Kategorie: Briefe aus Berlin

„Brief aus Berlin“ (24): Spaziergang von der Potsdamer 134c zu den Friedhöfen am Halleschen Tor

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Sehr geehrte Leser, liebe Fontane-Freunde und Berlin-Liebhaber, gestatten Sie uns diesen kleinen Vorspann: Nachdem sich unser
langjähriger „Berlin-Korrespondent“ Ernst-Christian Gädtke aus dieser, seiner Briefschreiberfunktion leider aus Altersgründen mit dem Brief aus Berlin (23) im letzten Heft verabschiedet hat, können wir Ihnen zu unserer großen Freude heute mit unserem Mitglied Georg Bartsch aus Berlin auch einen Stadtkenner und damit würdigen Nachfolger Ernst-Christian Gädtkes vorstellen und nunmehr seine künftigen „Briefe aus Berlin“ Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit empfehlen.

Spaziergang von der Potsdamer 134c zu den Friedhöfen am Halleschen Tor

Text und Foto: Georg Bartsch

„Wir leben sehr still, Mama rückt überhaupt nicht von der Stelle,
ich gehe jeden Abend um 9 bis an die Christuskirche (Paulus Cassel)
umschlendere schließlich 2 mal den Leipziger Platz, schnopre etwas
Lindenluft, gucke mir die Jüdinnen an, die unterm Zelt in Hotel Bellevue soupieren
und bin um 10 wieder zuhause.“ So Fontane in einem Brief an Tochter
Martha vom 25. Juli 1891. Da schrieb er an seinem Roman Effi Briest. Heute erinnert eine Gedenktafel an den Ort, an dem Fontane seit 1872 wohnte,
die Potsdamer Straße 134c. Nichts sonst in der Umgebung erinnert an jene Zeit, nicht
die Häuser und auch keine Jüdinnen. Halt! Wir schauen hinüber zur Matthäuskirche,
vorbei an einer 160 Jahre alten Platane. Fontane hat beide, Kirche und Baum, auf
seinen Spaziergängen in den Tiergarten gesehen.

Laufen wir in die andere Richtung, vorbei an dem etwas versteckt
liegenden Fontaneplatz, passieren wir einen Grünstreifen. Hier endete die Potsdamer
Eisenbahnlinie, deren Verlauf wir erahnen können.

Wir gehen die Stresemannstraße hinunter, die früher Königgrätzer
Straße hieß, vorbei am Ruinen-Portikus des Anhalter Bahnhofs und denken an Effi
Briest, die hier irgendwo billig „trockenwohnte“, wie es mittellose Berliner
taten in Neubauten, bis diese trocken waren. Die feuchte Wohnung war ihrer
angeschlagenen Gesundheit nicht zuträglich. In Von Zwanzig bis Dreißig schreibt
Fontane, wie ihm Tante Pinchen in Leipzig anbietet „mein wie eine Typhusbrutstätte wirkendes
Zimmer in der Hainstraße zu verlassen und in ihre Wohnung in der Poststraße zu
übersiedeln, wo trockene, helle Räume waren.“

Später dann in Berlin in der Großen Hamburger Str. wohnte er bei
seinem „Onkel August, der … immer so wundervolle Berliner Geschichten
erzählte. Mitunter sogar unanständige.“ In dem Neubau hatten „lauter gescheiterte Leute“
eine billige Unterkunft gefunden. Das vom jungen Theodor bewohnte Zimmer war
so feucht, „dass das Wasser in langen Rinnen die Wände hinunterlief“. So
beschreibt Fontane seine Erfahrungen als „Trockenwohner“ und wir können uns
vorstellen, welch gesellschaftlicher Abstieg das Trockenwohnen für Effi Briest bedeutete.

„Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast
es auch leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen? Ich kann doch
nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der Christuskirche hin übersehen.
Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn die Fenster beleuchtet sind, sehe ich ja
immer hinüber; aber es hilft mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer ums
Herz.“

„Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren
Sie ja schon drüben.“

„O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er
predigt ganz gut und ist ein sehr kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das Hundertste
davon wüßte. Aber es ist doch alles bloß, wie wenn ich ein Buch lese; und wenn er
dann so laut spricht und herumficht und seine schwarzen Locken schüttelt, dann bin
ich aus meiner Andacht heraus.“

„Heraus?“

Effi lachte. „Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es
wird wohl so sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er spricht immer
soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut ist, es erbaut mich nicht.“

So heißt es im 32. Kapitel des Romans.

Die schwarzen Locken und das Alte Testament beschreiben uns einen Prediger, der vom Judentum zum Christentum konvertiert ist. Heute liest man leicht darüber hinweg.

Von der Christuskirche ist nichts mehr zu sehen. Wir aber geben die Spurensuche nicht auf, laufen über das Hallesche Tor hinaus zu den Friedhöfen, wandern vorbei an den Gräbern der Mendelssohn-Bartholdys bis hin zum Jerusalem I Kirchhof und entdecken dort einen beschädigten Grabstein mit der Inschrift: „Dem wahren Jünger Christi, den begeisterten und begeisternden Apostel unserer Zeit. Sein Leib ist tot, sein Werk und sein Name sind unvergänglich.“

Das ist das Grab von Paulus Cassel, dem konvertierten Juden. So hat ihn Fontane in Effi Briest gezeichnet,
so unterstreicht es der Grabstein. Unvergänglich gemacht hat ihn Theodor Fontane, dessen Roman wir nach der Entdeckung dieser Zeitzeugnisses gerne wieder
mal aufschlagen.

Abc

„Briefe aus Berlin“ (Nr. 22 und 23) von Ernst-Christian Gädtke

Die „Briefe aus Berlin“ von Ernst-Christian Gädtke erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Brief aus Berlin (22)

„Die Wohnung befand sich in der Burgstraße 18“
Suche nach einer verschwundenen Straße

Von Ernst-Christian Gädtke

1828 waren Onkel August und Tante Philippine in ein reizendes, kleines Haus gezogen: Burgstraße 18. Der Schüler Th. F. wohnte hier von 1833 bis 1835. „An Sommerabenden“, schreibt er, „lagen wir hier am Fenster und sahen die Spree hinauf und hinunter. Es war mitunter ganz feenhaft … In dem leisen Abendnebel stieg nach links hin das Bild des Großen Kurfürsten auf und dahinter das Schleusenwerk des Mühlendamms, gegenüber aber lag das Schloß mit seinem ‚Grünen Hut’ … während in der Spree sich zahllose Lichter spiegelten.“ 1

Ein fontanischer Ort also, die Burgstraße 18. Suchen werden wir ihn vergeblich. Das ‚reizende, kleine Haus’ ist seit 150 Jahren verschwunden, seine Nachfolgebauten inzwischen auch – es steht kein Haus mehr an der Stelle – und keine Burgstraße führt dran vorbei.

„Das ist Berlin.“, so Durs Grünbein. „Schau irgendwo aus dem Fenster, und du siehst Geschichte.“ 2 Was sähe er hier, gäbe es denn ein Fenster? Eine Leere, an deren Rand ein seltsam futuristisches Gebilde steht: die Humboldt-Box. Kein Schloss, kein ‚Grüner Hut’, kein Palast der Republik – nur die Spree plätschert immer noch vorbei. Dort wo das Haus mit der Nr. 18 einst stand, kann sich der Tourist nun an einem Pavillon eine Fahrkarte für eine Rundfahrt auf der Spree kaufen und an der Anlegestelle auch gleich aufs Boot steigen.

Der Große Kurfürst, das bronzene Reiterstandbild Schlüters, hat die Lange Brücke (Kurfürstenbrücke, Rathausbrücke) längst verlassen. Gegen Ende des Krieges wurde es vorsorglich auf einen Spreekahn verladen, zum Tegeler See gebracht, ging dort mit dem Kahn unter, wurde geborgen und ist seit 1952 im Ehrenhof des Schlosses Charlottenburg zu betrachten.

Das ‚Schleusenwerk am Mühlendamm’ wäre allerdings noch zu sehen – nur hat der junge Th.F. es damals gar nicht sehen können. Denn eine Mühlendammschleuse gab es erst am Ende des 19. Jh. Sie wurde zwischen 1888 und 1893 errichtet. Was der Schüler Th.F. gesehen haben könnte, waren die Wassermühlen, die dort standen – auf dem Mühlendamm eben. 1838 brannten die in einem Großfeuer zwar ab, wurden dann aber zwischen 1846 und 1850 neu errichtet. Nach Plänen von Ludwig Persius entstand ein mächtiges Gebäude (Stahlskelett und Ziegelmauerwerk, der größeren Feuersicherheit wegen). Ein ansehnliches Gebäude, Ludwig Rellstab nannte es ‚Normannenburg’. 1937 wurde es abgerissen.

Wir sind am Mühlendamm und suchen die Burgstraße, denn hier hatte sie ihr südliches Ende, mit der Hausnummer 1 eigentlich ihren Anfang. Wir finden ein Straßenstück, das ‚Spreeufer’ heißt, bis zur Langen Brücke/Rathausbrücke reicht und zum Nikolaiviertel gehört. An der Ecke -früher Burgstraße/Königstraße, heute Spreeufer/Rathausstraße – stand Nr. 11, ein prächtiges dreistöckiges Gebäude, sieben Fensterachsen zur Spree, vier zur Königstraße: die ‚alte Post’. Als ‚Wartenbergsches Palais’ war es 1701-1704 von Andreas Schlüter errichtet worden. 1889 wurde es abgerissen.

Das Gebäude Nr. 12 finden wir nur in der Literatur. Da gibt es nämlich noch so einen Fenstergucker: den alten Bernd v. Vitzewitz. Am 1. Januar 1813 lässt ihn Fontane hier absteigen, „… in der Burgstraße … in dem dazumal angesehenen Gasthofe ‚zum König von Portugal’ 3. Ans Fenster tretend und über den Fluss hin auf die Giebel des Schlosses blickend, sagt er: „Das kann nicht über Nacht verschwinden …“ 4

Den Gasthof gab es seit 1699. Wir wissen von einem berühmten Gast, der 1744 hier logierte: Barberina Campanini, gefeierte Tänzerin an der Königlichen Oper. Friedrich II. hatte sie für 12.000 Taler aus Venedig abgeworben. Sie bezog dann ein Palais in der Wilhelmstraße, das ihr der König zur Verfügung stellte. Später sollte das Auswärtige Amt in diesem Palais seinen Sitz haben.

Einen nicht weniger charmanten Gast stellt uns Lessing vor: Minna von Barnhelm. Bei ihm allerdings heißt der Gasthof ‚König von Spanien’. Damals muss das hier eine recht belebte Ecke gewesen sein, denn Minna klagt: „Wer kann in den verzweifelt großen Städten schlafen? Die Karossen, die Nachtwächter, die Trommler, die Katzen, die Korporals – das hört nicht auf zu rasseln, zu schrein, zu wirbeln, zu miauen, zu fluchen …“

Wilhelm Hauff logiert 1826 im ‚König …’. Er siedelt die Personen seiner Novelle Fiametti im Hause an: Die Sängerin F. und den Kapellmeister Bologno.

Im gleichen Jahr steigt Grillparzer im ‚König …’ ab. Fritz Reuter lässt 1832 seine mecklenburgischen Bauern in De Reis’ nach Bellingen gar nicht erst ins Haus gelangen. Der Hotelportier „in den Borgstrat“ jagt sie mit Beschimpfungen davon. Sie halten ihn aber für den ‚König von Portulak’: „De Kron de hadd hei hütt nich uo, vermautlich, wil s’em was tau swer …“ In Nr. 17, in direkter Nachbarschaft zu ‚Onkel August’, hatte Andreas Schlüter ein Gartenhaus gehabt. Nr. 21/22 war das Joachimsthalsche Gymnasium. Nr. 25 war das Palais, das der Bankier Daniel Itzig 1762 erworben hatte. Auf diesem und dem Nachbargrundstück Nr. 26 errichtete die ‚Korporation der Kaufmannschaft’ 1856 die Berliner Börse. Architekt war Friedrich Hitzig, ein Urenkel des Daniel Itzig. Friedrich Hitzig war seit 1875 Präsident der Akademie der Künste, und der hatte 1876, wenn auch nur für kurze Zeit, einen Sekretär: Theodor Fontane.

Und nicht zu vergessen: in Nr. 29, fast schon am nördlichen Ende der Burgstraße, wurde am 20. Juli 1849 Max Liebermann geboren.

Nichts, gar nichts erinnert mehr an die Geschichte der Burgstraße. Und von ihr ist nur noch ein Stummelstück geblieben, das den Namen trägt: keine 500 Meter lang, vom S-Bahn-Viadukt bis zur Ecke Neue Friedrichstraße/Louisa-Karsch-Straße.

Die historische Burgstraße war um 1680 durch Festigung und Aufschüttung des Spreeufers angelegt und mit repräsentativen Wohnhäusern bebaut worden. Sie begann mit der Nr. 1 am Mühlendamm und traf mit der Nr. 30 in der Nähe des heutigen S-Bahnhofs Hackescher Markt auf die mittelalterliche Stadtmauer bzw. auf eine Bastion der barocken Festungsanlage mit einem Pulverturm. Der flog 1720 mit lautem Getöse in die Luft. Feuerwerk also an beiden Enden der Burgstraße: 1720 der Pulverturm, 1838 die Mühlen am Mühlendamm.

Nicht nur deshalb: keine gewöhnliche Straße!

1 Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig, NFA, München 1967, S. 106
2 Grünbein, Durs: Winter in Berlin, Die Zeit Nr. 10, 3.3.2011
3 Fontane, Theodor: Vor dem Sturm, HFA, München 1971, 3. Bd., 1. Kap., S. 301f.
4 Fontane, Theodor: ebd., S. 302

 

Brief
aus Berlin (23)

„Erbarme dich des langen Jammers!“
K.W. Ramler um 1760
Durch die Spandauer Straße

Von Ernst-Christian Gädtke

„Ostern 1836 war ich in die Rosesche Apotheken – Spandauer Straße, nahe der Garnisonkirche – eingetreten.“ 1 Das Haus mit der Roseschen Apotheke, damals Hausnummer 77, hatte ein Turmzimmer, und von dem aus konnte der ‚junge Herr’, wenn er nicht gerade mit der Herstellung von Queckenextrakt beschäftigt war oder Eintrittskarten für ein Garnisonkirchenkonzert verkaufte, „durch eine aufzuklappende Lukentür höher hinaufsteigen und hatte von einer umgitterten Plattform aus einen wundervollen Überblick über Alt-Berlin.“ 2

Heute könnte man sich per Fahrstuhl 210 Meter hoch in die Aussichtskuppel des Fernsehturms hinauffahren lassen und sähe: „Die Stadt da unten wird immer moderner und schicker,“ so Christiane Aue, die Geschäftsführerin des Wahrzeichens. 3

Die Spandauer Straße ist einer der ältesten Straßenzüge Berlins, sie führte vom Molkenmarkt vorbei am alten Berliner Rathaus mit der Gerichtslaube zum Spandauer Tor. Einen Molkenmarkt gibt es noch, nur ist der schon seit langem kein Marktplatz mehr, sondern ein Parkplatz, an dem vorbei der Verkehr der Bundesstraße 1 – hier benannt Mühlendamm und Gruner Straße – rauscht, fließt, tobt.

Auf der westlichen Straßenseite ist ein freundlich anmutendes Antiquariat und in den Gebäuden des Nicolai-Viertels ein ‚Kosmetik-Institut’ und der ‚Nicolai-Coiffeur’. Hier soll, wo genau?, am 19. Mai 1771 Rahel Levin geboren worden sein. Heute findet sich dort ein ‚Single-Treff’, dann aber immerhin eine ‚Manufaktur-Galerie’, in der u. a. schöne Porzellane von KPM und Meißen feilgeboten werden.

Die gegenüberliegende Straßenseite ist öde: ein Parkplatz und die Westfassade des ‚Roten Rathauses’ (von Waesemann, 1859-1869). Das ‚Rathaus-Café’ an der Ecke Rathausstraße ist geschlossen. Hier wird intensiv gebuddelt: Bau der U-Bahnlinie 5 vom Hauptbahnhof zum Alexanderplatz. Trostlos das, was vor langer Zeit als ‚Marx-Engels-Forum’ gedacht war, was aber nie über das Stadium einer mäßig gepflegten
Grünanlage gediehen war.

Bauplatz und Buddelei überall. Wer weiß, was daraus werden wird? „Mißtraut den Grünanlagen.“ 4 Heinz Knobloch hatte es vor einem Vierteljahrhundert geschrieben. Zu leicht gerate in Vergessenheit, was sich unter dem wohlgemeinten Grün verberge. Hier verbirgt sich zu beiden Seiten das, was der junge Fontane hatte sehen können, was ihm ein ‚wundervoller Überblick über Alt-Berlin’ gewesen war.

Nichts davon ist mehr zu sehen: Grünanlagen hin zum Fernsehturm, davor der ‚Neptun-Brunnen’ – aber der gehört eigentlich woanders hin. Übriggeblieben, wie verschmäht in einer Ecke: die Marienkirche von 1270.

Die Karl-Liebknecht-Straße, die wir überqueren, ist eine Verlängerung der Straße Unter den Linden, sie führt dicht an der Marienkirche vorbei. Einst hieß sie Kaiser-Wilhelm-Straße, und der Durchbruch dieser Straße durch das Häuser- und Gassengewirr Alt-Berlins markiert das Ende des mittelalterlichen Stadtkerns – das geschah 1888. Julius Rodenberg hat den Prozess der Umwandlung damals beobachtet und in seinen Bilder(n) aus dem Berliner Leben 5 beschrieben. „Wir befinden uns“, so schrieb er damals, „in einem Übergangsstadium. Straßen, Häuser, Menschen, und von dem Alten wird bald wenig genug mehr zu sehen sein.“ 6 Hundert Jahre später können wir bei Heinz Knobloch lesen: „Manchmal stoße ich morgens, wenn ich frühstückend Zeitung lese, auf Meldungen, die vollzogene Straßenumbenennungen mitteilen. … Ich will nur sagen, es ist nicht sicher, ob die Spandauer Straße immer so heißen wird wie sie zu Zeiten von Moses Mendelssohn, der dort unter der Hausnummer 68 zu erreichen war. In der Spandauer Straße ist ein einziges Haus übrig, an dem Mendelssohn vorbeigegangen ist. Nicht immer ist der Krieg schuld.“ 7 Nun: die Spandauer Straße heißt immer noch so. Aber was für eine Straße ist sie?

An der Kreuzung mit der Karl-Liebknecht-Straße blicken wir nach rechts zur Marienkirche hin. „Hier, hinter einer Grünanlage mit einigen Bäumen, hier muß das Haus gestanden haben, in dem nacheinander Ramler, Lessing, Mylius, Nicolai und schließlich Mendelssohn gelebt haben.“ Hausnummer 68. 1762 war Mendelssohn nach seiner Heirat hier eingezogen, hier hatte er mit seiner Familie als Mieter gewohnt. Frommet, seine Witwe, hatte das Haus nach seinem Tode 1786 gekauft, für 5.000 Taler. 8 Rodenberg hat das kleine Haus im November 1885 noch gesehen, ehe es, Opfer des Straßendurchbruchs der Kaiser-Wilhelm-Straße, abgerissen wurde.

Nichts erinnert heute an die, die einstmals hier lebten und wirkten. Stattdessen: Banales auf beiden Straßenseiten. Drüben ein vielgeschossiges Wohnhaus – ich zählte ein Dutzend Geschosse: ein Wohnblock, ein Trumm. Unten eine Ladenzeile: Nordsee-Filiale, Cocktail-Schuppen ‚Palm-Beach’, ‚Little-John-Bikes’ – aber die sind gerade ausgezogen.

Und auf unserer Straßenseite? Da nimmt das ‚City-Quartier’ den ganzen Block ein. Am Eingang zum ‚Dom-Aquaree’ können wir für 29,95 EUR eine Jahreskarte zum Besuch des ‚Sealife-Aquariums’ erstehen und uns an der Betrachtung von ‚über 1.500 Fischen’ erfreuen. Ein paar Schritte weiter sind es auf einem anderen Plakat 2.000 Fische – aber wer kommt mit dem Zählen mit, wenn die Fische alle munter durcheinander schwimmen? Da lassen wir uns lieber an einem Imbiss nieder, der den feinen Namen ‚Happy Noodles’ führt.

Gegenüber vom Nudel-Imbiss muss die Einmündung der Heidereutergasse gewesen sein – dort stand die Rosesche Apotheke. Auf unserer Seite an der Einmündung der St.-Wolfgang-Straße ein kleiner, baumbestandener Platz: dann stehen wir vor dem Haus, das als einziges übriggeblieben ist: die Heiliggeistkapelle. Sie alle sind hier vorbeigegangen: Ramler, Lessing, Nicolai, Mendelssohn. Und der junge Fontane hat sie sehen können, wenn er aus der Tür der Apotheke trat. Das Heiliggeistspital, zu dem die Kapelle gehörte, ist 1272 erstmals erwähnt worden, der gegliederte gotische Ostgiebel der Kapelle ist seit 1313 bekannt. Das Spital wurde zu großen Teilen zerstört, als 1720 der Pulverturm der Stadtbefestigung in die Luft flog – wir erwähnten das Spektakel im Brief 22. Die Kapelle blieb damals erhalten: bis 1905 wurde sie für Gottesdienste genutzt. Danach wurde sie in den Neubau der Handelshochschule einbezogen, heute Teil der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität. Sie dient als Hörsaal, Festsaal oder Mensa. „Wir wollen dankbar und froh sein, daß dieser Bau nicht in eine Erlebnisgaststätte verwandelt worden ist. Das kommt vielleicht noch, wer kann es wissen …“, so Heinz Knobloch 1987. 9

An der Kreuzung zur Anna-Louisa-Karsch-Straße (früher Neue-Friedrich-Straße) stehen wir dem Eckhaus (Nr. 9) gegenüber, wohl dem ehemaligen Predigerhaus der
Garnisonkirche. Fontane hat es mit Sicherheit gesehen, womöglich gekannt. Über dem Eingang lesen wir auf einer Gedenktafel: „Dr. Emil Frommel, 1828-1896, Volksschriftsteller“. Einen Emil Frommel hatte Fontane ja gekannt, aber einen Volksschriftsteller dieses Namens? Der fontaesche Frommel war doch Prediger an der Garnisonkirche, Hofprediger sogar. Dieser Frommel wird nicht nur in einigen Briefen Fontanes erwähnt, er erscheint auch im Kapitel 33 des Stechlin. Armgard besteht darauf, dass ihre Trauung von „ihrem treuen Frommel“ vorgenommen wird und in der Garnisonkirche, obwohl diese „bloß ein großer Schuppen ist“.10 Bei der Hochzeitstafel sind Frommel und Dubslav Tischnachbarn, und es kommt zu einer „intimen Privatunterhaltung“ über moderne Hotels, ihre seltsamen Namen und über den alten Kaiser Wilhelm, „den letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch war. Jetzt hat man statt der wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen; eigentlich gibt es aber bloß noch Untermenschen. Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch welche gesehen. Ein Glück, daß es nach meiner Wahrnehmung immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man verzweifeln“, so der alte Dubslav. 11

Von der Garnisonkirche, auf die die Spandauer Straße zulief, an der Fromel predigte, in der Armgard und Woldemar getraut wurden, ist nichts geblieben als der Name des Platzes – und auf dem findet bei gutem Wetter Gastronomie statt. Gastronomie in allen möglichen Formen bis hin zu den ‚Happy Noodles’, das ist es wohl, was Menschen von heute anzieht. Ramler nannte die Spandauer Straße einst „Straße der Freunde“, denn wer hier spazierte, traf auf Schritt und Tritt Freunde und Bekannte. Wen träfe er heute? Und, ist das überhaupt noch eine städtische Straße, in der urbanes Leben stattfindet? Heute ist die Spandauer Straße eine Straße ohne Gesicht. Für die Technokraten in den Straßenbauämtern ist es nichts als eine ‚Verkehrsspange’. Sie wissen, es gibt Ordensspangen, auch Zahnspangen … „Erbarme dich des langen Jammers.“ Nur hatte Ramler damals keine Straße gemeint.

Mit diesem Brief aus Berlin verabschiedet sich der Korrespondent als Briefschreiber, nicht ohne auf eine Korrektur hinzuweisen:

Im ‚Brief Nr. 20’ (Mitteilungen Nr. 39) berichteten wir über die Restaurierung des Friedhofs der Französischen Gemeinde und erwähnten: „… zu beiden Seiten der Mittelallee sind junge Maulbeerbäume gepflanzt worden“!

Es sind Linden.

1 Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig, NFA, München 1967, S. 9
2 Fontane, Theodor: a.a.O., S. 16
3 Aue, Christina: In: Der Tagesspiegel v. 28.3.2012
4 Knobloch, Heinz: Herr Moses in Berlin, Berlin 1987, S. 7
5 Rodenberg, Julius: Bilder aus dem Berliner Leben, Berlin 1987 ( Nachdruck), S. 187 ff.
6 Rodenberg: a.a.O., S. 161
7 Knobloch, Heinz: Herr Moses, a.a.O., S. 17
8 Ders.: Herr Moses, a.a.O., S. 147
9 Ders.: Herr Moses, a.a.O., S. 176
10 Fontane, Theodor: Der Stechlin, Kap. 33 HFA, München 1980, S. 290
11 Ders.: Der Stechlin a.a.O., S. 293

 

„Briefe aus Berlin“ von Ernst-Christian Gädtke (Nr. 1-21)

Die 21 „Briefe aus Berlin“ von Ernst-Christian Gädtke sind während der letzten Jahre in den „Mitteilungen der Fontane Gesellschaft“ erschienen und werden nun auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht. Es ist geplant, künftig regelmäßig ausgewählte Inhalte der „Mitteilungen“ im Internet zu veröffentlichen.

 

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Brief aus Berlin (1)

Szenische Lesungen des Fontane-Ensembles

Das Fontane-Ensemble Berlin setzt die erfolgreiche Reihe der szenischen Lesungen nach Romanen Theodor Fontanes fort. Seit dem März 2001 steht Schach von Wuthenow auf dem Programm. Die Textfassung stammt – wie alle anderen zuvor – vom Gründer des Ensembles, Johannes Kowalewsky, der auch die Einstudierung zu verantworten hat. Die Zusammenstellung des Ensembles hat sich während seines neunjährigen Bestehens deut­lich verändert, nicht aber das Arbeitsprinzip oder der Aufführungsstil als „Darstellungs­form zwischen Lesung und Schauspiel mit Dialogpartnern und einem Erzähler“.

Das Grundproblem aller Adaptationen liegt in dem Zwang, den Text auf eine Auf­führungsdauer von etwa 100 Minuten zu kondensieren. Das erfordert unausweichliche Streichungen, und wie immer man dabei vorgeht, ein großer Teil des Textes wird diesen Streichungen zum Opfer fallen. Was aber wäre bei einem Fontane-Text verzichtbar? In jedem denkbaren Fall werden sich wohlbegründete Einwände gegen die vorgelegte Fas­sung vorbringen lassen. Das gilt natürlich auch für den Schach von Wuthenow.

Johannes Kowalewsky hat es sich zum Prinzip gemacht, mit aller Behutsamkeit bei den Streichungen, „den Roman mit Haupthandlung und Hauptpersonen in geschlossener Form“ wiederzugeben. Er stellt die Doppelbeziehung Schachs zu Mutter und Tochter Carayon, das „unterspielt erotische Dreiecksverhältnis“ (Grawe) in den Mittelpunkt und lässt auch das konkurrierende Verhalten der beiden Frauen erkennbar werden. Zu bedau­ern bleibt, dass die Nebenfiguren, die ja bei Fontäne „das Wichtigste“ sind, kaum Gele­genheit bekommen, aus der Fülle von Beziehungen und Anspielungen ein Zeitbild ent­stehen zu lassen. Das liegt nicht an der – vorzüglichen – Besetzung der Figuren, vor allem Sander (Reiner Adler) und von Bülow (Walter Spencker), sondern an der Textfassung, und deshalb ist es wohl unvermeidlich.

Gabriele Baring ist eine hoheitsvolle, überlegene Josephine von Carayon, Michael Kästner hat ein steifer, kaum Gefühlsregungen zeigender Schach zu sein. Sonja Walter hat die heikle Rolle der Victoire übernommen; die Klippe der „Nichtschönheit“ der jungen Frau wurde auf taktvolle Weise gelöst. Till Schubert ist als von Alvensleben die Arro­ganz in Person. Inken Schwarzmann als Marguerite stellt eine Charaktertype aus der „Kolonie“ dar; man hätte zu gerne mehr von ihr gehört. Zusammengehalten wird die Handlung durch den Erzähler, und der ist, wie schon in der Stine-Aufführung, Gotthard Erler, kenntnisreich und charmant. Übrigens: gesprochen wird vorzüglich – schließlich ist der ganze Abend auf die Sprache gestellt. Der Besuch der Aufführung ist wie immer sehr zu empfehlen.

Am 2. Juni 2002 soll eine Adaption von Vor dem Sturm folgen. Angesichts des Umfangs des Romans darf man doppelt gespannt sein.

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Brief aus Berlin (2)

Erfreuliches – Ein Brief aus Brandenburg

Von zwei fontanischen Orten gibt es erfreulich Neues zu vermelden:

In Letschin ist die Heimatstube „Haus Birkenweg“ wiederhergestellt. Das Haus war im November 1999 durch einen Brand weitgehend zerstört worden. In den Mitteilungen Nr. 18 hatten wir hierüber berichtet und zu Spenden aufgerufen.

Am 26. Mai 2001 konnten sich Mitglieder der Sektion Berlin-Brandenburg in dem erneuerten Gebäude umsehen. Das Erdgeschoß erscheint unverändert, das „Fontane-Zimmer“ erfreut wie einst in der Form, die es vor Jahren in Zusammenarbeit mit dem Museums-pädagogischen Dienst Berlin gefunden hatte, den Betrachter. Liebevoll und sachkundig wurden die durch Löschwasser beschädigten schönen Möbel restauriert. Aus den eingegangenen Buchspenden konnte die kleine Bibliothek ergänzt und erweitert werden. Das Ober- bzw. Dachgeschoß erscheint jetzt heller und weiter, weil beim Neu- und Ausbau gläserne Trennwände eingezogen wurden, die nun auch als Vitrinen für Ausstellungen dienen.

Die Mitarbeiterinnen vom „Haus Birkenweg“ sind sehr glücklich über den Wiederaufbau des Hauses und seine behutsame Modernisierung. Sie sind dankbar für die großen und kleinen Spenden – auch aus dem Kreis der Mitglieder unserer Fontane-Gesellschaft.

Bei den Wiederherstellungsarbeiten bestätigte sich übrigens unsere Vermutung, daß es sich bei dem Gebäude um das 1838 errichtete Lehrer-Wohnhaus der Gemeinde Letschin handelt: vier Lehrerwohnungen mit gemeinschaftlicher „schwarzer“ Küche.

Am 26. Mai sind wir von den Hausherrinnen sehr freundlich empfangen, sachkundig unterrichtet und liebevoll mit Kaffee und Kuchen bewirtet worden.

Das „Fontanehaus Schiffmühle“, letztes Wohnhaus vom Vater Louis Henri Fontane, steht – von Grund auf erneuert – seit zwei Jahren fix und fertig, außen wie innen schmuck anzusehen, seinen Besuchern offen. Der Förderverein, der unter dem Vorsitz von Walter Henkel die Restaurierung des Hauses in die Wege geleitet und bis zum Abschluß betrieben hat, ist nun aufgelöst worden. Nunmehr wird das kleine, aber sehenswerte Museum von der Gemeinde verwaltet und betreut. Wir empfehlen den Mitgliedern der Fontane-Gesellschaft – auch denen, die schon dort weilten – sehr herzlich: besuchen Sie beide Stätten, wann immer sich hierfür Gelegenheit bietet. Es lohnt, und ein freundlicher Empfang ist auch Ihnen gewiß.

Hier die Anschriften:

Letschiner Heimatstube „Haus  Birkenweg“ – 15324 Letschin – Telefon 033475 / 50797;

Fontanehaus Schiffmühle – Am Fährkrug 4 – 16259 Schiffmühle – Tel. 03344 / 5785

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Brief aus Berlin (3)

Die „Dorotheenstädtische Apotheke“ – früher „Polnische Apotheke“ – hat ihren Standort in der Friedrichstraße aufgeben müssen. Fontane war bekanntlich am 8. Dezember 1845 bis spät in den Abend hinein hier tätig gewesen, hatte ein junges Fräulein deshalb bei Onkel Augusts Geburtstagsfeier nicht treffen können und war von ihr gebeten worden, sie an diesem dunklen Dezemberabend nach Hause zu geleiten. Das hatte dann beim Überqueren der Weidendammer Brücke zur Verlobung beider geführt. Als wir vor einigen Wochen während einer Stadtführung auf diesen Fontaneschen Ort hinweisen wollten, war die Apotheke nicht mehr zu finden.

Nun, sie ist nicht verschwunden, sie ist lediglich verlegt worden und befindet sich jetzt in der Dorotheenstraße, nur wenige Schritte von der Friedrichstraße entfernt, kurz vor der Auffahrt zum Hotel Maritim. Erfreulich auch, dass die hübsche Tafel wieder im Schaufenster angebracht worden ist, die auf die Tätigkeit des jungen Apothekers Fontane hinweist. Übrigens: die jungen Damen und Herren in der Apotheke freuen sich, wenn sie auf die Tafel im Schaufenster hin angesprochen werden.

Vom 3. bis 5. Mai bereisten Fontane-Freunde aus Berlin und Umgebung das Havelland.

Was gibt es da nicht alles zu sehen und zu hören!

In Roskow hing einstmals über der Tür zum Gartensaal das Richtschwert, mit dem Katte vom Leben zum Tode gebracht worden war. In Tremmen steht eine Backsteinkirche aus dem 14. Jahrhundert mit einer wuchtigen Außenkanzel, von der niemand genau weiß, wozu sie einst gedient haben mochte. In Bagow gibt es ein herrliches Renaissance-Herrenhaus, dessen heutiger Besitzer aus dem Geschlecht derer von Ribbeck noch immer nicht weiß, was er damit anfangen soll. Und in Etzin dämmert ein Kirchlein vor sich hin, dem seit 1945 der Turm abhanden gekommen ist. Von dem Gotteshaus konnte Fontane noch 1861 sagen, es sei wie das Dorf selbst „schlicht und einfach, wohlhabend und sauber, eine wahre Bauerndorfkirche“. Kahlheit zeichnet sie auch heute aus, die Wohlhabenheit des Dorfes ist dahin, und die Feuchtigkeit steht in den Wänden. Bemerkenswert eigentlich nur die Hinweise auf zwei ihrer Prediger: Joachim Friedrich Segebart, jener legendäre Feldprediger Friedrichs II., der dem König die Schlacht von Chotusitz am 17. Mai 1742 gewonnen haben soll, und Johann Peter Süßmilch, der als einer der Begründer der modernen Statistik gilt. Ja, und dann die Namen alter und langvergessener Geschlechter: Bardeleben und Blumenthal und Brösigke, Schlieben und Gersdorf, Itzenplitz und Wartenberg, Wöllner und Bischofswerder – wer kann sie alle korrekt einordnen? Wer gehört wohin und wann?

Nur von denen, die zu allen Zeiten die Arbeit taten, von den „Bauern und Kätnern“, ist nicht die Rede, von ihnen künden keine Grabtafeln und keine Epitaphe, wie das pompöse des H. von Brösigke, das die ansonsten bemerkenswerte mittelalterliche Kirche von Ketzür geradezu zu sprengen scheint.

Wir fuhren auf bequeme Weise neun Stunden lang mit dem Bus durch Havelland und mußten nicht, wie Fontane im Frühjahr 1861, den Weg von Nauen nach Paretz zu Fuß zurücklegen – hier war der „Wanderer“ wirklich einmal Wanderer gewesen! Allerdings entging uns so das Rufen der Unken aus dem Sumpfwasser der Gräben, und auch die Feldmäuse sahen wir nicht, von denen Fontane bemerkt, sie hätten „vorsichtig und neugierig wie auf der Rekognoszierung“ ihre Köpfe aus den zahllosen Löchern hervorgestreckt, als der Wanderer eine Rast einlegte.

Sollen wir’s bei den „alten Geschichten“ und den „alten Geschlechtern“ belassen?

Aber dann stehen wir in Groß Behnitz vor zwei backsteinernen Torpfeilern mit wuchtigen Sandsteintrophäen, die hier an der Dorfstraße seltsam fremd wirken. Kein Wunder, sind es doch die Gontardschen Torpfeiler vom Oranienburger Tor in Berlin, das 1867 abgebrochen worden war. Alfred Borsig hatte sie hierher verpflanzen lassen, nachdem er 1866 das Gut erworben hatte – für 450 000 Taler, bar auf die Hand. Am rechten Pfeiler erinnert eine Tafel daran, daß sich hier auf dem Gut des Ernst v. Borsig zwischen 1941 und 1943 mehrfach Mitglieder des „Kreisauer Kreises“ zu Besprechungen über Fragen einer Agrarordnung „nach Hitler“ getroffen hatten. Helmuth James v. Moltke hat in Briefen an Freya, seine Frau, vom ersten dieser Treffen im Oktober 1941 berichtet, an dem auch Peter v. Yorck, Adam v. Trott und Botho v. Wussow teilnahmen. (Herr Gädtke las am Abend aus den Briefen Moltkes.) Ernst v. Borsig war der Gastgeber; Peter v. Yorck, sein Schulfreund, hatte ihn als Fachmann für Agrarfragen in den Kreis gezogen. Yorck, Moltke und Trott gehörten zu den Opfern der hitlerschen Justiz. Borsig konnte sich ihr entziehen. Er starb im September 1945 in einem sowjetischen Internierungslager in Landsberg/Warthe (Gorzów). Er hatte beim Einmarsch der Russen die Alkohol-Tanks der Brennerei in den See entleeren lassen. Ein freundlicher Landsmann, leitender Mitarbeiter einer Dependance der IG-Farben, die sich bei Kriegsende im Schloß befand, hatte Borsig beim sowjetischen Kommandanten denunziert. Der hatte Borsig wegen „Sabotage“ verhaften lassen.

Ach, die Gegenwart:

In Vor-Ketzin warfen wir im Vorüberfahren einen Blick auf die Großdeponie, auf der vor 20 Jahren der Müll aus Berlin-West abgelagert worden war – gegen Valuta, natürlich. Und nun finden sich Rückstände von der Deponie im Grundwasser, denn sehr sorgsam ist man mit der Anlage wohl seinerzeit nicht umgegangen. Nun wird an einer sachgemäßen Abdichtung gearbeitet.

In Marquardt erfreuten wir uns, geführt von Dr. Grittner, am herrlichen Bestand der Gehölze des Parks und am Gesang und Gezwitscher der Vögel – 120 (!) Arten sollen es im Park und am See sein. Das holzgetäfelte Vestibül und den schönen Gartensaal durften wir ansehen, das Schloß von innen und außen, das noch immer auf einen Betreiber wartet. Wir hörten aber auch von den Besorgnissen: Der geplante Ausbau des Sacrow-Paretzer-Kanals, seine Verbreiterung und vor allem die Vertiefung der Fahrrinne drohen den gesamten Wasserhaushalt der betroffenen Havellandschaft nachhaltig zu gefährden.

Einer der Höhepunkte der Exkursion war ohne Zweifel der Besuch von Schloß Paretz. Schloß „Still-im-Land“ ist nun nach erfolgter Restaurierung geöffnet. Im Innern sind die wunderschönen Original-Tapeten in all ihrer Farbenpracht zu bewundern. Die „Stiftung Preußische Schlösser und Gärten“ hat die Restaurierung durchgeführt und die künftige Betreuung dieses Kleinods übernommen. Aber das hätte so nicht geschehen können ohne die unermüdliche Arbeit des ortsansässigen Vereins „Historisches Paretz“ und insbesondere dessen Vorsitzenden Maro, und nicht ohne die Initiative der „Cornelsen-Stiftung“. Frau Cornelsen hat die Restaurierung der Tapeten unter der Bedingung finanziert, daß das Schloß wiederhergestellt und die Tapeten in den ursprünglichen Räumen angebracht werden würden. Das ist nun geschehen und Anlaß zu uneingeschränkter Freude.

Eingeleitet wurde das Wochenende durch einen Vortrag von Herrn Humbert Settler, Scheeßel: „L’ Adultera“. Fontanes Ehebruchgestaltung – auch im europäischen Vergleich. Den aufmerksamen Zuhörern war das Anlaß zu nachhaltigem Überlegen und bot einen durchaus neuen Aspekt zum Verständnis von „L’ Adultera“ an. Am Schluß stand eine Lesung aus dem Buch von Frau Wagner-Simon, „Das Urbild von ‘L’ Adultera’“.

Vorbereitet, liebevoll und akribisch, hatte die ganze Exkursion Herr Hans-Jürgen Pahn, dem hier noch einmal genau so gedankt sein darf wie dem Referenten aus Scheeßel.

Übrigens: unser Standquartier in Marquardt, „Hotel und Pension Roggenbuck“ kann uneingeschränkt für kleine Gruppen (20 bis 25 Personen) empfohlen werden.

Das Fontane-Ensemble Berlin, begründet und geleitet von Johannes Kowalewsky, kann im Juni 2002 sein 10jähriges Bestehen feiern. Die für diese Gelegenheit vorgesehene Premiere von Vor dem Sturm mußte leider auf zunächst unbestimmte Zeit verschoben werden. Dafür steht am 2. Juni im Theater im Palais am Festungsgraben Der Stechlin auf dem Programm. Er wird an diesem Tag zum 63. Mal gegeben werden. Die Aufführung am 2. Juni wird zugleich die 343. des Ensembles überhaupt sein. Dass es – wie die bisherigen 342 – eine erfolgreiche Aufführung werden wird, versteht sich beinahe von selbst. Wir wünschen es jedenfalls und gratulieren herzlich!

Die Redaktion schließt sich dem Glückwunsch ebenso herzlich an!

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Brief aus Berlin (4)

Welcher Fontane-Freund greift schon freiwillig nach den Causerien über Theater oder gar nach Theodor Fontanes Berichten über Londoner Theater aus den Tagen seines dritten Aufenthaltes in England? Zugegeben: Da ist über Seiten hinweg von Aufführungen die Rede, die niemanden mehr interessieren, von Autoren und ihren dramatischen Hervorbringungen, die kaum noch dem Literatur- oder Theaterhistoriker bekannt sind, von Mimen, denen die Nachwelt keine Kränze mehr flocht. Selbst über den Ort, an dem Fontane zwanzig Jahre lang drei- bis viermal in der Woche saß und von Parkettplatz Nr. 23 aus auf die Bühne schaute – dem Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt – ist nicht viel Erbauliches zu erfahren. Über vieles darf man also getrost hinweglesen. Doch in den annähernd 600 Rezensionen stecken Perlen, die zu suchen sich lohnt. Dabei interessiert und erfreut heute nicht in erster Linie das Was, sondern das Wie, nicht unbedingt also das Stück, der Autor oder die Schauspieler, vielmehr die Art, wie Fontane über Zustände und Personen jener Zeit berichtet. Ich habe die drei Bände Causerien durchgesehen und nach Perlen gefischt – mit einigem Erfolg.

Im Rahmen eines „Fontane-Tages“ – des ersten der Sektion Berlin-Brandenburg – wurde der Fund vor dem erfreulich zahlreich erschienenen Publikum ausgebreitet. Die Einführung in das Thema gab Frau Nina Peters, eine angehende Germanistin, von Prof. Berbig mit gutem Grund empfohlen. In ihrem klug angelegten, locker und selbstsicher vorgetragenen Referat sprach sie über Theodor Fontanes Beziehungen zur Vossischen Zeitung und steckte damit den Umkreis der folgenden Beiträge ab. Einem reizvollen Detail dagegen ging Frau Dr. Renate Hoyer nach: Kenntnisreich (und darum streckenweise leider etwas hastig) sprach sie über Fontane und die Schauspielerin Paula Conrad – ohne den späteren Ehemann der Künstlerin zu vergessen: Paul Schlenther, Fontanes Nachfolger als Theaterrezensent der „Vossin“, zwischen 1898 und 1910 Direktor des Wiener Burgtheaters und 1904 – als testamentarisch berufenes Mitglied der Nachlaßkommission – Herausgeber der ersten Sammlung jener Fontaneschen Theater-Causerien im Verlag   Friedrich Fontane & Co., denen sich dann Ernst-Christian Gädtke und Frank-Volker Merkel Bertoldi zuwandten.

Fontanes zwischen 1855 und 1857 niedergeschriebene Vergleiche zwischen Shakespeare-Aufführungen in London und Berlin – Gegenstand des Gädtke-Vortrags – gaben nicht nur amüsanten Aufschluß über ein Stück europäische Theatergeschichte; sie bewiesen: „Th. F.“, als er von 1870 an über die Aufführungen im Königlichen Schauspielhaus kritisch berichtete, war alles andere als ein „Theater-Fremdling“, wie ihn der Kreis um Gutzkow und Glaßbrenner spöttisch zu nennen beliebte.

Nachmittags lasen Gädtke und Merkel-Bertoldi unter dem Motto „Da sitzt das Scheusal wieder“ aus Fontanes fragmentarischen Erinnerungen Kritische Jahre – Kritikerjahre, hauptsächlich aber aus einigen seiner Theaterkritiken, beginnend mit der ersten, die er für die „Vossin“ schrieb, bevor er zu seiner folgenreichen Reise auf den Kriegsschauplatz nach Frankreich aufbrach: der Aufführung von Schillers Wilhelm Tell am 17. August 1870, endend mit der Betrachtung von Ellen, der „liebenswürdige[n] kleine[n] Arbeit“ einer Maria Knauff vom 13. Dezember 1889: „Was geboten wird, ist nichts Neues und kann als ein Ausschnitt aus der besten aller Welten gelten, aus der Lustspielwelt der zwanziger und dreißiger Jahre [des 19. Jahrhunderts!], die ganz im Gegensatz zu dem, was jetzt die Bühne beherrscht, nur liebe, gute und glückliche Menschen kannte. Man blickt zurück wie auf ein Paradies, und das einzige, was ich gegen das kleine Stück sagen möchte, ist das, daß auf dem Zettel steht: Ort der Handlung: eine große Residenz, Zeit: die Gegenwart. Also: Berlin 1889. Wenn es doch so aussähe! Selbst die Lichter des Weihnachtsmarktes geben ihm kein so verklärendes Licht.“

Anläßlich einer Probe der „Scheusal“-Lesung in Letschin hatte die Märkische Oderzeitung dazu bemerkt: „… unterhaltsam und erkenntnisreich…“ Genau darum ging es uns. Wir wollten mit Fontane unterhalten und mit Fontanes Worten einige Erkenntnisse über seine Art zu schreiben vermitteln. Daß sich hierbei immer wieder Gedankenverbindungen zur Gegenwart einstellten, spricht gewiß nicht gegen diesen Autor.

Unser Versuch, Vorträge und Lesungen im Rahmen eines „Fontane-Tages“ zu bündeln, scheint auch in Berlin angenommen worden zu sein, das Hotel Luisenhof in der Köpenicker Straße als Ort der Veranstaltung gefiel allgemein. An einem Sonnabend im November 2003 will die Sektion Berlin-Brandenburg dort einen zweiten solchen Tag folgen lassen.

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Brief aus Berlin (5)

Wer bisher auf der Suche nach dem historischen Ort „Potsdamer Straße 134c“ und nach unserer Gedenktafel an eben dieser Stelle durch Klein-Manhattan irrte, konnte sich an dem Swatch-Laden an der Ecke Alte Potsdamer Straße 11 und Eichendorff-Gasse orientieren. Die Tafel findet sich noch immer unbeschmiert und unbeschädigt am „alten Orte“, nicht so der Swatch-Laden – mag das bedauern, wer will. Statt dessen hat sich dort seit Jahresbeginn ein „Starbucks‘ Kaffee-Laden“ (dt. coffee-shop) aufgetan. Der erschöpfte Fontane-Freund kann also nunmehr getrost an historischer Stätte eine Rast einlegen und bei einem Becher Kaffee (klein, mittel, groß – auf jeden Fall „ohne Sahne“, dafür mit fettarmer Milch – schließlich ist Starbucks ein amerikanischer Laden – oder einem Teebeutel-Aufguss über den Lauf der Welt und den Wandel der Dinge und der Zeiten nachdenken.

Ein Fortschritt, so meine ich. Man sitzt sozusagen „im Hausflur“ und bei schönem Wetter gar vor dem Haus, in „Theos Vorgarten“, wenn es denn vor 120 Jahren einen solchen gegeben haben sollte. Für Fontane gab es damals „Kaffe“, wir Heutige können wählen zwischen mancherlei Sorten, „anspruchsvoll rauchig“ die eine, den „komplexen Großstadtkaffee“ darstellend eine andere, oder aber die, die „rassig, samtig und eine Spur sandig“ ist (oder sein soll), schließlich sind wir ja auch in der Mark! „Nach Erde“ schmecken soll eine Sorte, eine andere wieder entwickelt gar „einen sanften Abgang“. So mag der Besuch bei „Starbucks“ am Fontane-Eck zu einem echten event werden!

Wer weiß, vielleicht präsentiert sich ja in ferner Zukunft an dieser Stelle gar ein Laden mit Büchern für die Augen und die Ohren und mancherlei Fontane-Devotionalien?

Wir werden nicht versäumen, Sie rechtzeitig darauf aufmerksam zu machen.

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Brief aus Berlin (6)

„ … die ganze Friedrichstraße hinunter bis ans

Oranienburger Tor und dann rechts in die spitzwinklig

einmündende Oranienburger Straße hinein, wo die

junge Dame in einem ziemlich hübschen, dem großen

Posthofe gegenüber gelegenen Hause wohnte.“

So beschreibt Theodor Fontane fünfzig Jahre später den Weg, den er am späten Abend des 8. Dezember 1845 zusammen mit seiner Emilie gegangen war. Es war zehn Uhr vorbei und stockfinster; ob der Mond geschienen hat, wissen wir nicht, aber daß es mit der Straßenbeleuchtung eher mißlich bestellt war, können wir uns vorstellen. Vor der Polnischen Apotheke hatten sich beide getroffen, und auf der Weidendammer Brücke hatten sie sich verlobt.

Wo die Polnische Apotheke heute zu finden ist, wissen wir (s. Mitteilungen Nr. 22,  S. 15). Die Weidendammer Brücke ist nicht zu übersehen, wenn sie auch anders aussieht als vor 160 Jahren. Wo aber ist es, das „ziemlich hübsche Haus gegenüber dem großen Posthofe“? Ist es überhaupt noch zu finden?

Wir tun gut daran, nach dem „großen Posthofe“ Ausschau zu halten. Und da fällt dem Suchenden, der von der spitzwinkligen Einmündung her die Oranienburger Straße herabkommt, unvermittelt ein dreistöckiges Gebäude ins Auge: ein stattlicher Backsteinbau mit imposanter Kuppel, Oranienburger Straße 35/36, Ecke Tucholskystraße (ehemals Artilleriestraße) – das Postfuhramt.

Nur: es gab diesen Bau noch nicht, als die beiden Jungverlobten in der dunklen Dezembernacht an der Stelle vorbeikamen. Der Architekt und Postbaurat Carl Schwatlo hat das Gebäude zwischen 1875 und 1881 errichtet; Fontane könnte das Gebäude vor Augen gehabt haben, als er Von Zwanzig bis Dreißig niederschrieb. Immerhin gab es an diesem Ort seit 1713 Einrichtungen der Post. Zunächst ein Wohnhaus für Postillione mitsamt den dazugehörigen Stallungen und Remisen, und seit 1766 war hier die Kgl. Posthalterei, von der aus der Postfuhrverkehr für Berlin bewerkstelligt wurde. Ein „Posthof“ also – sind wir an der richtigen Stelle?

Wo genau ist nun aber „gegenüber“? Drei Eckgebäude kämen in Frage – nur läßt uns Fontane im Stich – wie ja auch an anderen Stellen seiner „autobiographischen Romane“.

G. Erler lokalisiert in seiner „Emilie-Biographie“ das „hübsche Haus“ auf dem Grundstück Oranienburger Straße 33, und auch Wolfgang Feyerabend (Spaziergänge durch Fontanes Berlin) gibt diese Hausnummer an. Nur: Nr. 33 liegt nicht an einer der Ecken und darum auch nicht „gegenüber“ des Schwatlo-Baus. Sollte Fontane ein anderes Gebäude gemeint haben als das Postfuhramt?

Das Gegenüber von Nr. 33 ist das Eckgrundstück Oranienburger Straße 70. Hier hatten sich seit 1828 ebenfalls Einrichtungen der Post niedergelassen. Im Besitz des Kgl. General-Postamtes diente das Grundstück zunächst als Abstellplatz für die Postkutschen vom Postfuhramt schräg gegenüber. Ein zweiter „Posthof“ also!

Auf dem Gelände wurden zunächst einige Wagenschuppen  errichtet und 1885-88 dann ein zweiflügliges, dreistöckiges Backsteingebäude mit einer eindrucksvollen Kuppel über der Ecke: das Paketpostamt. Sollte Fontane dieses Gebäude gemeint haben?

Dafür spricht: Oranienburger Straße Nr. 33 liegt dem Paketpostamt genau gegenüber.

Dem  Spurensucher unserer Tage aber wird unzweifelhaft der Schwatlo-Bau des Postfuhramtes in den Blick geraten, denn der ist ja nicht zu übersehen. Das Gebäude des Paketpostamtes dagegen ist nach schweren Kriegszerstörungen um 1950 abgerissen worden. An seiner Stelle steht seit 1962 ein schmuckloser, inzwischen äußerlich eher heruntergekommener Neubau der Post, den man nur zu gerne übersieht.

Das Grundstück Oranienburger Straße 33 liegt auf der nördlichen Straßenseite, nur ein paar Häuser von der Neuen Synagoge (Nr. 30) entfernt. Es ist vor einigen Jahren mit den Nachbargrundstücken Oranienburger Straße 34 und Tucholskystraße 20 zusammengelegt worden; die Gebäude aber unterscheiden sich deutlich voneinander.

Das Eckgrundstück Nr. 34 trägt unzweifelhaft das hübscheste Gebäude, eine denkmalgerechte Wiederherstellung des Wohnhauses, das hier 1792 errichtet worden war. Grundriß und Dachform sind die von 1792; das Bild zeigt die Fassade von 1860, als Carl Schwatlo dieses Gebäude umbaute. Emilie und Theodor würden das Gebäude, stünden sie heute davor, ohne Zweifel wiedererkennen. Mit dem Ehepaar Schwatlo waren die Fontanes übrigens seit 1874 bekannt. Sie hatten sich in Neapel getroffen und traten – so Fontane im Tagebuch – 1875 „in zunächst oberflächlichen Verkehr mit Schwatlos.“ Im Dezember 1884 notiert Fontane: „Am 24. stirbt Baurat Schwatlo, unser alter Reisegefährte in Italien, und wird am 28. begraben.“ Eine doppelte Beziehung der beiden Fontanes zur ‘Carl-Schwatlo-Ecke’.

Nur: Emilie wohnte ja im Hause Nr. 33, im Nachbargebäude. Und das ist nun der funktionale Neubau  eines modernen Büro- und Geschäftshauses von 1998, das keine Reminiszenzen zuläßt. Das mag den Spurensucher von heute veranlassen, sich an das hübsche Eckhaus mit der Nr. 34 zu halten.

Im Erdgeschoß ist neben einem Restaurant auch ein Café – für den ermüdeten Stadtwanderer eine Gelegenheit zum Ausruhen und Nachsinnen. Und es mag ja genau hier, vor diesem Eckgebäude, gewesen sein, wo Fontane in jener Dezembernacht die denkwürdigen Worte sprach: „Wir sind aber nun wirklich verlobt.“

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Brief aus Berlin (7)

„Und ein kleines Vorsprechen bei Huth …“

„Und dann gingen sie zu Huth und tranken eine 21er Niersteiner.

Es war drei Uhr morgens, als sie nach Hause gingen.“

Gabriele Tergit, Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Nicht nur Fontane trank bei Huth gelegentlich einen Schoppen oder auch zwei – wie wir von Friedrich Holtze erfahren – und nahm teil an mancherlei Schabernack. Auch 50 Jahre später war Huth noch immer eine Adresse.

„Haus Huth – Weinhandlung und Weinrestaurant“ ist längst Geschichte, das Gebäude steht aber noch. Das solide Stahlskelett aus dem Jahr 1912 schwankte zwar in den Bombennächten, es brach aber nicht. Als einziges Gebäude hat das Haus Huth 90 turbulente Jahre am Potsdamer Platz überstanden: Bombenkrieg, die letzten Tage und Stunden der Schlacht um Berlin, den Abriß der benachbarten Ruinen und Teilruinen und schließlich auch die Abrißwut der Stadtplaner, die nicht recht wußten, was mit der Brache entlang der Mauer anzufangen sei. Nun ist das neue Haus renoviert, und die Fassade aus Kirchheimer Muschelkalk wirkt nobel und zurückhaltend inmitten der auftrumpfenden Neubauten ringsumher. Fast grenzt es an ein Wunder, daß sowohl das Haus als auch der Straßenzug der Potsdamer Straße mit den beiden Reihen der Silberlinden überlebt haben.

Kernstück des Gebäudes war im Keller, im Erdgeschoß und im 1. Stock das alte „Weinhaus Huth“. Dieses renommierte Etablissement war älter als der Neubau von 1912, den wir heute betrachten dürfen. Der Kaufmann C. F. Wilhelm Huth hatte Weinhandlung und Restaurant 1871 gegründet. Zunächst lag das Restaurant auf der gegenüberliegenden Seite der Potsdamer Straße, seit 1877 dann an der jetzigen Stelle: Potsdamer Straße 139. Nur fünf Hausnummern weiter wohnten seit 1872 die Fontanes: Potsdamer Straße 134c.

Fontane kannte das alte Haus Huth, ein hübsches Gebäude mit Vorgarten und verglaster Veranda. Hier läßt Fontane dann auch den Geheimrat Wüllersdorf einkehren, Freund und Vertrauter Innstettens, wie wir im 35. Kapitel von Effi Briest erfahren:

„Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Straße, die kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen. […] Ich finde da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich verschweige. Der eine erzählt vom Herzog von Ratibor, der andere vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein bißchen fällt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es nur witzig ist, krittelt man nicht lange drum herum und hört dankbar zu.“

Zu den „Frühschopplern“ – häufig genug werden es auch „Dämmerschoppler“ gewesen sein – gehörten nicht nur über Nacht steinreich gewordene „Millionenbauern“ aus Schöneberg, die ihre Felder und Wiesen an Bauunternehmer und Grundstücksspekulanten verkauft hatten, – und manch einer hatte es dabei zu 50 Millionen Goldmark gebracht. Zu den Gästen gehörten auch Adolph Menzel, der Generalpostmeister Stephan und der Admiral Tirpitz, Paul Wallot, Gustav Freytag, Heinrich Seidel und Theodor Mommsen. Später reihten sich ein: Wilhelm Furtwängler und Konrad Adenauer, der als Präsident des Preußischen Staatsrats seine Amtsräume ein paar Schritte weiter im Preußischen Herrenhaus in der Leipziger Straße hatte – heute residiert dort der Bundesrat. Und dann kam auch ein Robert Biberti, der Bariton der Comedian Harmonists.

Es ließ sich wohl trefflich speisen „bei Huth“. Und zu welchen Preisen! Wie die „Kleine Karte“ für das Jahr 1935 ausweist, kosteten

Austern auf Eis, das Stück                0,35 Mark

½ frischer Hummer,                            3,75 Mark

kalt mit Remoulade

¼ Pfd. Malossol Kaviar auf Eis         12,50 Mark

mit Butter u. Röstbrot.

Und wer am Leipziger Platz Blumen kaufen wollte, der zahlte bei einer der ca. 40 Blumenfrauen für ein Dutzend Rosen 0,30 Mark. Daß die sechs würdigen Herren, von denen einer – wie Friedrich Holtze erzählt – Theodor Fontane hieß, einige Mühe hatten, gemeinsam einen Lotteriegewinn von 500 Mark bei Huth zu verzehren, verwundert nicht, wenn man eine Weinkarte (von 1915) anschaut. Da kostete die Flasche Château Margaux  7 Mark und die Flasche Château Latour 9 Mark.

Und dann ließ eines denkwürdigen Abends der Chefredakteur der Norddeutschen Allgemeinen hier Spenden sammeln für eine Nähmaschine. Fontane habe sich, so berichtet Friedrich Holtze, später mehrmals an die kleine Episode erinnert.

Das „Weinhaus Huth“ gab es bis 1958, zuletzt allerdings nur noch in Gestalt einer Schoppenstube; auch diese mußte schließen angesichts der Trostlosigkeit rundum. Das sorglich renovierte Gebäude beherbergt nun im Erdgeschoß die „Weinhandlung Hardy“ und daneben eine „Coffee Bar“ von Tschibo. Nach „hinten raus“, mit Blick auf den „Fontaneplatz“ – davon später – hat sich das „Restaurant Dieckmann“ eingerichtet. Ein Rätsel ist das Sandsteinmedaillon, das eines der dreiflügeligen Erkerfenster im zweiten Obergeschoß ziert. Stellt es Theodor Fontane dar? Eine Namensinschrift trägt es, wie auch die übrigen Medaillons, nicht.

Urteilen Sie selbst.

Benutzte Literatur:

Fontane, Theodor: Effi Briest

Holtze, Friedrich: Tischrunde im Weinhaus Huth, in: Wolfgang Rasch und Christine Hehle (Hrsg.): Erschrecken Sie nicht, ich bin es selbst. Berlin 2003

Tergit, Gabriele: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Berlin 1931

Thieme, Wolf: Das Weinhaus Huth. Berlin 1999.

Foto: Rosmarie und Wilm Apels, Rostock 2002

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Brief aus Berlin (8)

„Ein Ort zum Promenieren: der Fontaneplatz“ (?)

Das war vor vier, fünf Jahren die Überschrift zu einem Bericht im Tagesspiegel – allerdings ohne Fragezeichen. Darin heißt es am Anfang: „Am Potsdamer Platz ist ein Platz fertig geworden, der wohl der kleinste Platz in Berlin ist. Er heißt nach Fontane und schmückt … die Rückseite des Hauses Huth.“ Und weiter: „… eigentlich müßte Sommer sein, um ihn richtig zu genießen …“, denn der Platz habe „etwas Anheimelndes, Intimes, Ruhiges“. Ob dem so ist, mag, wer hier promenieren möchte, selbst beurteilen. Feststellen dürfen wir: Berlin hat – wir haben! – endlich einen „Fontaneplatz“, und zwar in unmittelbarer Nähe zum historischen Ort „Potsdamer Straße 134c“, am „Haus Huth“ – hinten raus, also eigentlich „auf dem Hof“.

Die gastronomische Tradition wird hier gewahrt durch zwei Etablissements: „Restaurant Dieckmann“ im alten „Haus Huth“ und (sozusagen im Seitenflügel) das „Mommsen-Eck“. Im Sommer lassen die Gastwirte ein paar Tische und Stühle rausstellen, und wenn es warm genug ist und nicht gerade heftig zieht, kann, wer will, sogar seinen Schoppen oder seine „Molle“ hier draußen am Rande eines Wasserbeckens trinken. Der streng rechteckige Grundriss des Platzes – also eigentlich des Hofes – wird nämlich betont durch ein annähernd quadratisches Wasserbecken. Aus dessen Mitte erhebt sich auf zwei hässlichen Röhren die Skulptur eines namhaften zeitgenössischen Künstlers: Robert Rauschenberg.

Was der mit Fontane zu tun hat, mag man fragen. Wie es überhaupt schwerfällt, zwischen Platz und Namengeber eine Beziehung herzustellen, sieht man einmal von der angedeuteten räumlichen Nähe ab. Bei der Skulptur inmitten des Wasserbeckens handelt es sich um die Relikte zweier Fahrräder, jedes steht senkrecht auf seinem Hinterrad. Und damit die Skulptur nachts, wenn es duster ist – aber wann ist es das schon in dieser Gegend -, auch ja nicht übersehen wird, sind Rahmen, Lenker, Räder, die Sättel gar, durch farbige Leuchtstoffröhren konturiert. „Riding Bikes“, so hat R. R. seine Schöpfung von 1998 genannt. Man kann das alles ansehen, weitergehen und schnell wieder vergessen. Man kann aber auch ins Grübeln kommen. Und da kommt man sehr schnell auf die – zugegeben dumme – Frage, die zumeist der fiktiven Figur „Oberlehrer“ zugeschrieben wird: Was will der Künstler damit sagen? Aber ist die Frage wirklich so dumm? Und so mag man eine weitere Frage anschließen: Was hat sich der Grundeigentümer (Daimler/Chrysler) gedacht, als er die Skulptur bestellt / ausgewählt / erworben hat? Handelte es sich gar um ein Schnäppchen? Dumme Fragen, ich weiß. Aber wenn Künstler mit einem Werk der Kunst etwas sagen wollen, warum sagen sie’s dann nicht? Warum lassen sie uns ratlos stehen und ins Grübeln kommen? Wie wäre es mit einem erklärenden Text? Manche machen das ja, nur ist der Text dann oft auch nicht zu verstehen. So stehen wir grübelnd am Rande des Wasserbeckens: Fontane, der (u. a.) „Wanderer“, und zwei Fahrräder, die als solche nicht mehr zu gebrauchen sind. Nun hat sich unser Wanderer ja bei seinen Wanderungen so gut wie aller Verkehrsmittel seiner Zeit bedient, sogar als Reiter hat er sich versucht (Sedan, 1871). Auf einem Fahrradsattel hat er, soweit mir bekannt, nicht gesessen, auch nicht auf einem Hochrad …

Wo finden wir Hilfe? Wo ist der Semiotiker, der uns Erleuchtung verspricht? Mit den Symbolen und ihrer Deutung ist es ja so eine Sache, wie wir aus Erfahrung wissen: Im Park von Neuhardenberg steht eine Marmorskulptur – 1792 vom damaligen Gutsherrn v. Prittwitz errichtet -, die an Friedrich II. erinnert, symbolisch, wie es dem Zeitgeschmack entsprach. Sie zeigt Mars und Minerva, trauernd. Ein Besucher soll einst einen Dorfbewohner nach der Bedeutung des Denkmals gefragt haben. „Det is der olle Herr von Prittwitz un‘ sine Fru. Die trauern um den ollen Fritzen.“ So einfach kann Semiotik sein. Und wer erklärt uns nun die Bedeutung der beiden verlorenen, in der Dämmerung bunt leuchtenden Fahrräder? Wird der Fontaneplatz überhaupt „bald ein Ort zum Promenieren“ werden, wie der Autor des Tagesspiegelbeitrags vermutete? Zweifel mögen erlaubt sein. Aber schauen Sie sich die Sache doch bei Gelegenheit selbst an.

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Brief aus Berlin (9)

„In der Invalidenstraße sah es aus wie gewöhnlich…“

Invalidenstraße 98e – ein literarischer Ort, gefunden oder erfunden?

Hier putzte, kniehoch aufgeschürzt, eine schöne, schwarze Frauensperson die Fenster der ersten Etage und wurde dabei von der brummelnden alten Lierschen beobachtet. Die aber wohnte schräg gegenüber an der Scharnhorststraßen-Ecke. Das erfahren wir im 1. Kapitel von Fontanes Stine, entstanden seit 1881, erschienen 1890. Zeit der Handlung ist 1877/78.

Unter der Hausnummer 98e lässt Fontane die Witwe Pittelkow in der ersten Etage wohnen, da, wo sie die Fenster putzte, während ihre Schwester Ernestine Rehbein ihr Stübeken oben bei Polzins hat.

Fontane gibt weitere Hinweise zur Lokalität: Stine hat ein Fenster „nach vorne raus“, also zur Invalidenstraße hin. Denn am Fenster ihres Zimmers war ein Dreh- und Straßenspiegel angebracht. So konnte sie in die Invalidenstraße hineinblicken und das Leben und Treiben beobachten. Vom Fenster aus schaut sie nach Westen hin und erblickt die niedergehende Sonne zwischen den Türmen des Hamburger Bahnhofs und über den Bäumen des Invalidenparks. Zwischen den Bäumen aber steht ein Obelisk, sechs Meter hoch, der wie ein Grabstein aussieht und der ein Denkmal ist zur Erinnerung an die mit der „Amazone“ Verunglückten, hundert oder mehr, lauter junge Leute.

Alles ausgedacht? Oder hat die – erdachte – Geschichte von Stine einen realen lokalen Rahmen? Und, lassen sich heute wenigstens ein paar Stücke eines solchen Rahmens finden?

Beginnen wir an der Scharnhorststraßen-Ecke, bei der alten Lierschen. Ein Wohnhaus finden wir hier nicht mehr, in dem die Lierschen gewohnt haben könnte. Auf dem Eckgrundstück steht ein monumentales Gebäude, zwischen 1905 und 1910 als „Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen“ errichtet. Nach 1945 beherbergte das Gebäude zeitweilig das Oberste Gericht der DDR, später dann das Regierungskrankenhaus der DDR. Vor der Front zur Invalidenstraße hin befanden sich zwischen 1961 und 1989 die Grenzkontrollanlagen der Übergangsstelle Invalidenstraße. Heute residiert hier und in den benachbarten Gebäuden des ehemaligen Invalidenhauses der Bundesminister für Arbeit und Wirtschaft.

Die Wohnung der Lierschen können wir uns an dieser Stelle nur schwer vorstellen – aber es kommt uns vor allem auf den Punkt Scharnhorststraßen-Ecke an.

Schauen wir von hier aus schräg nach rechts, also nach Westen, dann fällt unser Blick über die Sandkrugbrücke hinweg auf das Gelände von Humboldthafen und Lehrter Bahnhof – hier wird die Pittelkow keine Fenster geputzt haben. Schräg links hin, also nach Osten, blicken wir auf einen Komplex von Wohnbauten auf der Südseite der Invalidenstraße an der Ecke zur Hessischen Straße. Hier könnte es sein.

Das Eckhaus Invalidenstraße/Hessische Straße ist ein Nachkriegsneubau, unten ein Restaurant. Hausnummer: 98. Aber wo ist 98e? Das Nachbarhaus trägt die Nummer 99. Die Hausnummern 98a-e gibt es nicht. Hat es sie je gegeben? Alte Stadtpläne geben keine Auskunft, und Fontane selbst bleibt eher unbestimmt. Der junge Graf Haldern, der im 7. Kapitel in der Nähe des von Stine bewohnten Hauses eine Häusermusterung beginnt, steht hinsichtlich der Nummerierung vor einem Wirrwarr und findet den richtigen Eingang lediglich aus Zufall oder mit Hilfe kleiner Zeichen.

Also nehmen wir’s mit der Hausnummer samt ihren a, b, c nicht so genau und dekretieren: Das Haus, das wir suchen, ist das mit der Nummer 99!

Fürwahr, es könnte passen.

Das Haus, das – als eines der wenigen in dieser Gegend – die Zerstörungen und Veränderungen der anderthalb Jahrhunderte überstanden hat, hat gewiss schon 1876 hier gestanden, gehört es doch zu einem Häusertyp, wie er um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Berlin typisch war: ein einfacher Putzbau, fünf Fensterachsen, Erdgeschoss und 2 bis 3 Stockwerke, das Dachgeschoss u. U. ausgebaut, an einer Seite eine hohe Wageneinfahrt. Das alles finden wir bei Nr. 99, sogar die Prellsteine beiderseits der Einfahrt sind vorhanden, und selbst die Gehweg-Pflasterung ist so wie um 1850. Vom Fenster im 3. Stock ließe sich all das sehen, was Fontane beschreibt: Hamburger Bahnhof, Invalidenpark samt Obelisk und, auch mit Hilfe des Dreh- und Straßenspiegels, das Leben und Treiben in der Invalidenstraße.

Heute nicht mehr so ganz: Menschen sähe man noch immer, Pferde wohl kaum und auch keine Pferdebahnen. Die Maschinenbauarbeiter, „Borsig und Schwarzkoppen seine“, sind ebenso längst aus dem Straßenbild verschwunden wie die alten Produktionsstätten in Moabit und längs der Chausseestraße. Von den Keimstätten der preußischen Maschinenbauindustrie ist nichts mehr vorhanden. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Industrie abgewandert nach Norden, nach Tegel und Wittenau, nach Henningsdorf und Hohen-Neuendorf. Firmennamen wie Borsig, Bergmann und Schwarzkopf sind nur noch Erinnerungen an eine industrielle Vergangenheit.

Und der Blick nach Westen? Heute verstellt das Gebäude an der Scharnhorststraßen-Ecke den freien Blick auf den Hamburger Bahnhof und seine Türme – aber der Bahnhof ist noch da, wenn auch nicht mehr als Bahnhof. Als solcher hatte er bereits 1884 ausgedient und war ersetzt worden durch den Lehrter Bahnhof. Das alte Bahnhofsgebäude von 1847 diente ab 1905 als Verkehrs- und Baumuseum und beherbergt seit Mitte der 90er Jahre die Dependance der Neuen Nationalgalerie als Ausstellungsort für die Kunst der Gegenwart. Vom Invalidenpark ist noch ein Rest vorhanden, das südliche Teilstück der ehemals sehr viel größeren Anlage. Nachtigallen wird man heutzutage schwerlich dort schlagen hören.

Und der Obelisk? Er verschwand bereits 1897, als an seiner Stelle die „Gnadenkirche“ errichtet  wurde als Kirche für die Invalidengemeinde. Auch die Kirche gibt es nicht mehr. Während des letzten Krieges schwer beschädigt, wurde die Ruine 1967 abgetragen.

Heute steht dort ein seltsames, wenn auch unbedingt ins Auge fallendes Monument: aus einem Wasserbecken ragt, schräg in die Erde versinkend, eine Mauer auf. Man kann die Schräge hinaufsteigen und steht dann etwa an der Stelle, an der der Obelisk gestanden haben mag. Wenn Stine von ihrem Fenster aus nach Norden auf die gegenüberliegende Straßenseite geblickt hat, dann wird sie dort Interessantes gesehen haben. Nur lässt uns Fontane davon nichts wissen, weshalb wir hierüber in einem der nächsten „Briefe aus Berlin“ berichten wollen. Dass das dann auch wieder mit Fontane zu tun haben wird, das konnte zwischen 1881 und 1890 niemand ahnen.

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Brief aus Berlin (10)

„So muss Theater sein“ überschrieb Klaus-Peter Möller in Nr. 28 seine Rezension der Jenny-Treibel-Aufführung im Palais Lichtenau in Potsdam.

Natürlich geht es dem Rezensenten um die Aufführung.

Erwähnung findet aber auch die Aufführungsstätte, eben das Palais Lichtenau, und mit ihm die namengebende Person: Wilhelmine Encke, verh. Rietz, spätere Gräfin Lichtenau.

Eine Verbindung stellt sich her zwischen der „schönen Wilhelmine“ und Theodor Fontane. Der Zufall wollte es, dass sich fast gleichzeitig zu der Aufführung am 14. Januar 2005 eine zweite Verbindung auftat: Ein Gang über die Friedhöfe an der Liesenstraße führte Vater und Sohn zum Fontane-Grab und anschließend auch zum benachbarten Friedhof der St. Hedwig-Gemeinde. Auf der Grasfläche, die den ehemaligen Mauerstreifen bedeckt, fiel uns eine einsame Grabplatte auf. Sie mochte dort erst seit kurzer Zeit liegen, denn vorher hatten wir sie nie bemerkt. „Wilhelmine Gräfin von Lichtenau“ stand auf der Platte. Die Lebensdaten: „1753-1829“.

Sollte hier, konnte hier die Grabstelle der „schönen Wilhelmine“ sein? Die Lebensdaten stimmten. Und dann fand sich heraus: Wilhelmine war 1820 zunächst im Dom beigesetzt worden, später dann auf den Friedhof der St. Hedwig-Gemeinde überführt worden, eben auf  den Friedhof an der Liesenstraße. 1961, nach dem Bau der Mauer, wurden die Gräber auf dem Areal des Mauerstreifens eingeebnet. Die Fontane-Grabstelle auf dem benachbarten Friedhof  der Französischen Gemeinde entging diesem Schicksal nur, weil sie wenige Meter hinter dem Todesstreifen lag. Dieser Grenzstreifen ist heute noch sichtbar – eine Grasfläche zwischen dem wieder hergestellten Zaun entlang der Liesenstraße und dem unversehrten Gräberfeld beider Friedhöfe. Die Grabstellen Fontanes und der Lichtenau sind keine hundert Meter voneinander entfernt.

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Brief aus Berlin (11)

„In einem Romane stimmt nichts …“ (Noch einmal: Invalidenstraße)

Fünf Minuten wird der Fußgänger Fontane gebraucht haben vom Hamburger Bahnhof  bis zur Invalidenstraße 98e (oder 99), dem „Pittelkow-Haus“.

Zehn Minuten dürften es werden für den Besucher, der den soeben eröffneten „Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof“ durch den nördlichen Ausgang verlässt. Der sollte dann rechts in die Invalidenstraße einbiegen, den ehemaligen Hamburger Bahnhof links liegen lassen, die Sandkrugbrücke überqueren, einen Blick dann nach links in die Scharnhorststraße werfen – vielleicht steht an der Ecke ja die Urenkelin der alten Lierschen? -, den Platz vor dem Neuen Tor passieren – hier mündet die Luisenstraße ein; Fontane wohnte in Nr.12 (heute zur Charité gehörig) und später noch einmal in Nr. 35 – und befindet sich so nach der Überquerung der Hessischen Straße vor der Toreinfahrt von Nr. 99.

Wie anderswo auch hat Fontane den Ort seiner Stine-Handlung genau lokalisiert – aber doch nicht ganz genau. Etwas fehlt nämlich: das Gegenüber.

Wenn Stine aus dem Fenster schaut, dann lässt Fontane sie entweder nach links hin über Invalidenpark und Hamburger Bahnhof blicken, oder das Leben und Treiben auf der Invalidenstraße mit Hilfe des am Fenster angebrachten „Dreh- und Straßenspiegels“ betrachten. Kein Blick aber gilt dem Gegenüber und dem, was dort geschieht. Das mag verwundern, denn dort geschah einiges – und Fontane musste das sehr genau gewusst haben.

Halten wir fest: Zeit der „Stine“-Handlung ist etwa 1876/77; Zeit der Niederschrift 1881-1888. Während dieser Jahre ist das Gegenüber (Invalidenstraße 42-44) eine Großbaustelle. Hier befand sich zwischen 1804 und 1874 die Königliche Eisengießerei, die Keimzelle der preußischen Maschinenbauindustrie. 1874 wurde die Eisengießerei abgerissen, im Jahr darauf war Baubeginn für drei monumentale Gebäude, die der Architekt August Tiede entworfen hatte.

Hier entstanden:

  • 1875-1878 die Geologische Landesanstalt und Bergakademie (Nr. 44),
  • 1876-1880 die Landwirtschaftliche Hochschule  (Nr. 42),
  • 1883-1989 das Museum für Naturkunde (Nr. 43).

Die drei Gebäude haben die Zeiten überdauert und beherbergen heute:

  • das Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (Nr. 44),
  • Fakultäten und Institute der Humboldt-Universität (Nr. 42),
  • das Museum für Naturkunde mit dem großen Saurier-Saal (Nr. 43).

Stine, die Pittelkow, der junge Graf Haldern blicken, wenn sie aus dem Fenster schauen und auf die andere Straßenseite, auf eine Großbaustelle. 15 Jahre dauert die Bauerei, das Hin und Her der Fuhrwerke, der Lärm, der Staub.

Kein Wort darüber bei Fontane. Nicht einmal eine Andeutung. Wie schreibt er doch 1896 an das Berliner Tageblatt: „In einem Romane stimmt nichts …“

Nun ja, eine ganze Menge stimmt schon, aber eben nicht alles. Warum?

Ist es so, dass alles, was mit der Großbaustelle zusammenhängt, die Stimmung stören würde? Für das Zusammensein der jungen Leute braucht Fontane eher: Nachtigallenschlag, Lindenduft vom Invalidenpark her, den Obelisken – und der „sieht aus wie ein Grabmal“ -, die untergehende Sonne über dem Hamburger Bahnhof.

Romantische Elemente also im Werk des realistischen Erzählers. Fontane entnimmt der realen Umgebung die Bilder, die er für eine bestimmte Stimmung benötigt. Das, was die Stimmung stören würde, klammert er aus.

Wie sagt Hansen-Grell in Vor dem Sturm?

„Die Stimmung ist getroffen; und darauf kommt es an, das entscheidet.“

Hätte Fontane die Szenerie ganz und gar realistisch dargestellt, wir hätten nie den klassischen Dialog gehört:

„Olga!“ „Was denn, Mutter?“

„Dumme Jöhre! Wenn ich dir rufe, kommste. Verstehste?“

Denn über den Straßen-, Verkehrs- und Baustellenlärm hinweg hätte weder Olga die Stimme der Mutter hören, noch diese die Antwort Olgas verstehen können.

Über das von Fontane ausgeklammerte Gegenüber noch ein Wort im nächsten Brief – auch da ist Fontane wieder im Spiel.

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Brief aus Berlin (12)

„Das Denkmal … besteht aus einer Porträtstudie Thaers und aus acht Reliefbildern …“ (Invalidenstraße zum Dritten)

Das Gebäude Nr. 42 gehört zu dem von Fontane ignorierten Gegenüber, 1876 bis 1880 nach Plänen des Architekten und Schinkel-Schülers August Tiede errichtet, zur Zeit der Stine-Handlung. Mit diesem und den beiden anderen Gebäuden des Ensembles (Nr. 43 – Museum für Naturkunde, Nr. 44 – Bergakademie) „sollten die Beziehungen der Studierenden zu den wissenschaftlichen Sammlungen der Bergakademie und der Landwirtschaftlichen Hochschule und ihre bequeme Teilnahme an diesen der Anwendung der Naturkunde gewidmeten Anstalten gesichert werden“, wie es in einem Bericht in der „Zeitschrift für Bauwesen“ aus dem Jahre 1891 heißt. Was aber hat das mit Fontane zu tun?

Betreten wir das Gebäude der ehemals Landwirtschaftlichen Hochschule, es dient heute den Instituten und Bibliotheken der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität als Behausung, so gelangen wir sogleich in einen großen Lichthof „mit zweigeschossigen umlaufenden Bogengalerien“, den „Albrecht-Thaer-Saal“. Da steht es, das Denkmal des „Begründers des wissenschaftlichen Landbaues“ – Grund, uns zu wundern. Denn hatte nicht Fontane 1862 in einem ausführlichen Artikel über die Enthüllung eben dieses Denkmals berichtet? Die war mit großer Feierlichkeit am 5. November 1860 erfolgt, nur stand das Denkmal damals auf dem Platz der Bauakademie, der wenig später in Schinkelplatz umbenannt wurde. Thaer sollte dort alsbald Gesellschaft bekommen: 1861 gesellte sich Peter Beuth hinzu, 1869 vollendete Schinkel das Ensemble. Es war ein stiller Platz, auf dem die drei Männer im Halbkreis standen, in ihrem Rücken die Bauakademie, rechts der Lauf der Spree, dahinter Schlossfreiheit und Stadtschloss. Der Blick ging über die Schlossbrücke und den Lustgarten hinweg  auf Schinkels Altes Museum.

Krieg und Nachkrieg haben den Platz gründlich verunstaltet. Was der Krieg übrig ließ, fiel nach 1960 der Neubauplanung der „Hauptstadt der DDR“ zum Opfer. Die Teilruine der Bauakademie wurde abgerissen, um Raum zu schaffen für den Neubau des Außenministeriums der DDR, der auch einen Großteil des Platzes einnahm. Thaer war dem rechtzeitig entgangen; schon 1952 war die originale Bronze in die Invalidenstraße verbracht worden.

Die drei Herren, die nach dem Abriss des DDR-Außenministeriums seit 2000 auf schmucklosen Sockeln auf der Halbbrache des Schinkelplatzes stehen, sind Abgüsse.

Das Standbild Thaers ist, wie wir bei Fontane lesen, noch von Christian Daniel Rauch entworfen; es war seine letzte Arbeit. Er starb 1857, drei Jahre vor der Denkmalsenthüllung. Hugo Hagen, Schüler und Mitarbeiter Rauchs, hat das Standbild fertiggestellt, er hat auch den schönen Sockel aus rotem Granit geschaffen, vor allem aber ist er Schöpfer der acht Reliefbilder, die an den Seiten des Sockels angebracht waren. Fontane hat diese Reliefbilder ausführlich beschrieben. Sie stellen einmal „in idealer Weise Thaers Leben und Wirken dar“ und zum andern „Thaer, dem wirklichen Leben entnommen, inmitten des von ihm angeregten landwirtschaftlichen Lebens.“

Von diesen acht, sehr detailgenauen Reliefbildern sind nur drei noch vorhanden. Und die sind nun an der Stirnwand des Saales angebracht: „Ernte“ (links), „50. Doktorjubiläum Thaers“ (in der Mitte), „Schafwäsche“ (rechts).

Vor der gegenüberliegenden Stirnwand, also im Blickfeld des in „lebhafter Stellung und Gebärde“ dargestellten Albrecht Daniel Thaer, steht ein Nachbau seines Mögliner Lehrstuhls.

Eine Tafel an der Rückseite des Denkmalsockels lässt uns wissen: „Dieses Standbild von A. D. Thaer wurde anläßlich seines 200. Geburtstages vom Schinkelplatz zu Berlin hierher gebracht.“ Das geschah also im Mai 1952. Fontane konnte das nicht wissen.

Literatur:

Landesdenkmalamt Berlin (Hg.): Denkmale in Berlin, Ortsteil Mitte.

Petersberg 2003, S. 629 ff

Fontane, Theodor: Das Oderland. Kapitel Möglin – Albrecht Thaer. NFA Band X.

München 1960, S. 102 ff

Fontane, Theodor: Unterwegs und wieder daheim. Kapitel Denkmal Albrecht Thaers

zu Berlin. NFA Band XVIII, S. 477 ff

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Brief aus Berlin (13)

– Da springt von hinten einer vor: „Ich heiße Klinke, ich öffne das Tor!“ –

(Fontane: Der Tag von Düppel, Str. 8, 3f)

Das hat er nun davon, unser Dichter!

Wer solche Gedichte schreibt, darf sich nicht wundern, wenn er zehn Jahre nach seinem Tode in die Zeitung kommt.

Eine Jugendsünde ist das Gedicht Der Tag von Düppel – 18. April 1864 ja nicht. Die Hanser-Ausgabe von 1964 vermerkt in den Anmerkungen: „Entstehung: 1873 (?) Veröffentlicht:1875“. Demnach wäre das zehnstrophige Gedicht neun Jahre nach der Düppel-Affäre entstanden. Wie kommen wir darauf?

Da kommt ein Brief aus Potsdam, vom Archiv. Herr Möller schickt die Kopie einer Zeitungsseite: Illustrierte Zeitung Leipzig vom 4. Juni 1908 mit dem Bericht über die Enthüllung eines Denkmals. Am 31. Mai 1908 war nämlich in Spandau vor dem Fehrbelliner Tor das Denkmal „des Düppelstürmers Klinke“ enthüllt worden. „Preußischer Winkelried“, so nannte der Berichterstatter M. R. den Pionier vom Brandenburgischen Pionierbataillon v. Rauch, Nr. 3, der am 18. April 1864 beim Angriff auf die Düppeler Schanzen vor Schanze II gefallen war. „Diese Heldentat“, so heißt es weiter, habe Fontane „in einer Strophe seines (o. a.) Gedichts zuerst verherrlicht.“

„Gibt es das Denkmal noch?“ fragt Herr Möller. Ja, es steht noch immer am alten Platz, der schon lange „Klinke-Platz“ heißt. Das ist nicht selbstverständlich. Seit 1908 hat es zwei Kriege gegeben, in deren Verlauf bronzene Denkmäler in großer Zahl in die Schmelzöfen gewandert sind, Bismarcks darunter, Könige, Kaiser gar. Klinke blieb verschont, obwohl nur ein einfacher Soldat, nicht mal zum Gefreiten hatte er es gebracht. Der Grund? Wir können nur mutmaßen: Klinke stand für eine preußische Heldenlegende – und an der Legende hatte Fontane mitgestrickt.

In Spandau steht das Denkmal deshalb, weil hier das Pionierbataillon v. Rauch in Garnison stand – unter anderer Bezeichnung bis 1945. Was an jenem 18. April 1864 vor der Palisade der Schanze II wirklich geschehen war, die Tat Klinkes und sein Tod, ist bis heute ungeklärt. Es gibt vom ersten Tag an im Grunde zwei Versionen. Fontane gibt in seinem Bericht Sturm auf Schanze II 1) beide Lesarten. Er stellt zunächst den Vorgang nüchtern und plausibel dar. Danach habe den Stürmenden eine Palisade den Zugang zur Schanze II verwehrt. Der Pionierleutnant Diener, ein Unteroffizier, ein Gefreiter und die Pioniere Kitto und Klinke hätten eine Bresche in die Palisade sprengen sollen. Kitto habe den Pulversack, Klinke die Lunte getragen. Die Explosion habe eine Bresche gerissen, Diener und Klinke, die sich nicht schnell genug zu Boden geworfen hätten, seien zur Seite geschleudert und verletzt worden, Diener leicht, Klinke schwer. Klinke sei auf dem Transport zum Lazarett gestorben. Fontane schließt: „…danach wäre Klinke gefallen wie jeder andere; ein braver Soldat, aber nicht mehr.“ 2) Die andere Lesart geht davon aus, Klinke habe sein Leben bewusst aufs Spiel gesetzt und seinen Opfertod zuvor angekündigt: „Herr Leutnant, besser einer als zehn!“ 3) Diese Version fand sogleich Eingang in den Bericht des befehlshabenden Generalmajors v. Canstein: „…wobei der Pionier Klinke, der seine Aufopferung vorher ausgesprochen, den Heldentod fand.“ 4) Fontane beschließt den Abschnitt: „Welche Lesart aber auch immer die richtige sein mag, das Volk wird sich seinen „Klinke“ (nicht) nehmen lassen. Mit der historischen Aufhellung … ist dem Bedürfnis des Volkes nicht immer am meisten gedient.“ 5)

Bei aller Skepsis der Aufopferungsversion gegenüber hat sich auch Fontane um eine „historische Aufhellung“ nicht bemüht, er ahnt vielmehr, dass sich diese Version durchsetzen wird.

In dem Einzugsgedicht Einzug, 7. Dezember 1864 6) erwähnt Fontane in Strophe 5 zwar „Schanze II“, nicht jedoch Klinke. Die Legende hat sich offenbar erst später ausgebreitet. In dem eingangs genannten Gedicht von 1873 (?) hat er sie sich bereits zu eigen gemacht und trägt nun zu ihrer Verbreitung und Popularisierung bei.

Zwanzig Jahre spätere, 1895/97, im 28. Kapitel des Stechlin verbreitet sich Schulze Kluckhuhn – „unser Dorfherrscher“ und „alter Vierundsechziger“, ein Mann aus dem Volke also, im Gespräch mit Melusine über Klinke, Helden und „Mußhelden“. „Klinke mit dem Pulversack, ja, der war bloß was Kleines, aber er war doch groß.“ 7) Da war, dreißig Jahre nach Düppel, Klinke längst zur Legende geworden und zum „preußischen Winkelried“.

1)          Fontane: Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864, Berlin 1866, S. 200 ff

2)          a.a.O., S. 203 f

3)          a.a.O., S. 204

4)          ebenda

5)          ebenda

6)          HFA, Abt. I, Bd. 6, München 1964, S. 234 ff

7)          HFA, Abt. I, Bd. 5, München 1980, S. 263

Lieber Herr Gädtke!

In mehreren Ihrer Briefe aus Berlin, die mit einer reizvollen Mischung aus Gestern und Heute nun schon zum erwarteten und gern gelesenen Bestand unserer Mitteilungen gehören, haben Sie uns in die Invalidenstraße eingeladen. Mit dem Stine-Roman in der Hand konnten wir das mutmaßliche Haus der Witwe Pittelkow begutachten, und gegenüber im Lichthof der ehemaligen Landwirtschaftlichen Hochschule fanden wir das Original-Denkmal Albrecht Thaers und konnten Fontanes Beschreibungen damit vergleichen. Sie teilten mit, dass die Invalidenstraße schon zur Zeit der Romanhandlung anders aussah als geschildert, dass Fontane – wie so oft – in „poetisierender“ Absicht Realitäten ausblendete. In diesem Fall verschwieg er die große Baustelle gegenüber dem Pittelkow-Haus, die zunächst durch den Abbruch der alten Königlichen Eisengießerei, dann durch den Aufbau der naturkundlichen Gebäudereihe über Jahre hin bestand. Sie haben auf vieles hingewiesen, was keiner sieht, der diese Straße nur auf dem Weg zum neuen Hauptbahnhof Berlins durcheilt. An einer Stelle aber versagen Sie dem aufmerksamen Nachwanderer die Auskunft: man sieht etwas, das man sich nicht erklären kann.

Da sitzt auf dem Treppenpodest zum Nebeneingang der ehemaligen Berg-Akademie ein großer schwarzer Hund, nicht besonders schön, aber respekteinflößend, Gott sei Dank aus Metall. Seine Funktion als Wachhund ist angesichts der modernen Überwachungsanlage am jetzigen Ministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen unwahrscheinlich, warum sitzt er da?

Ein probates Auskunftsmittel für Berliner Seltsamkeiten ist allemal Kurt Pompluns Großes Berlinbuch, und auch in diesem Fall enttäuscht es nicht. Unter der Überschrift Berliner Eisen vom Pankeufer wird die Geschichte der Königlichen Eisengießerei unterhaltsam und lehrreich zugleich – wie es die Art dieses Berlin-Feuilletonisten war, beschrieben. Selbst der rätselhafte Hund fehlt nicht:

„Eine letzte Erinnerung an die siebzig Jahre lang betriebene Eisengießerei ist der Bergakademie geblieben. Den östlichen Nebeneingang bewacht der ausweislich eines alten Preis-Courants 1828 gegossene große Wolfshund nach dem in der Florentiner Galerie befindlichen Originale. Derselbe wiegt 9 Zentner, 30 Pfund und kostet 200 Taler.“

Unsere Neugier ist befriedigt. Wenn nicht schön, so ist dieser „Florentinische Wolfshund“ wenigstens klassisch, zu schwer zum Mitnehmen, und war seinerzeit nicht billig.

Als Foto wurde er dennoch mitgenommen und Ihnen, lieber Herr Gädtke, hier vorgestellt von Ihrer Edith Krauß.

PS.: Frage an unsere Leser: Wer kann etwas über das Florentiner Original mitteilen? E.K.

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Brief aus Berlin (14)

Liebe, verehrte Frau Krauß!

Seien Sie herzlich bedankt für den freundlichen Hinweis auf den „großen Wolfshund“, den ich schnöderweise auf dem Treppenpodest zum Nebeneingang der ehemaligen Bergakademie, Invalidenstraße 44, habe sitzen lassen.

Nun hat mir Ihr Brief zwar nicht den Schlaf geraubt, mich aber überlegen lassen, was ich wohl bei den Betrachtungen im Umkreis des „Pittelkow“-Hauses noch alles übersehen, verschwiegen oder ausgeblendet habe. Das ist, ich geb’s zu, eine ganze Menge; nur hat eben nicht alles auf ein paar Briefseiten Platz. Und schließlich sollte alles ja auch einen Bezug zu Fontane haben. Der „große Wolfshund“ ist aber nun mal kein Neufundländer, und über ihn, den Wolfshund, hat Fontane auch nichts gesagt.

Ich will mein Versäumnis aber gerne gutmachen und werfe drum einen Blick auf einen anderen fontaneschen Ort, von dem im Stine-Roman keine Rede ist. Und dankbar nehme ich den Hinweis auf den „neuen Hauptbahnhof“ auf, denn da gibt es etwas, worüber Fontane geschrieben hat1), was aber heute „keiner sieht“ bzw. nicht beachten mag.

Also: „Invalidenstraße zum Vierten“

„Welch höhnische Nachbarschaft! Allmorgens schrillt die Pfeife der Lokomotiven wie ein Signal der Freiheit in die Zellen.“2)

Auch Stine und der junge Graf Haldern haben es nicht gesehen oder nicht beachtet, wenn sie von Stines Fenster aus nach Westen in die untergehende Sonne blickten. Da ging ihr Blick nicht weiter als zu den Türmen des Hamburger Bahnhofs. Und das eben war der Ort, an dem „die Pfeife der Lokomotiven“ schrillte. Der festungsartige Bau mit dem hohen Turm und den Zellen des Gefängnisses lag nur wenige hundert Meter hinter dem Hamburger Bahnhof, eben in der Nachbarschaft und eigentlich kaum zu übersehen.

Dabei hatte Fontane die „Muster-Strafanstalt“ bei Berlin – Moabit gehörte damals noch nicht zum Stadtgebiet – nach der Rückkehr von seinem zweiten Londoner Aufenthalt besucht. 1853 war sein Bericht im Vorabdruck erschienen.3) Da war die Strafanstalt noch keine zehn Jahre alt; als Bauzeit wird ein Zeitraum von 1842 bis 1849 angegeben.4) Noch vor der Fertigstellung waren hier 254 Polen inhaftiert unter der Anklage, als Mitglieder des „Polnisch-demokratischen Vereins“ eine Revolution vorbereitet zu haben. Der Anführer, Ludwig von Mieroslawski, und sieben Angeklagte wurden im November 1847 zum Tode verurteilt. 74 weitere zu langjährigen, z.T. lebenslangen Freiheitsstrafen. Die Urteile wurden jedoch nicht vollstreckt. Denn zunächst legten die Verurteilten Berufung ein, und dann kam der 18. März 1848. Zwei Tage später öffneten sich die Gefängnistore für die polnischen Gefangenen. Der Druck der Berliner Öffentlichkeit hatte den König Friedrich Wilhelm IV. „bewogen, eine Amnestie auszusprechen“, wenn auch höchst widerwillig.5) „Und Mieroslawski,“ so Fontane, „die deutsche Fahne in der Hand, grüßend und begrüßt, hielt seinen historisch gewordenen Umzug.“6)

Politische Gefangene standen also am Beginn der Geschichte des Baus, politische Gefangene sollten auch am Ende stehen.

Teile der Anstalt waren 1942 Militärgefängnis geworden. Wolfgang Borchert war hier acht Monate lang inhaftiert, verurteilt wegen „defaitistischer Äußerungen“. Im Kreis von Kameraden hatte er Witze politischen Inhalts erzählt; einer der „Kameraden“ hatte ihn denunziert. Nach dem 20. Juli 1944 füllten sich zwei Zellentrakte mit 306 Festgenommenen, unter ihnen Yorck von Wartenburg. Fünfunddreißig von ihnen überlebten. Seit Dezember 1944 gehörte auch Albrecht Haushofer zu den Inhaftierten. In den Wintermonaten entstanden im Gefängnis seine Moabiter Sonette.

Am Morgen des 23. April 1945, sowjetische Truppen standen bereits in den östlichen Vororten Berlins, wurde Haushofer zusammen mit 15 Mitgefangenen aus dem Gefängnis geführt und auf dem Gelände jenseits der Invalidenstraße hinterrücks erschossen. Nun, hundert Jahre nach Mieroslawski, gab es keine Berufung, keinen Druck der Öffentlichkeit und schon gar keine Amnestie.

Das waren die alten Geschichten.

Zu ihnen gehört die Nachbarschaft der Bahnhöfe. 1853 war es der alte Hamburger Bahnhof, von dem her die „Pfeife der Lokomotiven“ schrillte, für Wolfgang Borchert war es 1943/44 der Lehrter Bahnhof, von dem herüber bei Tag und bei Nacht die Lautsprecheransagen tönten, „800mal Lehrter Bahnhof“.  Und heute?

Wer den neuen Bahnhof nach Norden verlässt (Ausgang Invalidenstraße), der kann beim Blick über die Straße halblinks das Stück einer gelben Backsteinmauer entdecken, Teil der Gefängnismauer. Das Gefängnis existiert allerdings nicht mehr. 1955 waren die letzten Insassen nach Tegel verlegt worden, bis 1958 wurden die Gebäude abgerissen.

Weshalb aber dann die Mauer, und was verbirgt sich hinter ihr?

Wer die Invalidenstraße überquert, steht alsbald vor einem Durchlass, der Zugang gewährt zu einem Geschichtspark. Eine Informationstafel am Straßenrand erklärt alles.

Das Areal, das die Mauer umschließt, ist zu einem Ort der Stille geworden, eine Oase. Rasenflächen, Bäume, Büsche, Hecken, Bänke, gar ein Kinderspielplatz an einer Seite. Man kann hier sitzen, in der Sonne oder auch im Schatten. Neben der wiederhergestellten Mauer sind einige turmähnliche Gebäude erhalten, ehemals Wohnungen für „Unterbeamte“. Fußhohe Mauern zeichnen die Grundrisse der Zellentrakte nach.

Man kann hier sitzen und ausruhen und, so man will, die Gedanken schweifen lassen. Man muss es nicht. Wer es aber tut, dem mögen Worte in den Sinn kommen, Eichendorff etwa:

„Die Welt treibt fort ihr Wesen,

Die Leute kommen und gehn,

Als wärst du nie gewesen,

Als wäre nichts geschehn.“

 

Oder Haushofer:

„Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt,

ist unter Mauerwerk und Eisengittern

ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern,

das andrer Seelen tiefe Not enthüllt.“

 

Und Fontane zitiert Platen:

„Es scheint ein langes, ew’ges Ach zu wohnen

In diesen Lüften, die sich leise regen.“ 7)

 

Er beschließt den Bericht über seinen Besuch:

„Wir […] eilten ins Freie. Es fiel von uns wie ein Alp, als sich das wuchtige Tor schloß. Wie ein Geschenk des Himmels berührte das alltägliche Schauspiel. Ein leiser Wind machte sich auf, seine Kühle tat wohl. Schweigend trennten wir uns, jeder begierig rasch heimzukehren […], um den Blick zu vergessen, den wir soeben in die Nachtseite des Lebens getan hatten.“8)

 

1)          Fontane, Theodor, Ein Besuch im Zellengefängnis bei Berlin, NFA Bd. XVIII, München 1972, S. 411

2)          Fontane, ebd., S. 413

3)          Fontane, NFA Bd. XVIIIa, Anmerkungen, S. 1002

4)          Geist, Johann Friedrich / Kürvers, Klaus, Das Berliner Mietshaus, Bd. 1, 1740-1862, S. 397

5)          Hachtmann, Rüdiger, Berlin 1848, Bonn 1997, S. 222f

6)          Fontane, ebd., S. 412

7)          Fontane, ebd., S. 412

8)          Fontane, ebd., S. 420

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Brief aus Berlin (15)

Auf dem Gendarmenmarkt

Ich habe da viel angenehme Stunden zugebracht,

aber ein merkwürdiger Platz war es doch auch.1

Der Platz, das ist der legendäre „Parkettplatz Nr. 23“, der „kurulische Stuhl“, von dem aus Theodor Fontane an die 600mal die Aufführungen des „Kgl. Schauspiels“ kritisch beobachtete, 20 Jahre hindurch, von August 1870 bis Dezember 1889. Es werden, wie Friedlaender berichtet, nicht nur angenehme Stunden gewesen sein, die Fontane dort als Rezensent der Vossischen Zeitung zubrachte. Zu dem Engel, der „ewig jubilierend“ über dem Kritikerplatz hing, mochte denn auch manch Seufzer aufgestiegen sein.2 Wer über die Nöte und Unbehaglichkeiten des Rezensenten Genaueres wissen möchte, dem sei die Lektüre der drei Bände Causerien über Theater3 nachdrücklich empfohlen.

Der merkwürdige Platz befand sich im Parkett des Zuschauerraums des Königlichen Schauspielhauses mitten auf dem Gendarmenmarkt, zwischen den beiden Kirchen, allgemein und fälschlich „Dome“ geheißen. Es waren aber nie solche, trotz der beiden markanten Türme von Gontard von 1781/85. Die Türme gehören und gehörten nie zu den Kirchen; sie gehen auf eine Idee Friedrichs II. zurück, dem auf dem Platz einige weitere repräsentative Bauten fehlten.

Zwei Kirchen also, die „Französische Kirche“ für die Gemeinde der französischsprachigen Hugenotten, die „Deutsche Kirche“ für die Gemeinde der deutschsprachigen Schweizer Calvinisten. Noch zu Friedrichs Zeiten, seit 1774, stand in der Mitte des Platzes das „Französische Komödienhaus“. Aus dem wurde 1786 das „Kgl. Nationaltheater“, das sich vornehmlich der Pflege der deutschsprachigen Theaterliteratur widmen sollte. August Wilhelm Iffland unterzog sich dieser Aufgabe seit 1796 mit Erfolg, denn bereits 1802 wurde das alte und zu kleine Komödienhaus durch einen Neubau ersetzt, den Carl Gotthard Langhans entworfen hatte. „Koffer“ nannten die Berliner den Bau despektierlich. Am 29. Juli 1817 brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern ab, mit ihm Kostüme und Dekorationen der Undine (Text: Fouqué, Musik: E.T.A. Hoffmann, Dekorationen: Schinkel). Schinkel erhielt den Auftrag, auf den Fundamenten des Langhans-Baus einen Neubau zu errichten. Bereits 1821 war das neue Haus fertig und konnte mit Goethes Iphigenie auf Tauris eröffnet werden.

Der Schinkel-Bau prägte seitdem das Bild des Platzes, und so sieht ihn der Betrachter auch heute noch. Aber was er sieht, ist gewiss nur die Fassade, die äußere Hülle, wie sie Fontane gesehen haben mag. Und selbst diese war seit dem Bombenangriff vom 23. November 1943 nur noch in Teilen vorhanden. Auch der Platz verlor seinen Namen. Durch „Magistratsbeschluß Nr. 456 vom 29. Juni 1950“ wurde der Gendarmenmarkt in Platz der Akademie umbenannt. 1967 begann dann die langsame Rekonstruktion der äußeren Hülle.

Heute dient lediglich die Französische Kirche ihrem ursprünglichen Zweck. Die Deutsche Kirche beherbergt seit den 90er Jahren die Ausstellung „Fragen an die deutsche Geschichte“. Und das Schauspielhaus mit dem „merkwürdigen Platz“? Es steht da in seiner Hülle, glänzend in „Schinkelsche(r) Linienführung am Platz der Akademie“ – so die Überschrift eines Zustandsberichtes von E. Schwerk im Tagesspiegel vom 18. Januar 1981.

Schinkel also außen. Und innen? Da ist es kein Theater mehr, sondern ein Konzerthaus. Nicht Schinkel mehr, aber gestaltet in „strenger Linienführung und festlichem Charakter der klassizistischen Architektur“! So sah es die Planung nach einem Beschluss des IX. Parteitags der SED von 1976 vor. Das Schauspielhaus als „Zentrum der Pflege der philharmonischen Musikkultur […] in Anlehnung an Schinkel“.4 Seltene Konsequenz: Fast 20 Jahre nach diesem Beschluss wurde das Haus umbenannt – es heißt nun „Konzerthaus“. Aber nicht nur deswegen würde man nach dem Parkettplatz Nr. 23 im Inneren des Hauses vergeblich suchen. Bereits 1905 war u. a. auch der Zuschauerraum des Schauspielhauses umgebaut worden, 1935 folgte ein weiterer Umbau. Und so wird auch der „ewig jubilierende Engel“ seit hundert Jahren verschwunden sein.

Dafür gibt es viel Schinkel außen und „ein bißchen viel Schinkel-Imitation“ innen, so meinte jedenfalls Brigitte Grunert am 28. März 2008 im Tagesspiegel – und manch Berliner wird ihr zustimmen, wenn Frau Grunert fortfährt: „beinahe beklemmend feierlich, gar nicht mehr erhebend, eher biedermeierlich“.

Wie hatte Goethe in seinem Prolog zur Eröffnung des Schauspielhauses am 26. Mai 1821 gesagt?

 

So schmückt sittlich nun geweihten Saal,

Und fühlt Euch groß im herrlichen Lokal …

 

Wir sehen die Dinge heute ein wenig anders, nicht ganz so feierlich – und Fontane mag es auch so gesehen haben, fehlte ihm doch „der Sinn für Feierlichkeit“.

1           Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig, NFA, Bd. XV, München 1967, S. 389

2           Friedlaender, Georg: Ein Gott aus der Provinz, in: Rasch, Wolfgang und Hehle,

Christine (Hrsg.): Erschrecken Sie nicht, ich bin es selbst, Berlin 2003, S. 99

3           Fontane, Theodor: Causerien über Theater, 3 Bde., NFA, München 1964-67

4           Demps, Laurenz: Der Gensd’armen Markt, Berlin 1987, S. 479 f.

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Brief aus Berlin (16)

Fontane am Kamin

„Ich wette, es brennt auch ein Feuer im Kamin.”

Wette verloren. Es brannte kein Feuer. Der Kamin in der Villa Quandt bleibt Dekoration, es würde sonst sehr schnell zu warm im Kaminzimmer. Schließlich soll es ja eine Lange Fontane-Nacht werden an diesem 24. September 2008. Lange Nächte gibt es in diesen Tagen aus fast jedem Anlass. Unlängst lud gar mein Lichterfelder Bäcker zu einer langen Nacht des Backens ein; da konnte man in der Backstube herumwuseln und zusehen, wie die Schrippen braun wurden.

So richtig aber machten sie das vor einigen Wochen in Rom: La Bibbia – giorno e Notte, alle 66 Bücher, 1 189 Kapitel und 31 150 Verse hintereinander weg, sieben Nächte und sechs Tage ohne Pause, eine Marathonlesung, wie die Gazetten schreiben, wenn auch in der Art eines Staffellaufes: ein Leser übergab das Buch dem nächsten. Und irgendwie hatte das ja auch etwas Sportliches: Wer hält am längsten durch? Und was hat das mit Fontane zu tun?

Da kündigt das Fontane-Archiv im Herbst- und Winterprogramm an: Mittwoch, 24. September, 19.00 Uhr Lange Fontane-Nacht: Jürgen Holtz liest Unwiederbringlich … open end, eben.

Der Interessierte ist nun wirklich irritiert. Er greift zum Band 2, Abt. 1 der Hanser-Ausgabe, nimmt die Stoppuhr zur Hand und liest Probe: 3 Minuten je Seite in angemessenem Lesetempo. Bei den 245 Seiten des Romans käme man dann auf 735 Minuten oder 12 und eine Viertelstunde. Beginn der Langen Nacht soll um 19.00 Uhr sein, da wäre man dann ja noch rechtzeitig zum Frühstück wieder zu Hause. Vorrausgesetzt, der Vorleser klappt das Buch nicht vor dem Ende des 34. Kapitels zu und der Zuhörer hält bis dahin durch. Aber er darf ja vorher gehen. Open end eben. Was, mit Verlaub, hat das alles mit Fontane zu tun?

Jürgen Holtz ist ein sympathisch-fürsorglicher Herr: „Ich will Sie nicht strapazieren. Strapaziertsein ist meine Sache.” Er liest ungekünstelt, zurückhaltend, gut artikulierend. Es ist angenehm, ihm zuzuhören. Und so lassen wir uns auf die Düne führen, in das Schloss Holkenäs und schließlich nach Kopenhagen zur Witwe Hansen. Eine Überraschung: die Kapitel 2 bis 5 lasse ich aus.” Also doch nicht alles! Auch die Kapitel 7 und 8 fallen fort. Gegen 21.50 Uhr hat Herr Holtz  – noch ohne hörbare Zeichen von Ermüdung – den Schluss des 11. Kapitels erreicht und schlägt nun eine längere Pause vor. Es gibt einen Schluck zu trinken und einen Happen zu essen, man kann’s gebrauchen. Auch ein paar Sätze kann man wechseln und vor dem Haus die milde Nachtluft atmen. Bis zu dieser Stunde haben alle wacker durchgehalten, aber wird die Kondition reichen? Noch liegen 23 Kapitel vor den Teilnehmern des Marathons – und dann muss der müde Besucher ja noch durch die dunkle Nacht nach Hause ins ferne Lichterfelde. Was wird ihm entgehen, wenn er aufgibt? Ein Stück Literatur oder der endliche Zusammenbruch des erschöpften Siegers?

Wir gaben auf und zogen es – klugerweise? – vor, den Ausgang nicht abzuwarten. Die uns entgangenen Kapitel 12 bis 34 haben wir uns an den folgenden Tagen dann selber vorgelesen, mit großem Genuss. Denn am Ende gilt immer noch:

 

Die Ruh’ ist wohl das Beste Von allem Glück der Welt …

 

Aber wie ist die Antwort auf die Frage: Was hat so ein Lesemarathon zu tun mit der Vermittlung von Literatur, was mit Fontane?

Vielleicht hat ja jemand die richtige Antwort.

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Brief aus Berlin (17)

Schinkelplatz und Chipperfield

Stadtspaziergang im März

Der Spaziergänger tut gut daran, einen Wollschal (Schottenmuster!) fest um den Hals zu wickeln, denn der Märzwind fegt Regen und Graupel über Straßen, Plätze und den Kupfergraben. „März ist noch nicht Mai“, wer sagt es?

Die Mitte der Stadt ist immer noch im Umbau. Kräne, Baugruben, Umleitungen überall. Umso mehr erfreuen Oasen, begrenzte Orte, an denen aus Unfertigem Fertiges geworden ist. So der Schinkelplatz, den wir in unserem 12. Brief (in Nr. 31) als ‚Halbbrache‘ bezeichnet hatten. Nun ist die Platzmitte zu einem kleinen Schmuckstück geworden.

Um einen Springbrunnen mit einer Einfassung aus rotem Granit dürfen sich nun die ‚drei Herren‘ gruppieren. Thaer, Schinkel und Beuth stehen jetzt auf schönen Sockeln wie damals, 1869: roter Granit. Einige der Reliefbilder sind nachgegossen worden und schmücken die Sockel. Auch Thaer hat vier Bronzeplatten wiederbekommen. Die Pflasterung entspricht dem Zustand von 1869: Kleinpflaster in farbigen Ornamenten. Der Blick nach rechts über den Kupfergraben hin zeigt: die Reste vom Palast der Republik sind verschwunden, dafür sticht ein doppelhausgroßer Quader fast störend ins Auge. Die glatten Flächen eines Provisoriums der Kunsthalle sind blau und weiß gestrichen. „Die Wolke“, so heißt der Quader, – nur hat es jemals und irgendwo derart rechteckige weiße Wolken gegeben?

Nach ein paar Gehminuten entlang dem Kupfergraben stehen wir vor der Westfassade des Neuen Museums, 65 Jahre nach der Zerstörung. Der Bau ist innen und außen fertig, Anfang März haben einige tausend Neugierige betrachten können, was da geschaffen worden ist. Uns aber fallen ein paar Namen ein: Stüler und Chipperfield, die Architekten damals und heute, dann aber auch Wilhelm v. Kaulbach, Ludwig Rellstab, Fanny Elsler, Clara Ziegler, Sasha Waltz und, wie könnte es anders sein? Theodor Fontane. Und wie soll das zusammenhängen? Es hängt am Treppenhaus – und an seiner Medea-Aufführung im großen Schauspielhaus am 16. Mai 1872. Aber der Reihe nach.

Im Juli 1851 besichtigte Ludwig Rellstab1  den, auch damals noch unfertigen, Bau des Neuen Museums und berichtete darüber ausführlich.2 Da heißt es u. a.: „Zuvörderst nehmen wir den Treppenraum in Anspruch. Er ist der imponierendste des ganzen Baues … Die Treppenstufen sind von poliertem schlesischen Marmor gearbeitet und steigen zwischen reich mit Werken der Skulptur und Malerei verzierten Wänden auf. … Die Seitenwände der Treppenhalle sind in sechs gleiche Räume getheilt, welche durch sechs große Bilder von Kaulbach  … geschmückt werden. Es sind: die Hunnenschlacht, die Kreuzzüge, die Reformation, der Thurmbau zu Babel, die Zerstörung Jerusalems, und die Blüthe Griechenlands.“

Soweit Rellstab zum Kaulbachschen Programm; die fertigen Wandbilder hat er nicht mehr sehen können, sie wurden erst 1866 fertig gestellt. Rellstab war 1860 gestorben. Auch wir werden Kaulbachs Wandbilder nicht sehen können, denn die Treppenhalle wird kahl bleiben und bar jeden Schmucks. Werden wir Kaulbach vermissen?

Fontane hat die Treppenhausbilder damals gesehen – was hat er dazu gemeint? In den Aufsätzen zur Bildenden Kunst3 werden wir vergeblich danach suchen, erst in den Causerien über Theater werden wir fündig. Am 16. Mai 1872 trat die gefeierte Clara Ziegler aus München als Gast im Kgl. Schauspielhaus auf. Sie gab die Medea, von allen umjubelt, nur nicht von unserem Rezensenten. Der schrieb: „Wenn vor dreißig Jahren über Fanny Elsler geschrieben wurde: ‚Sie tanzt Goethe‘, so darf man füglich von Fräulein Ziegler sagen: ‚Sie spielt Kaulbach‘. Ihr ganzes Auftreten wirkt wie die Treppenhausbilder im Museum; rechts zieht die Christengemeinde, Palmen tragend und Psalmen singend in die Freiheit, links entflieht der ewige Jude, im Hintergrund brennt Jerusalem, und der Hohepriester zückt das Dolchmesser zum Stoß in die eigne Brust.

Liegt es an München? Ist dies die Stätte, wo nach einem noch erst zu findenden Entwicklungsgesetz eine blendende, aber in die Irre gehende Kunst geboren werden mußte, jene Kunst, die das Auseinanderfallen von Schönheit und Wahrheit bedeutet? Die Wahrheit hat weder Kaulbach noch Fräulein Ziegler.“4 Wo aber finden wir die Wahrheit? Vielleicht werden wir ihr näher sein im nüchtern-kahlen Treppenhaus, mit dem Chipperfield an dieser Stelle Stüler interpretiert.

Im April beginnt der Einzug der Exponate, am 16. Oktober wird das Neue Museum eröffnet werden. In diesen letzten Märztagen aber bespielt die erlesene Tanzgruppe von Sasha Waltz die leeren Räume; es soll beeindruckend gewesen sein.

Und womöglich hätte auch eine Fanny Elsler ihre Freude daran gehabt. Auf Kaulbach aber wollen wir, mit Fontane, leichten Herzens verzichten.

 

1           Rellstab, Ludwig, 1799-1860, Schriftsteller, seit 1826 Musikkritiker und              Opernreferent der Vossischen Zeitung

2           Rellstab, Ludwig:  Berlin und seine nächsten Umgebungen. Darmstadt 1854,

S. 126

3           Fontane, Theodor: Aufsätze zur Bildenden Kunst, Teil 1 und 2, NFA,

München 1970

4           Fontane, Theodor: Causerien über Theater, Teil 1, NFA, München 1964,

S. 163f.

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Brief aus Berlin (18)

„Und er soll ihr ja so furchtbar geliebt haben.“ 1)

Mit Fontane am Kleistgrab am Kleinen Wannsee

Bis zum nächsten Fontane-Jubiläum sind es noch zehn Jahre. Heinrich von Kleist hingegen wird bereits 2011 gefeiert werden. Es wird dann eine Fülle von ‚Kleist und …-Aufsätzen‘ geben, vielleicht auch dies und das unter der Überschrift Fontane und Kleist. Wir sind gespannt, denn so ganz eindeutig war das nicht, was Fontane über Kleists Werke zu Papier gebracht hat. Da heißt es etwa über Der zerbrochene Krug:

„Das Stück ist (wahrscheinlich) ein Spielstück. Die Lektüre würde mich nicht enthusiasmiert haben.“ 2) Das war 1872. Vierzehn Jahre später lesen wir in der Rezension einer Aufführung am Kgl. Schauspielhaus: „Man wird seiner [Kleists] nicht recht froh. Es ist ein Lesestück.“ 3)

Wir können es uns also aussuchen. Und lassen uns überraschen, wenn Kundige sich demnächst der Sache annehmen werden. Wir aber wollen Fontane zum Kleist-Grab am Kleinen Wannsee folgen. Irgendwann in den 80er Jahren des 19. Jh.s ist er dort gewesen. Im Dreilinden-Kapitel finden wir seinen Bericht. Gern wären wir seinen Spuren gefolgt, aber das geht nicht mehr. Fontane kam damals offenbar zu Fuß von Dreilinden her, dem bescheidenen Jagdschloss des Prinzen Friedrich Karl, das „eher ein Jagdhaus war, klein und [… in der] Art einer Villa von acht Zimmern“. 4) Wir werden nur den Ort finden, an dem es stand, „dem Forsthaus nebenan“; es ist 1955 abgerissen worden. Das Forsthaus steht noch am alten Platz.

Von dort zum Kleist-Grab sind es „etwa tausend Schritt“, und zwar immer geradeaus. Das geht heute nicht mehr, denn die inzwischen mehrgleisige Bahntrasse lässt sich so nicht überqueren. Umwege wären also nötig. Vom Bahnhof Wannsee aus ist es aber auch nicht weiter.

Wir überqueren vom Kronprinzessinnenweg her – kein Wiesenpfad wie damals – die Königstraße, gelangen in die Bismarckstraße und stehen – Hausnummer 3/4 – vor einem hölzernen Hinweisschild, das uns zum Kleist-Grab weist. „Frieden hier suchte des Dichters ruhlose Seele. Schont darum die Natur, die ihn hier liebend umfängt.“ So steht es am Wegweiser, und so wollen wir es halten. Links vom Eingang eine Tafel mit dem Bilde der Henriette Vogel und einer Kopie des Abschiedsbriefes. Daneben: Fotos von Schüler-Aufführungen: Der zerbrochene Krug und Amphitryon. Nicht repräsentativ das, aber anrührend. So gestimmt folgen wir dem wohlbefestigten breiten Fußweg, der unter hohen Bäumen – Ahorn, Eiche, Buche, Eibe – in sanfter Biegung abwärts führt. „Düsterer Charakter“ vermerkt Fontane, und auch heute, bei hellem Sonnenschein, ist es schattig. Auf halber Höhe, „seitab im Schatten“, das Kleist-Grab. Der Fußweg führt weiter abwärts zum Ufer des Kleinen Wannsees; zwei Bänke stehen dort im hellen Licht. Die Grabstelle ist an drei Seiten eingefasst von einem kniehohen Eisengitter; in der Mitte zwei Grabsteine: ein hoher aufrechter Quader für den Dichter, daneben, niedrig und pultartig abgeschrägt, der Stein für Henriette Vogel. Fontane schreibt noch von einem „abgestuften Obelisken“,  aber der ist spätestens 1936 durch den Stein ersetzt worden, den wir heute sehen.

Schattig ist es unter den hohen Bäumen, mitunter wohl etwas düster – aber ein vergessener Ort ist es nicht.

Fontane fand einen Feldblumenstrauß auf dem Stein, und Blumengrüße finden sich auch heute fast  jedem Tag. Ich aber fand ein Zettelchen, abgerissen, wie es schien, von einem Notizblock, beschwert mit einem Kiesel. Drauf stand in flüchtiger Handschrift:

„One‘s spirit is not where one‘s body is buried.“

Und auf der Rückseite konnte ich lesen:

„… as self-consciousness grows dimmer and weaker gracefulness appears more radiantly + dominantly“ (H.v.K.: Engl. translation)

Behutsam legte ich das Zettelchen zurück und den Kiesel drauf. Menschen trifft man häufig, dann und wann auch eine kleine Gruppe. Und neulich, so hörte ich, sei auf der Bank im Schatten gar ein Chinese gesessen, der – in einem Reclam-Heftchen? – Kleist las.

„Heiterkeit, die, von alter Zeit her, allen Gräberbesuch auszeichnet“, darauf ist Fontanes  Schilderung gestimmt. Dazu trägt nicht zuletzt jene „Partie“ kleiner Leute „mit ausgesprochenem Bourgeoischarakter“ bei, auf die Fontane wie zufällig trifft – oder hat er die gar erfunden? Vier Personen sind es: der Vater, die Mutter, die Tochter (Anneken) und der „in dem doppelten Abhängigkeitsverhältnis von Geschäft und Liebe“ stehende junge Mann – Herr Behm. Dazu der munter blaffende Pinscher: die Bourgeoisfamilie auf Pilgerfahrt! Ihre Dialoge sind kleine Kabinettstücke. Die Tochter: „Er soll ja so furchtbar arm gewesen sein; solch berühmter Dichter! Ich kann es mir eigentlich jar nich denken.“ Der Vater: „Aber […] arm waren damals alle. Und dann dieser Kladderadatsch und diese Schlappe. Na, Gott sei Dank, so was kommt nich mehr vor. Davor haben wir jetzt Bismarcken.“ Die Mutter: „Ach, Herrmann, laß doch den. Hier sind wir ja doch bei Kleisten. Und arm? Ich hab es janz anders gehört; um die kranke Frau war es. Und er soll ihr ja so furchtbar geliebt haben.“ Der Vater: „I, Gott bewahre.“ Und dann „las die Tochter die Verse auf dem Stein laut, und alle wurden still und diese Stille wirkte wie Huldigung und Gebet.“ Ein Augenblick der Feierlichkeit, nur der Rattenpinscher macht mit einem Unmutsblaff ein Ende. Also doch: Kein Sinn für Feierlichkeit.

Und was wird aus dem Versuch des unglückseligen Herrn Behm, noch ein literarisches Gespräch einzuleiten? Kleists Käthchen kennen alle in der Runde, sonderbarerweise. Ein ‚holdseliges Geschöpf‘ nennt es der junge Mann; die beiden Damen sind anderer Meinung: Anneken: „Ich weiß nicht … ich find es bloß unnatürlich, immer so nachlaufen und sich alles gefallen lassen. Und es verdirbt auch die Männer, die schon nichts taugen.“ Die Mutter drauf: „Recht, mein Anneken. Ja, Herr Behm, Anna hat Recht.“ Viel Glück in der Ehe, junger Mann! Uns tröstet der Feldblumenstrauß, den Fontane auf dem Stein gefunden hatte: „Eine Hand voll Liebe besiegt jedes Geschick.“

Bleibt ein Blick in die Zukunft. Einer Zeitungsmeldung vom 16. Juni zufolge hat der Kulturstaatsminister im Bundesetat ein paar Millionen lockermachen können, mit denen er Vorhaben zum 200. Todestag Kleists finanzieren will. U.a. soll ein Wettbewerb zur Neu- und Umgestaltung der Kleist-Grabstelle am Kleinen Wannsee ausgeschrieben werden. Hoffen wir, dass sich da nicht wieder jemand verhebt. Vielleicht genügte es ja, die Grabstätte wie sie ist, regelmäßig zu pflegen. Muss es immer gleich „Neu- und Umgestaltung“ sein?

 

1)         Dieses und alle folgenden Zitate zur Kleist-Grabstelle: Fontane, Theodor:                        Kleists Grab, in: Fünf Schlösser, NFA, Bd. XIII, München 1960, S. 385 ff

2)         ders.: Literarische Essays und Studien, NFA, Bd. XXI/1,

München 1963, S. 48

3)         ders.: Causerien über Theater, NFA, Bd. XXII/2, München 1964, S. 429

4)         ders.: Dreilinden im Sonnenschein, in: Fünf Schlösser, NFA, Bd. XIII,

München 1960, S. 324

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Brief aus Berlin (19)

Fontane und die Große Hamburger Straße

„Kennst Du, Wanderer sie nicht,

so lerne sie kennen…“

Beide Zeilen stammen nicht von Fontane, sie beziehen sich auch nicht auf ihn und nicht auf die Große Hamburger Straße; er hätte sie immerhin erwähnen können. Wer aber ist sie?

Ostern 1835 war Fontane mit und in seiner Onkel-August-Pension von der Burgstraße in die Große Hamburger Straße gezogen, in einen Neubau, der „dennoch halb verfallen, hässlich und gemein“ war. Man war, der billigeren Miete halber Trockenwohner, und das Zimmer, das Fontane bewohnte, sei „so feucht“ gewesen, „daß das Wasser in langen Rinnen die Wände hinunterlief“.

Das Haus werden wir heute vergeblich suchen, und selbst, wenn wir nur die Stelle suchen, an der es einst gestanden hat, kommen wir in Schwierigkeiten. Denn die Ortsangaben, die sich in „Von Zwanzig bis Dreißig“ finden, führen eher in die Irre.

Fontane gibt an, der Seitenflügel des Hauses trenne dieses „vom alten Judenfriedhof“ ab. Deshalb wurde das Haus Nr. 25 eine Zeitlang als das bewusste Haus angesehen. Denn der Seitenflügel dieses Hauses reicht unmittelbar an den alten Jüdischen Friedhof heran. Hans Werner Klünner hat nachgewiesen, dass das so nicht sein kann, denn das Haus Nr. 25 ist erst 1846 errichtet worden. Dem folgt auch Heinz Knobloch; und in der Fontane-Biographie von Helmuth Nürnberger findet sich ein Foto des viergeschossigen Doppelhauses, Hausnummer 30/31. Nur ist der Friedhof, an den der Seitenflügel dieses Hauses grenzt, der ehemalige Friedhof der Sophienkirche. Und diese Kirche ein Barockbau von 1713, muss Fontane direkt vor der Nase gehabt haben. Nur sagt er nichts darüber.

Hier stand das Haus; es ist aber 1905/1906 abgerissen worden. An seiner Stelle stehen zwei „mit Verstand angelegte“ Wohnhäuser, die zudem den Blick auf die Sophienkirche freigeben und den Zugang zur Kirche flankieren.

Und Fontane mag auf vertrackte Weise sogar Recht gehabt haben, denn: Als mit dem Bau der Kirche begonnen wurde, zeigte es sich, dass das Baugelände nicht reichte. „Da schenkte die jüdische Gemeinde ein Stück ihres Friedhofes, das noch brach lag.“ Fontane dürfte hiervon nichts gewusst haben.

Der Alte Kirchhof der Sophien-Gemeinde: seit 1713 wurde hier bestattet, 1853 wurde der Kirchhof geschlossen. Noch sind einige Grabstätten vorhanden: Carl-Friedrich Zelter ist hier beigesetzt worden, 1832. Ein Handwerkermeister, der Komponist und Dirigent wurde, Mitglied der Königlichen Akademie der Künste und Professor der Universität; Brieffreund Goethes, de er regelmäßig im Herbst ein Körbchen mit Teltower Rübchen nach Weimar sandte. 1771 hatte er, noch Lehrling, geholfen, das Grabgewölbe unter der Sophienkirche zu mauern. An der rechten Seitenwand des Kirchhofs ist die Grabstelle Leopold von Rankes. Und dann ist in die Westfassade der Kirche eine Grabplatte eingelassen. Da steht es:

 

HIER RUHT ANNA LOUISA KARSCHIN

GEBOHRENE DURCHBACH

KENNST DU WANDERER SIE NICHT

SO LERNE SIE KENNEN

 

Die Karschin starb 1791; einige hatten sie die deutsche Sappho genannt.

Fontane jedenfalls kannte sie nicht.

 

Und der andere Friedhof?

Es ist der älteste jüdische Friedhof Berlins, angelegt 1672. Bis 1827 bestattete die jüdische Gemeinde hier ihre Toten. Unter ihnen Markus Herz, der Arzt, der bei Kant Philosophie studiert hatte und Leiter des jüdischen Krankenhauses (in der benachbarten Auguststraße) war. 1779 hatte er Henriette Herz geheiratet. In ihrem Salon entwickelte sich das erste Zentrum der Berliner Romantik. Markus Herz starb 1803, Henriette 1847. 1775 war hier auf dem Friedhof  Nathan Ephraim begraben worden, Schutz- und Münzjude Friedrichs II. Er hatte sich das schöne Palais erbauen lassen, in dem heute das Märkische Museum Bilder zeigt. Und schließlich liegt Moses Mendelssohn (1729-1786) hier, der große jüdische Philosoph.

Auch ihre Grabstätten sind auf diesem Friedhof nicht mehr auffindbar. 1943 hatte die Gestapo alle Gräber eingeebnet; die ca. 3000 Grabsteine sind verschwunden. Nur einer steht noch, der des Moses Mendelssohn. Er steht an der vermuteten Grabstelle, eine Nachbildung aus der Nachkriegszeit.

Bis vor kurzem war der Friedhof eine Grünanlage. 2008 wurde der Platz restauriert und zur Straße hin durch ein Gitter geschlossen. Das Tor ist aber tagsüber geöffnet. Eine Tafel neben dem Tor bittet die Besucher, der Würde des Ortes eingedenk zu sein. Männliche Besucher sind gehalten, den alten Friedhof nur bedeckten Hauptes zu betreten.

Und dann ist da noch, links neben dem Eingang, das Denkmal von Will Lammert aus dem Jahr 1957, das an den Standort des 1943 zerstörten jüdischen Altersheims erinnert und an die ca. 50 000 Menschen, die von hier aus nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert worden sind – hier war das Sammellager.

Eine kleine Straße, die Große Hamburger Straße, nur 40 Hausnummern. Aber welche Geschichte, welche Geschichten! Dass Fontane hier einige Jahre gelebt hat, ist, daran gemessen, nur eine winzige und wohl eher unbedeutende Episode gewesen.

 

Noch eine Zugabe gefällig?

Am Eckhaus zur Krausnickstraße findet sich eine Tafel an der Hauswand. Sie erzählt eine Episode aus den Tagen der Märzrevolution 1848. Hier befand sich eine Barrikade, um die erbittert gekämpft worden war, und in der unmittelbaren Nachbarschaft ein katholisches Spital, in dem Kranke von Ordensschwestern gepflegt wurden. Am 18. März wollte eine wütende Volksmenge in das Spital eindringen – eine Ordensschwester stellte sich der Menge in den Weg. Sie sollte erklären, „mit wem sie es halte“.

Ihre Antwort: „Wir pflegen Eure Brüder und Schwestern. Wir halten es mit unseren Armen und Kranken“. Da schlug die Stimmung um. Die Schwestern bekamen eine Ehrenwache vor dem Spital, in das nun 35 Schussverletzte aufgenommen wurden.

Was man so alles erfahren kann, wenn man den Spuren Fontanes nachgeht.

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Brief aus Berlin (20)

Fontane zum 112. Todestag

“Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut…” (Meine Gräber, 1888)

So hatte er es also vorhergesehen, so kam es zehn Jahre später und so ist es bis heute geblieben: Kein Erbbegräbnis für Emilie und Theodor Fontane auf dem Friedhof der Französischen Kirche zu Berlin. Ein Ehrengrab, immerhin.

Aber zum 112. Todestag konnten wir nicht einfach einen bunten Herbststrauß aufs Grab legen wie in jedem Jahr, denn an diesem 20. September 2010 gab es ein viel größeres Geschenk für den großen Alten: eine Dokumentationsstätte.

Der Ort ist die schmucklose, seit Jahren vernachlässigte Grabkapelle. Die ist nun innen und außen, vom Fundament bis zum Giebel sorgsam saniert worden und bietet Raum für eine Dauerausstellung, die auf schöne und anschauliche Weise vom Leben und Schaffen Fontanes erzählt.

Wer sonst darf sich solcher Verehrung rühmen? Wer aber hat sich’s ausgedacht, wer hat’s ausgeführt, wer hat’s am Ende bezahlt? Vor allem – wem dürfen wir danken?

Herrn Bierbach, dem Secrétaire des Consistoriums und Herrn Duvigneau von der Bau- und Finanzcommission der Französischen Kirche? Der Berliner Gartendenkmalspflege beim Landeskonservator? Den Damen und Herren um Frau Machner vom Stadtmuseum Berlin?

Die Erneuerung der Grabkapelle mit der Ausstellung ist Teil einer umfassenden Wiederherstellung des historischen Friedhofs an der Liesenstraße. So sind die halbzerfallenen Wandgräber restauriert worden, die Grabinschriften sind wieder lesbar. Die Hauptwege sind befestigt, zu beiden Seiten der Mittelallee sind junge Maulbeerbäume gepflanzt worden. Über die Mittelallee gelangen wir zu dem Obelisken, der so etwas wie den Mittelpunkt der Friedhofsanlage ausmacht. Auch dieses Denkmal von 1876 ist restauriert worden. Wir können lesen:

 

„A ses membres morst pour le Roi et la Patrie

l’eglise francaise du refuge l’eglise de Berlin“

 

Und gehen wir weiter auf die Grabkapelle zu. Durch die Glastür blickt uns von der Rückwand her Fontane entgegen, so wie er auf dem runden Sockel seines Denkmals am Rande des Tiergartens steht. Der Raum erhält sein Licht von sechs Säulen, die von innen erleuchtet sind. Wir sehen Reproduktionen von Bildern, Zeichnungen, Fotografien, Textauszügen und Faksimilewiedergaben von Briefen und Entwürfen, die das ganze Leben Fontanes umfassen. Sechs leuchtende Säulen, jede einem Lebensabschnitt gewidmet:

Kindheit und Jugend – Apotheker und Poet – Der Journalist – Wanderungen  – Der Erzähler – Der alte Fontane.

An beiden Seitenwänden zeigen farbige Wiedergaben Stadtansichten der Fontanezeit. Julius Jacob ist mehrmals vertreten, daneben Eduard Gaertner, Friedrich Stahl und Paul Hoeshagen. Und gegenüber märkische Landschaften von Eduard Gaertner, Julius Jacob, Carl Blechen, Wilhelm Barth und Paul Flickel.

Nichts Neues für den Fontanekenner, aber es ist gut, an diesem Ort Bekanntem zu begegnen. Und für den fremden Besucher? Der mag sich auf anschauliche Weise umfassend über Fontane informieren, und er mag gar einen Hauch der Zeit verspüren, die so lange vergangen ist. Und könnte das gar ein Ort sein für Schülerinnen und Schüler, die ein Referat vorzubereiten haben?

Wer hat das alles zusammengetragen und ausgewählt für diesen Ort der Information und der Erinnerung? Frau Machner vom Stadtmuseum Berlin? Und sicher sie nicht allein.

Bleibt die Frage: Wer hat’s bezahlt? Und da darf man willkürlich an einen Louis-Henri Fontane denken, der das Vermögen der Familie verspielt hatte, erst in Neuruppin und dann noch einmal in Swinemünde. „Und ich spielte noch dazu herrlich schlecht. Und dabei bin ich mein Geld losgeworden“, so das späte Eingeständnis des Vaters.

Die kleine Tafel neben dem Eingang verrät es uns: Finanziert von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie. Und so geht unser Dank am Ende an all die, die jede Woche ihre Kreuzchen machen und ihr Geld verjuxen in der vergeblichen Hoffnung auf einen hübschen Gewinn. Der Gewinner aber heißt am Ende Theodor Fontane!

 

PS der Redaktion:

Montag bis Donnerstag, jeweils 9 bis 16 Uhr und Freitag 9 bis 15 Uhr oder sonst nach vorheriger Anmeldung über das Gemeindebüro (Tel. 030-892 81 46) oder das Kirchhofsbüro (030-494 53 79) lädt die Ausstellung derzeit Interessierte zum Besuch ein. Man erreicht den Friedhof vom Bahnhof Berlin-Friedrichstaße mit der U6 (Richtung Alt-Tegel) bis Station Schwartzkopfstraße, dann ein kurzer Fußweg in Fahrtrichtung bis zur Liesenstraße).

Seit dem 6. Oktober 2010 hat die Fontane-Büste des Dresdner Bildhauers Peter Fritzsche – Insider wissen, dass diese bisher auf dem Potsdamer Bassinplatz nahe der Benkertstraße und gewissermaßen mit Blick zum ehemals in einem der Gontardschen Häuser beheimateten Fontane-Archiv ihren Standort hatte – nun endlich ihren neuen Platz gefunden. Ganz wie es sich gehört, schaut Theodor Fontane nun wieder auf sein Archiv am Potsdamer Pfingstberg in der Großen Weinmeisterstrasse.

Neu ist nicht nur der Standort, sondern auch der Sockel aus patiniertem Stahl, geschaffen vom Potsdamer Bildhauer Christian Roehl.

Besucher des Archivs werden nun also ihre Bekanntschaft mit Fontane erneuern können, sozusagen aus veränderter Perspektive und mit sicherlich neuer Betrachtungsweise. (Red.)

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Brief aus Berlin (21)

Ein Blick in das Besucherbuch der Fontane-Ausstellung in der Kapelle des Friedhofs an der Liesenstraße

„Es lebe Fontane!“ So steht es unterm 20. Dezember 2010 im Besucherbuch, das seit einiger Zeit in der wiederhergestellten Grabkapelle ausliegt. Da hatte sich der Leistungskurs Deutsch eines Gymnasiums die kleine Ausstellung angesehen.

Eine Klasse 9a war schon am 26. November dort gewesen, „auf Fontane-Tour durch Berlin-Mitte“ und vermerkt: „Danke, Ihr seid die Besten!“ Das Danke bezog sich auf den „gelungen gestalteten Ort.“

Andere haben sich erst einmal umgeschaut: „Schön, dann werde ich also mit meinen Schülern herkommen.“ (D. M. aus Berlin, 21.03.2011)

Eine Gruppe aus Münster war allerdings schon am 20.10.2010 am Ort gewesen: „Super Ausstellung über „Streichung“ Fontane.“ (Michaela, 13 Jahre) „Die Gedichte, die er geschrieben hat, sind wundervoll und vollgebracht (!). Sie reimen sich und passen auch!“ (Michelle, 14 Jahre).

Es ist eine überschaubare Zahl von Einträgen, die das Buch enthält. Massen von Besuchern sind an einem Ort wie diesem nicht zu befürchten. Aber täglich kommen interessierte Menschen, und einige von ihnen, sicher nicht jede oder jeder, nehmen sich Zeit für einen Eintrag. Und manch kluger Gedanke findet seinen Niederschlag.

Etwa: „Gute Anregung für andere historische Friedhöfe.“ (B. und R. B. aus Friedersdorf)

„Vielen Dank für die kleine Ausstellung – eine sehr gute und weise Idee in diesem alten Friedhofsgebäude.“ (Dr. R.M., 1.11.2010)

„Gut, dass Sie statt einer Gedenkstätte eine Bildungsstätte eingerichtet haben. Gedenkstätten gibt es genug.“ (P.W., Weimar, 23.11.2010)

Ein „begeisterter Fontane-Leser und Liebhaber der Mark Brandenburg“ (R. aus Nürnberg) trägt am 4.04.2011 ein: „Eine sehr schöne, vor allem informative Ausstellung. Leider ist sie viel zu wenig bekannt.“

Ein A. K. am 18.04.2011: „Es ist immer wieder schön, dem alten Fontane zu begegnen. Und immer erfährt man Neues, wenn es auch nur Kleinigkeiten sind. Schön, daß es diesen Ort nun gibt. PS/ Diese märkische Bescheidenheit tut gut.“

M.S. am 19.11.2010: „Es ist toll gemacht und wirklich schön. Ich freue mich, hier gewesen zu sein.“

Nicht alle sehen das so: „Mir ist langweilig hier …“

J.K dagegen: „An einem kalten Tag im November wird mir warm ums Herz bei einer so gelungenen Ausstellung.“

Natürlich geht es auch kürzer: „einfach Woah!“ (L. D., 27.11.2010)

und gleich darauf: „Stimme ich zu.“ (S. R., 27.11.2010)

Wir aber wollen es mit Dr. R.K. halten: „Eine wunderbare Wiederbegegnung.“

Und schließen wollen wir mit Chr. am 31.03.2011: „Danke, daß hier endlich ein würdiger Platz für Fontane entstanden ist.“

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