„Brief aus Berlin“ (29): Begegnung mit August Kopisch

Die „Briefe aus Berlin“ erscheinen in den „Mitteilungen“ der Fontane Gesellschaft und werden auf der Website ebenfalls zugänglich gemacht.

Von Georg Bartsch

Die Friedrichstraße hat im Laufe der letzten 300 Jahre ihr Gesicht mehrfach grundlegend verändert. König Friedrich I. benannte sie nach sich, die parallel verlaufende Charlottenstraße nach seiner Frau Charlotte und die Wilhelmstraße nach seinem Sohn, dem späteren König Friedrich Wilhelm I. Wir bleiben heute am Haus Nr. 218 stehen. Eine Gedenktafel erzählt uns, dass hier das Apollo-Theater stand, in dem am 1. Mai 1899 Paul Linckes Operette Frau Luna uraufgeführt wurde. Jedes Jahr im Juni, zum Ende der Saison, lassen die Berliner Philharmoniker die Waldbühne vibrieren und es schallt durch die Nacht: „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“, ein Gassenhauer, mit dem sich der Berliner gerne selbst feiert. Nichts erinnert in der heutigen Geschäftsstrasse an die damalige Vergnügungsmeile mit Theatern, Varietés und ‚Damen mit zweifelhaftem Ruf‘. Im Roman fragt der alte Treibel: Wird die Panke zugeschüttet, oder, was so ziemlich dasselbe sagen will, wird die Friedrichstraße sittlich gereinigt? Und wenn wir schon unsere Fantasie anstrengen müssen, schweifen wir weiter zurück in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da stand an dieser Stelle das Wohnhaus von August Kopisch. Denken wir an ihn, denken wir zurück an eigene Kindheitstage: „Wie war zu Köln es doch vordem / Mit Heinzelmännchen so bequem!“

Fontane schreibt in Von Zwanzig bis Dreißig: Ich las … vor allem die Gedichte jener sieben oder acht jungen Herren, die damals […] eine Berliner Dichterschule bildeten. Unter ihnen waren Eduard Ferrand, Franz von Gaudy, Julius Minding und August Kopisch die weitaus besten Talente, die sich denn auch, trotz allem Wandel der Zeiten, bis diese Stunde behauptet haben. Kopisch bricht 25jährig zu einer dreijährigen Reise nach Italien auf. Im Sommer 1826 fährt er auf die Insel Capri. Dieter Richter schreibt in seinem Büchlein über Kopisch: „Er wohnt im Haus eines gewissen Giuseppe Pagano […] Die äußeren Verhältnisse sind bescheiden und daher nicht nur kostengünstig, sondern auch auf eine Weise ‚volkstümlich‘, dass das Herz eines romantisch inspirierten jungen Mannes höher schlagen musste: Die Hausfrau kocht, der Gast isst mit am Familientisch […] der Hausherr ist Kenner der Sagen und Legenden der Insel.“ Kopisch schreibt am 17. August 1826 in das Gästebuch der Familie: „Freunde wunderbarer Naturschönheiten mache ich auf eine von mir nach den Angaben unseres Wirtes Giuseppe Pagano mit ihm und Herrn Fries entdeckte Grotte aufmerksam, welche furchtsamer Aberglaube Jahrhunderte lang nicht zu besuchen wagte. […] Wir nannten diese Grotte die blaue (la grotta azzurra), weil das Licht aus der Tiefe des Meeres ihren weiten Raum blau erleuchtet.“ In Zeiten der blauen Blume der Romantik, des Symbols für Sehnsucht und Liebe, gibt es nun die blaue Grotte, den Sehnsuchtsort für Reisende. Damit gilt Kopisch als Entdecker der Blauen Grotte und Begründer des modernen Tourismus. Denn von nun an und bis heute wird Capri zum beliebten Reiseziel, so auch für Theodor Fontane, der 1874 in sein Tagebuch schreibt: Freitag 6. November: Mit den beiden Hr. Hauk’s u. S. per Dampfboot nach der blauen Grotte. Ziemlich unruhige See, […] in ein Boot mit Theo u. dem jungen Hr. Hauk; 2 kleine Fischerjungen lootsen uns in die wunderbare Grotte; ein alter Mann schwimmt für 1 fr. u. erscheint im Wasser wie ein Riesen-Silberfrosch. Wieder aufs Dampfschiff hinauf nach Capri. Beschwerlicher steiler Weg bei brennender Sonnenhitze; oben in der Künstlerkneipe wunderbar schön!

In seinem letzten Roman, dem Stechlin, gehen Woldemar und Armgard auf Hochzeitsreise nach Capri, dem eigentlichen Ziel unserer Reise. Wir werden nicht bei Pagano [!] wohnen, wo, bei allem Respekt vor der Kunst, zuviel Künstler sind. Kopischs Beschreibung seiner Wirtsfamilie auf Capri erinnert uns daran, wie auch Fontane in seinen Reisebeschreibungen immer wieder seine Wirtinnen beschreibt, so Miss Jane in Ein Sommer in London oder Mrs. Mackay in Jenseit des Tweed. Nach eigenen Angaben hat Fontane für sein Kapitel über die Pfaueninsel im Band „Havelland“ der Wanderungen folgende Literatur verwendet: August Kopisch Die königlichen Schlösser und Gärten zu Potsdam. Einmal, am 3. Dez. 1848, nimmt August Kopisch auch am Stiftungsfest des Tunnel teil.

Auf Schlesiens Bergen, da wächst ein Wein,
Den trifft nicht Regen, nicht Sonnenschein …

So zitiert Fontane in seinem Roman Quitt (25. Kapitel) ein Trinklied von August Kopisch. August Kopisch, 1799 in Breslau geboren, ist 1853 in Berlin gestorben. Sein Grab finden wir auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II in der Bergmannstrasse in Berlin Kreuzberg. Dort liegt er neben seiner Frau Marie, die später seinen Freund Karl Bötticher heiratete, und eben diesem. Die drei führten zu Lebzeiten eine Ménage-à-trois und fanden hier gemeinsam die letzte Ruhe.

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