Charlotte Jolles – Gedenktafel in Berlin

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Der Initiative des ehemaligen, langjährigen Vorstandsmitgliedes Wolfgang Stapp ist es zu danken, dass am Vormittag des 21. Septembers 2014 in der Kreuzberger Großbeerenstraße am Haus mit der Nr. 82 eine weiße Porzellantafel der KPM (Königliche Porzellanmanufaktur) angebracht und für die Öffentlichkeit enthüllt und damit sichtbar gemacht werden konnte, dass die Theodor Fontane Gesellschaft im Zusammenwirken mit der Historischen Kommission zu Berlin im Rahmen des „Berliner Gedenktafel-Programms“ an diesem Ort an eine verdienstvolle Berliner Persönlichkeit erinnert. Dass dieses seitens der Theodor Fontane Gesellschaft finanzierbar und damit überhaupt möglich wurde, verdanken wir auch den zahlreich eingegangenen Spenden von Mitgliedern der Gesellschaft.

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Enthüllung der Gedenktafel für Ch. Jolles in der Großbeerenstraße

Anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel für die ehemalige Ehrenpräsidentin unserer Gesellschaft, Prof. Dr. Charlotte Jolles, sprach der Stellvertretende Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Roland Berbig:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Mensch, an den zu gedenken uns diese kleine Tafel mahnt, war ein besonderer Mensch. Es hätte keiner Ehrung, keines Preises, keiner Würdigung bedurft, um an Charlotte Jolles, die am 5. Oktober 1909 ihr Berliner Bürgerecht durch Geburt erwarb, jenes gewisse Etwas wahrzunehmen. Dabei waren die ersten Kapitel ihres Lebens von beglückender Durchschnittlichkeit. Das Kind und die Jugendliche atmete die gutbürgerliche Luft der Großbeerenstraße, spazierte die Uferstraßen zur Hochbahnhaltestelle „Hallesches Tor“, um zu ihrem Gymnasium in der Frankfurter Allee 37 zu gelangen. Alltag in einer Großstadt, die in den zwanziger Jahren verrückt spielte und die verrückt wurde, bis von ihr nichts mehr übrigblieb als Trümmer und Ruinen. Wir wissen es. Die junge Frau, die an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik studierte und 1932 begann, preußische Ministerialarchive nach Spuren von Theodor Fontane zu durchforsten, nicht. Ihr Vater war ihr Vater und Bauingenieur, nichts sonst. Dass er jüdischer Herkunft war, es beschäftigte sie nicht – vorerst. Der prominente Germanistikprofessor Julius Petersen begünstigte ihren Weg durch die ersten Jahre nationalsozialistischer Diktatur, deren Ideen er akzeptierte, wenn nicht teilte, ohne dabei sein universitäres und menschliches Rechtsgefühl aufzugeben. Als würde schon alles gut gehen – als ginge doch immer alles gut. Die Dissertation Fontane und die Politik, die während der Zeit und ohne jegliche finanzielle Förderung entstand (Jolles hielt sich mit Arbeiten für den Wasmuth-Verlag über Wasser), ist auch in der historischen Rückschau ein Glanzstück, ein Durchbruch zu neuen Fontane-Forschungsufern. Dass sie ein halbes Jahrhundert später erst im Buchdruck erschien, blamiert und entblößt die Zeitverhältnisse, nicht das Profil dieser Schrift. Und schon gar nicht das ihrer Verfasserin. Im Gegenteil.

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Die suspendierte sich, nachdem das Rigorosum am 13. Februar 1937 absolviert war, ohne viel Aufsehen vom akademischen Promotionsfestakt. Man hatte ihr signalisiert, der Rektor werde ihr den Handschlag verweigern. Sie dachte nicht daran, auch nur die kleinste Erniedrigungsgeste dieser oder verwandter Art ein-, gar wegzustecken. Wer in den Zeitungen vom „abgrundtiefen Haß des niederrassigen Volkes“ der Juden las (V. Klemperer 1,336) und „Judensondersteuern“ erhoben sah, der wusste, wo er war. Das war Jolles‘ Ort nicht. Ihr Ort aber war und blieb Berlin. Sie dachte nicht daran, es kopf-, vor allem es herzlos zu verlassen. Einer Anstandspflicht galt es zu genügen und einer der Liebe: die Sterbebegleitung ihres Vaters. Erst als dessen Tod 1938 eine familiäre Lage besiegelte, verstand sich Jolles darauf, wozu Wohlmeinende seit langem gedrängt hatten: dieses verkommende, nein: verkommene Deutschland zu verlassen. „Heraus ins absolute Nichts?“1 fragte sich im Dezember 1938 der in Dresden lebende Romanist Victor Klemperer und setzte 1939 halbherzig in Dresden seinen Unterricht im Englischen fort. Und im Juli 1939 sah Ilse Aichinger in Wien, zwölf Jahre jünger als Jolles und gestempelt als Halbjüdin, zu, wie ihre Zwillingsschwester Helga auf einem der letzten Quäker-Kindertransporte der „Society of Friends“ nach England ausgeschifft wurde. „Unterwegs zu einem Abschied, von dem keiner ahnte, wie endgültig er sein sollte.“2 Charlotte Jolles, wohl zu keinem  Zeitpunkt ihres Lebens schicksalsergeben und gesenkten Hauptes nur, wenn es galt, Stufen hinabzusteigen oder etwas aufzuheben, verließ Anfang 1939 die deutsche Reichshauptstadt: in der Börse zehn Reichsmark, im Gepäck eine  Reiseschreibmaschine, und im Kopf germanistisches Wissen, von dessen Konvertierbarkeit im Englischen sie keinen Begriff hatte. Was ihr Herz zurückließ, darüber hat sie geschwiegen, ein Leben lang. Es ging niemanden etwas an. Was wir uns vorstellen können, es reicht, auch ein Leben lang.

„Wenn es einen Trost gibt, wir können ihn beziehen von dem Menschen, dessen wir gedenken.“ Dieser Satz von Uwe Johnson ist gültig nicht nur für den, auf den er gemünzt war – gültig allerdings nur für wenige. Charlotte Jolles gehört zu diesen Wenigen. Auch sie war vertraut mit dem Sachverhalt, „wonach zwischen seinem ersten Bewußtsein vom Leben und dem notwendigen Übel des Sterbens nur eine unbestimmte Zeit ist und das, was er in sie hineinbringen kann nach Willen, nach Kräften.“3 Die 1939 ins „Nichts“ ging, nach London zuerst, dann, von Kathleen Freeman eingeladen, nach Watford in das „Landheim für tschechische, deutsche und österreichische Flüchtlingswaisenkinder“, sie hatte den Willen und die Kräfte auch, um ihrem ausgeleerten Dasein in der englischen Fremde neuen Inhalt zu geben. Die kaum 30jährige gab das, was die historische Stunde gebot und was sie zu geben vermochte. Die Fotografien aus jener Zeit zeigen eine schöne, zierliche Frau, die mit sich im Reinen scheint. Oder lesen wir uns jene Bilder schön – nach den Wünschen, die wir für die Person haben, die uns auf ihnen begegnet? Der deutschen Doktorhut – ohne Wert, die Universitätszeugnisse – hinfällig, die ehemaligen Fürsprecher – suspekt … Was Jolles aus Berlin nach England mitbrachte, taugte zum Überleben. Taugte es auch, dem verlorenen Lebenssinn einen neuen zu finden? Keine Beziehungen, keine Kontakte, ein Leben, zurückgeworfen auf die Ausgangslinie. Jolles, klein von Gestalt, groß in ihrem Willen, nahm das, was gemeinhin Schicksal genannt wird, mit dem ihr eigenen Geschick an. Verhältnissen, die die Stirn hatten, ihre Biographie zu zerstören, bot sie nun selbst die Stirn. Von der Pike an absolvierte sie ein zweites Mal eine akademische Ausbildung: erst als Lehrerin, die sich nicht zu schade für den Schuldienst war, dann als Akademikerin, die von 1955 an am Birkbeck College der University of London alle universitären Stufen durchschritt, ehe sie 1974 das Ziel erreichte, auf das sie ein Vierteljahrhundert zuvor schon Anspruch gehabt hatte: eine Professur im Fach der neueren deutschen Literatur.

Meine Damen und Herren, ich muss mich korrigieren: Nichts, so sagte ich eben, was exiltauglich war, habe Jolles aus Berlin mit in die Emigration genommen. Das ist unrichtig. Sie hatte nämlich einen Begleiter, der mit ihr gereist war, der ihr seelische Lasten nahm, dem das rechte Wort stets zur Hand war, der sich in London formidabel auskannte und der vor der unheilbaren Krankheit Heimweh zu schützen wusste. Einen, dem zu vertrauen war in allen Lagen und unbedingt: Theodor Fontane. Wie er ihr schon bei der Dissertation mit einem Thema geholfen hatte, so nun auch bei ihrem Master of Arts: Fontane and England. Damit waren die beiden Pole fixiert, die diesem Leben Halt gaben, es befestigten in einer Zeit, die jedes Maß und jeden Halt eingebüßt hatte. Fontane war Jolles eine Gewähr für Kontinuität in ihrem Leben, das jenes Kontinuum eingebüßt hatte, auf das andere blind, ja blindlings vertrauen – weil es ihnen nie bedroht war. Dass ihr Deutschland nach 1945 keine Alternative zu ihrer britischen, ihrer englischen Existenz war, war etwas, dass sie mit sich abmachte. Sie wurde britische Staatsbürgerin. Wer darüber Erkundungen anstellen wollte, musste einen guten, sanften Moment erwischen – dann allerdings bekam er zu hören, was einer Rechnung glich, die offen geblieben war, bleiben musste. Jene Erfahrung, die der Film über Marcel Reich-Ranickis Lebens-Buch eindrucksvoll ins Bild gesetzt hat: Der Überlebende des Warschauer Ghettos geht durch die Straßen einer deutschen Stadt und ihm begegnen, beklemmend beiläufig, Gesichter, die wenige Jahre zuvor den Tod der Seinen besiegelt hatten: an der Telefonzelle, auf dem Zebrastreifen, überall – unausweichbar. Dieses Bild war ein Bild, das Charlotte Jolles begriff. Überwältigen ließ sie sich von ihm nicht. Sie hat es in sich verschlossen – und war ganz und gar willens, es in ihrer Welt, die mehr und mehr einem Fontane verpflichtet, den sie sich als preußischen Demokraten wünschte und der unter ihren Augen ganz zweifelslos einer war oder wurde, aufzuheben. So wenig sie vor 1945 willens war, ihr zugewiesene Rollen zu spielen, so wenig danach. Nichts stand ihr ferner, als das Opfer, das sie war, als Lebenshaltung zu akzeptieren. Es als Rolle gar zu instrumentalisieren, war ihr wesensfremd. Selbst die Wohlmeinendsten, die sie in eine solche Konstellation rückten, kassierten ihre Empörung.

Natürlich: Ihr Blick auf Deutschland wusste Bescheid und zu unterscheiden. War sie Partei, dann die der der aufrechten Menschen. Anstand war kein Wort, es war eine Haltung. Mit jenem Blick sah Jolles von England aus auf die beiden deutschen Staaten, mit ihm auf die Ära des Kalten Krieges. Und dieser Blick war es, mit dem sie die Fontane-Forschung in Ost und West aufmerksam und unaufgeregt verfolgte: gesamtdeutsch im positiven Sinn des Wortes. Die zeitweilig ohne Chancen auf einen ihr zustehenden Platz schien, wollte im geteilten Deutschland für Fontane und jene, die sich um ihn sorgten, die besten Chancen. Sie verkehrte in westdeutschen Fontane-Verlagen so selbstverständlich wie sie im Potsdamer Theodor-Fontane-Archiv ein und aus ging. Wer zu Fontanes Werk etwas Vernünftiges auf die Beine stellte oder stellen wollte, der wusste sie an seiner Seite: ob namhaft oder namenlos, ob alt oder jung, ob professionell oder als Laie.

Charlotte Jolles vollbrachte das kleine Wunder, von englischem Boden aus ein, vielleicht das maßgebliche Fontane-Forschungskapitel im Nachkrieg geschrieben zu haben: Sie schaltete sich mit nachgerade unerschütterbarer Entschlusskraft in die dominierende Männerriege ein, wirkte federführend an den großen Fontane-Briefeditionen mit, gab den England-Band in der Nymphenburger Fontane-Ausgabe heraus, verfasste einen in mehreren Auflagen erschienenen, mustergültigen Fontane-Band in der renommierten Metzler-Reihe und war, wohl zum größten eigenen Erstaunen , mit einem Schlag die „Nestorin“, die „Doyenne“ der Fontane-Forschung. Die Humboldt-Universität zu Berlin verlieh ihr 1987 die Ehrendoktorwürde. Ein Bild der Erinnerung: Zögernd trat Charlotte Jolles nach einem halben Jahrhundert Abwesenheit vor dem Festakt zum ersten Mal wieder ins Foyer des Hauptgebäudes der Linden-Universität, blieb stehen, kurz, konzentriert und wortlos – als spüre sie, wie für einen Augenblick ihr Dasein ins Schlaglicht des Jahrhunderts geriet, beispielhaft für das Zurückliegende, beispielhaft für das Kommende. Ein leichtes Kopfnicken, ein fester Schritt, „dann wollen wir mal“: ganz so, als sei hier eine Prüfung abzunehmen.

Der Theodor Fontane Gesellschaft hielt sie, umgehend zu deren Ehrenpräsidentin gekürt, im Dezember 1990, als das Kommende merkwürdige Gegenwart geworden war, eine Gründungsrede, in ihrer Nüchternheit und Ungeschminktheit ein Bravourstück. Spiegel eines gelebten Lebens, das selbst im Taumel geschichtlichen Hochgefühls beide Beine auf dem Boden lässt, wo sie hingehören. Ohne je den Wert ihrer Gaben gering zu schätzen, nahm Jolles die ihr verliehenen Ehrungen und  Etiketten hin und an, um mit ihnen zum Nutzen und Frommen ihrer ureigensten Angelegenheit – dem europäischen Kulturauftrag „Fontane“ – dienlich zu sein. Sie wusste für diese Werte zu fechten, aber ihre Waffe blieb immer das freimütige Wort – Hintertreppenpolitik war ihre Sache nicht. Das Telefon, mit dem sie umzugehen verstand zu jeder Tag- und, sie möge verzeihen, auch zu jeder Nachtzeit, es war ihr kein Medium für Intrigen, für Denunziation und für Beschädigungen menschlicher Integrität. Wenn sie gerüstet und kampfeslustig auftrat, dann war ihr Visier offen – der Gegner konnte ihr Gesicht sehen, ja er sollte es. Und wie oft wurde aus dem Gegner ein Gegenüber, aus dem Gegenüber ein Mitstreiter, eine Befreundung. Am 31. Dezember 2003 endete dieses Leben, in London, wo es seinen Platz gefunden hatte. Vornehm, der 30. Dezember war abzuwarten. Es hätte sich nicht gehört, an Fontanes Geburtstag zu sterben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Zu danken ist dem Verleger Wolfgang Stapp für seine Initiative zu dieser Gedenktafel, der Theodor Fontane Gesellschaft, die sie sich sofort zu eigen machte, allen Spenderinnen und Spendern, die ihre Verwirklichung ermöglichten, und der Stadt Berlin sowie den Eigentümern dieses Hauses für ihre vorbehaltlose Unterstützung eines solchen Gedenkens. So bleibt zum Schluss nur ein Frage noch: Beziehen wir aus diesem Gedenken an Charlotte Jolles Trost? Entlastet es das deutsche 20. Jahrhundert, dass wir keinen Stolperstein, sondern eine Gedenktafel enthüllen? Und auf dauerhaft sichtbare Weise an einen Menschen erinnern, der dem deutschen Vernichtungsterror entkam, widerstand und aufrecht dem Land fern, aber nicht minder aufrecht ihm nah blieb? Mahnung nicht durch Pathos, sondern durch Persönlichkeit? Fragen wie diese brauchen ihren Gedenkort. Ab heute gehört die Großbeerenstraße 82 dazu.

1 Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933?1941. Hg. von Walter Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer. In zwei Bänden. Berlin: Aufbau 1995. 1. Band, S. 336.

2 Ilse Aichinger, Helga Aichinger-Michie: Aus der Geschichte der Trennungen. Wolfgang Benz, Claudia Curio, Andrea Hammel (Hg.): Die Kindertransporte. Rettung und Integration. Frankfurt am Main: S. Fischer 2003. S. 203.

3 Uwe Johnson: Erinnerung. In: Werner Düttmann zum Gedenken. Präsident der Akademie der Künste 1971?1983. Akademie der Künste. Anmerkungen zur Zeit 21. Berlin: Akademie der Künste 1983. S. 31.

Fotos: A. Köstler, OTFW (CC BY-SA 3.0)

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