„Brief aus Berlin“ (32): Die (Staats-) Oper unter den Linden

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Von Georg Bartsch

Die älteste der Berliner Opern ist zugleich die jüngste. Nach sieben Jahren der Sanierung und einem ursprünglich für 2013 geplanten Wiedereinzug, wird die Lindenoper in diesem Herbst neu eröffnet.

Ursprünglich entworfen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff gehört sie neben anderen Gebäuden wie der Hedwigskirche (St.-Hedwigs-Kathedrale), dem Prinz Heinrich Palais (der heutigen Humboldt-Universität) und der Bibliothek (von den Berlinern liebevoll „Kommode“ genannt und heute die juristische Fakultät der Universität) zum Forum Fridericianum, einem Gebäudeensemble rund um den Opernplatz (den heutigen Bebelplatz). Friedrich II., genannt der Große, hatte in Distanz

zum Schloss – wir erinnern an das angespannte Verhältnis zu seinem Vater, König Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig – hier sein eigenes Zentrum errichten lassen.


Die Staatsoper Unter den Linden, Foto: G. Bartsch

König Friedrich II. ließ das erste nicht als Teil einer Schlossanlage geplante, sondern freistehende und damals größte Operngebäude in Europa, errichten. Er hatte seinen eigenen Eingang zur Königsloge über den vorgelagerten Apollosaal und konnte so vom Kronprinzenpalais her, seinem Berliner Wohnsitz, eintreten. (Die Schlussszene der Verfilmung von Effi Briest durch Hermine Huntgeburth im Jahre 2009 wurde hier gedreht.) Im August 1843 brannte das Haus bis auf die Grundmauern nieder. König Friedrich Wilhelm IV. ließ es nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans, dem Sohn von Carl Gotthard Langhans, nach dessen Entwurf das Brandenburger Tor entstand, wieder aufbauen.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Richard Strauss Hofkapellmeister des Hauses. Nach Zerstörung durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg 1941 wurde von höchster Stelle der Wiederaufbau befohlen. Im Dezember 1942 fand die Neueröffnung mit Die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler statt. Nach erneut schweren Zerstörungen im Februar 1945 wurde das Haus nach Entwürfen von Richard Paulick wieder aufgebaut und 1955 erneut mit Wagners Die Meistersinger von Nürnberg eröffnet. Wie viel alte königliche Oper noch in dem Bau steckt, ist nach diesen häufigen Zerstörungen fraglich. Dennoch weht ein Hauch der großen Namen von Künstlern und Gästen über diesem Ort. Hier lernte Rahel Varnhagen den Grafen Karl von Finckenstein kennen. Hier hatte der Tenor Albert Niemann ab 1866 als Kammersänger besonders in Wagner-Aufführungen große Erfolge. Hier besuchte Emilie Fontane mit Tochter Martha im Dezember 1882 eine Aufführung von Wagners Tristan und Isolde. Und am 8. April 1884 schreibt Fontane in einem Brief an Martha: „George, der Dich herzlich grüßt, ist seit vorgestern bei uns; gestern wohnte er der ersten Aufführung der Walküre im K. Opernhaus bei und kam entzückt nach Hause. Er kennt die Oper in jedem Ton und Takt auswendig und hat denn auch im Detail eine Menge Fehler und Auslassungen entdeckt.“

Fontane selbst ist wohl nie in der Oper gewesen, mit Ausnahme seines Besuches im Festspielhaus in Bayreuth im Juli 1889. An Karl Zöllner schreibt er über seinen Besuch im Festspielhaus:

„Sonntag Parsifal, Anfang 4 Uhr. Zwischen 3 und 4 natürlich Wolkenbruch; für zwei Mark, trotzdem ich ganz nahe wohnte, hinausgefahren. Mit aufgekrempten Hosen hinein, alles naß, klamm, kalt; Geruch von aufgehängter Wäsche. 1500 Menschen drin, jeder Platz besetzt. Mir wird so sonderbar. Alle Thüren geschlossen. In diesem Augenblicke wird es stockduster, nur noch durch die Gardine fällt ein schwacher Lichtschimmer, genau wie in Macbeth, wenn König Duncan ermordet wird. Und dann geht ein Tubablasen los, als wären es die Posaunen des letzten Gerichts. Mir wird immer sonderbarer und als die Ouvertüre zu Ende geht, fühle ich deutlich, ‘noch 3 Minuten und Du fällst ohnmächtig oder todt vom Sitz!’Also wieder ’raus. Ich war der Letzte gewesen, der sich an 40 Personen vorbei bis auf seinen Platz, natürlich neben der ‘ Strippe’, durchgedrängt hatte und das war jetzt kaum 10 Minuten. Und nun wieder ebenso zurück. Ich war halb ohnmächtig, aber ich that so, als ob ich’ s ganz wäre, denn die Sache genirte mich aufs äußerste. Gott sei Dank, wurde mir auf mein Pochen die Thüre geöffnet und als ich draußen war, erfüllte mich Preis und Dank.“

So schreibt der Fontane, der 20 Jahre im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt im meist vollen Theatersaal saß. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln und muss Emilie widersprechen, die meint:

„Was Du über Bayreuth schreibst, ist mir sehr interessant, ich meine aber Du gehörst mehr hin wie Engländer u. Amerikaner, denn es kommt doch auf das Verständnis an, u. das, selbst das Musikalische, stell ich bei Dir höher.“


Festspielhaus Bayreuth, Foto: G. Bartsch

Fontane hat sich intensiv mit den Texten von Wagners Der Ring des Nibelungen auseinandergesetzt, die jedoch nur im Klang der Musik verständlich sind. Das Zusammenwirken von Tanz, Oper und Schauspiel beachtet Fontane nicht, wenn er die Opern Wagners auf den Text reduziert. Dabei waren nicht nur Wagner, sondern auch Fontane, die Die Serapionsbrüder von E. T. A. Hoffmann bekannt, wo es heißt: „Ist denn nicht vollkommene Einheit des Textes aus der Musik nur denkbar wenn Dichter und Komponist eine und dieselbe Person ist?“

Fontanes musikalisches Verständnis jedoch war wenig ausgeprägt. Wie anders ist zu erklären, dass er nach der Ouvertüre das Festspielhaus verlässt, noch bevor die eigentliche Handlung beginnt und überhaupt ein Wort gesungen ist. Dies und eine persönliche Verachtung des Künstlers Wagner hören wir mit, wenn wir lesen:

„… überall zappeln die niedrigsten Triebe, die commissesten Gemeinheiten, wie sie nur ‘Götter’ leisten können, um mich herum, allerniedrigste Triebe, die dadurch so widerwärtig wirken, dass man Richard Wagner immer persönlich mitzappeln sieht. Der Sanspareil in dieser Genossenschaft ist immer er, und so wird das objektiv schon Häßliche durch das subjektiv Mitengagirtsein des Dichters noch viel viel häßlicher. Und nun das große Ziel, das Welten-Räthsel und das erlösende Wort, worauf läuft es hinaus? auf Richard Lucae’s so gern citirtes Wort: ‘Vater, koof mir ’nen Appel.’ Ja, leider noch nicht mal auf diesen Satz, der wenigstens an schöner Klarheit nichts zu wünschen übrig läßt. Bei Wagner liegt es aber so, daß man nicht recht weiß, ob er nicht statt des ‘Appels’ doch eigentlich einen sauren Hering meint. Es ist, aller glänzenden Recapitulationen unerachtet, doch in einer totalen Confusion stecken geblieben, deshalb stecken geblieben, weil er sich eine Aufgabe stellte, die entweder überhaupt nicht zu lösen war, oder für die wenigstens seine Kräfte, so respektabel sie an und für sich waren, nicht ausreichen.“

Fontane hat sich in seinem Werk immer wieder mit dem Phänomen Wagner auseinandergesetzt, dem Wagner, der schon zu Lebzeiten internationale Erfolge feierte und selbst von Kaiser Wilhelm I. und der britischen Königin Victoria empfangen wurde, internationale Anerkennung also, obwohl Wagner nach Fontanes Meinung mit seiner Aufgabe gescheitert sei, eine Anerkennung von höchster Seite, die sich Fontane gewünscht, aber so nicht erhalten hat, wie wir dem Gedicht nach seinem 75. Geburtstag entnehmen:

„Hundert Briefe sind angekommen,
Ich war vor Freude wie benommen,
Nur etwas verwundert über die Namen
Und über die Plätze, woher sie kamen.“

Wir aber freuen uns darauf, FRIDERICUS REX APOLLINI ET MUSIS ohne Bauzaun zu sehen, und die Wiedereröffnung der Oper, so denn der Zeitplan eingehalten wird, was ja in Berlin immer mit einem Fragezeichen verbunden ist. Und freuen uns darauf, dass langsam absehbar wird, wie der Prachtboulevard Unter den Linden ein Stück mehr in neuem Glanz erstrahlt und in wenigen Jahren das Humboldt-Forum und die U-Bahn Linie fertig gestellt sein werden.

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