Alexander von Humboldt und Bernhard von Lepel

Anmerkungen zu einem Brief von Alexander von Humboldt an Bernhard von Lepel

Von Ingo Schwarz

Am 27. Dezember 1864 schrieb Theodor Fontane an Mathilde von Rohr in Berlin:

In dem vor kurzem erschienenen, von K. v. Holtei herausgegebenen „Briefwechsel Ludwig Tiecks“ kommt auch unser alter Lepel vor, und zwar in 2 Briefen Humboldts an Tieck, wo Lepel durch H. an Tieck empfohlen wird. Das wird unsrem Freunde Spaß machen, wiewohl eine Malice gegen seinen Onkel [Friedrich Wilhelm von Lepel] (in Rom) mit drunter läuft.1

Was verbarg sich hinter dieser Bemerkung? Bernhard von Lepel hatte, angeregt durch die Lektüre des ersten Bandes von Alexander von Humboldts „Kosmos“, die Ode „An Humboldt“ gedichtet. Das noch unpublizierte Werk las er im Tunnel über der Spree mehrfach vor 2 und sandte eine handschriftliche Kopie an den berühmten Naturforscher zu dessen 78. Geburtstag am 14. September 1847. 3 Lepels Gedicht muss Humboldt besonders gefallen haben, denn er lud den Dichter zu sich ein. Am 18. September 1847 schrieb Lepel seinem Freund Fontane:

Gestern war ich bei Humboldt; der Merkwürdigkeit halber schreib’ ich Dir den Brief ab mit welchem er mich einlud: das Original könntest Du auch nicht lesen: ich hab’ es mit Hilfe Anderer mühvoll heraus buchstabirt, so undeutlich schreibt er. – Als ich bei ihm war, hoffte ich einiges Bedeutende zu hören; aber er ging nicht tief auf das Gedicht ein. Ich mußte es ihm vorlesen u., da er mein Lesen lobte, kam er auf den Gedanken mich durch einen Brief bei Tieck einführen zu wollen, dem ich es auch vorlesen soll. 4

Demnach muss der Besuch Lepels bei Humboldt am Freitag, dem 17. September 1847 stattgefunden haben. Ort des Geschehens war sehr wahrscheinlich Humboldts Wohnung in der ersten Etage des Hauses Oranienburger Straße 67. 5

Im Kommentarteil ihrer großartigen Edition des Fontane-Lepel-Briefwechsels hat Gabriele Radecke nicht nur Lepels Humboldt-Gedicht abgedruckt, 6 sondern auch die den Dichter betreffenden Passagen aus den von Karl von Holtei (1798-1880) edierten zwei Humboldt-Briefen an Ludwig Tieck (1773-1853) zitiert. 7 Holtei sah sich außerstande, das genaue Entstehungsdatum der Schreiben zu ermitteln. 8 Erst der Vergleich mit der Korrespondenz zwischen Fontane und Lepel machte die Datierung auf Sonnabend, den 18. September 1847, möglich.

Die Originale der Humboldt-Briefe galten bislang als verschollen. Eine genaue Durchsicht der Autographensammlung von Arthur Runge, die in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt wird, förderte nun jedoch einen der Briefe zutage. Unter der Signatur Nachlass 480, 1 (Sammlung Runge), befindet sich in der Mappe 22 unter Briefen an unbekannte Empfänger als Nr. 3 das erste Empfehlungsschreiben Humboldts für Lepel. Hier der vollständige Brieftext:

Sie müssen nicht glauben, mein alter Freund, dass ich Sie verrätherisch in Sanssouci verlassen habe: ich werde vor meiner, sehr ungewissen Abreise nach der grossen Babel, wo die „Herrenkammer“ mordet und stiehlt, Sie gewiss noch umarmen. Eine plözliche sehr heftige Erkältung und der grosse Camin mit Flammfeuer in den „Neuen Kammern“ hat mich plözlich hineingejagt, um mich hier besser zu pflegen und meinen lezten Bogen, der angekommen ist, selbst noch zu corrigiren – eine Tugend, die dem indüstriellen Weltgeiste sehr gleichgültig ist. Diese Zeilen werden Ihnen von einem jungen Officier gebracht, den dieser Weltgeist so wenig ergriffen, dass er, bei einem gewiss viel Hofnung erregenden, dichterischen Talente, ganz würdig ist, Ihnen vorgestellt zu werden. Herr Bernard von Lepel, 9 verwandt mit dem langen unpoetischen Adjutanten des Pr[inzen] Heinrich in Rom, soll Ihnen | 2 | (darum flehe ich) eine Ode über das Weltall selbst vorlesen, die er mir zu meinem Geburtstag (14 Sept[ember]) geschenkt. Die grossen und einfachen Formen seiner Dichtung haben etwas sehr anziehendes. Ich hatte den jungen Mann, der schon in Sicilien an Platens Grabe stand, nie vorher gesehen und ich kann das Lob, das er mir gespendet ihm nicht schöner und wohlthuender remuneriren, als wenn ich ihm freundliche Aufnahme und Rath bei Ihnen verschaffe.

Empfangen Sie und die liebenswürdige Gräfinn, die erneuerte Versicherung meiner Verehrung und unverbrüchlichen Dankgefühle Ihr

AlHumboldt
Sonnabend früh

Ich denke den König noch zu erwarten. 10

Soweit Humboldts auf den Morgen nach Lepels Besuch datierter Brief an Tieck. Humboldt spricht zunächst von seiner geplanten Abreise „nach der grossen Babel“. Am 4. Oktober 1847 trat er tatsächlich seine letzte Parisreise an, die bis zum 12. Januar 1848 dauern sollte. Humboldt erwähnt dann abschließende Korrekturen und nimmt damit auf die Vollendung des zweiten Band seines „Kosmos“ Bezug. Die Korrekturfahnen sandte er am 20. September an seinen Verleger Johann Georg von Cotta in Stuttgart. 11 Der von Humboldt erwähnte Verwandte Lepels war dessen Onkel Graf Friedrich Wilhelm von Lepel (1774-1840), preußischer Generalmajor und Adjutant des Prinzen Heinrich von Preußen (1781-1846). 12 Humboldt war als königlicher Kammerherr mit den preußischen Adelsgeschlechtern bestens vertraut. Mit der liebenswürdigen Gräfin ist Tiecks Lebensgefährtin Henriette Finck von Finckenstein (1774-1847) gemeint.

Einem Brief Lepels an Fontane vom 21./23. September 1847 können wir entnehmen, dass der Besuch bei Tieck wohl tatsächlich zustande kam:

Heut will ich nach Potsdam um sie [die Ode] Tieck vorzulesen, an welchen Humboldt mir einen Brief gab. 13

Auch Briefe haben ihre Schicksale. Karl von Holtei hatte die Humboldt’schen Empfehlungsschreiben für Bernhard von Lepel noch in der von Tieck hinterlassenen Briefsammlung gefunden. 14 Arthur Runge (1880-1945), der Sohn eines Berliner Apothekers und begeisterter Autographensammler, hat dann einen der Briefe vermutlich in den 1920er Jahren erworben. Über das Schicksal der Sammlung Runge während des 2. Weltkrieges schreibt die stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek Jutta Weber:

Von der Humboldt-Sammlung Runges ist nur wenig erhalten geblieben: Bei der Eroberung Frankfurts [an der Oder] durch die Rote Armee wurde auch das Bankgebäude mitsamt den in seinen Tresoren lagernden Schätzen vernichtet. Nur eine 232 Briefe umfassende Mappe aus der Sammlung der „1.000 Humboldt-Briefe“ ist bisher gefunden worden, sie wurde 1971 der Deutschen Staatsbibliothek durch das Außenministerium der DDR übergeben und ist heute Eigentum der Staatsbibliothek zu Berlin.“ 15

Unser Fundstück befindet sich unter den erwähnten 232 Briefen, die 2009 endgültig in das Eigentum der Staatsbibliothek zu Berlin übergingen. 16

Es gibt aber noch eine weitere Spur zu Bernhard von Lepel in der Sammlung Runge. Im Jahre 2012 gelang es der Berliner Staatsbibliothek, einen bis dahin weitgehend unbekannten Schatz aus dieser Sammlung zu erwerben: Nämlich ein Notiz- und Adressbuch, das Alexander von Humboldt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens geführt hat. 17 Das Blatt 80recto enthält den folgenden Eintrag:

Lepel (v[on]) Kaiser Franz Gren[adier] Reg[iment] Neue Friedr[ichs]str. 5 – 8. 18 Der „Allgemeine Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebung auf das Jahr 1847“ gibt auf der S. 272 eine ganz ähnliche Auskunft: „von Lepel, Sec. Lieut. im Kais. Franz-Gren. Rgt. c. z. 19 Allgem. Kriegssch. N. Friedrichsstr. 5 – 8.“ Lepel hatte aus Bescheidenheit die Handschrift der Ode ohne seine Adresse an Humboldt gesandt. Dieser musste nun selbst herausfinden, wohin er seinen Dank senden sollte. Lepel erwähnte dies in einem Brief an Fontane, den er kurz nach Humboldts Geburtstag schrieb:

Humboldt muß den Addreßkalender vorgenommen haben. Er hat mir einen Abgesandten, den Professor Waagen, zugeschickt. Der fragte erst, ob ich der wäre, welcher … ich sagte ja. Dann machte er mir Lobeserhebungen u. sagte, Humb. würde Gelegenheit nehmen mich selbst zu sprechen, vorläufig solle er seinen Dank abstatten. 20

Humboldt nahm, wie wir sahen, Gelegenheit, Lepel persönlich kennenzulernen. Der Abgesandte war übrigens der mit Humboldt freundschaftlich verbundene Kunsthistoriker und Museumsdirektor Gustav Friedrich Waagen (1794-1868).

Berhard von Lepels Ode An Humboldt wurde noch 1847 im Verlag von Alexander Duncker als schmales Bändchen publiziert. 21 Dieses Werk und die Spuren, die es in der Korrespondenz Lepels, Fontanes und auch Humboldts hinterlassen hat, sind gewiss über den Kreis der Fontane-Verehrer hinaus der Erinnerung wert.

1 Theodor Fontane. Sie hatte nur Liebe und Güte für mich. Briefe an Mathilde von Rohr. Hrsg. v. Gotthard Erler. Berlin 2000, S. 89-90.

2 Theodor Fontane und Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel. Kritische Ausgabe. Hrsg. v. Gabriele Radecke. Bd. 2. Berlin, New York 2006, S. 941-942.

3 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 61.

4 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 65-66.

5 Alexander von Humboldt wohnte hier seit 1842 zur Miete.

6 G. Radecke (Hg.): Theodor Fontane und Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 2, S. 937-941. Die Handschrift ist nicht überliefert; die Editorin folgt dem Druck der Ode in: Vierzig Jahre. Bernhard v. Lepel an Theodor Fontane. Briefe von 1843 – 1883. Hg. v. Eva A. v. Arnim. Berlin 1910, S. 63-69.

7 G. Radecke (Hg.): Theodor Fontane und Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 2, S. 944.

8 Siehe: Briefe an Ludwig Tieck. Ausgewählt und hg. von Karl von Holtei. Zweiter Band. Breslau 1864, S. 24-26.

9 In der von Holtei besorgten Edition des Briefes wurde der Name abgekürzt: „B. v. L.“ Fontane hatte also bei der Lektüre des Bandes sorgfältig suchen müssen, um die Erwähnung des Freundes zu finden.

10 Der Abdruck des Briefes erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

11 Siehe Alexander von Humboldt und Cotta. Briefwechsel. Hg. v. Ulrike Leitner unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin 2009, S. 317-321 (Beiträge zu Alexander-von-Humboldt-Forschung, Bd. 29).

12 Prinz Heinrich von Preußen war ein Sohn von Friedrich Wilhelm II.

13 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 67.

14 Siehe K. v. Holtei (Hrsg.): Briefe an Ludwig Tieck, Bd. 2, S. 18.

15 Jutta Weber: Das Adressbuch Alexander von Humboldts. In: Bibliotheksmagazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München Nr. 2/2012, S. 3-8, Zit. auf S. 3.

16 Siehe Jutta Weber und Ingo Schwarz: Der Weltbürger und seine Kontakte. Das persönliche Adressbuch Alexander von Humboldts. In: Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Bd. XLVII. Berlin 2012, S. 354-363, die Anm. 5 auf S. 363.

17 Das Notiz- und Adressbuch hat die Singnatur: Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Nachlass 480, 2 (Sammlung Runge). Die Anschrift ist von Humboldt gestrichen.

18 Die Anschrift ist von Humboldt gestrichen.

19 Wohl zu lesen: commandirt zur.

20 G. Radecke (Hrsg.): Fontane und Lepel. Der Briefwechsel, Bd. 1, S. 62.

21 Bernhard von Lepel: An Humboldt: Ode. Berlin 1847, 13 S.

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