wurde der Name abgekürzt: „B. v. L.“ Fontane hatte also bei der Lektüre des Bandes sorgfältig suchen müssen, um die Erwähnung des Freundes zu finden.

10 Der Abdruck des Briefes erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

11 Siehe Alexander von Humboldt und Cotta. Briefwechsel. Hg. v. Ulrike Leitner unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin 2009, S. 317-321 (Beiträge zu Alexander-von-Humboldt-Forschung, Bd. 29).

12 Prinz Heinrich von Preußen war ein Sohn von Friedrich Wilhelm II.

13 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 67.

14 Siehe K. v. Holtei (Hrsg.): Briefe an Ludwig Tieck, Bd. 2, S. 18.

15 Jutta Weber: Das Adressbuch Alexander von Humboldts. In: Bibliotheksmagazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München Nr. 2/2012, S. 3-8, Zit. auf S. 3.

16 Siehe Jutta Weber und Ingo Schwarz: Der Weltbürger und seine Kontakte. Das persönliche Adressbuch Alexander von Humboldts. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Bd. XLVII. Berlin 2012, S. 354-363, die Anm. 5 auf S. 363.

17 Das Notiz- und Adressbuch hat die Singnatur: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Nachlass 480, 2 (Sammlung Runge). Die Anschrift ist von Humboldt gestrichen.

18 Die Anschrift ist von Humboldt gestrichen.

19 Wohl zu lesen: commandirt zur.

20 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 62.

21 Bernhard von Lepel: An Humboldt: Ode. Berlin 1847, 13 S.

Charlotte Jolles – Gedenktafel in Berlin

Berliner_Gedenktafel_Großbeerenstr_82_(Kreuz)_Charlotte_Jolles

Der Initiative des ehemaligen, langjährigen Vorstandsmitgliedes Wolfgang Stapp ist es zu danken, dass am Vormittag des 21. Septembers 2014 in der Kreuzberger Großbeerenstraße am Haus mit der Nr. 82 eine weiße Porzellantafel der KPM (Königliche Porzellanmanufaktur) angebracht und für die Öffentlichkeit enthüllt und damit sichtbar gemacht werden konnte, dass die Theodor Fontane Gesellschaft im Zusammenwirken mit der Historischen Kommission zu Berlin im Rahmen des „Berliner Gedenktafel-Programms“ an diesem Ort an eine verdienstvolle Berliner Persönlichkeit erinnert. Dass dieses seitens der Theodor Fontane Gesellschaft finanzierbar und damit überhaupt möglich wurde, verdanken wir auch den zahlreich eingegangenen Spenden von Mitgliedern der Gesellschaft.

Sadasdsad
Enthüllung der Gedenktafel für Ch. Jolles in der Großbeerenstraße

Anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel für die ehemalige Ehrenpräsidentin unserer Gesellschaft, Prof. Dr. Charlotte Jolles, sprach der Stellvertretende Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Roland Berbig:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Mensch, an den zu gedenken uns diese kleine Tafel mahnt, war ein besonderer Mensch. Es hätte keiner Ehrung, keines Preises, keiner Würdigung bedurft, um an Charlotte Jolles, die am 5. Oktober 1909 ihr Berliner Bürgerecht durch Geburt erwarb, jenes gewisse Etwas wahrzunehmen. Dabei waren die ersten Kapitel ihres Lebens von beglückender Durchschnittlichkeit. Das Kind und die Jugendliche atmete die gutbürgerliche Luft der Großbeerenstraße, spazierte die Uferstraßen zur Hochbahnhaltestelle „Hallesches Tor“, um zu ihrem Gymnasium in der Frankfurter Allee 37 zu gelangen. Alltag in einer Großstadt, die in den zwanziger Jahren verrückt spielte und die verrückt wurde, bis von ihr nichts mehr übrigblieb als Trümmer und Ruinen. Wir wissen es. Die junge Frau, die an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik studierte und 1932 begann, preußische Ministerialarchive nach Spuren von Theodor Fontane zu durchforsten, nicht. Ihr Vater war ihr Vater und Bauingenieur, nichts sonst. Dass er jüdischer Herkunft war, es beschäftigte sie nicht – vorerst. Der prominente Germanistikprofessor Julius Petersen begünstigte ihren Weg durch die ersten Jahre nationalsozialistischer Diktatur, deren Ideen er akzeptierte, wenn nicht teilte, ohne dabei sein universitäres und menschliches Rechtsgefühl aufzugeben. Als würde schon alles gut gehen – als ginge doch immer alles gut. Die Dissertation Fontane und die Politik, die während der Zeit und ohne jegliche finanzielle Förderung entstand (Jolles hielt sich mit Arbeiten für den Wasmuth-Verlag über Wasser), ist auch in der historischen Rückschau ein Glanzstück, ein Durchbruch zu neuen Fontane-Forschungsufern. Dass sie ein halbes Jahrhundert später erst im Buchdruck erschien, blamiert und entblößt die Zeitverhältnisse, nicht das Profil dieser Schrift. Und schon gar nicht das ihrer Verfasserin. Im Gegenteil.

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Die suspendierte sich, nachdem das Rigorosum am 13. Februar 1937 absolviert war, ohne viel Aufsehen vom akademischen Promotionsfestakt. Man hatte ihr signalisiert, der Rektor werde ihr den Handschlag verweigern. Sie dachte nicht daran, auch nur die kleinste Erniedrigungsgeste dieser oder verwandter Art ein-, gar wegzustecken. Wer in den Zeitungen vom „abgrundtiefen Haß des niederrassigen Volkes“ der Juden las (V. Klemperer 1,336) und „Judensondersteuern“ erhoben sah, der wusste, wo er war. Das war Jolles‘ Ort nicht. Ihr Ort aber war und blieb Berlin. Sie dachte nicht daran, es kopf-, vor allem es herzlos zu verlassen. Einer Anstandspflicht galt es zu genügen und einer der Liebe: die Sterbebegleitung ihres Vaters. Erst als dessen Tod 1938 eine familiäre Lage besiegelte, verstand sich Jolles darauf, wozu Wohlmeinende seit langem gedrängt hatten: dieses verkommende, nein: verkommene Deutschland zu verlassen. „Heraus ins absolute Nichts?“1 fragte sich im Dezember 1938 der in Dresden lebende Romanist Victor Klemperer und setzte 1939 halbherzig in Dresden seinen Unterricht im Englischen fort. Und im Juli 1939 sah Ilse Aichinger in Wien, zwölf Jahre jünger als Jolles und gestempelt als Halbjüdin, zu, wie ihre Zwillingsschwester Helga auf einem der letzten Quäker-Kindertransporte der „Society of Friends“ nach England ausgeschifft wurde. „Unterwegs zu einem Abschied, von dem keiner ahnte, wie endgültig er sein sollte.“2 Charlotte Jolles, wohl zu keinem  Zeitpunkt ihres Lebens schicksalsergeben und gesenkten Hauptes nur, wenn es galt, Stufen hinabzusteigen oder etwas aufzuheben, verließ Anfang 1939 die deutsche Reichshauptstadt: in der Börse zehn Reichsmark, im Gepäck eine  Reiseschreibmaschine, und im Kopf germanistisches Wissen, von dessen Konvertierbarkeit im Englischen sie keinen Begriff hatte. Was ihr Herz zurückließ, darüber hat sie geschwiegen, ein Leben lang. Es ging niemanden etwas an. Was wir uns vorstellen können, es reicht, auch ein Leben lang.

„Wenn es einen Trost gibt, wir können ihn beziehen von dem Menschen, dessen wir gedenken.“ Dieser Satz von Uwe Johnson ist gültig nicht nur für den, auf den er gemünzt war – gültig allerdings nur für wenige. Charlotte Jolles gehört zu diesen Wenigen. Auch sie war vertraut mit dem Sachverhalt, „wonach zwischen seinem ersten Bewußtsein vom Leben und dem notwendigen Übel des Sterbens nur eine unbestimmte Zeit ist und das, was er in sie hineinbringen kann nach Willen, nach Kräften.“3 Die 1939 ins „Nichts“ ging, nach London zuerst, dann, von Kathleen Freeman eingeladen, nach Watford in das „Landheim für tschechische, deutsche und österreichische Flüchtlingswaisenkinder“, sie hatte den Willen und die Kräfte auch, um ihrem ausgeleerten Dasein in der englischen Fremde neuen Inhalt zu geben. Die kaum 30jährige gab das, was die historische Stunde gebot und was sie zu geben vermochte. Die Fotografien aus jener Zeit zeigen eine schöne, zierliche Frau, die mit sich im Reinen scheint. Oder lesen wir uns jene Bilder schön – nach den Wünschen, die wir für die Person haben, die uns auf ihnen begegnet? Der deutschen Doktorhut – ohne Wert, die Universitätszeugnisse – hinfällig, die ehemaligen Fürsprecher – suspekt … Was Jolles aus Berlin nach England mitbrachte, taugte zum Überleben. Taugte es auch, dem verlorenen Lebenssinn einen neuen zu finden? Keine Beziehungen, keine Kontakte, ein Leben, zurückgeworfen auf die Ausgangslinie. Jolles, klein von Gestalt, groß in ihrem Willen, nahm das, was gemeinhin Schicksal genannt wird, mit dem ihr eigenen Geschick an. Verhältnissen, die die Stirn hatten, ihre Biographie zu zerstören, bot sie nun selbst die Stirn. Von der Pike an absolvierte sie ein zweites Mal eine akademische Ausbildung: erst als Lehrerin, die sich nicht zu schade für den Schuldienst war, dann als Akademikerin, die von 1955 an am Birkbeck College der University of London alle universitären Stufen durchschritt, ehe sie 1974 das Ziel erreichte, auf das sie ein Vierteljahrhundert zuvor schon Anspruch gehabt hatte: eine Professur im Fach der neueren deutschen Literatur.

Meine Damen und Herren, ich muss mich korrigieren: Nichts, so sagte ich eben, was exiltauglich war, habe Jolles aus Berlin mit in die Emigration genommen. Das ist unrichtig. Sie hatte nämlich einen Begleiter, der mit ihr gereist war, der ihr seelische Lasten nahm, dem das rechte Wort stets zur Hand war, der sich in London formidabel auskannte und der vor der unheilbaren Krankheit Heimweh zu schützen wusste. Einen, dem zu vertrauen war in allen Lagen und unbedingt: Theodor Fontane. Wie er ihr schon bei der Dissertation mit einem Thema geholfen hatte, so nun auch bei ihrem Master of Arts: Fontane and England. Damit waren die beiden Pole fixiert, die diesem Leben Halt gaben, es befestigten in einer Zeit, die jedes Maß und jeden Halt eingebüßt hatte. Fontane war Jolles eine Gewähr für Kontinuität in ihrem Leben, das jenes Kontinuum eingebüßt hatte, auf das andere blind, ja blindlings vertrauen – weil es ihnen nie bedroht war. Dass ihr Deutschland nach 1945 keine Alternative zu ihrer britischen, ihrer englischen Existenz war, war etwas, dass sie mit sich abmachte. Sie wurde britische Staatsbürgerin. Wer darüber Erkundungen anstellen wollte, musste einen guten, sanften Moment erwischen – dann allerdings bekam er zu hören, was einer Rechnung glich, die offen geblieben war, bleiben musste. Jene Erfahrung, die der Film über Marcel Reich-Ranickis Lebens-Buch eindrucksvoll ins Bild gesetzt hat: Der Überlebende des Warschauer Ghettos geht durch die Straßen einer deutschen Stadt und ihm begegnen, beklemmend beiläufig, Gesichter, die wenige Jahre zuvor den Tod der Seinen besiegelt hatten: an der Telefonzelle, auf dem Zebrastreifen, überall – unausweichbar. Dieses Bild war ein Bild, das Charlotte Jolles begriff. Überwältigen ließ sie sich von ihm nicht. Sie hat es in sich verschlossen – und war ganz und gar willens, es in ihrer Welt, die mehr und mehr einem Fontane verpflichtet, den sie sich als preußischen Demokraten wünschte und der unter ihren Augen ganz zweifelslos einer war oder wurde, aufzuheben. So wenig sie vor 1945 willens war, ihr zugewiesene Rollen zu spielen, so wenig danach. Nichts stand ihr ferner, als das Opfer, das sie war, als Lebenshaltung zu akzeptieren. Es als Rolle gar zu instrumentalisieren, war ihr wesensfremd. Selbst die Wohlmeinendsten, die sie in eine solche Konstellation rückten, kassierten ihre Empörung.

Natürlich: Ihr Blick auf Deutschland wusste Bescheid und zu unterscheiden. War sie Partei, dann die der der aufrechten Menschen. Anstand war kein Wort, es war eine Haltung. Mit jenem Blick sah Jolles von England aus auf die beiden deutschen Staaten, mit ihm auf die Ära des Kalten Krieges. Und dieser Blick war es, mit dem sie die Fontane-Forschung in Ost und West aufmerksam und unaufgeregt verfolgte: gesamtdeutsch im positiven Sinn des Wortes. Die zeitweilig ohne Chancen auf einen ihr zustehenden Platz schien, wollte im geteilten Deutschland für Fontane und jene, die sich um ihn sorgten, die besten Chancen. Sie verkehrte in westdeutschen Fontane-Verlagen so selbstverständlich wie sie im Potsdamer Theodor-Fontane-Archiv ein und aus ging. Wer zu Fontanes Werk etwas Vernünftiges auf die Beine stellte oder stellen wollte, der wusste sie an seiner Seite: ob namhaft oder namenlos, ob alt oder jung, ob professionell oder als Laie.

Charlotte Jolles vollbrachte das kleine Wunder, von englischem Boden aus ein, vielleicht das maßgebliche Fontane-Forschungskapitel im Nachkrieg geschrieben zu haben: Sie schaltete sich mit nachgerade unerschütterbarer Entschlusskraft in die dominierende Männerriege ein, wirkte federführend an den großen Fontane-Briefeditionen mit, gab den England-Band in der Nymphenburger Fontane-Ausgabe heraus, verfasste einen in mehreren Auflagen erschienenen, mustergültigen Fontane-Band in der renommierten Metzler-Reihe und war, wohl zum größten eigenen Erstaunen , mit einem Schlag die „Nestorin“, die „Doyenne“ der Fontane-Forschung. Die Humboldt-Universität zu Berlin verlieh ihr 1987 die Ehrendoktorwürde. Ein Bild der Erinnerung: Zögernd trat Charlotte Jolles nach einem halben Jahrhundert Abwesenheit vor dem Festakt zum ersten Mal wieder ins Foyer des Hauptgebäudes der Linden-Universität, blieb stehen, kurz, konzentriert und wortlos – als spüre sie, wie für einen Augenblick ihr Dasein ins Schlaglicht des Jahrhunderts geriet, beispielhaft für das Zurückliegende, beispielhaft für das Kommende. Ein leichtes Kopfnicken, ein fester Schritt, „dann wollen wir mal“: ganz so, als sei hier eine Prüfung abzunehmen.

Der Theodor Fontane Gesellschaft hielt sie, umgehend zu deren Ehrenpräsidentin gekürt, im Dezember 1990, als das Kommende merkwürdige Gegenwart geworden war, eine Gründungsrede, in ihrer Nüchternheit und Ungeschminktheit ein Bravourstück. Spiegel eines gelebten Lebens, das selbst im Taumel geschichtlichen Hochgefühls beide Beine auf dem Boden lässt, wo sie hingehören. Ohne je den Wert ihrer Gaben gering zu schätzen, nahm Jolles die ihr verliehenen Ehrungen und  Etiketten hin und an, um mit ihnen zum Nutzen und Frommen ihrer ureigensten Angelegenheit – dem europäischen Kulturauftrag „Fontane“ – dienlich zu sein. Sie wusste für diese Werte zu fechten, aber ihre Waffe blieb immer das freimütige Wort – Hintertreppenpolitik war ihre Sache nicht. Das Telefon, mit dem sie umzugehen verstand zu jeder Tag- und, sie möge verzeihen, auch zu jeder Nachtzeit, es war ihr kein Medium für Intrigen, für Denunziation und für Beschädigungen menschlicher Integrität. Wenn sie gerüstet und kampfeslustig auftrat, dann war ihr Visier offen – der Gegner konnte ihr Gesicht sehen, ja er sollte es. Und wie oft wurde aus dem Gegner ein Gegenüber, aus dem Gegenüber ein Mitstreiter, eine Befreundung. Am 31. Dezember 2003 endete dieses Leben, in London, wo es seinen Platz gefunden hatte. Vornehm, der 30. Dezember war abzuwarten. Es hätte sich nicht gehört, an Fontanes Geburtstag zu sterben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Zu danken ist dem Verleger Wolfgang Stapp für seine Initiative zu dieser Gedenktafel, der Theodor Fontane Gesellschaft, die sie sich sofort zu eigen machte, allen Spenderinnen und Spendern, die ihre Verwirklichung ermöglichten, und der Stadt Berlin sowie den Eigentümern dieses Hauses für ihre vorbehaltlose Unterstützung eines solchen Gedenkens. So bleibt zum Schluss nur ein Frage noch: Beziehen wir aus diesem Gedenken an Charlotte Jolles Trost? Entlastet es das deutsche 20. Jahrhundert, dass wir keinen Stolperstein, sondern eine Gedenktafel enthüllen? Und auf dauerhaft sichtbare Weise an einen Menschen erinnern, der dem deutschen Vernichtungsterror entkam, widerstand und aufrecht dem Land fern, aber nicht minder aufrecht ihm nah blieb? Mahnung nicht durch Pathos, sondern durch Persönlichkeit? Fragen wie diese brauchen ihren Gedenkort. Ab heute gehört die Großbeerenstraße 82 dazu.

1 Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933?1941. Hg. von Walter Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer. In zwei Bänden. Berlin: Aufbau 1995. 1. Band, S. 336.

2 Ilse Aichinger, Helga Aichinger-Michie: Aus der Geschichte der Trennungen. Wolfgang Benz, Claudia Curio, Andrea Hammel (Hg.): Die Kindertransporte. Rettung und Integration. Frankfurt am Main: S. Fischer 2003. S. 203.

3 Uwe Johnson: Erinnerung. In: Werner Düttmann zum Gedenken. Präsident der Akademie der Künste 1971?1983. Akademie der Künste. Anmerkungen zur Zeit 21. Berlin: Akademie der Künste 1983. S. 31.

Fotos: A. Köstler, OTFW (CC BY-SA 3.0)

Gardes du Corps – Die 1001. Finesse in „Irrungen, Wirrungen“

Text: Helmuth Nürnberger

„[…] andrerseits sag ich mir: Gott, wer liest Novellen bei die Hitze, wer hat jetzt Lust und Fähigkeit auf die hundert und, ich kann dreist sagen, auf die tausend Finessen zu achten, die ich dieser von mir besonders geliebten Arbeit mit auf den Lebensweg gegeben habe.“ (An Emil Dominik, 14. Juli 1887)

Fontanes Wortkunst ist reich an treffsicheren Formulierungen, wie dafür geschaffen, sich dem Gedächtnis einzuprägen. Irrungen, Wirrungen und sein briefliches Umfeld bieten viel zitierte Beispiele. Der dem Protagonisten der „Berliner Alltagsgeschichte“ so plauderhaft wie selbstkritisch in den Mund gelegte Schlusssatz „Gideon ist besser als Botho“, im Kontext der Erzählung ein soziales Resümee, öffnet gleichsam den Vorhang vor einer Epoche. Man lese daneben das berührende Bekenntnis in einem Brief, „es bleibe auch hier [konkret geht es um die „Dialektfrage“] bei den Andeutungen der Dinge, bei der bekannten Kinderunterschrift: ‘Dies soll ein Baum sein.’“. (An Emil Schiff, 15. Februar 1888) Klänge es nicht so unfontanisch, wäre man versucht von „Künstlerdemut“ zu sprechen, ein seltenes Phänomen. Nicht minder bezeichnend für Fontanes Selbstverständnis der eingangs zitierte 1000-Finessen-Satz: Stärker als alle Novellen ist eben „die Hitze“, ungeachtet der Ironie ist gleichwohl Erleichterung und ein gewisses Glücksgefühl angesichts einer besonders gelungenen Arbeit zu spüren.

Der märkische Landedelmann und Kavallerieoffizier Botho von Rienäcker ist eine vom Autor mit Verständnis gezeichnete, auch mit Selbsteinsicht begabte Figur. Er soll sympathisch sein und ist es auch, ist nicht beleidigt, wenn er in seinem zögerlichen Sich-treiben-lassen von seiner Wilmersdorfer „Weißzeugdame“, der Stickerin Lene, keck herausgefordert wird: „Du liebst mich und bist schwach. Daran ist nichts zu ändern. Alle schönen Männer sind schwach […].“ (5. Kap.) Nun ja, an der Schönheit allein lag es nicht. Im Krieg, vor dem „Feind“, hielt Botho sich sicherlich nicht weniger tapfer als geringer Bevorzugte, sein Standesgefühl mochte ihm zusätzlich den Rücken stärken. Auflehnung gegen die Regeln der Gesellschaft überforderte ihn. Lene war das von Anfang an bewusst, vor einer Ruderpartie gefragt, welchen Kahn sie wähle, die „Forelle“ oder die „Hoffnung“ antwortet sie: „Natürlich die ‘Forelle’. Was sollen wir mit der ‘Hoffnung’?“ Sie verlangt nichts Unmögliches. Botho brauchte länger, sich der Wahrheit zu stellen, aber er hat seine Freundin, wie sie anerkennt, nie getäuscht. Auch der Leser wird nirgends irregeleitet, alles Erzählte ist zielbezogen, wie es den Umständen entspricht. Etwas unklar bleibt die Auskunft zu Bothos Regimentszugehörigkeit. In welchem hat er eigentlich gedient?

Du liebe Güte, dergleichen kann auch nur einem Germanisten einfallen! Aber das kommt eben von den „1000 Finessen“, von denen Fontane so unvorsichtig geschrieben hat, missverstanden als ein Freibrief für die vielen Spitzfindigkeiten, die man ihm andichtete. Da haben wir nun diese für seine Kunst exemplarisch anmutende „Novelle“ – so schreibt er selbst –, die noch immer zum Nachdenken einlädt. Weiterhin zählt sie zum Lesestoff der Gymnasien und weckt, wie uns engagierte Deutschlehrer versichern, Interesse und Mitgefühl. Militärische Details belasten da nur, die blinkenden Kürasse sind verrostet, die dazu passenden historischen Romane vergilbt. In einer Zeit, in der ältere Literatur sich schwer tut, überhaupt noch wahrgenommen zu werden, sind lehrhafte Vorgaben problematischer denn je. Nicht minder ein Übermaß an Interpretation.

Dem Verfasser der vorliegenden Miszelle ist es weder gestattet, den Fleiß und Scharfsinn seiner Kollegen noch die Dankbarkeit und den gelegentlichen Unmut der Leser in Frage zu stellen, dazu war er selbst viel zu sehr mit Aufgaben der Fontane-Edition befasst und – wie im gegebenen Zusammenhang – auch beteiligt an ihren Irrtümern. Wir haben einen Traditionsbruch erlebt, daher mutet den Älteren unter uns manches, was über die Vergangenheit geschrieben wird, so aberwitzig an. Anderes wird in seiner Bedeutung übersehen (oder gar falsch erklärt). Die Drohgebärde der „wilhelminischen“ Frage: „Haben Sie überhaupt gedient?“ wird mit Hilfe des Hauptmanns von Köpenick wohl noch verstanden, hingegen: „In welchem Regiment?“ mag in Ländern wie England oder Schottland passen, wo es noch Trooping the Colour und Regimentsmuseen gibt. Gewiss – aber ein Traditionsbruch ist auch ein Problem der Literatur, der Literaturgeschichte und -rezeption. „Seinerzeit“ verstanden sich nach Auskunft mitteleuropäischer Groß- und Urgroßmütter schon die „Backfische“ auf die angedeuteten vorgeblichen Nebensächlichkeiten, „unsere“ Effi nicht ausgenommen und Fontane nun schon gar nicht. Arglose Dichter in kleinen Städten bekamen das zu spüren, etwa Claus Groth; der nicht verstand, warum Fontane sich bei einem gemeinsamen Spaziergang im entstehenden Reichskrieghafen Kiel fortgesetzt nach den Nummern der Regimenter und den Namen der Panzerschiffe erkundigte. Preußen und seine Armee gehörten für Fontane zusammen, wie hätte er seine darauf bezüglichen Kenntnisse nicht auch für seine „Finessen“ nutzen sollen. Die genannte Zahl 1001 verweist nicht auf morgenländische Märchennächte – nur eine Landpartie (mit Übernachtung) war Lene und Botho vergönnt, und sie wurde ihnen zudem noch gründlich verdorben, weil drei gelangweilte Gardeoffiziere, offenbar Regimentskameraden, nichts Besseres zu tun hatten, als das Idyll zu stören.1001 bezeichnet einen Annäherungswert, 1000 Finessen sind schon bekannt und vielleicht noch einige mehr, aber da sich manche Erklärungen widersprechen, können nicht alle zutreffend sein … So steht es auch mit Auskünften über Bothos Regiment.

Ein zuerst 1984 veröffentlichter Brief Fontanes an Eduard Engel enthält Überlegungen zum Vorabdruck von Irrungen, Wirrungen, die neue Novelle behandelt „das Verhältniß eines schönen Gardekürassieroffiziers zu einer […] Weißzeugstickerin, von der er sich schließlich trennt, weil er muß“ (21. April 1884). Die preußische Armee zählte zur fraglichen Zeit 10 Kürassierregimenter, davon gehörten zwei zum Gardekorps: das von König Friedrich II. 1740 errichtete Regiment Gardes du Corps, und das 1815 aufgestellte „Gardekürassierregiment“; die übrigen trugen die Nummer 1 bis 8 und waren nach Fürstlichkeiten und Militärs benannt, davon nur eines nach einem Kaiser. Im Roman ist die Heiratsanzeige Bothos abgedruckt, dort bezeichnet er sich selbst als „Premierlieutenant im Kaiser-Kürassier-Regiment“. So wird er auch im Nobelrestaurant Hiller von seinem Onkel angesprochen, der ihn drängt, endlich um die so vermögende wie flachsblonde Käthe von Sellenthin zu werben: „Zähne wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze Schnur sieht […]. Botho, wozu stehst Du bei den Kaiserkürassieren?“ (7. Kap.) Um ein angesehenes, traditionsreiches Regiment handelte es sich sicherlich, aber um welches? Die Ranglisten verzeichneten kein „Kaiserkürassierregiment“.

Die Verfasser der Anmerkungen in den Fontane-Ausgaben orientierten sich, soweit sie nicht auf eine Erläuterung verzichteten, an dem nur einmal vorfindbaren Namensbestandteil „Kaiser“. Demzufolge handelte sich anscheinend um das brandenburgische Kürassierregiment Nr. 6 Kaiser Nikolaus I. von Russland. Zum Romancier Fontane passte das gut. Auch seinen Major von Stechlin hatte er bei den Nikolaus-Kürassieren eingereiht, und ihn stolz von dieser Zugehörigkeit und der niedrigen Regimentsnummer plaudern lassen. Selbst Dubslavs „berühmter Miteinsiedler“, Bismarck, trug „nur“ die Uniform der 7. Kürassiere, der „schwefelgelben“ Halberstädter, eine Farbe, die wiederum nur zu gut zu Bismarck passte, bemerkte doch ein bayerischer Reichstagsabgeordneter gelegentlich: „Durchlaucht, ich weiß, wo dies Schwefelgelb herkommt.“ (An Julius Rodenberg, 9. Juni 1989) Der Sohn des Swinemünder Apothekers Fontane wusste eine Menge von dem mächtigen Nikolaus, der mit dem Dampfschiff über die Ostsee kam, um seinen Schwiegervater, den preußischen König zu besuchen. Später, in Leipzig, nahm sich das zwar weniger prächtig aus. Da fragte man den jungen Apotheker spöttisch, ob der Zar denn wieder auf „Inspektionsreise“ sei, um nachzusehen, „ob sein ‘Unterknäs’ Friedrich Wilhelm der Vierte keine Dummheiten gemacht habe“. Dennoch: Als es „immer so hin und herging zwischen Berlin und Petersburg“, meinte der alte Stechlin, das seien „Preußens beste Tage“ gewesen. (Der Stechlin, 4. Kap; Von Zwanzig bis Dreißig, Abschnitt und Kapitel 2/2 und 4/6) Im Roman wird der Name von Dubslavs Regiment zur Metapher für ein Programm, nicht anders als der des Gardedragonerregiments „Königin von Großbritannien und Irland“, in dem sein Sohn Woldemar dient. In der Diplomatie, mehr noch in einem Roman, hat alles Bedeutung. Man ist genau und schickt nicht nur, wie vielleicht ein Finanzminister, einfach „die Kavallerie“.

AkademieblockNord-West-Seite des „Akademieblocks“ Charlotten-/Dorotheenstraße um 1910, vor dem Abriss des ganzen Gebäudekomplexes zwecks Baues der Staats- und der Universitätsbibliothek. Darin war die 3. Eskadron vom Gardekürassierregiment des Gardes du Corps kaserniert. Links hinten der Turm der Kgl. Sternwarte. Quelle: Janos Frecot/Helmut Geisert: BERLIN in frühen Photographien 1857-1913. Schirmer/Mosel, München 1984, S. 43.

Leider war die Zuordnung falsch. Das Kürassierregiment Nr. 6 kam gar nicht wirklich in Frage, es hat nie in der Hauptstadt garnisoniert, sondern in der märkischen Provinz, hauptsächlich in Brandenburg/Havel und Nauen. Es hätte sehr komplizierter Begründungen, eigentlich einer anderen Erzählung bedurft, um diese Garnisonsorte mit Bothos Biographie und seiner „Berliner Alltagsgeschichte“ in Verbindung zu bringen. Es war aber auch nicht nötig, da doch die beiden Gardekürassierregimenter in Berlin und Potsdam stationiert waren. Das eigens so benannte „Gardekürassierregiment“ war über seine elitäre Beschaffenheit hinaus freilich durch keine besondere Beziehung zum Kaiser gekennzeichnet; bei den Gardes du Corps hingegen war eine Veränderung eingetreten, die als Erklärung dienen konnte: Chef des Regiments, das seit seiner Gründung die berittene Leibgarde der preußischen Könige darstellte, war der jeweilige Monarch. Seit 1871 aber waren die preußischen Könige zugleich deutsche Kaiser. Es war mithin sachlich nicht falsch, nunmehr von „Kaiserkürassieren“ zu sprechen. Offiziell galt der ursprüngliche Name unverändert bis zur Auflösung des Regiments 1919; daneben aber gab es offenbar auch die etwas  unbestimmte deutsche Bezeichnung. Im nach dem siegreich bestandenen deutsch-französischen Krieg anschwellenden Nationalismus mochte dabei der Wunsch mitspielen, das fremde Idiom abzulegen.

Joachim Kleine hat über Berliner und Zeuthener Schauplätze von Irrungen, Wirrungen grundlegend geschrieben. In diesem Zusammenhang ist er auch der Frage, welchem Regiment Fontane seinen Botho von Rienäcker – ohne es ausdrücklich namhaft zu machen – zuordnete, zu überzeugenden Einsichten gelangt. Er ist Bothos Wege von seiner Kaserne zur Verabredung bei „Hiller“ und in sein Kasino unter Berücksichtigung der im Roman genannten Zeitmaße nachgegangen, wobei es die Kaserne – über deren Lage Fontane sich nicht äußert – erst noch zu identifizieren galt. Der Verfasser ist Joachim Kleine für sein freundliches Entgegenkommen zu besonderem Dank verpflichtet, das ihm erlaubt, die maßgebende Passage aus dem noch ungedruckten Vortrag nach dem Manuskript zu zitieren:

Im 7. Kapitel verrät uns eine Schilderung Fontanes, bei welchem Truppenteil wir Botho von Rienäcker zu vermuten haben: […] beim Kürassierregiment der Gardes du Corps. Dessen Stab und drei von fünf Eskadronen hatten in Potsdams Berliner Vorstadt ihren Standort, die 4. Eskadron lag gegenüber vom Schloss Charlottenburg in Bereitschaft, die 3. Eskadron aber – zwei Kompanien – hatten in Berlin ständige Begleit- und Schutzaufgaben für den „allerhöchsten“ Landesherrn zu erfüllen und waren deshalb unweit vom Berliner Schloss, im Marstall untergebracht. Der befand sich damals (der Monumentalbau zwischen Spree und Breiter Straße, wie wir ihn kennen, entstand erst später) noch nördlich der Linden, im Nordwestflügel des sogenannten Akademieblocks – 1876 ein Vierteljahr lang Fontanes Dienststelle als Sekretär der Kunstakademie. Spätestens von da an musste Fontane den Kavalleriekasernenflügel in der Charlotten-/ Ecke Dorotheenstraße gekannt haben.

In Irrungen Wirrungen verliert Fontane über all das kein Wort. Doch nur durch diese räumliche Nähe konnte Botho von Rienäcker nach seinem Dienst – den Fontane ebenso ausblendet – so rasch in seinen „Klub“, ins Offizierskasino gelangen; denn das befand sich nur einige Straßen weiter, jenseits der Linden an der Südseite des Pariser Platzes. Nur weil dem so war, konnte er – wie im Kapitel 7 beschrieben – an dem Tag, als die Weichen für seine eheliche Verbindung unwiderruflich gestellt wurden, von seiner Kaserne aus zu Fuß binnen einer Stunde die Linden erreichen, sie entlang bummeln, die Auslagen der Kunsthandlung Lepke betrachten, das Brandenburger Tor passieren, an der Wolffschen Löwengruppe im Tiergarten umkehren, vor dem Palais Redern den Garde-Dragoner-Leutnant v. Wedell zu treffen (der ihm auf dem Weg zum Kasino entgegen kam) und mit ihm zur befohlenen Zeit beim Onkel Kurt-Anton v. Osten im Nobelrestaurant Hiller Unter den Linden 62 (zwischen Schadow- und Neustädtischer Kirchstraße) einkehren.

Es gibt keine Darlegung von gleicher Plausibilität, die diesen Ermittlungen konkurrierend im Weg stünde. Kleine hat gleichwohl ein bedachtes „vielleicht“ hinzugesetzt, im Kontext gelesen drückt dieses „vielleicht“ jedoch keine Unsicherheit aus. Die vorschnelle Festlegung auf das Kaiser-Nikolaus-Regiment stammte aus der Frühzeit der „Fontane-Renaissance“, war verursacht durch schwierige  Arbeitsbedingungen, politische Grenzen, die fehlende Vertrautheit vor Ort. Leider wurde sie zu lange ungeprüft übernommen. (s. GBA, Das erzählerische Werk, Bd.10, S. 251).

Aber wir sind noch nicht zu Ende, denn gerade die neuen Einsichten verstärken das Interesse an einer weiterführenden Frage. Warum hat Fontane es vermieden, Rienäcker als einen Gardes du Corps zu benennen, sogar wenn es sich um ein gesellschaftliches Dokument wie die Heiratsanzeige handelte? Überzogen national, gar antifranzösisch fühlte er mit Sicherheit nicht. Und es ist ja auch nicht so, dass er die Bezeichnung „Gardes du Corps“ generell vermieden hätte. Betreffend Bothos Offizierskameraden, die wir zuerst im 8. Kapitel des Romans kennenlernen, wird von Serge ausdrücklich gesagt, dass er diesem Regiment angehört. Von Pitt heißt es, er sei von „den Pasewalkern abkommandiert“, dabei handelt es sich um das in Pasewalk stationierte pommersche Kürassierregiment Nr. 2, Königin, ehemals – durch den „Hohenfriedberger Marsch“ – lange bekannt gebliebene Dragonerregiment Ansbach-Bayreuth. Auch Balafré gehört offenbar zu den Gardes du Corps, von ihm wird später – im 18. Kap. – gesagt, dass er „bei Mars la Tour, damals noch als Halberstädter, die große Attacke mitgeritten“ habe. Alle drei stehen mit Botho, wie auch der Fortgang der Handlung bezeugt, auf vertrautem Fuß und kennen ihn mehr oder minder gut, ohne eigentlich seine Freunde zu sein. Von Wedell – kein Regimentskamerad, sondern, wie bereits erwähnt, Gardedragoner, – der später hinzukommt, gilt das schon eher, von ihm hören wir gegen Schluss des Gesprächs eine sympathische Charakterisierung Bothos, dieser sei „trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb […], schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte.“ (Hervorhebung vom Verf.)

Botho ist nicht wie die anderen, darüber sind sich eigentlich alle im Roman einig. Übrigens ist auch Lene im Urteil der Beteiligten nicht wie die andern, sie ist ungeachtet der beengenden Verhältnisse sehr selbständig und von unverkennbarer Eigenart. Versuchsweise ließe sich sagen, Fontanes präzise Beschreibungen der Nebenfiguren lassen diese wie Originale erscheinen, gleichwohl wirken sie wie für eine bestimmte Spezies typische Charaktere. Wenige Buchseiten genügen ihm, um eine Figur wie Bothos Onkel Baron von Osten überzeugend zu porträtieren. Fontanes Hauptfiguren aber sind alles andere als typische Vertreter ihrer Klasse. Botho, freundlich und „leutselig“ gegenüber jedermann, entspricht keineswegs dem nicht immer günstigen Bild des preußischen Gardeoffiziers, wie es von Zeitgenossen überliefert ist – eine Beobachtung, die in etwas anderer Weise auch für Woldemar von Stechlin gilt. Er hat den Schliff der Gardeoffiziere, erscheint nicht geradezu „leutselig“, aber er ist bar jedes aufdringlichen „Schneids“, formsicher und von tadelfreier Haltung.

Ludwig Pietsch, der in der Schlesischen Zeitung eine insgesamt sehr anerkennende Besprechung von Irrungen, Wirrungen erscheinen ließ, hat – es war sein einziger Einwand – die Darstellung Bothos in Frage gestellt. Der Dichter, so urteilte er, lasse ihn „zuweilen seinen Standesgewohnheiten etwas mehr entsagen, als wir es wenigsten bei einem heutigen preußischen Garde-Kavallerie-Offizier von altem Adel […] für möglich und wahrscheinlich halten möchten“ (zit. nach AFA, Romane und Erzählungen, Bd. 5, 1969, S. 549). Das trifft zu, wenn man Botho als einen typischen Vertreter seines Standes versteht. Typisch ist aber nur Bothos Konflikt, nicht sein Verhalten. Fontane versagt sich dem vorgegebenen Muster und den mit diesem verbundenen Klischees, er zeichnet einen sehr natürlich empfindenden Menschen, der den für ihn unlösbaren Konflikt darum umso schmerzlicher erlebt – eine Figur, wie sie gedacht werden kann, aber ohne alle exemplarischen Züge. Wie Fontane Bothos Regimentskameraden gesehen wissen wollte, lassen die Art, wie sie auf dessen Liebschaft reagieren und die Kasinoszenen nur zu deutlich erkennen. Botho erweist sich auch in solchem Zusammenhang keineswegs als kämpferische Natur. Sein teurer Lebensstil überfordert ihn (und macht ihn vermehrt zum Gefangenen), peinliche Kameraderie bleibt ihm nicht erspart, aber er lässt es geschehen, spielt mit. Was ihn umso mehr und fortdauernd anzieht, ist Lenes „Natürlichkeit“, ein unverstelltes Leben.

Verwunderung und Ärgernis, auch der spätere große Erfolg, den der Roman erregte, sind bekannt. Wären sie noch größer, vielleicht sogar für den Autor persönlich gefährlich gewesen, wenn Botho, der so gern – eigentlich wohl unerlaubt – Zivil trägt, betont als der herausgestellt worden wäre, der er tatsächlich war: Angehöriger nicht irgend eines Garderegiments – denn die gab es inzwischen auch schon leidlich im Plural – sondern des Paraderegiments der Monarchie schlechthin, zudem als eine Schöpfung des großen Friedrich, mittlerweise bereits eine Legende? Die Gardes du Corps und noch weitere Einheiten durchliefen nach Entstehung des Kaiserreiches überdies noch eine besondere Entwicklung, die in Fontanes letztem Roman beschrieben wird. Nach der Ankunft in Schloss Stechlin hält Hauptmann von Czako – ein „Maikäfer“, so nennt der Volksmund die Männer des Gardegrenadierregiments „Kaiser Alexander I. von Russland“ – dem ehrgeizigen Assessor von Rex ein Privatissimum über die veränderten Verhältnisse, speziell im Regiment des jungen Woldemar von Stechlin. Es geht darum, „daß die feinen Regimenter immer feiner werden“:

Kucken Sie sich mal die alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und dann bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps oder bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen:

Marwitz, Wakenitz, Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß sich einmal ein höher betitelter Schlesier mit hineinverirrt. Natürlich gab es auch Prinzen damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen mußten noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun aber, seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech’ ich nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren, sondern von der Garde, von den Regimentern unter den Augen seiner Majestät. Und nun gar erst diese Gardedragoner! Die waren immer piek, aber seit sie pour combler le bonheur, auch noch „Königin von Großbritannien und Irland“ sind, wird es immer mehr davon, und je pieker sie werden, desto mehr Prinzen kommen hinein. Von denen auch jetzt schon mehr da sind, als es so obenhin aussieht, denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht sagen. Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet, die blos à la suite stehn, aber doch immer noch dabei sind, wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch einen Zirkus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht so gewisse Luxusse mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse, und, wenn es sein muß, auch Freiheitsluxusse. […] Richtige Prinzen können sich das leisten, die verbebeln nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl, aber er ist doch bloß ein Mensch. (Der Stechlin, 2. Kap.)

Südseite des Pariser Platzes um 1885Südseite des Pariser Platzes um 1885. Ganz links Palais Redern (heute Hotel Adlon), daneben Palais Arnim, Mitte Palais Radziwill (vormals Wrangel), in dessen Hochparterre sich das vornehmste Berliner Offizierskasino befand.
Quelle: CAMERA BEROLINENSIS. Das Berliner Album des Fotografen F.Albert Schwartz 1836 – 1906. Nicolai. Berlin 2006. S. 69.

Der Stechlin spielt Mitte der Neunziger Jahre, Irrungen, Wirrungen Mitte der Siebziger. Damals hatte die von Czako beschriebene Entwicklung erst begonnen, aber Fontane vollendete den Roman erst im letzten Drittel der Achtziger, also im Rückblick auf die erzählte Zeit. Im Hinblick auf das Regiment der Gardes du Corps läge es nahe, dass er mit ins Auge fallenden Bezeichnungen eher vorsichtig war, um eventuellen Empfindlichkeiten vorzubeugen. Aber es widerstrebt unserem Verständnis (ein Kunstwerk duldet nichts Zufälliges) für die fortbestehende Undeutlichkeit nur pragmatische Gründe anzunehmen. Sie verweist möglicherweise auch auf Fontanes Intention und hängt so auch mit der langen Entstehungszeit des Romans zusammen.

Eigentlich brauchte er für das, was er zu erzählen beabsichtigte, die anspruchsvolle Sonderheit des „Leibregiments“ nicht, alles, was das Sensationelle streifte, mochte die Überzeugungskraft des Dargestellten eher mindern. Auch in einem weniger angesehenen Regiment hätte Botho sich mit Lene an der Seite nicht behaupten können, bereits seine und seiner Familie finanzielle Zwangslage hätten ihn scheitern lassen. So wie es lag, hatte er gar keine Wahl. Der Roman wird nicht der erhofften Fluchtchancen wegen erzählt, sondern um zu zeigen, dass es, zumindest in diesem Fall, keine gab. Wie das erlitten und dargestellt wird, daraus bezieht er seine ungewöhnliche Wirkung.

Gleichwohl fehlt es der Erzählung nicht an Motiven und Handlungselementen, die über eine „Berliner Alltagsgeschichte“ – diese Bezeichnung hat Fontane sich erst spät zu Eigen gemacht – hinausführen und auf die mehrere Jahre früher erschienene „Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes“ Schach von Wuthenow zurückverweisen. (Genetisch betrachtet ist der zeitliche Abstand wegen der langen Entstehungszeit von Irrungen, Wirrungen eher gering). Auch Botho ist, wie Schach, ein schöner Mann, dabei eher passiv und außengeleitet. Das Ansehen, das die beiden Regimenter genießen, ist vergleichbar, auch in vergleichbarer Weise trügerisch: „Eine Schlacht ist nie verloren, solange das Regiment Garde du Corps nicht angegriffen hat. Oder natürlich auch das Regiment Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder.“ (Schach von Wuthenow, 3. Kap.) Schach von Wuthenow spielt größtenteils vor der Niederlage von 1806. in der die Gensdarmes unrühmlich kapitulierten und danach nie wieder aufgestellt wurden. Die Gardes du Corps endeten erst 1919, aber am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Tage der Kavallerie längst gezählt. Der elitäre Anspruch der Verantwortlichen blieb davon unbeeindruckt. Fontanes Erzählungen zeigen die Inhaltslosigkeit und Spielsucht des Lebens im Kasino, die zu allerlei Eskapaden einlud. Hier wie dort handelt es sich um Dekadenzmotive. In Irrungen, Wirrungen blieben sie im Hintergrund. Während in Schach von Wuthenow der Name des Regiments im Titel, erscheint, findet er in Irrungen, Wirrungen sogar im Text kaum Verwendung. Der Erzähler gibt Hinweise, hält sich aber zugleich bedeckt. Wie nicht selten, wenn ihm etwas wichtig war, nahm er sich, um es auszudrücken, zurück. Vermutlich waren Fontane die später von Pietsch geäußerten Bedenken durchaus nicht fremd. Die „grässliche Hurengeschichte“ – als die Irrungen, Wirrungen gelegentlich auch bezeichnet wurde – bedurfte eher leiser als lauter Töne. Es war ihnen ernst, Botho und Lene mit ihrer Liebe, dem Autor mit seiner „Alltagsgeschichte“. Ein aus Entwürfen und aus der für eine Tombola bestimmten Abschrift mühsam rekonstruiertes Gelegenheitsgedicht Fontanes schließt: „Höchst moralisch – meo voto – / Ist die Geschichte von Lene und Botho.“ (HFA I/6, S. 546, 3. Aufl. 1995). Eine „Alltagsgeschichte“, also auch mit komischen Zügen besetzt, wie es sich gehört. Begleiten wir Botho auf seinem „Passionsweg“ (H. Frey) nach dem neuen Jacobifriedhof in Rixdorf, wo er den für Frau Nimptsch bestimmten Immortellenkranz niederlegen will, hören wir den Droschkenkutscher von seinen Sorgen erzählen. Sein Schimmel ist nicht in der besten Verfassung, und die Reserve im Stall auch nicht: „Ich habe noch einen Fuchs zu Hause, der bei den Fürstenwalder Ulanen gestanden hat; propres Pferd, man bloß keine Luft nich un wird es woll nich lange mehr machen.“ (21. Kap.)

Ein „propres Pferd“ gewiss und die Regimentszugehörigkeit sagt schon einiges aus, auch wenn die meisten sie gar nicht selbst gewählt haben und auch nichts Näheres darüber wissen. Sicherlich kannte der Fuchs außer den Trompetensignalen auch den Kaiser-Alexander-Ulanen-Marsch.