„Effi, komm“ – Neue Dramatisierungen von Fontanes Roman „Effi Briest“

Beitrag aus den Mitteilungen. Von Monika Stoye.

Die Romane Theodor Fontanes reizen die Theater- und Filmleute immer wieder zu Umsetzungen in ihr Medium, eignen sich doch die Texte dazu bestens, da Fontane bereits film- und theaterreife Dialoge liefert.

Im mitteldeutschen Raum haben drei Theater Effi Briest für sich entdeckt: Theater & Philharmonie Thüringen (Altenburg-Gera), Neues Theater Halle und Schauspiel Leipzig. Einige Fontane-Freunde aus Leipzig und Halle besuchten im März eine Aufführung von Effi Briest im Landestheater Altenburg, die dann ab Mai an den Bühnen der Stadt Gera zu sehen sein wird.

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Landestheater Altenburg. Foto: M. Stoye

Erfreut konnten wir feststellen, dass die Regisseurin Caro Thum eine Textfassung schuf, die sich an Fontanes Romanvorlage hält und dabei versucht „das dramatisch Verwertbare aus der Prosa heraus zu extrahieren und in eine Form zu bringen“ (C.T.), die auf der Bühne umsetzbar ist. Die sparsam möblierte Bühne ist nur durch schwebende, unterschiedlich gestaltete Fensterrahmen, die die jeweiligen Handlungsorte (Hohen-Cremmen, Kessin, Berlin) kennzeichnen, ergänzt. Den Darstellern bietet das völlige Bewegungsfreiheit, aber auch für Effi das Gefangensein in einengenden Konventionen. Das Personal besteht aus 6 Schauspieler/Innen und einem Kind: Effi Briest, Luise Briest/Sidonie, Briest/Gieshübler, Instetten, Crampas, Hulda/Johanna/Tripelli.

Tenor der Inszenierung ist der berühmte Satz „Effi, komm“, der immer wieder von Effis nahestehenden Personen (Hulda, Luise Briest, Instetten, Crampas) gesagt wird, und der Erwartungen, Forderungen, Ansprüche an sie stellt und sie in eine Rolle drängt, der gerecht zu werden, sie sich vergeblich bemüht.

Aber wir empfanden die hochgelobte Darstellerin der Effi (Anne Diemer) als eine absolute Fehlbesetzung, da sie von Anfang an als herbe, selbstbewusste, emanzipierte und sportlich gestählte Frau auftritt, die vehement in jede Situation ihres Lebens springt – um Zuneigung ihres Ehemanns Instetten buhlend, hemmungslos dem Liebhaber Crampas verfallend oder auf ihr tragisches Ende zutreibend. Und das ist der einzige Moment, wo sie uns wirklich überzeugt hat.

Die Intentionen der Regisseurin, Effi als gegenwärtige Frau zu zeigen, die von Anfang an ihr künftiges Geschick im Blick hat, konnten wir einfach nicht nachvollziehen. Bei Fontane durchläuft Effi eine Entwicklung vom unreifen, verspielten Noch-Kind bis zur am Ende gebrochenen, vom Leben enttäuschten Frau.

Irritiert waren wir von der Anlage der Johanna, die in allen Szenen präsent ist und als böser Geist im Hintergrund agiert, offen und im Beisein Effis ihre Liaison mit Instetten auslebt, freudig die Liebesbriefe Effis an Crampas entdeckt und diese triumphierend Instetten vor die Füße wirft.

Und dass der beherrschte, karrieresüchtige und ehrversessene Instetten am Ende resignierend dem Alkohol verfallen muss, erschien uns höchst befremdlich.

Trotz unserer kritischen Anmerkungen, die dem Fontane-Freund gestattet seien, ist diese Inszenierung eine durchaus mögliche Bühnen-Adaption, der man besonders ein jugendliches Publikum wünscht.

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Szenenfoto Effi Briest. Foto: S.Walzl

In der Spielstätte Diskothek des Leipziger Schauspiels heißt das Stück My love was a ghost. And your love, your love was leaving this rotten town, geschrieben von Jörg Albrecht (Jahrgang 1981) als eine „Überschreibung“ – eine neue Reihe des Schauspiels, in der sich, so steht es auf der Website, junge Autoren „Texte [n] eines klassisch-kanonischen Repertoires“ zuwenden, um darin „nach Gültigkeiten und Motiven, die auch heute noch von Bedeutung sind“ zu suchen. Um dann, ausgehend vom Gefundenen, einen Theatertext zu verfassen, der „komplett neu“ sei, mit einer „Bearbeitung im herkömmlichen Sinne nichts zu tun“ habe.

Und genauso habe ich es empfunden und fast keine Bezüge zu Effi Briest entdecken können. Mein Eindruck kann nur mit Alexander Kluges Die Artisten in der Zirkuskuppel ratlos wiedergegeben werden. Auch der Leipziger Theaterkritiker Steffen Georgi meint: „Es scheint inzwischen keinen Text mehr zu geben, klassisch-kanonisch oder nicht, aus dem nicht irgendwas mit Gentrifizierung, Globalierung oder Kapitalismuskritik rauszuholen ist … viel soziologischer und kultureller Diskurs also, was man so gelernt hat in diversen Seminaren. Zum Leben und Spiel erwacht da nichts“.

Und auch Fontane hätte von seinem Parkettplatz mehr als ratlos um sich geblickt und gefragt, was das wohl zu bedeuten hätte. Zu einer Vorstellung der Effi Briest im Neuen Theater Halle fährt der  Fontane-Kreis am 30. Juni.

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